Tierpräparator Carl Akeley Ein Leben für die Wildnis

Er erdrosselte einen Leoparden, bewunderte Berggorillas und brachte die Wildnis nach New York. Carl Akeley ist der Erfinder der Schaukästen, die noch heute die Besucher des American Museum of Natural History verzaubern.

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Die Hyäne ist verschwunden. Wo am Morgen noch das erlegte Tier im hohen Gras gelegen hat, ist jetzt, im dämmrigen Licht des Sonnenuntergangs, nur noch etwas Blut zu sehen. Carl Akeley ist enttäuscht. Im Auftrag des American Museum of Natural History in New York ist er nach Afrika gereist. Zum ersten Mal in seinem Leben. Das Tier sollte Teil der Sammlung werden. Doch andere Räuber waren schneller als er. Wer könnte seine Trophäe gestohlen haben? Andere Hyänen?

Eine plötzliche Bewegung reißt den Forscher aus seinen Gedanken. Ein Schatten formt sich hinter einem der nahen Büsche. Das anschließende Fauchen hat Akeley schon einmal gehört. Es ist das drohende Grollen eines Leoparden. Hastig feuert er mit seinem Gewehr in den Busch. Dann läuft er los. Auf einer Sandbank im nahegelegenen Fluss sieht er die Raubkatze. Wieder schießt Akeley, Sand spritzt auf, einer seiner drei Schüsse trifft das Leopardenweibchen. In die Freudenschreie seines eingeborenen Führers mischt sich erneutes Fauchen. Lauter, aggressiver noch als zuvor.

Panisch rennt Akeley jetzt los, zwängt eine neue Patrone ins Gewehr, dreht sich um - und wird von dem heranstürmenden Tier zu Boden gerissen. Achtzig Pfund Fell, Muskeln und Krallen drücken ihn zu Boden. Immer wieder schnappen Zähne nach ihm, versuchen seine Halsschlagader zu erreichen. Bis sie sich im erhobenen Arm Akeleys verfangen. Immer tiefer schiebt der Mann seine Hand in das Maul der Katze. Bis schließlich der Leopard unter ihm liegt. Akeley rammt ihm seine Knie in die Rippen. Knochen splittern. Mit der freien Hand drückt er die Kehle des Raubtiers zu, bis die Bewegungen unter ihm langsamer werden.

Minutiös beschrieb Carl Akeley in seinem Buch "In Brightest Africa" den Kampf mit dem Raubtier, Zeichnung des Ablaufs inklusive. Das Foto, das ihn im Anschluss verwundet neben dem von ihm erdrosselten Leoparden zeigte, machte den Forscher weltberühmt.

Erfindungsreicher Abenteurer

Kaum ein Begriff könnte Carl Ethan Akeley so genau beschreiben, wie der des Universalgelehrten. Als Tierpräparator revolutionierte er das Anschaulichmachen weitgehend unbekannter Tiere, die er bei abenteuerlichen Exkursionen selbst erlegte. Seine Bildhauerkunst war eng mit seinem Wirken als Forscher und Biologe verbunden. Und neben zahlreichen Erfindungen wie dem Spritzbeton trieb er die Entstehung des ersten Nationalparks Afrikas voran.

Sein Vermächtnis aber sind die Dioramen im American Museum of Natural History in New York. Schaukästen, in denen Akeley präparierte Tiere in lebensechten Habitaten präsentierte - und mit denen er die staunenden Städter in weit entfernte Wildnis führte.

Schon in seiner Kindheit hatte sich dieses Genie gezeigt. 1864 geboren, war Akeley in der Nähe von Clarendon im Bundesstaat New York auf der Farm seiner Eltern aufgewachsen. Bald hatte er sich eher für das Ausstopfen von Tieren als das Ausmisten ihrer Ställe interessiert. Mit geliehenen Büchern brachte sich der Junge die Feinheiten der Haltbarmachung von Körpern bei. Sein erstes Modell: ein verstorbener Kanarienvogel.

Akeley war 19, als ihn ein Bekannter auf das Ward's Natural Science Establishment in Rochester aufmerksam machte. Der Naturforscher Henry August Ward stellte dort Präparate für Forschungszwecke her - und heuerte den wissbegierigen Akeley als Auszubildenden an. Für 3,50 Dollar die Woche.

Der Job schien ihm ideal - mit den Methoden der Präparation aber war Akeley weniger zufrieden: Nach dem Ausweiden der Tiere wurde die Haut mit Alaun und Arsenseife haltbar gemacht. Dann setzten die Präparatoren die Knochen wieder ein und stopften den Fellsack mit Stroh aus. Eine unelegante Methode, die gruselige Resultate produzierte. Akeley wollte die Tiere lieber in Posen, wie sie auch in der Natur vorkamen. Nach seiner Ausbildung experimentierte er im Milwaukee Public Museum und später im Field Museum of Natural History in Chicago mit neuen Techniken: Er formte die Körper der Tiere aus Gips und Plastilin nach. So entstanden Replikas mit Muskeln und Sehnen, von denen ein Abguss gemacht wurde, den er dann mit Fell und Haut bezog. Schließlich begann er, die Tiere in nachgebauten Habitaten auszustellen. Die Ideen dazu gewann er auf Reisen.

