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15. Mai 2016, 09:36 Uhr

Kasernenort in Polen

Die Geisterstadt, die keine mehr ist

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Erst waren die Deutschen da, dann die Russen. Bis 1992 war dieser Ort auf keiner polnischen Landkarte eingezeichnet: Jahrzehntelang existierte Borne Sulinowo nur im Geheimen. Aus gutem Grund.

Mehr als 12.000 sowjetische Soldaten und 5000 Zivilisten waren hier zwischen 1945 und 1992 stationiert, in Borne Sulinowo - doch niemand sollte sie sehen. Eine Mauer schottete sie von der Umgebung ab. Selbst in ihre Heimat nach Russland fuhren die Soldaten in verplombten Zügen, abgeschottet von jedem Kontakt zur Außenwelt. Der Truppenübungsplatz gehörte zu den größten des Warschauer Paktes. Strom, Unterkünfte und Verpflegung finanzierte der polnische Staat.

Dass in der Nähe der Stadt sogar Atombomben stationiert waren, wissen selbst die meisten Polen nicht. Die letzte wurde 1989 entschärft, die Hülse der Rakete Richtung Kasachstan abgefeuert.

Borne Sulinowo liegt etwa auf halber Strecke zwischen Stettin und Danzig, wo die Infrastruktur sichtbar abnimmt. Jahrzehntelang war der Ort auf keiner polnischen Landkarte verzeichnet. Nachdem die russische Armee 1992 abgezogen war, wurde die Garnisonsstadt an Polen übergeben, die verlassenen Kasernen und Gebäude erhielten Stadtrechte.

Aber wie macht man aus einer Kaserne eine Stadt? Die Vergangenheit des Ortes wird bei der Einfahrt schnell sichtbar. Wer einmal in einer Kaserne gedient hat, spürt diesen Charakter auf Schritt und Tritt. Ein Zentrum, geschweige denn einen Marktplatz, gibt es nicht. Es überwiegen breite, lange Straßen. Eine davon führt an riesigen Plattenbauten vorbei, aus deren Ruinen Löcher wie erloschene Augen blicken. Und doch ist dies keine Geisterstadt.

Hitler nahm die Stadtschlüssel in Empfang

Manche Gebäude, in denen einst Soldaten untergebracht waren, wurden renoviert. Die Hauptstraße trug vor dem Krieg den Namen Hitlerstraße, später den Namen des russischen Soldaten Iwan Poddubnyj; heute heißt sie Aleja Niepodlegoci ("Allee der Unabhängigkeit"). Hier deuten ein paar kleinere Geschäfte Normalität an. Ein Lebensmittelladen, ein Gebrauchtwarenladen, ein Postamt, ein Schuhgeschäft, ein Optiker. Die größten Arbeitgeber im Ort sind ein Krankenhaus und ein Altersheim.

Als die Stadt 1993 an Polen übergeben wurde, warb man Geschäftsleute an und erließ ihnen bei Niederlassung sieben Jahre lang die Steuern. Vor allem aber kamen Rentner, die den Ort als Naturparadies schätzten und hier ihren Lebensabend verbringen wollten. Etwa jeder dritte der knapp 5000 Einwohner ist heute im Ruhestand. Sie genießen die mehr als 50 Seen um den Ort herum ebenso wie die frische Luft.

Früher existierte hier ein Dörfchen namens Linde, daneben der Ort Groß Born. Eine alte Straße trägt heute noch den Namen "Lindenstraße" und wirkt in ihrer Umgebung wie ein Freilichtmuseum. Die Nationalsozialisten bauten die Gegend in den Dreißigerjahren zu einem Militärstützpunkt mit Truppenübungsplatz aus, dem das Dorf Linde weichen musste. Ein prächtiges Offizierskasino mit Blick auf den See und mit einem Ballsaal für 1000 Gäste wurde errichtet, ebenso Offiziersheime, ein Krankenhaus und ein Kino.

Hitler selbst nahm 1936 die Schlüssel der neuen Garnisonsstadt in Empfang. Im Zweiten Weltkrieg erfolgten hier die Aufstellung des Afrikakorps von General Erwin Rommel sowie die Planung des Angriffs auf Polen durch Panzergeneral Heinz Guderian. Die Villen von beiden sind erhalten, letztere aber nur als Ruine.

