Britischer Klub für lebensgefährliche Sportarten Die Urväter des Extremsports

Sie flogen mit Drachen von Vulkanen, fuhren im Bett durchs Wildwasser und erfanden Bungee-Springen: Exzentriker aus Oxford zelebrierten Risikosport mit feiner englischer Art. Bis ihre Experimente tragisch endeten.

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Die Lebensgefahr sah man der Anzeige nicht gleich an. "Jagdtreffen der St.-Moritz-Jagdhunde" stand am 23. März 1984 in der britischen Zeitung "Horse & Hound", zwischen Werbung für Stallbausätze und Terminen für Jagdprüfungen. Auffällig war nur der Ort des Treffens: Sass Runzöl - ein Sessellift im mondänen Schweizer Skiparadies St. Moritz.

Tatsächlich war dort drei Tage später eine Art Jagd zu erleben: Zwei Gentlemen in roten Fuchsjagd-Jacketts preschten die Piste mit einem Styropor-Schimmel hinab. Darauf saß einer, der andere klammerte sich an die Beine, an die Skier montiert waren.

Kaum konnte das Publikum die Porsche-Sonnenbrillen zurechtrücken, rasten die nächsten beiden Herren hinterher - per Tandem. Und dann: ein Pärchen im Himmelbett. Ein Frackträger auf einem Gummielefanten. Eine Tropeninsel mit Palme, Strand, Hai, Tourist, Krokodil. Und ein bemanntes Cruise Missile, das stolze 120 Stundenkilometer erreichte, bevor es kontrolliert an einem Baum zerschellte.

Heil kam kaum einer ans Pistenende: Das Tandem überschlug sich, der Elefant warf seinen Reiter ab, die Insel zersplitterte an einer Pistenraupe. Zum Glück verletzte sich niemand ernsthaft. Nur dem Pferd wurde der Kopf sauber abgetrennt - zum Glück nur Styropor.

Veranstalter des Rennens war der englische Dangerous Sports Club (DSC). Die Oxford-Studenten mit dem Ziel, neue und riskante Sportarten zu erfinden, wurden Urväter des Extremsports, bevor es das Wort überhaupt gab. Wobei das Skirennen weder ihre erste Aktion war noch ihre letzte. Und definitiv nicht die gefährlichste.

Ein Skiurlaub in St. Moritz war 1977 auch der Beginn der Klubgeschichte. David Kirke hatte in Oxford Psychologie und Philosophie studiert, ein junger Mann aus betuchtem Hause: Man hatte Bedienstete und fuhr Rolls-Royce. Kirke liebte Sport, verabscheute aber Regeln. Genau wie Chris Baker, den er in St. Moritz kennenlernte.

Einkaufswagen im Eiskanal

Baker war ein früher Anhänger des Hängegleitens. Wie er sich mit seinem klapprig wirkenden Drachen die Hänge hinabstürzte, faszinierte Kirke: "Ein Kunstwerk in einem unendlichen Rahmen". Er log, er sei selbst Drachenflieger, damit Baker auch ihn starten ließ. Völlig ahnungslos schmiss Kirke sich in die Tiefe - und überlebte.

Statt dankbar den Boden zu küssen, beschloss Kirke, sein Leben viel, viel gefährlicher zu machen. In einer Bar planten die beiden einen weiteren der zahlreichen Studentenklubs in Oxford: den Dangerous Sports Club, gewidmet "albernen und gefährlichen Dingen, die Spaß machen und Bürokraten verärgern", wie Baker es 2013 in "Vanity Fair" beschrieb.

In Oxford fand Kirke Gleichgesinnte. Künftige Anwälte, Raketenforscher oder Politiker - sie waren bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Nur zum Spaß. Sogar eine Klubkrawatte entwarfen sie, mit einem Rollstuhlsymbol.

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Dangerous Sports Club: Wahnsinn, Sport und viel Champagner

Großen Wert legte der DSC auf Snobismus: Zu Sportevents kam man im Smoking, mit Zylinder und Champagnerglas. Manche Disziplinen waren nur schrullig - wie das Sänften-Krocket 1981 bei einer Teeparty des niederländischen Botschafters. Vier Träger schleppten den Spieler in einer Sänfte zum Ball, den er aus dem Fenster gelehnt schlug. Darauf folgte eine Runde Sänften-Tennis.

Die meisten Sportarten waren riskanter: Man fuhr etwa beim "Dry Skiing" Grashügel auf Eisblöcken hinunter oder trat auf einem Skateboard zu den Stierläufen von Pamplona an. In Irland gingen sie in einem Bett auf Wildwasserfahrt, mit Morgenmantel und English Breakfast.

Um die "Grenzen menschlichen Erlebens zu erweitern", so DSC-Mitglied Hugo Spowers, riskierten sie viel, ob beim Eiskanalrennen im Einkaufswagen, Drachenfliegen von Vulkanen oder bei Fallschirmsprüngen von Strommasten. "Die Leute denken, dass wir verrückt sind", erklärte Kirke. "Wir glauben, dass sie irre sind, solch stumpfsinnige Leben auszuhalten."

Die ersten Bungee-Sprünge

Oft war er es, der die Latte höher legte, wenn er sich etwa per Schleuder von einem 275 Meter hohen Kliff schießen ließ, aufs Meer hinaus mit einem Fallschirm. Viele DSC-"Sportarten" sahen für Außenstehende wie Selbstmord aus. Eine davon sollte sogar zum Trendsport werden.