Aus dem Museum auf Großwildjagd

Seine erste Exkursion führte ihn nach Britisch-Somaliland im heutigen Nordsomalia. Die eingangs beschriebene Begegnung mit dem Leoparden, von denen die Menschen daheim aus der Presse erfuhren, katapultierte Carl Akeley unverhofft in einen mythischen Heldenstatus. "Mensch gegen Bestie, Hirn und Muskeln gegen brutale Gewalt", so beschrieb "The Times" den tödlichen Kampf von Akeley in einem Text von 1905.

Nach seiner ersten Tour war Akeley von der afrikanischen Wildnis besessen. 1909 schlug er dem American Museum Of Natural History in New York vor, eine ganze Halle der afrikanischen Säugetiere einzurichten. Darin wollte er präparierte Tiere in einem Nachbau ihrer natürlichen Umgebung zeigen. Die Museumsleitung war von der Idee der "Hall of African Mammals" begeistert. Noch im gleichen Jahr war Akeley wieder in Afrika. "Der Besucher soll im schlimmsten Fall die Illusion haben, eine Reihe von Bildern des ursprünglichen Afrikas zu sehen", erklärte Akeley damals. "Im besten Fall wird er für einen Moment denken, er sei 5000 Meilen über das Meer getreten, nach Afrika selbst."

Die Idee der Dioramen machte Schule. Bald schon schwärmte ein ganzes Heer von Forschern aus, um überall auf der Welt nach Exponaten für verschiedene Themenhallen zu suchen. James L. Clarke beispielsweise, ein Schüler Akeleys, ging in Zentralasien auf die Jagd.

Menschen, Affen

Die Ehrfurcht, mit der Akeley den Tieren begegnete, unterschied sich vom Zeitgeist. Immer mehr Jagdtouristen stießen Anfang des 20. Jahrhunderts in vormals unberührte Rückzugsgebiete der Wildtiere vor. Auch Akeley lud reiche Geschäftsleute zur Jagd ein - um mit ihren Geldern seine Konservierung der Wildnis in den Hallen des Museums zu finanzieren. Eine Huldigung der Natur und des Lebens - ermöglicht durch die Lust am Töten.

Akeley konnte diesen Widerspruch nicht auflösen. Er holte ihn ein, als er 1921 im Kongo auf die Suche nach Berggorillas ging. "Ich glaube, dass der Gorilla normalerweise eine freundliche und anständige Kreatur ist", schrieb er in "Brightest Africa" entgegen der landläufigen Meinung, es handele sich um Monster. Fünf der Tiere erlegte er für das Museum. "Es bedurfte all meiner wissenschaftlichen Begeisterung, um mich nicht wie ein Mörder zu fühlen", gab er zerknirscht zu. Die Jagd auf die Menschenaffen hinterließ bei ihm einen starken Eindruck. Er begann, sie mit einer selbst entwickelten Kamera statt mit dem Gewehr zu schießen. Eine erste Tierdokumentation über die Berggorillas entstand. Ihnen zuliebe nutzte der Forscher zudem seine Bekanntschaft mit dem belgischen König Albert I. Auf Anraten Akeleys errichtete der Regent 1925 den Albert National Park, den ersten Nationalpark Afrikas.

Ein Jahr später brach Carl Akeley erneut in den Kongo auf - zu seiner letzten Reise. Der Mann, der mit einem Leoparden gerungen hatte, verstarb am 18. November an einer Fiebererkrankung. Nahe der Stelle, an der er das erste Mal einen Gorilla gesehen hatte. Dort wurde er auch begraben, am Mount Mikeno an der Grenze zu Ruanda. Zehn Jahre später sollte sein großes Werk in New York von seinen Nachfolgern vollendet werden - die Halle der afrikanischen Säugetiere war fertig. Seinen letzten Ruheort besichtigen heute jedes Jahr Millionen von Menschen - dargestellt in Akeleys Gorilla-Diorama in New York.



insgesamt 8 Beiträge
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Skeeve Adelmann, 28.04.2016
1.
naja..laut einem anderen Bericht war der Leopard durch eine Kugel schon schwer verwundet, und scheint ein extrem kleine Exemplar gewesenzu sein.
Sebastian Freund, 28.04.2016
2. @Stefan Mueller #1
Na dann ist das ja quasi ein Selbstläufer... Ich glaube, dass 90 % schon Probleme bei einem mittelgroßen Hund hätten. Aber eine angeschossene Wildkatze ist ja Kindergeburtstag. Zum Text: Interessant, wie sich der Forscher aktiv gegen den Zeitgeist gestellt hat. Das macht seine Arbeit noch bewundernswerter.
Stefan Gies, 28.04.2016
3. Ne.
Wer einen Leoparden jagt und tötet, lebt nicht für die Wildnis sondern für das Ego.
Roland Sens, 28.04.2016
4. Peinlicher Egomane
Wer Tiere quält und tötet zum Spaß, wie Jäger, gehört weggesperrt!
Max Fischer, 29.04.2016
5. Ach nö Herr Gries
Ich bin ja selbst Vegetarier, fast Veganer. Aber der Jaguar wollte Akeley jagen, nicht umgekehrt. Und wenn mich ein Tier töten will, so Vegi hin, Vegan her, ziehe ich es vor der Überlebende zu sein was durchaus im Tod des Angreifers enden kann. Das betrifft in meiner Wohnregion sowohl Malaria oder Chikunguya übertragende Moskitos als auch verwilderte Hunde oder giftige Schlangen. Das ist keine Freude, aber eben: ich lebe gerne. Herr Akeley tat dies auch.
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