Champions-League-Finale Die Geburt der Last-Minute-Bayern

Hochtourig und elanvoll, gelegentlich brillant: 1999 rollten die Bayern mit Traumfußball die Liga auf, und auch in Europa schien niemand den Männern um Stefan Effenberg gewachsen - bis sie im Finale um die Champions League eine Niederlage ereilte, die das Team bis heute prägt.

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Von Christian Seidl


Schon, als der Linienrichter drei Minuten Nachspielzeit anzeigt, beschleicht Ottmar Hitzfeld ein schlechtes Gefühl. Und dann sieht er, wie sich knapp hinter der Mittellinie das Unheil anbahnt. Bedrängt von zwei Gegenspielern verliert Markus Babbel für einen Moment die Übersicht, dreht mit dem Ball in Richtung des eigenen Tores ab, und ihm bleibt nur eine Möglichkeit, aus der Situation rauszukommen: "Er kann den Ball zum Torwart zurückspielen, der drischt ihn auf die Tribüne, und der Schiedsrichter pfeift das Spiel ab", erinnert sich Hitzfeld.

Doch genau das tut Markus Babbel nicht. Rückpässe zu Oliver Kahn gelten weithin als Risiko; Babbel selbst verdankt das einzige Eigentor seiner Karriere einem Slapstick-reifen Fehlschlag seines Keepers. Also spielt er den miserabel postierten Thomas Linke an, der sogleich in ein Scharmützel verwickelt wird, aus dem sich die Bayern nur auf Kosten eines Eckballs retten können.

Es ist das Finale um die Champions League 1999, der FC Bayern führt 1:0 gegen Manchester United und hat nur noch diese Aktion zu überstehen, dann wartet die wichtigste europäische Vereinstrophäe. Dennoch entfährt dem Trainer auf der Bank ein "Verdammt". Heute sagt er: "Unbewusst habe ich es gespürt." Bewusst konnte "es" freilich weder er noch sonst ein Mensch spüren. Denn was kommen würde, war ein Drama, wie es auch im Fußball selten vorkommt - und in diesen Dimensionen bis dahin unbekannt war und bis heute ohne Beispiel ist.

Der FC Bayern hatte das Match bis dahin beherrscht und so gespielt, wie schon die ganze Saison 1998/99 über - in der Liga ebenso wie auf der großen Fußballbühne - hochtourig und elanvoll, mit Anflügen von Brillanz: Seitdem der aus Lörrach stammende Hitzfeld zu Beginn der Spielzeit an die Isar gewechselt war, fand das Team zu einem inspirierten Spiel, wie man es in München lange nicht gesehen hatte und sich seitdem von jedem seiner Nachfolger vergeblich erhoffte. Stefan Effenberg durchmaß mit raumgreifenden Schritten das Mittelfeld, dahinter sicherte der alternde Lothar Matthäus mit der Präsenz eines Nachtclubtürstehers das Terrain, auf den Flügeln paradierten die Ballartisten Mehmet Scholl und Mario Basler, und vorne lebte der Brasilianer Giovane Élber seinen Spieltrieb aus, ein Torjäger, wie ihn der Club seit Gerd Müller nicht mehr hatte.

Rauschhafter Fußball, handzahme Spieler

Der nationalen Konkurrenz war das Team am Ende der Meisterschaft um unglaubliche 15 Punkte enteilt, rauschhafte Europapokalabende bescherten dem staunenden Publikum Siege gegen Barcelona und Kiew. "Seit 25 Jahren macht es endlich wieder Spaß, ins Olympiastadion zu kommen", schwärmte sogar der Kaiser. Nicht nur erfolgreicher, sondern schöner Fußball - auch Jürgen Klinsmann scheiterte letztlich am Traum jener Tage, die bis heute, zehn Jahre später, als Versprechen stehen und doch wie eine unendlich ferne Vergangenheit scheinen.

