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26. Februar 2019, 21:05 Uhr

Britpop-Ikone Paul Weller

"Rebellion? Meine Eltern waren zu cool"

Ein Interview von

The Jam, The Style Council und seine Solokarriere machten ihn zum "Godfather of Britpop". Hier spricht Paul Weller über seine Liebe zu den Beatles und zur Mode - und erklärt, warum er der Queen einen Korb gab.

einestages: Mister Weller, haben Sie besondere Erinnerungen an Konzerte in Deutschland?

Paul Weller: Klar, an den Circus Krone in München. Der Sound war miserabel, hinter der Bühne stank es furchtbar nach Elefantenscheiße. Mir war nicht klar, dass das ein echter Zirkus mit echten Tieren ist. Aber der Gestank war mir als Beatles-Fan egal, es war historischer Boden: Da sind 1966 die "Fab Four" aufgetreten. Auch unser Gig in der Großen Freiheit in Hamburg war besonders. Denn Anfang der Sechzigerjahre waren die "Fabs" im im Starclub und im Kaiserkeller.

einestages: Sie gelten als eigenwillig - eine gefällige Greatest-Hits-Show darf das Publikum nicht erwarten.

Weller: Ich will nicht bringen, was man von mir erwartet, und lasse mir keine Songs diktieren. Lieber überrasche ich mein Publikum jedes Mal - mich selbst auch. Ebenso ist es bei den Alben: Ich liebe Rock, Soul, Folk, Reggae, Blues und wiederhole mich einfach nicht gern. Ich freue mich richtig, wenn ich merke: Ah, das habe ich noch nie gemacht oder gespielt, das ist neu.

einestages: Nach The Jam und The Style Council haben Sie in 27 Solo-Jahren 14 Studioalben herausgebracht. Gönnen Sie sich nie Ruhephasen?

Weller: Musikmachen ist definitiv Arbeit, wenn man im Studio ist, Songs ausbrütet und aufnimmt - aber es macht enorm Spaß. Deshalb komponiere ich pausenlos. Das ist ein Privileg, kein Stress. Es hat ja nicht jeder Freude an seiner Arbeit. Die meisten Leute hassen es, morgens früh ins Büro zu müssen.

einestages: Lange schon arbeiten Sie regelmäßig mit Noel Gallagher zusammen. Auf Ihrem letzten Album "True Meanings" ist er auch dabei, darf aber nicht Gitarre spielen. Warum?

Weller: Gitarre spiele ich ja selber. Auf den Tracks "Birds", "White Horses" und "Books" spielt Noel Harmonium - weil er das auch gut kann.

einestages: Sein Bruder Liam Gallagher darf bei Ihnen musikalisch nie mitmachen. Dabei haben Sie mal Outfits für sein Modelabel "Pretty Green" designt. Ist er Ihnen als Modemacher wichtiger?

Weller: Vielleicht... Liam ist Sänger und Frontmann, ich brauche aber Musiker (lacht). Sein Label hat Liam übrigens nach einem meiner Jam-Songs benannt. Ich mag ihn wirklich gern, uns verbindet die Leidenschaft für Klamotten und Design. In meiner Jugend hing ich viel in Plattenläden rum, ebenso oft in Secondhandshops. Hat sich bis heute kaum geändert.

einestages: Die Schule und Autoritäten generell sollen Sie gehasst haben.

Weller: Daher gab es für mich auch keine Alternative zum Musikerleben. Mit 14 habe ich schon The Jam mit Kumpel Steve Brookes gegründet. Er stieg nach der ersten Platte aus, obwohl sie gleich ein Top-20-Erfolg war. Wir haben von der aufkeimenden Punkwelle profitiert, mit Bands wie den Sex Pistols, Clash, Buzzcocks und The Damned.

einestages: Was sagten Ihre Eltern dazu, dass Sie Musiker werden wollten?

Weller: Sie förderten mich. Als ich 12 oder 13 war, kaufte mir mein Vater John eine Gitarre. Später fuhr er mich zu den ersten Auftritten, wurde mein Manager, kümmerte sich um die Finanzen. Gut, da hatte er anfangs nicht viel zu tun (lacht). Meine Mum Ann war Putzhilfe, mein Dad Bauarbeiter und ein gerader Typ - mein Vorbild, ich bin ein Vatersohn. Er hielt stets sein Wort, war bodenständig, großzügig, nett und höflich zu jedem. Sein Motto war "be good, do good". Das hat mich beeindruckt.

einestages: Trotz Ihrer rebellischen Ader?

Weller: Zu Hause gab es für mich keinen Grund zur Rebellion, meine Eltern waren zu cool. Sie waren überhaupt nicht karriereorientiert, mir war jedoch früh bewusst, wie hart sie arbeiten mussten, das Leben war alles andere als leicht für sie. Ich schwor mir, als Musiker später mal Spaß zu haben. Musik war für mich in erster Linie die Vermeidung von tristen Jobs und Ausbruch aus dem öden Kleinstadtleben. Meinen Respekt für die Arbeiterklasse habe ich aber nie verloren.

einestages: Mit The Jam haben Sie Ihren Heimatort Woking im Song "A Town Called Malice" verewigt - wenig schmeichelhaft.

Weller: Die Stadt hat sich sehr zu ihrem Nachteil verändert. Überall stehen jetzt seelenlose Einkaufscenter, graue Bürokomplexe, der Rest ist zubetoniert mit Riesenparkplätzen. Auch vor dem einst beschaulichen Woking hat die Gentrifizierung nicht Halt gemacht. Und so was soll man Fortschritt nennen?

einestages: 2006 wollte Queen Elizabeth Sie in den Ritterstand erheben. Warum haben Sie abgelehnt?

