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17. Mai 2019, 15:42 Uhr

Legendäre Bundesliga-Schlusskonferenz 1999

"Ein Tanz am Abgrund"

Ein Interview von

Auch am letzten Spieltag kann noch alles drin sein - wie der 29. Mai 1999 zeigte: einestages sprach mit den Reportern der dramatischen Radiokonferenz Günther Koch, Manni Breuckmann und Dirk Schmitt über Leiden am Mikro.

"Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund!" Diese Worte von Radioreporter Günther Koch gingen in die Bundesligageschichte ein. Er sprach sie kurz vor Schluss des letzten Spieltages der Saison 98/99 ins Mikro, als die Partie in Nürnberg gegen den SC Freiburg abgepfiffen wurde. 1:2 hatten die Nürnberger verloren und waren damit noch von Platz 12 auf Platz 16 gestürzt und abgestiegen.

Koch litt mit seinen "Clubberern", denn in den letzten 20 Minuten hatten sich die Ereignisse in der Schlusskonferenz überschlagen. "Tor in Bochum!", schrie Manni Breuckmann, "Tor in Frankfurt!" Dirk Schmitt, und das fast im Minutentakt. Mal war Rostock abgestiegen, mal Frankfurt - und am Ende eben der 1. FC Nürnberg. Koch konnte es kaum fassen, Breuckmann sprach tröstende Worte, Schmitt huldigte der Eintracht, und das Zusammenspiel des Trios an den Mikros sorgt bei vielen Fans noch heute für Gänsehaut. Wir trafen die drei Reporter zum Interview.

einestages: Herr Koch, Nürnberg hatte fünf Spiele zuvor nicht mehr verloren, sogar die Bayern geschlagen und stand auf Platz zwölf der Tabelle. Haben Sie geglaubt, dass die "Clubberer" noch absteigen würden?

Koch: Ich habe meine Frau sogar in Urlaub fahren lassen, weil ich dachte, sie muss mich nicht trösten. Aber als ich auf dem Weg zum Stadion gemerkt habe, wie alle in Partystimmung sind, habe ich von Anfang an gesagt: Der Club kann heute noch absteigen! Da haben sich auf der Pressetribüne alle umgedreht und gedacht: Jetzt wird er alt, jetzt spinnt er total.

einestages: Wie war die Stimmung in Frankfurt, Herr Schmitt?

Schmitt: Die Eintracht hatte ja die drei Spiele zuvor schon gewonnen, die Stimmung wurde mit jedem Spiel besser. Bis zur Pause passierte bei uns gar nichts. Da hätten wir ja nie mit so einer zweiten Hälfte gerechnet.

einestages: Herr Breuckmann, wie sah es im Ruhrstadion in Bochum aus?

Breuckmann: Ich wusste, dass Hansa Rostock abstiegsgefährdet war. Aber ich hatte keine Nähe zu dem Verein und hatte mir das gar nicht als Riesendrama ausgemalt. Es war so ein schöner Maitag, die Sonne schien, und ich dachte: Wenn es schlecht läuft für Hansa, dann steigen die eben ab. Was auf mich zukam, habe ich nicht ansatzweise erahnt.

einestages: Nach 45 Minuten war nicht abzusehen, dass dieser Spieltag mal in die Schlusskonferenz-Geschichte eingehen würde.

Koch: Kollege Schmitt hatte beim Rundruf zur Halbzeit noch gesagt: "Es steht 0:0 zur Pause in Frankfurt. Damit ist Frankfurt abgestiegen. Aber wir haben noch 45 Minuten. Gell, Günther Koch?"

Schmitt: Da kann ich mich nicht mehr dran erinnern. War wohl weniger Vorahnung als Hoffnung.

Koch: Zur Pause war noch alles harmlos, trotz des 0:2 in Nürnberg. Aber ich habe meine Mahnung immer wiederholt. Und mache mir bis heute Vorwürfe, dass ich nicht runter in den Innenraum gelaufen bin. Dann hätten die Spieler und Zuschauer vielleicht gemerkt, was da auf den anderen Plätzen los ist. Die hatten in Nürnberg keine Ahnung. Jemand im Verein hatte dafür gesorgt, dass die anderen Zwischenresultate in den letzten 20 Minuten überhaupt nicht an der Anzeigetafel erschienen.

