Bundesliga-Premiere des FC Bayern Meister der ersten Minute

Vor einem halben Jahrhundert gab der FC Bayern München seine Premiere in der 1. Bundesliga. Das Duell mit dem Erz- und Lokalrivalen TSV 1860 war ein grobes Geholze - hatte aber Folgen für den kommenden Superstar des Teams.

Archiv Broder-Jürgen Trede

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Gemütliche Gelassenheit? Die sprichwörtliche bayerische Bierruhe? Keine Spur! Nicht an diesem 14. August 1965! München war an diesem Samstag in Aufruhr. Die Fans sehnten den Start der dritten Spielzeit der Bundesliga ganz besonders intensiv herbei. Denn erstmals war die bayerische Landeshauptstadt mit gleich zwei Vereinen im Oberhaus vertreten.

Bei der Ligagründung hatte das Proporzdenken des Deutschen Fußball-Bundes das noch verhindert. Während die "Blauen" vom TSV 1860 als letzter Meister der Oberliga Süd 1963 zum Kreis der 16 Gründungsmitglieder der neuen Elite-Spielklasse zählten, konnte die Bundesliga-Erfolgsstory der "Roten", des späteren Rekordmeisters FC Bayern, erst mit zweijähriger Verzögerung beginnen.

Im Sommer 1965 war der Weg für das erste Stadtduell der Bundesligageschichte endlich frei. Die Eintrittskarten waren schon Tage zuvor vergriffen. Bereits zwei Stunden vor dem Anpfiff um 16 Uhr waren die Ränge der Ost- und Westkurve sowie der großen Stehhalle an der Gegengerade nahezu komplett gefüllt. Und aus den "Wohnzimmer-Logen", den Fenstern der umliegenden Mietshäuser, reckten sich dichtgedrängt die Hälse in Richtung Spielfeld.

Rabauken im Hexenkessel

Unter den Besuchern machten die Beobachter vom "Münchner Merkur" etwa "5000 Rabauken" und "40.000 andere, durchwegs ehrenhafte Bürger" aus. "Auf den Rängen wird munter gerauft, Bierflaschen fliegen herum, mit einem Satz: Es herrscht eine Prachtstimmung." Die Atmosphäre, die zwischen Nervosität und Vorfreude waberte, war greifbar. Die "Bild am Sonntag" wähnte sich in einem "Hexenkessel", in dem die "Leidenschaften wie in einer südländischen Arena" überkochten.

Das Spiel passte sich der Stimmung des Publikums an. Eine Aufwärmphase war nicht nötig: Schon nach 15 Sekunden schickte der neue Löwen-Torjäger Timo Konietzka den Bayern-Stopper Dieter Danzberg mit einem wuchtigen Direktschuss an den Kopf ins Land der Träume. Die Sechziger nutzten die numerische Überlegenheit und die Verwirrung in der Bayern-Abwehr eiskalt aus. Während Danzberg noch neben dem Tor behandelt wurde, schoss Konietzka zum 1:0 ein. Das Spiel und damit die Saison 1965/66 waren da noch keine Minute alt.

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Fußball-Premiere: Erstes Stadtderby der Bundesliga

Was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen konnte: Das Blitz-Tor war der goldene Schuss, der die Meisterschaft entschied. In den folgenden 89 Minuten passierte nämlich nichts mehr. Zumindest was das Ergebnis anging. In der Endabrechnung, gute neun Monate nach diesem 1:0, wurde der TSV 1860 mit drei Punkten Vorsprung vor Borussia Dortmund und dem FC Bayern erstmals Deutscher Meister. Hätten die Löwen das Auftaktspiel verloren und alle anderen Partien wären ausgegangen wie gehabt, der FC Bayern hätte die Schale auf dem Marienplatz präsentiert.

Knüppel-Fußball

"Ruppig" sei es im Stadtduell zugegangen, erinnerte sich 1860-Verteidiger Manfred Wagner später. Das Spiel sei von "viel Hektik" und "reichlich Unterbrechungen" nach Fouls und Verletzungen geprägt gewesen, sagte Bayern-Torwart Sepp Maier. Das spielerische Niveau war erschreckend dürftig. Kombinationsspiel und Offensivspektakel, das beide Teams im Laufe der weiteren Saison noch ausgiebig präsentieren sollten, blieben im Bruderkampf Mangelware.

Stattdessen erfuhr das Geholze kurz vor dem Abpfiff noch einen Tiefpunkt. Eine Aktion, die ebenfalls - so sind sich viele Experten sicher - den weiteren Lauf der Saison, ja gar den der Fußballgeschichte beeinflussen sollte. Wieder waren Danzberg und Konietzka die Hauptdarsteller: Der Bayern-Verteidiger trat den bereits am Boden liegenden Stürmer und wurde des Feldes verwiesen. Obendrein bekam er noch eine achtwöchige Sperre, in deren Folge er seine Stopperposition im Team an einen jungen Nachwuchsspieler verlor - Franz Beckenbauer.

Der gerade mal 19-Jährige war die Entdeckung der Saison. Nach nur sechs Liga-Einsätzen wurde Beckenbauer erstmals in die Nationalelf berufen, in der er sich ebenso rasant als Stammkraft etablierte. Beckenbauer stand exemplarisch für die vielen Talente, die sich unter der Führung von Trainer Zlatko "Tschik" Cajkovski entwickelt hatten. Auch Torhüter Sepp Maier, 21, oder die Stürmer Gerd Müller, 19, und Dieter Brenninger, 21, spielten sich sofort in den Fokus und trugen entscheidend dazu bei, dass der Aufsteiger aus München in seiner Debütsaison die Liga aufmischte.

