Frühe Catch-Spektakel Der "Würger von Wien" - schier unschlagbar

Als Catchen Anfang der Fünfzigerjahre boomte, war "I.K." der Star im Ring: Er umschlich seine Gegner, sprang sie raubtierhaft an, würgte sie in die Ohnmacht - ein Maskenmann mit mysteriöser Vergangenheit und traurigem Ende.

Wiener Eislauf-Verein

Purer Hass schlug dem Ringer "I.K. Staatenlos" an diesem Oktoberabend 1951 entgegen. Gerade hatte er seinen Gegner Herbert Audersch per Würgegriff besiegt, bewusstlos war der beliebte Ex-Weltmeister auf die Bretter gekracht. Nun strömten Hunderte Menschen zum Ring, pfeifend und buhend. Sie warfen Papier, Sand, Flaschen und sogar Stühle in Richtung des Ringers im blau-weiß gestreiften Bademantel. Lynchstimmung im Nürnberger Holzmüller-Bau, so beschrieb später das örtliche "8 Uhr Blatt" die Lage.

Der nur unter den Initialen I.K. bekannte Kämpfer brauchte Polizeischutz, um in die Umkleidekabine zu verschwinden. Danach entstanden "unter den Besuchern verschiedentlich Raufereien, weil sie über den Kampfausgang geteilter Meinung waren", so die Zeitung. Selbst mit Verstärkung konnte die Polizei den Tumult kaum beenden.

Solche Szenen waren Anfang der Fünfzigerjahre häufig zu beobachten. Während in den USA Wrestling Erfolge feierte und der angebliche Deutsche Hans Schmidt dort die Rolle des finsteren Nazis spielte, war in den frühen Jahren der Bundesrepublik Ringen ungemein beliebt. Nicht das griechisch-römische, sondern Freistil. Genauer: "Catch as catch can" - eine Form des Ringkampfs, die praktisch alle Regeln aufhebt. Erlaubt ist, was dem Publikum gefällt und gut fürs Geschäft ist, viel Show inklusive. Was das Publikum nicht immer verstand.

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Kampfsport: Der berüchtigte Zangengriff des Würgers "I.K."

Außer Pferderennen und Fußball waren Catch-Turniere einst große Zuschauermagneten und zogen Tausende in Theater, Hallen oder Zelte. Am Wiener Heumarkt etwa gab es Ringkämpfe bereits ab 1892. Zu Beginn der Fünfzigerjahre waren die Zuschauerränge gut gefüllt - bis zu 15.000 Menschen fanden dort Platz.

Es war ein einträgliches Geschäft für die Veranstalter. In der Bundesrepublik zahlten Zuschauer meist eine Mark, für Topplätze am Ring sechs Mark. Ein Arbeiter verdiente damals laut Statistischem Bundesamt etwa 1,30 Mark in der Stunde.

Für viele Kämpfer lohnten sich Grifftechniken wie "Todeskrawatte" und Doppelnelson. Während unbekanntere Kämpfer zwischen 40 und 60 Mark pro Abend kassierten, kamen die Stars der Zunft auf ein Vielfaches.

Dauersieger durch speziellen Würgegriff

Der SPIEGEL errechnete für den Catcher Josef Vavra einen Jahresverdienst von 60.000 Mark und beschrieb ihn als "unerreichtes Prunkstück der Gattung Menschenfresser" mit der Aufgabe, Empörung zu schüren durch "verpönte Bosheiten wie Haare ausraufen, Augen zudrücken und Fußtritte in die Weichteile". Es war ein üppiges Einkommen zu einer Zeit, als deutsche Normalarbeitnehmer jährlich rund 3500 Mark bekamen.

Vor allem die "Bösewichte" veranlassten das Publikum zum Wiederkommen. Und trieben es zur Weißglut. König der Schurken war "I.K. Staatenlos", der berüchtigte "Würger von Wien". Vor allem wegen seiner eigenwilligen Kampftechnik: Wie ein Tier umschlich er seine Gegner, um sie dann von hinten anzuspringen. Mit seinen "damenhaft" dünnen Fingern drückte er seinen Gegnern die Halsschlagader ab, bis sie ohnmächtig wurden - laut SPIEGEL wandten Wundärzte und Chirurgen diesen Griff vor Entdeckung des Chloroforms an, um ihre Patienten zu betäuben.

So gewann "I.K." Kampf um Kampf. "Der Würgegriff, an dem der Unbekannte ein Jahr lang trainiert haben soll, verfehlte noch nie seine Wirkung", schrieb der "Stern" 1949 anerkennend.

Tod in der Umkleidekabine

Für die Presse war der mysteriöse Mann ein Knüller. Anfangs verdeckte er sein Gesicht mit einer schwarzen Maske; zahlreiche Zeitungen rätselten, wer sich darunter verbarg. "Bluff eines geschäftstüchtigen Managers? Maskierung eines gräßlich entstellten Gesichts? Oder Tarnkappe für ein aus guten Gründen zu hütendes Inkognito?", fragte der "Stern". Andere vermuteten hinter den Initialen I.K. einen britischen Offizier oder den ungarischen Raubtierbändiger Ignaz Karajan.