Breuckmann: In Bochum stand es zur Halbzeit 1:0 für Rostock. Auch da hat es sich aus meiner Sicht noch nicht angebahnt. Stuttgart war schon raus aus der ganzen Nummer, aber ab der 70. Minute ging ja auch in Bochum nochmal die Post ab, und zwischendurch waren die Rostocker auf Platz 16 und abgestiegen, als es dieses 2:1 für Bochum gab eine Viertelstunde vor Schluss. Da hat es mich dann richtig gepackt.

einestages: Um die 70. Minute ging es dann auch in Frankfurt mit den Toren los. Hatten Sie immer den Überblick, wer auf welchem Platz steht? Gab es damals schon so etwas wie eine Live-Tabelle?

Breuckmann: Ich bekam Panik, weil ich das machen musste, was ich nie so richtig gut konnte: ausrechnen, wer jetzt gerade wann wo steht. Es gab ja keine Assistenten oder so. Spaßig war das nicht, wenn ich solche Aufgaben noch nebenbei zu erledigen hatte. Die Gefahr ist groß, dass man sich vergaloppiert und eine Mannschaft, über die man gerade berichtet, für gerettet hält. In Wirklichkeit ist die gar nicht gerettet - und man muss sich von einem Kollegen in einem anderen Stadion korrigieren lassen. Das ist für mich ein Tanz am Abgrund.

Schmitt: Das war bei mir genauso. Ich hatte wahnsinnig Schiss, mich zu verrechnen. Ich glaube, wir hatten damals noch gar keinen Monitor. Du hast halt allein da mit deinem Zettel gesessen und ein bisschen hin und her gerechnet. Die Angst war groß, deshalb war es immer schön, wenn von anderen Plätzen meine Rechnung bestätigt wurde. Weil ich weiß, wie wichtig das für den einzelnen Fan ist - mit einer falschen Aussage kannst du die ja ins Unglück stürzen.

Breuckmann: Das Ganze wurde noch etwas dramatischer dadurch, dass das Spiel in Bochum am längsten lief. Wir wussten ganz genau: Macht Bochum hier noch das 3:3, dann ist Hansa Rostock draußen und nicht Nürnberg.

Koch: In Nürnberg hatten einige Spieler nach dem Abpfiff immer noch keine Ahnung, was los war. Der Andy Köpke wollte in die Kurve gehen, um sich feiern zu lassen - und hat heulende Fans gesehen, aber nur alle hundert Meter. Eben die, die Radio gehört haben.

einestages: Neben der Dramatik auf den Plätzen passte es auch mit den Reportern vor Ort: Günther Koch als emotional mit dem "Club" Verbundener, Manni Breuckmann mit sachlicher Distanz, aber dem Gefühl für die Dramatik, und Dirk Schmitt, der fast wie die Eintracht erst ein wenig nebenherlief, um dann groß rauszukommen.

Koch: Das war schon eine ideale Dreierkonstellation. Das ist wie beim Fußball: Da merkst du auf dem Platz auch schnell, mit dem kannst du Querpass, Steilpass spielen, dann läuft das halt.

Breuckmann: Vom Ansatz her ist der Dirk so ein bisschen nonchalant, aber wenn die Dramatik kommt, dann geht der auch ab wie Schmidts Katze. Wir haben wirklich gut harmoniert in dieser Konferenz.

Schmitt: Du bist einfach mitgerissen worden. Das war ein Spiel, das überhaupt nicht zur Situation gepasst hat. Die Frankfurter haben plötzlich angefangen zu zaubern, was gar nicht gefragt war, weil es ja ums Überleben ging. Du musst dir mal überlegen, eine Minute vor Schluss kriegst du einen Pass wie der Fjörtoft, und dann machst du einen Übersteiger. Da kommt man eigentlich auf jede Idee, aber nicht darauf. Völlig verrückt. Da kannst du als Reporter nur froh und glücklich sein, wenn du so ein Spiel machen kannst.

einestages: Es gab hinterher in der Konferenz sogar tröstende Worte von Manni Breuckmann an Günther Koch.

