Erstes britisches Europa-Referendum 1975 Nörgeln, drohen, Rabatte fordern - wie alles begann

Die Briten und der Brexit - es ist kompliziert. War es auch 1975 schon, beim ersten Europa-Referendum. Gerade erst waren sie drin, da wollten sie schon wieder raus. Auch Helmut Schmidt mischte sich ein.

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Es ging um nicht weniger als die Zukunft Europas, doch Helmut Schmidt hatte seinen Humor behalten. Für ihn fühle es sich gerade so an, als müsse er Mitarbeiter der Heilsarmee von den Vorteilen des Trinkens überzeugen - das sagte der deutsche Kanzler Ende November 1974 auf dem Parteitag der britischen Labour-Partei.

Gerade schickte die regierende Labour-Partei sich an, den historischen Beitritt Großbritanniens zu den Europäischen Gemeinschaften, vor allem zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, rückgängig zu machen. Erst 1973 hatten die Briten sich dem Vorläufer der EU angeschlossen. Nun wollten viele gleich wieder raus. Etliche Antieuropäer in der Arbeiterpartei hatten gar gedroht, den Saal zu verlassen, würde Helmut Schmidt das Wort "Europa" auch nur in den Mund nehmen.

Die englische Presse stilisierte Schmidts Rede flugs zum High Noon. Schmidt konterte kühl, er werde sicher nicht mittags aus der Hüfte schießen, könne aber nicht anders, als über Europa zu sprechen. Er bemühte sogar ein bei ihm seltenes Wort: Genossen.

Helmut Schmidts Europa-Rede bei der Labour-Partei, 30. November 1974

"Was ich wirklich sagen möchte, ist nur dies, selbst auf die Gefahr hin, dass manche den Raum verlassen", rief Schmidt den britischen Sozialdemokraten zu. "Ihre Genossen auf dem Kontinent möchten, dass Sie bleiben, und Sie werden dies bitte zu erwägen haben." Mit fein dosiertem Humor, aber unverblümt mischte er sich in die Entscheidung der Arbeiterpartei ein, die Briten 1975 per Referendum über den Verbleib in Europa abstimmen zu lassen.

Das Brexit-Referendum am kommenden Donnerstag hat also einen historischen Vorgänger. Wie hatte es schon damals so weit kommen können?

Großbritannien sagte Yes, de Gaulle Non

Ausgerechnet ein Brite, Winston Churchill, hatte nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt erst eine Art "Vereinigte Staaten von Europa" vorgeschlagen. Er betonte allerdings schon 1946, die Briten würden diesem neuen kontinentalen Europa zwar wohlwollend zur Seite stehen, selbst aber kein Teil davon werden. Schließlich habe man ja noch das Commonwealth und die besonderen Beziehungen zu den USA - auch wenn böse Zungen behaupteten, die seien so speziell, dass überhaupt nur eine Seite von ihrer Existenz wisse.

Jedenfalls sahen sich die Briten nach dem Krieg in einer völlig anderen Lage als das zerstörte Europa. Sie hatten Nazi-Deutschland besiegt und fühlten sich entsprechend. Allerdings verlor Großbritannien danach das eigene Kolonialreich, damit schwand auch die Wirtschaftskraft.

Gleichzeitig arbeiteten auf dem Kontinent die einstigen Kriegsgegner Deutschland und Frankreich, Italien und die Beneluxstaaten zusammen. Und sie waren schnell erfolgreich. Die Mehrheit der Briten hatte derweil keine Ahnung, was die EWG überhaupt war - oder glaubte gar, Großbritannien sei bestimmt schon Mitglied.

Der Kniff mit der Doppelstrategie

Erst in den Sechzigerjahren baten die Briten offiziell um den Beitritt in die EWG, und zwar gleich zweimal. Non!, sagte jedes Mal der französische Präsident Charles de Gaulle. Und bestätigte den Briten ungewollt ihre Andersartigkeit. Denn de Gaulle erklärte, die Natur, die Struktur und auch die Konjunktur Englands seien ganz anders als auf dem Kontinent. In Wahrheit wollte er die französische Dominanz in der EWG verteidigen.

Erst als de Gaulle nicht mehr im Amt war, konnten die Briten am 1. Januar 1973 endlich beitreten. Der damalige Premier Edward Heath gilt bis heute als einziger überzeugter Europäer in diesem Amt. Doch 1974 wurde er abgewählt, Labour bildete die neue Regierung. In der Partei hatten sich im Verlauf der Jahre zwei Lager gebildet: Die pro-marketeers befürworteten Europa; die anti-marketeers lehnten einen gemeinsamen Markt ab und verfügten in der Partei über eine Zweidrittelmehrheit.


