Computermäuse im Museum Die Sendung mit der Maus

Bill Gates höchstpersönlich, heißt es in einer Pressemitteilung der Pinakothek der Moderne in München, habe im Firmenarchiv gestöbert, um dem Museum eine vollständige Sammlung von Microsoft-Mäusen zukommen zu lassen. Dokumentierten sie nur Meilensteine im IT-Design, oder auch in unserem "digitalen Leben"?

DDP

Mäuse sind aus unserem Leben seit langer Zeit nicht mehr wegzudenken. Die kleinen grauen Nager gehörten zu den frühesten Kulturfolgern: Weil der Mensch beim Essen nicht nur kleckert, sondern auch Esswaren hortet wie ein Hamster, lohnte es sich für die kleinen Vertreter der Gattung Murinae, das wilde Steppen- und Felderleben aufzugeben und sich ans häusliche Leben anzupassen.

Heute sehen die Haus-Nager auch deshalb schon deutlich anders aus als ihre Verwandten im Feld. Ja, innerhalb Europas haben sich vor etwa 5000 Jahren sogar schon genetisch distinkte Unterarten ausgebildet. Mus musculus domesticus etwa nagt im Westen des Kontinents, während Mus musculus musculus sich lieber über die Speisereste im Osten hermacht. Die Geschichte der Maus nur anhand einer dieser beiden Gattungen dokumentieren zu wollen, das wäre allerdings so, als würde die Pinakothek in München die Geschichte der Computermaus nur anhand von Microsoft-Mäusen dokumentieren wollen.

Andererseits: Die MS-Mäuse dokumentieren zumindest das sich verändernde Design der Maus als Zeigegerät am Grafischen Computerinterface in Zeiten seiner Massenverbreitung. Uff, was für ein Satz: Man könnte stattdessen auch sagen, sie dokumentierten Microsofts Aufstieg. Oder unseren Einstieg.

Denn bekanntlich ließ sich Microsoft, ganz so wie wir "Masse" der Verbraucher, mit Verspätung auf viele Innovationen ein - vermarktete diese dann aber mit weit mehr Geschick als die innovative Konkurrenz.

Die Geburt der Mäuse

So begann die Geschichte der Microsoft-Maus ziemlich genau 20 Jahre, nachdem das Zeigegerät von Douglas C. Engelbart und William English erfunden wurde. Die forschten am Stanford Research Institute und hatten es nicht eilig, ihre anfänglich wenig nützliche Erfindung der Öffentlichkeit vorzustellen. Erst 1968, fünf Jahre nach den ersten Versuchen, war die Maus erstmals öffentlich zu besichtigen - was aber kaum jemanden interessierte.

Pech für die Entwickler, denn die ersten grafischen Interfaces, die die Maus als Kontroll- und Zeigegerät erst interessant machten, wurden erst 1973 von Xerox vorgestellt. Als 1981 die ersten käuflichen Mäuse auf den Markt kamen, verdienten die Erfinder schon längst nicht mehr mit: Ihr Patent war abgelaufen. Viel hatte allerdings auch Xerox nicht davon, denn ihr Maus-Engagement wurde kein Erfolg.

Mehr holte da schon die noch junge Firma Apple aus der Erfindung heraus. Sie hatte von Xerox eine Lizenz für die Maus erworben und stattete 1983 den Lisa-Rechner damit aus - technisch ein echter Fortschritt für Apple, kommerziell jedoch ein Flop.

Doch schnell ließ Apple darauf den "Macintosh" folgen, der auch die Maus als Standard-Kontrollinstrument für Heimcomputer etablierte. Über Apples Bemühungen durfte sich dann auch Microsoft freuen, das seine erste Maus 1983 für stolze 195 Dollar pro Stück auf den Markt warf - trotz eines in DOS-Zeiten noch sehr eingeschränkten Nutzwertes.

Denn die Veröffentlichung von Windows 1.0 - die Gates hinter den Kulissen ab 1983 massiv forcierte - verzögerte sich ein ums andere Mal. Eine Maus ist nur dann wirklich sinnvoll, wenn man mit ihr über ein Grafisches Nutzer-Interface (GUI) direkt Prozesse auf dem Computer kontrollieren kann. Solch ein "GUI" hatte Microsoft zwar in der Entwicklung, hinkte Apple damit jedoch deutlich hinterher.