Für die Entlarvung der Identität gaben sich die Reporter risikobereit. "Als mir 'I.K.' seinen österreichischen Reisepaß zeigte, glaubte ich meine Chance für gekommen. Blitzschnell entriss ich ihm das Dokument und wollte Einsicht nehmen", schilderte ein Reporter des Nürnberger "8 Uhr Blatts" seinen Entlarvungsversuch. "Doch da packte mich von rückwärts bereits sein unheimlicher Würgegriff, bis mir schwarz vor den Augen wurde. Ohne "I.K.s" Namen gelesen zu haben, mußte ich das Dokument fallen lassen."

Die Enttarnung folgte trotzdem: Hinter "I.K. Staatenlos", der sich gern als "hochgestellte Persönlichkeit" vorstellte, steckte Franz Krivincka, Jahrgang 1912. Der tschechische Dachdecker hatte sich zu Zeiten der deutschen Besatzung einem SS-Verband angeschlossen, dem sogenannten Wenzelsturm. Um einer möglichen Verfolgung als Kriegsverbrecher durch die neue kommunistische Führung zu entgehen, war Krivincka nach Wien geflohen, wo er wenig später anonym als maskierter Würger in den Ring stieg.

Auch mit enthüllter Identität blieb er populär. Krivincka schien unbesiegbar. Das Scheusal gab er meisterhaft, riss Grimassen, verprügelte Schiedsrichter und seine am Boden liegenden Gegner. "Das ist der Mann, den 10.000 Münchner hassen", titelte die Münchner "Abendzeitung". Für Veranstalter Zurth war der Würger ein echter Kassenmagnet, den er mit 300 DM pro Abend reichlich vergütete.

Krivinckas Karriere fand ein tragisches Ende. Bei einem Turnier in Frankfurt beendete der Würger sein Match im Alaska-Catch (zwei gegen einen) gegen den französischen "Philosophiedoktor" Vitos und verschwand in der Umkleidekabine. "Dem habe ich es aber gegeben", habe der Tscheche noch zu seinem Kabinennachbarn Bubi Ehrl gesagt - dann sei er zusammengebrochen. Während die "Bild"-Zeitung einen Hirnschlag als Todesursache nannte, gab Catcher-Kollege René Lasartesse einen Herzschlag an.

"Eisbein rund und rosig / gibt's nur bei Bruno Mosig"

Krivincka starb 1955, kurz vor Ende des Catch-Booms. Bis dahin konnten Ringerkollegen wie Kurt Zehe, 2,19 Meter groß und mehr als 200 Kilogramm schwer (Ringname: Homosaurier), ihre Popularität auch für kleinere Filmrollen nutzen. Andere bauten sich aus ihren Ringeinnahmen ihre spätere Existenz auf. So eröffnete der berühmte Ringer Bruno Mosig Anfang der Fünfzigerjahre eine Gastwirtschaft im Bremer Vergnügungsviertel "Küste". Noch heute wissen alteingesessene Hansestädter: "Eisbein rund und rosig / gibt's nur bei Bruno Mosig".

Derweil formierten sich auch die Kritiker des Freistilringens. Vor allem ihr Argument, diese Darbietungen vermittelten Jugendlichen falsche Werte, verfing. So urteilte ein Bremer Gericht 1954: "Die Eindrücke eines Catcherkampfes sind wegen ihrer Eindrücklickeit und Unmittelbarkeit - im Gegensatz zu Kino oder Buch - besonders nachhaltig. Sie verlegen damit anderen, weniger aufputschenden, dafür aber ethisch bildenden Einflüssen den Weg in den an sich bildungsfähigen und bildungswilligen Menschen." Weitere Städte zogen nach, bis 1959 allgemein der Besuch von Catch-Veranstaltungen für unter 18-Jährige verboten wurde.

Lange füllten die Zuschauer Abend für Abend die Zelte. Veranstalter wie Rudolf Zurth verstanden es, ihre Kämpfe perfekt zu inszenieren. Als Gegner der Schurken präsentierten sie Modellathleten wie Boxeuropameister Conny Rux, Kolosse wie den "Homosaurier" und Exoten wie den Weddinger Obsthändler Nicolai Zigulinoff, der später als "Vulgar Bulgar" international Karriere machte.

Allmählich jedoch verlor das Publikum das Interesse an den Inszenierungen im Ring. Vielleicht hatte es sich einfach sattgesehen, vielleicht lag es auch am zunehmenden Wohlstand, der neue Formen der Freizeitgestaltung möglich machte.

Auch Deutschlands umtriebigster Veranstalter Rudolf Zurth hängte mit 59 Jahren das Catchen - er schrieb stets eingedeutscht "Ketschen" - an den Nagel und verkaufte sein Unternehmen. "Das Zeitalter des Schaugeschäfts ist vorbei", erklärte er 1955 im SPIEGEL. Und präsentierte sogleich seine neue Geschäftsidee: die Bibel als Comic herauszubringen.

insgesamt 2 Beiträge
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Walter Reiser, 24.06.2019
1. goldenes wiener herz
sie haben nicht erwähnt, dass man am heumarkt oft das goldene wiener herz beobachten konnte. mit aussprüchen wie 'reiß eam den schödl å und scheiß eam in hois' (trenne ihm den kopf ab und kacke ihm in den hals)
Wolfgang Rinner, 25.06.2019
2. Hannover war die letzte Deutsche Hochburg
Noch in den 90er fand jedes Jahr ein mehrwöchiges Turnier in einem Zelt statt. Mit dabei einige der Stars aus der US Catch Scene.
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