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Allein diese Fokussierung auf den Markt war bezeichnend, das politische Projekt den Briten suspekt. Vielen behagen bis heute gerade die überstaatlichen Institutionen in Brüssel nicht; hinzu kam der Affront durch de Gaulles doppeltes Veto. In den Europa-Diskussionen dominierte damals die Sorge um die englische Hausfrau, die womöglich bald nicht mehr günstig Milch, Eier, Käse, Fleisch einkaufen könne, etwa aus dem Commonwealth-Mitglied Neuseeland.

Die Labour-Regierung von Harold Wilson verfolgte 1974 die gleiche Doppelstrategie wie heute die Tory-Regierung unter David Cameron. Zunächst verhandelte Wilson mit den europäischen Partnern über bessere Bedingungen für das Königreich. Dann warb er im Wahlkampf vor dem Referendum für den Verbleib in der Gemeinschaft.

"You cannot unscramble the egg"

Die Verhandlungen gerieten bisweilen zur Farce. In Dublin kam es 1975 zum berüchtigten "Gipfel der Taschenrechner". Helmut Schmidt fragte sich, ob er seine Bewertung der britischen Staatskunst nicht doch korrigieren müsse. Trotzdem war er bereit, Zugeständnisse zu akzeptieren, die vor allem die Bundesrepublik finanzieren sollte.

Die britische Regierung verkaufte das als großartigen Erfolg und empfahl der Bevölkerung, für den EWG-Verbleib zu stimmen. Zwar stellten die anti-marketeers in der Labour-Fraktion die Mehrheit, aber eine Zweidrittelmehrheit für Europa gab es im britischen Unterhaus trotzdem - zusammen mit den oppositionellen Tories, die den Beitritt ja 1973 vollzogen hatten.

Am prägnantesten fasste der Labour-Abgeordnete David Ennals die Probleme eines EWG-Austritts zusammen: "You cannot unscramble the egg". Aus einem Rührei werde nie wieder ein normales Ei.

Vor dem Referendum am 5. Juni 1975 ließ sich eine der größten Antieuropäerinnen Großbritanniens etwas Besonderes einfallen: Mit einer Shoppingtour in Brüssel wollte die linke Labour-Politikerin Barbara Castle zeigen, wie sehr vermeintlich horrende Preise auf dem Kontinent die britische Hausfrau ruinieren würden.

Kurz vor Helmut Schmidts Rede war Castle übrigens Gast beim deutschen Botschafter in London gewesen. Der schenkte ihr guten Wein ein, worauf sie ihm reinen Wein einschenkte: Schmidt müsse an die Solidarität der britischen Genossen appellieren, wenn er Erfolg haben wolle.

Sonderrabatte für die Briten

Noch in der Nacht fand Castles Hinweis den Weg von London nach Bonn, Schmidt beherzigte ihn in seiner Rede. Sie habe sich deswegen schuldig gefühlt, schrieb Castle später in ihren Memoiren. Ungewollt habe sie Schmidt zum Erfolg verholfen.

Ihre Shoppingtour durch Europa hatte dagegen kaum Einfluss auf den Ausgang des Referendums: Die überwältigende Mehrheit der Konservativen, deren neue Vorsitzende seit 1975 Margaret Thatcher hieß, die Liberalen, die Presse und die finanzielle Elite des Landes unterstützten die Labour-Regierung - nur die eigene Partei tat das nicht. Am Ende stimmten 67 Prozent der Briten für den Verbleib in Europa.

Einig ist sich die politische Elite aber bis heute darin, dass Großbritannien eine Sonderrolle in Europa erfülle und Sonderkonditionen verdiene. "I want my money back", verlangte etwa Thatcher 1984 und handelte einen Britenrabatt heraus, ähnlich wie David Cameron im Vorfeld des diesjährigen Referendums.

Großbritannien blieb stets skeptisch gegenüber dem europäischen Projekt. Verändert hat sich seit den Siebzigern vor allem, dass diese Skepsis mittlerweile in weiten Teilen der EU geteilt wird. Und während damals vor allem Linke zu den Antieuropäern zählten, wettern heute in vielen Ländern die Rechten gegen Europa.