Weller: Weil es mir absolut nichts bedeutet. Ich stamme aus der Working Class und fühle mich von der königlichen Familie nicht gut repräsentiert. Prinzen und Ritter gehören ins Märchenbuch.

einestages: Sie wurden als John William Weller geboren. Wie kamen Sie zum Vornamen Paul? Etwa wegen McCartney?

Weller: Nein. Die Vornamen folgten englischer Tradition - John nach meinem Vater und William nach meinem Großvater. Aber meiner Mutter gefiel Paul viel besser. Mittlerweile heiße ich offiziell so, in meinem Pass steht jetzt Paul John Weller.

einestages: Drei Ihrer Söhne heißen John Paul, Bowie und Stevie, die älteste Tochter Dylan. Klingt verdächtig nach Ihren Jugendhelden: John Lennon, Paul McCartney, David Bowie, Stevie Wonder, Bob Dylan...

Weller: Richtig. Den Namen Dylan hatte allerdings meine damalige Partnerin Lucy bestimmt, ich habe mein Okay gegeben. John Paul wollte ich ursprünglich John Paul George Ringo nennen (lacht). Sein Zwillingsbruder heißt Bowie, den Namen hat meine jetzige Frau Hannah ausgesucht. Sie ist ein noch größerer Bowie-Fan als ich.

einestages: Es kursierten mal Gerüchte, Sie hätten mit David Bowie gestritten, sich aber vor seinem Tod wieder versöhnt.

Weller: Totaler Quatsch! Ich bin Bowie nie begegnet, leider. Mein Respekt ist riesig: Seine musikalische Hochphase von "Space Oddity" 1969 bis "Scary Monsters" 1980 fand ich unglaublich. All die grandiosen Alben von "Hunky Dory" über "Ziggy Stardust" und "Diamond Dogs" bis "Heroes" - jedes komplett anders, experimentell, innovativ, gewagt. Ich verneige mich.

einestages: Sie sind Jahrgang 1958. Wann haben Sie die Beatles entdeckt?

Weller: Musik hat mich früh fasziniert. Das Radio war mein bester Freund, meine Mutter hörte ständig Musik, Buddy Holly, Little Richard, Elvis, Jerry Lee Lewis. Ich werde nie vergessen, wie ich die Beatles zum ersten Mal im Fernsehen sah. Das war 1963 die Royal Command Performance für die Queen. Ich war fünf, es war wie eine Explosion. Etwas später habe ich mir den ersten Longplayer meines Lebens gekauft, "Sergeant Pepper's Lonely Hearts Club Band".

einestages: Das Cover gestaltete Pop-Art-Künstler Peter Blake - haben Sie ihn deshalb mit dem Artwork Ihres Albums "Stanley Road" beauftragt?

Weller: Das war die Idee meiner Plattenfirma. Ich hätte nie geglaubt, dass wir uns Blake leisten können. Er hat ja auch das Poster für "Live Aid" und vieles mehr gemacht. Ein fantastischer Künstler. Er ist jetzt 86 und hat mir kürzlich seine neuesten Collagen gezeigt.

einestages: Für "Sergeant Pepper's" bekam Blake von den Beatles magere 200 Pfund Honorar - und beschwerte sich später, dass sie nach dem großen Erfolg nichts mehr draufgelegt haben.

Weller: Ein wunder Punkt, man spricht ihn besser nicht auf die Beatles an. Wir haben Peter für seine Arbeit 250 Pfund gezahlt. Nur Spaß (lacht).

einestages: Mit Ihrem Idol Paul McCartney verbindet Sie eine Freundschaft.

Weller: Für mich surreal. 2012 war ich Gast beim Benefizkonzert der Kinderkrebshilfe von Roger Daltrey und Pete Townshend in der Royal Albert Hall. Backstage standen Ronnie Wood von den Stones und andere bekannte Musiker rum. Ich sollte den Auftritt von Paul McCartney ansagen, ganz große Ehre. Und er fragte in die Runde, wer mit ihm auf der Bühne "Get back" spielen wolle. Ich habe mich vor lauter Ehrfurcht nicht getraut, obwohl Macca und ich ja befreundet sind. Da schaute er mich an und sagte: "You can come along, Paul". Bis heute eines der Highlights meines Lebens.

einestages: Reizen Filme Sie? Für das Boxerdrama "Jawbone" schrieben Sie die Musik, in der TV-Serie "Sherlock" hatten Sie 2016 einen Cameo-Auftritt.

Weller: Aber nur, weil ich mit Hauptdarsteller Martin Freeman befreundet bin. Mein "Sherlock"-Auftritt war ein Gag: Ich spielte einen toten Wikinger und musste auf dem Boden rumliegen. Ich liebe gute Filme, aber Schauspielerei ist nichts für mich.

einestages: In England gelten Sie als Stilikone und haben schon Modepreise gewonnen. Sie entwerfen Polos für Fred Perry oder Tweedanzüge für Fox Brothers.

Weller: Kleidung ist Ausdruck deiner selbst. Musik und Mode bilden das Fundament meines Lebens, man wird mich als Mod beerdigen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren kam Mode von der Straße, wie bei der Mod-Bewegung. Damals hat die Jugend ihren Look noch selbst bestimmt statt von Designerlabels und Großkonzernen diktieren lassen. Kids waren kreativ, die Architekten ihrer Mode. Mein Style-Vorbild ist Kickerlegende George Best, der einst bei Manchester United spielte. Er war der erste Popstar im Profifußball - und das sage ich als Chelsea-Anhänger. Ich habe Best in den Siebzigerjahren einmal die Hand geschüttelt, bei einem Benefizspiel. Das habe ich bis heute nicht vergessen.

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