Koch: Das hat mich sehr berührt. Das hatte es ja auch noch nie so gegeben.

Breuckmann: Weil der Günther so litt. Ich habe das immer kritisiert, das weiß der Günther auch, diese Überidentifikation mit dem 1. FC Nürnberg. Ich bin nicht Fan eines Vereins bei einem Spiel, sondern Chronist, der neutral zu sein hat. Das war Günther nicht so. Aber das war eine Ausnahmesituation, so etwas hat man in einer Reporterkarriere vielleicht drei- oder viermal im Leben. Ich konnte das nachvollziehen.

einestages: Zwischendurch gab es noch Schaltungen zu anderen Spielen, obwohl es dort um nichts mehr ging. Gab es keine Möglichkeit, das zu unterbinden?

Breuckmann: Das war leider schon immer so. Das lässt sich bei der ARD nicht durchsetzen, dass man diese "Freundschaftsspiele" am letzten Spieltag einfach rausschmeißt. Die haben da meiner Meinung nach keine Rolle zu spielen. Insgesamt kam das trotzdem extrem gut rüber. Um die Jahrtausendwende hatten wir andauernd solche Situationen: ein Jahr später Leverkusen in Unterhaching, danach Schalke als Vier-Minuten-Meister, 2002 dann ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Dortmund als Meister. Das war die absolute Hochzeit der Konferenzschaltung.

einestages: Ist diese Zeit vorbei? Wird es kaum noch Dramen am letzten Spieltag geben?

Koch: Der Fußball geht vor die Hunde, und der Fan wird sich irgendwann abwenden - da bin ich mir sicher. Weil dem heutigen Fußballgeschäft die Einnahmen wichtiger sind als der kleine Anhänger, der sich überlegt, ob er sich noch eine zweite Bratwurst leisten kann. Aber so eine Zuspitzung der Ereignisse wird es immer wieder geben. Und das ist dann eine Sternstunde für das Radio.

Schmitt: Wir würden uns mal wünschen, dass der Tabellenzwölfte am letzten Spieltag noch absteigen kann. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man im Abstiegskampf immer wieder Dramatik bis zur letzten Minute hat. An der Tabellenspitze ist das, glaube ich, vorbei.

Breuckmann: Da ist eine ganz gefährliche Zangenbewegung im Gange für die Konferenzschaltung. Einmal die Terminierung, die Fernsehgewaltigen hätten ja am liebsten für jedes Spiel ihre eigene Anstoßzeit. Und zweitens, wenn irgendwann die effektive Spielzeit kommt, dann kannst du auch keine Konferenz machen, weil dann zehn Minuten liegen zwischen dem Schluss des einen und dem Abpfiff des anderen Spiels. Ich weiß nicht, ob das noch lange gut geht.

Schmitt: Die Zerklüftung des Spieltages ist ein großes Problem. Samstagnachmittag hat man meist nur noch vier bis fünf Spiele, oft sind das nicht die interessantesten. Es ist halt nicht immer das größte Bestreben der Macher, dass es spannend ist - da gibt es andere Interessen, die höher gewichtet sind.

einestages: Was bleibt Ihnen am meisten in Erinnerung von diesem letzten Spieltag 1999?

Schmitt: Ich hatte mal im Büro einen Fensterputzer, der hatte als Klingelton dieses 5:1 aus dem Radio. Der wusste gar nicht, dass ich was damit zu tun hatte.

Breuckmann: Neben den Hansa-Fans vor allem Oliver Neuville, wie der durchgehalten hat. Ich wusste gar nicht genau, was der für eine Verletzung hatte. Tomasz Waldoch von Bochum hatte ihm fast das halbe Ohr abgerissen, es musste genäht werden. Neuville hat mit Turban weitergespielt - und kurz danach das 1:0 gemacht. Der ist heute noch so eine Art Volksheld, wenn er mal nach Rostock kommt.

Koch: Ich hätte auf jeden Preis und jede Ehrung verzichtet, wenn der Club damals drin geblieben wäre. Ich wundere mich heute noch, dass ich relativ vernünftig, fair und klar geblieben bin bei allem Schmerz und aller Enttäuschung - aber das ist eben Fußball.

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