Mit der Freude am Spiel ging eine ebenfalls nicht gekannte Ruhe im Club einher. Am Ende eines Jahrzehnts, in dem der FC Bayern zum Schlagzeilenlieferanten "FC Hollywood" geraten war, kehrte plötzlich Frieden und Glückseligkeit ein an der Säbener Straße. Selbst bekannt schwierige Charaktere wie Matthäus und Effenberg konzentrierten sich auf ihren Job - und spielten den Fußball ihres Lebens. Ottmar Hitzfeld, der in jungen Jahren selber nicht zu der eher pflegeleichten Sorte von Fußballern gehörte, verfuhr nach einem schlichten, aber effektiven Konzept. Er nahm die Spieler erstens ernst und zweitens in die Verantwortung, besonders die Leistungsträger im Team: "Die muss man stark machen, denn sie führen das Team, und man muss ihnen Respekt entgegenbringen und Vertrauen schenken, das bekommt man dann auch zurück." Tatsächlich schuf Hitzfeld eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens, wie sie im kalten Profifußball selten war. Und Respekt wurde fortan zum Leitmotiv beim FC Bayern - es beflügelte die Stimmung, förderte die Leistung, leitete die Energie.

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Diese eine Niederlage: Ganz unten

Nichts und niemand schien die Bayern zu stoppen in jenen Tagen. Auch nicht Manchester United, der reichste und spektakulärste Fußballverein der Welt, der am 26. Mai 1999 als Gegner im Finale um die Champions League wartete.

"Diese Möglichkeit kriegt ihr vielleicht nur einmal im Leben", gibt Ottmar Hitzfeld seinen Spielern mit auf den Weg, bevor sie den Rasen des altehrwürdigen Estadio Camp Nou in Barcelona betreten. Dabei ist der FC Bayern gehandicapt. Giovane Élber war ein paar Wochen zuvor bei einem Bundesliga-Spiel in Hamburg das Kreuzband gerissen, Bixente Lizarazu, der etatmäßige Linksverteidiger beim FC Bayern und in der französischen Weltmeisterelf, hatte sich bei einem Länderspiel zuschanden gelaufen. So sehen sich zehn deutsche Jungs und der ghanaische Vorstopper Sammy Kuffour einer mit Stars gespickten Schautruppe gegenüber. Ryan Giggs etwa, dem walisische Dribbelzwerg, oder David Beckham, einem adretten Außenstürmer mit blonder Pompadourfrisur, dessen Fähigkeit, um die Ecke zu schießen, gerade dabei war, zur Weltattraktion zu werden.

Die längsten 103 Sekunden der Fußballgeschichte

Dennoch übernehmen die Bayern vom Anpfiff weg das Kommando. Kaum hat es sich der letzte Zuschauer auf seinem Platz bequem gemacht, wird Carsten Jancker an der Strafraumgrenze umgerissen, und Mario Basler zirkelt den Freistoß um die mancunische Abwehrmauer ins Netz. Die Bayern führen 1:0, und die Engländer brauchen die komplette erste Halbzeit, um das zu verarbeiten. Wie paralysiert wirken die vielbestaunten Wunderkicker von der Insel. Nach der Pause verstärkt Manchester den Druck. Doch die Bayern haben das Spiel unter Kontrolle und warten kühl auf die Chance, dem Feind den entscheidenden Stoß zu verpassen. Doch noch hat immer irgendwer was dagegen. Mal ist es Jaap Stam, der holländische Vorstopper von "ManU", ein Mann mit ausgreifenden Körperdimensionen und einem Gesicht, das stets so wirkt, als gehörte es dringend mal wieder gewaschen und gebügelt. Mal ist es Schmeichel, der famose dänische Keeper. Oder es ist das Torgestänge, das erst Scholl, dann Jancker den Weg in die Unsterblichkeit verwehrt.

Die Engländer haben längst alle Spielkultur über den Haufen geworfen und dreschen die Bälle nur noch nach vorne, wo inzwischen auch der englische Altinternationale Teddy Sheringham Stellung bezogen hat sowie der norwegische Edeljoker Ole Gunnar Solskjaer. An der Seitenlinie feiert bereits Mario Basler, der sich in der 89. Minute aus der Partie verabschiedet hat, um sich von den mitgereisten Bayern-Fans den verdienten Sonderapplaus abzuholen. Auch Lothar Matthäus hat sich im Gefühl des Sieges auswechseln lassen. Es kann nicht mehr lang gehen. Und die Bayern sind ja am Ball. Auch, wenn Markus Babbel da hinten noch mal massiv bedrängt wird.