Seit dem Referendum 1975 hat sich also vieles verändert. Überzeugten Europäern bleiben zwei Hoffnungen: Nach wie vor spricht wenig dafür, dass sich ein Austritt für die Briten auch rechnet. Und ein englisches Rührei - es bleibt eben ein Rührei.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
Emanuel Gold, 20.06.2016
1.
Schon damals wollte ein nationalistischer Teil der Briten (eigentlich vor allem der Engländer) lieber ein nicht-wahlberechtigter Teil der USA bleiben, als in Europa mitzubestimmen. Tatsächlich scheint sich daran kaum etwas geändert zu haben. Vielen Dank für diese Erinnerung an die alten Zeiten.
Benjamin Schmid, 20.06.2016
2.
Was wollen die Briten wirklich? Rabatte, wie eh und je. Eine Extrawurst nach der anderen und eben dies sollte man verhindern. Bitte, liebe Briten wählt den Brexit. Das einzige, was noch funktioniert ist die Börse und die wird sich nach dem Brexit auch vor einer neuen Phase der nichtigkeit sehen. Warum? Weil London absolut uninteressant wird, sollten sich die Briten aus der EU verabschieden. Natürlicher Nachfolger wird Frankfurt und dann kracht das Kartenhaus komplett zusammen. Nicht nur das, auch werden Unabhängikeitsbemühungen in Schottland und auch Wales neuen Auftrieb erhalten, man möchte dort in der EU bleiben - gibt es doch aus Brüssel reichlich Gelder, die aus London so wohl nicht mehr kommen werden. Die Zeit der Extrawürste ist vorbei, man sollte ganz klar sagen "Einer unter vielen oder alleine draußen", der Kontinent weint Euch keine Träne nach liebe Briten.
Nelli Solar, 20.06.2016
3. Wir sollte uns trauen mit den Briten auf Augenhöhe zu gehen
Es ist doch sowieso nicht richtig und fair, dass die Briten besser gestellt werden als die anderen Länder. Gleichzeitig blockieren sie den Integrationsprozess. Die EU kommt nicht vor, noch zurück. Aus meiner Sicht sollten dir Briten raus und sich besinnen. Das würde den EU die Möglichkeit geben den Integrationsprozess weiter zu vollziehen. Nur zur Erinnerung, der Nationalstaat ist kein Naturzustand. Auch er musste erst akzeptiert werden und ich sehe ich als Teil dieses Integrationsprozesses. Erst dieser Prozess brachte Frieden und Wohlstand nach Europa. Wir sollten darauf achten, dass er weiter geht und wir uns nicht von irgendwelchen Hasspredigern und Rassisten zurück entwickeln lassen. Die, die mitmachen wollen, sollten es tun und wenn die Britten sich ausprobiert haben, ist es zwar schade aber bitte. Falls sie irgendwann bereit sind, kann man ja auf Augenhöhe wieder zusammen kommen.
Carsten Wolff, 20.06.2016
4. Geschichtlich korrekt ist es nicht,
wenn der Spiegel hier schreibt: "Erst in den Sechzigerjahren baten die Briten offiziell um den Beitritt in die EWG, und zwar gleich zweimal. Non!, sagte jedes Mal der französische Präsident Charles de Gaulle". Die Verfasser des Berichts haben die klitzkleine Wahrheit unterschlagen, dass man GB schon im Jahr 1955 angeboten hatte, der Montanunion beizutreten, was die ablehnten. Irgendwann hatte Europa dann auch keine Lust mehr, den wankelmütigen Engländern die Tür aufzuhalten, was sich ja sofort 1975 bewahrheitete, indem zwei Jahre nach EU-Beitritt sofort ein Referendum abgehalten wurde, wobei Gegenleistungen erpresst wurden. Die Engländer sollen doch gehen und von ihren alten Kolonien träumen.
Michael Weber, 20.06.2016
5.
"Trotzdem war er bereit, Zugeständnisse zu akzeptieren, die vor allem die Bundesrepublik finanzieren sollte." "Einig ist sich die politische Elite aber bis heute darin, dass Großbritannien eine Sonderrolle in Europa erfülle und Sonderkonditionen verdiene. "I want my money back", verlangte etwa Thatcher 1984 und handelte einen Britenrabatt heraus, ähnlich wie David Cameron im Vorfeld des diesjährigen Referendums." Also wie gehabt - alle sollen zahlen für UK.
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