Wachablösung

Rang drei im Endklassement ist die bis heute beste Platzierung, die je ein Liga-Novize erreichte. Als Trostpflaster für den verpassten Bundesligasieg fungierte zudem der DFB-Pokal. Nur acht Tage nachdem sich 1860 die Meisterschale gesichert hatte, holte der FC Bayern durch einen 4:2-Finalsieg über den Meidericher SV auch den Pott an die Isar. Ein bis heute einmaliges "Double", das München endgültig zur Fußball-Hauptstadt Deutschlands werden ließ. Bei der Pokalübergabe unkte Cajkovski augenzwinkernd: "Jetzt 1860 in München kann nicht zu groß werden!"

Rückblickend war es für den FC Bayern womöglich ein Glücksfall, dass dem Verein 1963 die sofortige Teilnahme an der Bundesliga verwehrt wurde. Klub-Chronist Dietrich Schulze-Marmeling jedenfalls vermutet: "Dies hätte nicht nur erhebliche finanzielle Belastungen bedeutet, sondern auch den Reifeprozess einer jungen Mannschaft torpediert, die einige Jahre später bundesdeutsche und europäische Fußballgeschichte schreiben sollte. Die große Bayern-Elf wäre vielleicht gar nicht zustande gekommen, sondern frühzeitig auseinandergerissen worden."

Schon in der darauffolgenden Saison nämlich begannen sich die Verhältnisse zu drehen: Während die Löwen die Titelverteidigung in der Bundesliga knapp verpassten, gewann der FC Bayern erneut den DFB-Pokal und mit dem Europapokal der Pokalsieger auch gleich seinen ersten internationalen Titel. Zwei Jahre später gelang dann das erste Double, während 1860 in der Bundesliga nur enttäuschender Zehnter wurde und in der Folgesaison sogar absteigen musste. Die Sechzigerjahre waren zu Ende, die Sechzger am Ende.

Ein einzigartiges Duell

Das erste Stadtduell der Bundesligageschichte ist dennoch das bis heute meistgespielte. Insgesamt 36-mal begegneten sich 1860 und der FC Bayern in der ersten Bundesliga, zuletzt im April 2004. Andere Städte können bei dieser Statistik nicht einmal ansatzweise mithalten.

Da die ersten Mannschaften derzeit sportlich und wirtschaftlich Welten trennen - hier der amtierende Meister, dort der Fast-Absteiger in Liga 3 - kommt Derby-Stimmung an der Isar vor allem dann auf, wenn sich die Nachwuchsvertretungen beider Klubs begegnen.

Erst vor knapp zwei Wochen, am 2. August, war es mal wieder so weit: Stattliche 11.358 Zahlende kamen an die "Grünwalder", um dem Duell der zweiten Mannschaften beider Klubs in der Regionalliga Bayern beizuwohnen. Wie ein halbes Jahrhundert zuvor, ging es dabei auf Giesings Höhen wieder hoch her. Genau wie im ersten großen Duell gab es nur wenige Strafraumaktionen, dafür umso mehr Einsatz und Leidenschaft. Der Schiedsrichter zückte neunmal die gelbe und einmal die rote Karte.

Wer die Münchner Bundesligasaison 1965/66 noch einmal nachvollziehen möchte, dem seien die Twitter-Kanäle www.twitter.com/loewenhistory und www.twitter.com/bayernhistory empfohlen. Auf ihnen lässt der Historiker und Fußball-Liebhaber Philipp-Stephan Schneider die Ereignisse in Echtzeit aufleben.



insgesamt 31 Beiträge
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Thomas Müller, 13.08.2015
1. Wirklich schade...
.... dass es keine richtigen Derbys mehr zwischen dem FCB und dem anderen Giesinger Verein mehr gibt. Schon die Woche vor dem Derby stand immer die ganze Stadt schon Kopf, es wurde gefrotzelt und heiß diskutiert. Die Grenze zwischen den beiden Fanlager durchzog Freundschaften, Kollegenkreis und sogar Ehen. Das Derby selber immer hochgradig emotional und brodelnd mit immer mindestens einem Elfmeter und mindestens einem Platzverweis! Schee wars!
Joachim Weber, 13.08.2015
2. Rang drei im Endklassement ist dennoch die bis heute beste Platzierung, die je ein Liga-Novize erreichte?
Schlecht recherchiert: Kaiserslautern wurde in der Saison 1997/1998 als Neuling sogar Meister.
Rudolf Mendt, 13.08.2015
3. Grace Under Pressure
Bis heute ist es ja ein dunkler Fleck auf der Historie des FC Bayern... Kann denn der DFB nicht irgendwas tun, damit der FC Bayern nicht doch seit der ersten Saison in der Bundesliga war? Kann ja nicht sein, dass diesen Rekord nur der HSV hat...
Marc Schröder, 13.08.2015
4. Tja ...
Damals gab es nur zwei Punkte für nen Sieg. Keine drei.
kevin spohn, 13.08.2015
5. damals sagte man also Rabauken..
..heute nennt man sie Ultras oder die ganz bösen Rabauken dann Hooligans... man merkt, dass Gewalt im Stadion schon damals ein Problem war. Kann mir jemand mal den Begriff "Proporzdenken" im Zusammenhang mit dem Artikel bzw wieso Bayern nicht von Anfang an dabei war erklären?
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