Die folgenden 103 Sekunden werden sich für immer in die Bayern-Seelen einbrennen, und die Frage, wer die Ereignisse wo und wie erlebt hat, wird in Deutschland wie in England die Gemüter erregen, bis keiner mehr aus lebendiger Erinnerung davon berichten kann. David Beckham tritt den Eckballball scharf in den Strafraum, ein verunglückter Befreiungsschlag von Thorsten Fink landet knapp außerhalb des Strafraums bei Ryan Giggs, der das Leder wie ein retournierender Tennisspieler zurückfeuert, dabei die Fußspitze von Teddy Sheringham trifft, und auf einmal beult sich das Tornetz: Ausgleich.

Ein Spiel als Abbild des Lebens

Der italienische Schiedsrichter Collina pfeift das Spiel noch einmal an, die schockierten Bayern verlieren umgehend den Ball, die Engländer fahren einen letzten Angriff, und erzwingen einen allerletzten Eckball. Wieder läuft Beckham hinaus, wieder tritt er den Ball scharf in den Strafraum. Und wieder landet der Ball nach mehrmaliger jäher Richtungsänderung auf einer Fußspitze, diesmal ist es die von Solskjaer, und wieder ist der Ball im Tor. 2:1 für Manchester United. Dann ist das Spiel aus.

Heute gelten die Ereignisse als eine jener großen, vom Hauch des Irrealen umwehten Niederlagen, in denen der Sport zu sich selbst findet: als Abbild des Lebens, mit all seinen Ungerechtigkeiten und unkontrollierbaren Wendungen.

Und die Bayern zeigten Größe. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff reichte Ottmar Hitzfeld seinem Gegenüber Ferguson die Hand, die Spieler holten sich artig die Silbermedaille und applaudierten den Siegern. Hitzfeld sagt: "Sport ist, wenn man wegsteckt und gerade so eine bittere Niederlage als Antriebsfeder nimmt, es das nächste Mal besser zu machen."

Besser, das hieß: Nie wieder würden die Bayern ein Spiel abhaken, ehe nicht der letzte Pfiff ertönt ist. So wurde die Niederlage von Barcelona zur Geburtsstunde der "Last Minute Bayern". Nur ein Jahr später fingen Hitzfelds Männer am letzten Bundesliga-Spieltag noch die Elf von Bayer Leverkusen ab, die gegen jede Wahrscheinlichkeit in Unterhaching verlor. Zwölf Monate später entrissen sie mit einem Freistoß vier Minuten nach Ablauf der regulären Spielzeit den bereits feiernden Schalkern die Schale. Am 23. Mai 2001 wurde die Geschichte endgültig korrigiert: Der FC Bayern steht in Mailand im Champions-League-Finale gegen den FC Valencia. Die Bayern verschießen im Lauf des Spiels drei Elfmeter, der letzte und entscheidende Strafstoß landet jedoch in den Händen von Oliver Kahn. Bayern ist am Ziel. "1999 war vergessen", sagt Hitzfeld. Aber es hatte dieses Team geprägt: "Wir spielten zwei Jahre am Limit. Solange, bis es endlich wir waren, die dort oben standen."



insgesamt 6 Beiträge
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Markus Auer, 30.04.2009
1.
Sehr guter Artikel, nur die Bayern standen 2001 gegen Valencia im Finale und nicht gegen Porto, wie unten im Artikel beschrieben.
Christian Zink, 30.04.2009
2.
Das Endspiel 2001 war nicht gegen Porto, sondern gegen den FC Valencia
Bernd Claushues, 30.04.2009
3.
Schöner Bericht. Nur zwei kleine Korrekturen. Zentrale Innenverteidiger wie Jaap Stam oder Samy Kuffour nannte man bereits 1999 nicht mehr Vorstopper und die Bayern gewannen das Finale 2001 nicht gegen Porto sondern gegen Valencia.
Marc Ambrosius, 30.04.2009
4.
2001 lautete das Finale Bayern - Valencia
Michael Maier, 30.04.2009
5.
Der Bericht ist eigentlich gut. Zusammen mit der Bildergalerie vermittelt er aber einen de facto falschen Eindruck: Peter Schmeichel hat an diesem Tag bestimmt nicht den Sieg der Bayern verhindert. Seine Leistung war eine einzige Katastrophe, zahlreiche unsichere Aktionen prägten an diesem Abend sein Spiel. Mit diesem Bericht wird jemand zum Helden stilisiert, der er in keinster Weise war!!!
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