Microsoft lässt sich "verappeln"

Denn Apple kam der für den April 1984 geplanten Vorstellung von Windows mit der Veröffentlichung des "Mac" um drei Monate zuvor, worauf Gates die Reißleine zog: Er ließ vor allem das Design noch einmal verbessern - seine Kritiker unkten, "verappeln". Erst im November 1985 schaffte Microsoft dann den Marktgang von Windows, das zunächst aber nicht mehr bot als eine grafische Schnittstelle hin zu DOS-Programmen.

Trotzdem markiert nicht nur die Veröffentlichung von Windows, sondern gerade auch der Verkauf von Microsoft-Mäusen und -keyboards einen Wendepunkt in der Geschichte von Microsoft.

Zum ersten Mal war der Software-Hersteller, dessen Erfolg mit der Basic-Lizenz zur Ausstattung von IBM-Rechnern begonnen hatte, der also stets nicht mehr als ein "Zulieferer" gewesen war, stofflich fassbar.

Microsoft mutierte zur Marke: Selbst wenn der "IBM-PC", wie die Rechner der den PCs bis heute zugrunde liegenden Grundarchitektur anfänglich genannt wurden, abgestürzt danieder lag, prangte noch das Microsoft-Logo auf Tastatur und Maus. Es dauerte da nicht lang, bis aus dem "IBM-PC" ein "DOS-" (nur halb zärtlich "Dose" genannt) oder später "Windows-Rechner" geworden war.

Bill Gates und seine Mäuse

Parallel dazu mutierte Microsoft-Mitbegründer Bill Gates in der öffentlichen Wahrnehmung langsam vom Robin Hood der IT-Welt (im Kampf gegen den Sheriff von IBM) zum großen Buhmann. Gates Beliebtheitsgrad sank proportional zur Zahl der Mäuse, die auf seinem Bankkonto landeten. Weniger zynisch: Je mehr Microsoft selbst zu einer Macht, am Ende der Macht in der IT-Welt wurde, desto weniger "Aufsteiger-Symphatien" konnte der Konzern für sich verbuchen.

Doch zurück zur Maus: Dass Microsoft immer nur ein reiner Software-Hersteller gewesen sei, bis zum Verkaufsstart der Xbox im November 2001 mit Ausnahme von Keyboards und Mäusen aber nie Hardware verkauft habe, stimmt nicht ganz.

Zum weltweit verkauften Produkt-Portfolio gehörten diverse Kontrollgeräte, die auf Maustechnik beruhten, wie der 1991 eingeführte Ballpoint, später Trackballs. Auch diverse Gamepads und Steuerräder für Rennspiele wurden in den Neunzigern mit dem Microsoft-Logo verkauft.

In den USA verkaufte MS zudem Telefone, Zusatzgeräte zum Kabelfernsehen (Microsoft engagierte sich früh im US-Kabelgeschäft), Lautsprecher und - völlig skurril - auch Lernspielzeug. Dazu gehörten ab 1997 mit dem PC verbundene Knuddeltoys ("ActiMates"), aber auch der in Kooperation mit Fisher-Prize entwickelte Kleinkinder-Computer-Lerntisch "IntelliTable".

Keine Ur-, aber eine Hausmaus

Erst Anfang 1983 also begann die Entwicklung der distinkten Unterart Microsoft-Maus, die die Pinakothek dank einer Schenkung von Microsoft künftig in ihren Meilensteinen von der ersten primitiven Zwei-Tasten-Maus bis zur optischen, spacig aufgepeppten Funkmaus dokumentieren kann. Die Mäuse landen im permanenten Sammlungsbereich "Computer Culture" des Designmuseums und sind demnächst in der Pinakothek der Moderne zu besichtigen.

Eine Dokumentation der Evolution der Maus an sich ist das natürlich nicht.

Für die meisten von uns aber ist es eine Dokumentation unserer persönlichen Hausmaus, im Gegensatz zu ihren irgendwo im weiten (Forschungs-)Feld lebenden Ahnen massenhaft und weltweit verbreitet. Da die Veröffentlichung neuer Mausgenerationen und -Techniken grob mit den Entwicklungsschüben auf dem Betriebssystem-Sektor korreliert, werden viele von uns ihren ganz persönlichen Einstieg in das "Computern" anhand solcher Mäuse benennen können.

So ist das eben mit technischen Museumsstücken: Eigentlich laden sie weniger zu einer Reise in ihre, als vielmehr durch unsere Zeit ein.

Frank Patalong

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 26. Juli 2005



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