Zerstörte einstige Pracht

Die meisten der prächtigen Gebäude von damals haben den Krieg und auch die russische Zeit danach überlebt. Nicht aber die Übergabe an Polen im Jahr 1993. Vielleicht war es die Wut auf die verhassten Besatzer, die zur Plünderung und Zerstörung dieser historischen Schätze führten.

Im kleinen Militärmuseum der Stadt sammelt Kurator Andrzej Michalak alles, was irgendwann irgendwo auf dem Gebiet von Borne Sulinowo gefunden wurde: alte Schießstände für Maschinengewehre, Wachhäuschen, Grabsteine und Geschirr, Gewehre, Pistolen, Helme und Schuhe. Von Russen wie von Deutschen, das ist ihm nicht wichtig.

Wenn er über die Geschichte des Ortes erzählt, ist ihm anzumerken, dass er den Polen die Plünderungen Anfang der Neunzigerjahre übel genommen hat. Selbst die möbliert hinterlassenen Wohnungen seien ausgeräumt und verwüstet worden. "Die Deutschen hätten es sich zweimal überlegt, ob sie solche Werte zerstören - wahrscheinlich hätten sie eine Touristenattraktion daraus gemacht!", sagt Michalak den Besuchern.

Am schlimmsten hat es das einstige Offizierskasino am Ufer eines Sees getroffen. Nur die Grundmauern stehen noch. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die einstige Pracht des Gebäudes vorzustellen. Michalak zeigt alte Fotos: Der Ballsaal ist noch unversehrt, Kronleuchter hängen von den Decken, auf einem Balkon in der Wand konnte ein kleines Orchester spielen. Heute hört man hier bestenfalls das Zwitschern der Vögel.

Ein kleines bisschen Russland mitten in Polen

Die Ruine steht zum Verkauf. Nicht teuer, doch der Denkmalschutz fordert die Instandsetzung des Ballsaals - ein Ding der Unmöglichkeit. Der polnische Besitzer weilt längst im Ausland. Hoffnung auf Zukunft gibt es für diesen Ort nicht.

An der östlichen Ausfahrtsstraße befindet sich ein sonderbares Grab. Statt eines Kreuzes erhebt sich eine überdimensionale Hand samt Maschinenpistole zwei Meter aus dem bunt bemalten Grabstein in den Himmel. Die Geschichte, die dazu kursiert, ist ebenso tragisch wie skurril: Im Jahr 1946 vermuteten ein paar angetrunkene Russen in einem nahe gelegenen Dorf Deutsche und griffen es mit Maschinengewehren an. Allerdings stellten sich die Deutschen als Polen heraus, die Widerstand leisteten - und zwar mit Panzern. 300 Russen und 16 Polen starben. Auch der betrunkene russische Anführer namens Iwan Poddubnyj fiel seiner Schnapsidee zum Opfer, bekam allerdings später von den Russen das Heldengrab gestiftet, das noch heute hier zu sehen ist.

Mittlerweile leben nicht mehr viele Russen in der Stadt. Einer von ihnen führt das nach ihm benannte russische Restaurant "Sascha" im Ort. Einst lebte Sascha im russischen Borne Sulinowo, kehrte nach kurzem Zwischenstopp in seiner Heimat zurück und eröffnete das Restaurant, das einer russischen Enklave gleicht.

Nichts hier lässt vermuten, dass der Gast sich in Polen befindet. Die Einrichtung, die alten Fotos an der Wand, die Samoware und Matrjoschki auf den Regalen, selbst der Geruch im Saal - das alles scheint noch aus sowjetischen Zeiten zu stammen. Ein Flachbildschirm überträgt russisches Fernsehen, ohne Ton. Die Speisekarte bietet typisch russische Spezialitäten an wie Soljanka oder Pelmeni auf sibirische Art. Im Hintergrund läuft russische Musik, die eine eigenartige Form von Sehnsucht transportiert. Nur: wonach?

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