Berüchtigte Blondinen Der helle Wahnsinn

Das Haar blond, die Gedanken schmutzig: Goldgelockte Vamps und babyblonde Dummchen sind Klischee-Ikonen der Moderne - dabei stand güldenes Haar lange nur für das Gute, Wahre, Schöne. Dann kamen Mae West und Wasserstoffperoxyd.

© Jerry Schatzberg/Corbis

Von Wiebke Brauer


Die Blondine ist die Gute, das weiß jedes Kind spätestens seit der Lektüre von Märchenbüchern. Die Figuren Goldmarie und Pechmarie im Grimmschen Märchen "Frau Holle" lieferten die Blaupause: Das Prinzip von Gut und Böse, von weiß und schwarz, von blond und braun. Weibliche Wesen mit hellem Haar stehen auf der Sonnenseite des Lebens, sie werden wie die holde und bescheidene Goldmarie mit Edelmetall belohnt, während man die fiesen Charaktere kurzerhand teert. So einfach kann die Welt sein!

Kann sie natürlich nicht. Millionen von kleinen Mädchen fanden zwei Dinge sehr schnell heraus, als sie älter wurden. Erstens: Wer mit dieser Erwartungshaltung bricht, wirkt auf Männer gleich um einiges interessanter. Und zweitens: Haare kann man färben. Doch seit 1867 ist blond nicht mehr gleich blond. Damals wurde auf der Pariser Weltausstellung das dreiprozentige Wasserstoffperoxid vorgestellt und als Wasser des goldenen Jungbrunnens angepriesen. Galt es noch zuvor, blondes Fremdhaar in das eigene zu flechten, um sich die Mähne künstlich aufzuhellen, ermöglichte die oxidierende Wirkung der chemischen Formel ganz neue Spielarten. Es durfte koloriert werden!

Nun hat Anne Verlhac einen Bildband mit den berühmtesten und berüchtigsten Blondinen des 20. Jahrhunderts herausgegeben. In "Blondinen" macht sich die Autorin auf die Suche nach den Gründen für all das Bleichen und Blondieren. Geht es möglicherweise darum perfekte Schönheit zu simulieren, unschuldige Jugendlichkeit und kostbare Besonderheit?

Wahr ist zumindest: Blond ist selten, vergänglich und flüchtig, denn die echten Blondinen sind rar. Blonde Gene werden rezessiv vererbt, von sechs Milliarden Menschen auf dieser Erde sind gerade einmal drei Millionen blond.

"Statue of Libido"

Macht aber nichts, denn schließlich bemerken Männer den Unterschied zwischen einer echten und einer falschen Blondine sowieso nicht. Besser noch: Wer sich heute dafür entscheidet, die eigene Haarfarbe aufzuhellen, wählt nicht nur eine bestimmte Nuance, sondern entscheidet sich auch für ein bestimmtes Image. Dabei strahlen die Vorbilder in der Geschichte noch so hell wie am Tag ihrer ersten Coloration: Da wären zum einen die frivolen Hollywoodstars der dreißiger Jahre, zumeist mit zartem Babyblond und losem Mundwerk ausgestattet und lustvoll mit dem Ideal des hellhaarigen Unschuldsengels brechend. An vorderster Front dabei: Die Schauspielerin Jean Harlow. Sie trug das feine Haar so fluffig wie einen Heiligenschein, was auch der noch unzulänglichen Blondiertechnik geschuldet sein mochte, und ihr Sinn für das Derbe galt als ungetrübt von jeglicher Moralvorstellung: "Männer mögen mich, weil ich keinen Büstenhalter trage. Frauen mögen mich, weil ich nicht aussehe, als würde ich ihnen den Ehemann stehlen. Zumindest nicht für lange."

Hollywood-Star Mae West reizte die Ambivalenz zwischen Heiliger und Hure noch weiter aus. Schon in den dreißiger Jahren propagierte die "Statue of Libido", wie die Amerikaner die Schauspielerin nannten, gleichgeschlechtliche Liebe, legte sich mit Frauenvereinen und amerikanischen Sittenwächtern an und ließ keinen Skandal aus. 1926 schrieb, produzierte und inszenierte sie ein Musical mit dem skandalösen Titel "Sex", ein Jahr später wanderte sie für zehn Tage ins Gefängnis - wegen "unanständiger Zurschaustellung".

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Berüchtigte Blondinen: Nicht ganz unschuldig

Mögen auch dutzende Innovationen in der Blondierungstechnik zwischen ihnen liegen, so ähnlich wie Mae West inszeniert sich auch ein Popstar der Jetztzeit. Geht es um unanständige Zurschaustellungen, Provokationen jeglicher Natur und die Lust am Tabubruch, ist Sängerin Madonna nicht fern. Der Name ist Programm, die Haarfarbe ebenso. Die Show der Mae West und die der Madonna Louise Ciccone funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Das Haar muss blond sein und die Gedanken schmutzig. Ob man sich wie Mae West die Rolle einer Prostituierten in das Musical schreibt oder sich wie Madonna während seines Konzertes an ein Kruzifix hängt - das Schema ist das gleiche.

Der hohlste Stern am Firmament

Ebenso erfolgreich, aber dafür umso schlichter im Gemüt war die klassische Blondine der Nachkriegszeit. Die vielleicht berühmteste Variante verkaufte sich als selten doof, als "bottle blond bimbo", wie blond gefärbte Tussis im englischsprachigen Raum genannt wurden. Die erste ihrer Art war Marilyn Monroe, der hellste - und vermeintlich hohlste - Stern am Firmament der Blondinen. Marilyn Monroe war von Natur aus brünett und von der Chemie so hell gebleicht, dass sie jeder Fünfjährigen aus Schweden Konkurrenz machte. Über das Kindchenschema hinaus transportierte sie ein weiteres Klischee in die Moderne hinein - das der unterbelichteten Blondine mit der "Intelligenz eines Schmetterlings", wie es Anne Verlhac im Vorwort ihres Bildbandes formuliert. Durch den Film "Wie angelt man sich einen Millionär?" von 1953 tippelte Monroe als kursichtiges und schmolllippiges Busenwunder mit unübersehbarer Sinnlichkeit - aber ohne jeden Verstand. Ob dieses Image dem Umstand geschuldet war, dass man sich nach düsteren Jahren des Kriegs nach etwas Einfachem und Formbaren sehnte, bleibt Spekulation. Sicher ist nur eins: Die doofe Blondine von einst entpuppte sich als zeitloses Erfolgsmodell.

Denn nur kurze Zeit später manifestierte sich das Bild der hohlen Blondine in anderer Form wieder, als kleine Puppe mit Wespentaille und wallendem Haar: Barbie eroberte die Kinderzimmer. Keine Babypuppe, sondern erstmals eine Erwachsene, gedacht als Vorbild für die Kleinen. Die Schöpferin: Ruth Handler, die Mitbegründerin der Firma Mattel. Sie taufte die Puppe nach ihrer Tochter Barbara und formte sie nach der aus Deutschland stammenden Puppe "Bild-Lilli", der Titelfigur eines erfolgreichen Comics aus der "Bild"-Zeitung. Im Gegensatz zur emanzipierten Figur der Lilli, die auch schon mal im Comic über ihre Liebhaber plauderte, war Barbie stumm. Auf der Spielzeugmesse 1959 in New York debütierte sie, den Kopf leicht zur Seite geneigt, das blonde Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Für die erste Serie der Barbie produzierte Mattel zwar auch brünette Puppen, aber doppelt so viele Blondinen.

Während Barbie über die Jahrzehnte das Schönheitsideal in Kinderköpfen formte, riss auch der Strom der hellen Hohlen nicht ab. In den achtziger Jahren trabte in der TV-Serie "Baywatch" Pamela Anderson über den Strand von Malibu, während Deutschland von einer wahren Blondinenwitzwelle überrollt wurde. Die Kalauer überboten sich gegenseitig an frauenfeindlichen Inhalten, nur leicht verdeckt durch den blonden Schein. Schließlich amüsierte man sich ja über eine Minderheit, oder? Heute mag die Welle versiegt sein, die Kategorie der unterbelichteten Blondine hält sich hartnäckig - und die Kaiserin der Kolorierten heißt Paris Hilton.

Und immer lockt das Weib

Doch wie düster wären die Aussichten, könnten Frauen nur zwischen den Rollen der Berechnenden und der Blöden wählen - brachte doch die Moderne eine ganz eigene Spielart hervor. Am 1. April 1930 feierte der Film "Der blaue Engel" Premiere, und Marlene Dietrich sang als Lola: "Nimm dich in Acht vor blonden Frauen, sie haben so etwas Gewisses". Zu diesem Zeitpunkt war ihre Haarfarbe noch am höflichsten mit Straßenköterblond zu beschreiben, doch der Imagewechsel zum geheimnisvollen Vamp folgte sogleich: Dietrich spielte mit den Geschlechterrollen, sie trug Männerhosen, die Zigarette glomm zwischen ihren Fingern und das Haar glänzte metallisch. Der Prototyp der kühlen Blonden war erschaffen. Wenn auch nicht aus sich selbst heraus: Regisseur Josef von Sternberg formte aus der dunkelhaarigen Großstadtgöre den schlanken blonden Weltstar.

Doch während Marlene Dietrich sich nie ganz aus der Klammer von Sternberg befreite, gelang dies drei anderen künstlich erschaffenen Männerphantasien sehr wohl. Die Französin Brigitte Bardot wurde erst durch den Regisseur Roger Vadim berühmt, mit 18 heiratete sie ihn, er managte sie und trieb ihre Karriere voran. Der internationale Durchbruch gelang 1956 mit Vadims erstem Film "Und immer lockt das Weib". Doch der Preis war hoch: Bardot musste sich in seinen mäßigen Filmen ständig entblättern, der Regisseur inszenierte sie als Objekt und stilisierte sie zum Sexsymbol. Erst 1957 ließen sich die beiden scheiden, danach ging Bardot ihren eigenen Weg.

Doch noch zwei weitere Blondinen folgten ihr auf dem gleichen Pfad: Roger Vadim entdeckte sowohl Catherine Deneuve als auch Jane Fonda, beide profitierten von ihm und stiegen in die erste Liga der Hollywood-Stars auf - und zwar ohne ihn. Heute brauchen die meisten Frauen keinen Regisseur mehr, um sich in Szene zu setzen, der Gang in die Drogerie reicht schon. Debbie Harry, ehemalige Sängerin der Band "Blondie" verkündete zu diesem Thema eine einfache Botschaft: "Ich bin blond, weil ich es sein will. Ich bin künstlich und stolz drauf."

Zum Weiterlesen:

Anne Verlahac : "Blondinen - Mythos, Legende, Sexsymbol, eine Hommage in Blond. Lifestyle, Glamour und schöne Frauen". Edition Braus, Heidelberg 2008, 175 Seiten.

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Christian Sperling, 10.12.2008
1.
Das kann ja wohl nicht wahr sein: neben zahlreichen zweit- und drittklassigen Blondinen fehlt eine der wichtigsten blonden Schauspielerinnen überhaupt: Lauren Becall! Schwerer Fauxpas.
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