Am Morgen des 1. April 1979 erschienen Polizisten auf der rund hundert Meter hohen Clifton-Hängebrücke von Bristol. Zwei Frauen hatten sie alarmiert, ihr Bruder Alan Weston plane, sich dort umzubringen. Weil niemand da war, fuhren die Polizisten weiter und hielten es für einen Aprilscherz.

Kurz darauf traf eine Gruppe junger Männer ein. In Anzug und Zylinderhut trat einer mit Champagnerflasche in der Hand vor und stürzte sich übers Geländer. Ein zweiter sprang hinterher. Ein dritter. Und vierter. Die Polizisten kamen zu spät zurück: Die vier DSC-Männer baumelten bereits unter der Brücke, an Gummiseilen, mit denen man sonst landende Jets auf Flugzeugträgern auffing. Es waren die ersten Bungee-Sprünge der Welt.

Auf die Idee gebracht hatte Chris Baker das traditionelle Lianenspringen auf der Pazifikinsel Pentecost. Dort stürzten sich Männer von einem Holzturm, gesichert nur mit um die Knöchel gebundenen Lianen. Die Ingenieurstudenten im DSC berechneten ihre Überlebenschancen mit Computermodellen und holten die Meinung einiger Mediziner ein. "Sie rieten uns dringend ab", so Baker.

Was die Oxford-Studenten natürlich ignorierten. "Wir wollen eine weltweite Welle auslösen", erklärte Kirke der "Daily Mail" nach dem Sprung. Das gelang: Sie wiederholten die Aktion von der Golden Gate Bridge in Kalifornien und der Royal Gorge Bridge in Colorado, Bungee-Jumping wurde zur Mediensensation. Bald vermarktete der DSC die Sprünge auf Jahrmärkten, bei Geschäftseröffnungen, wo auch immer dafür gezahlt wurde.

Flucht vor dem Gesetz

Denn Geld war zum Problem geworden. "Tatsächlich kostete jede Idee viel mehr, als je reinkam", schreibt DSC-Fotograf Dafydd Jones auf seiner Homepage. Sie versuchten es mit einem Dangerous-Sports-Wein, tranken ihn aber selbst aus. Dann bezahlte eine australische Biermarke dafür, dass Kirke im aufblasbaren Känguru über den Ärmelkanal flog und die Höhe durch Verschütten von Bier regulierte. Aber reich wurde so keiner.

Kirke schien das nicht zu stören. Von Geschäften verstand er nichts, stritt oft mit Sponsoren, wichtig war ihm die Idee. "David sagte immer, uns alle vereine die Angst vor einem normalen Job", sagt DSC-Mitglied Alexander Rufus-Isaacs. "Ein schönes Studentenideal, aber so kannst du verdammt noch mal nicht leben." Ende der Achtzigerjahre zog er nach Los Angeles und wurde ein hochdotierter Anwalt für Medienrecht.

Immer mehr gingen: Alan Weston wurde Raketenforscher der U.S. Air Force, Tim Hunt Vertreter der von Andy Warhol hinterlassenen Stiftung, Phillip Oppenheim sogar britischer Schatzminister. Andere gerieten mit Kirke aneinander, weil sie Geld mit dem DSC machen wollten: Als Martin Lyster ein Buch über den Klub veröffentlichte, klagte Kirke, der ein eigenes Buch plante, Lyster wolle "wie die Hyänen Stücke aus mir herausreißen".

Schließlich stand Kirke ohne die alten Freunde da, ohne Geld, ohne Klub. Er kam wegen Kreditkartenbetrugs vor Gericht und beteuerte, er sei schlicht zu stolz gewesen, Geld zu leihen. Kirke floh vor der Justiz. Spowers und Rufus-Isaacs spürten ihn in Frankreich auf, wo er in einem unbeheizten Bauernhaus auf dem Boden schlief. Das Gericht sprach ihn 1990 schuldig. Die viereinhalb Monate in Haft nannte Kirke danach ein "tief genossenes Sabbatical".

Das tödliche Katapult

Der Klub geriet in Vergessenheit - bis zu entsetzlichen Schlagzeilen 2002. Ex-Mitglied David Aitkenhead hatte im April 2000 mit DSC-Alumnus Richard Wicks begonnen, eine alte Klubdisziplin weiterzuentwickeln: das Katapult-Menschenschleudern. Für einen Fernsehfilm hatte Aitkenhead sich schon 1988 in einen Fluss katapultieren lassen und beim Aufprall einen Lungenriss erlitten.

Das, fanden sie, war ausbaufähig. Mit einer Blide. Diese größte Form des mittelalterlichen Katapults konnten durch eine Schlinge am Wurfarm Geschosse viel weiter verschießen. Oder Menschen, denn mitunter wurde sie auch zu Hinrichtungen benutzt. So hatte etwa Markgraf Heinrich von Meißen 1247 einen verfeindeten Ratsherren per Blide von der Wartburg geschleudert.

Auf einer Farm in Somerset tüftelten Wick und Aitkenhead lange an einem acht Meter hohen Exemplar. Beim Test wurde Wicks Freundin aus dem zwischen Telefonmasten gespannten Auffangnetz herausgeschleudert - und brach sich das Becken dreifach. Sie legten Gummireifen unter das Netz.

Am 24. November 2002 wollte eine Gruppe von Freiwilligen sich auf der Farm mit 100 Stundenkilometern 30 Meter durch die Luft schießen lassen. Mit dabei war Biochemiestudent Kostadin Iliew Jankow, 19, Spitzname "Dino". Er zahlte 40 Pfund für den kurzen Flug. Fünf waren vor ihm dran, ohne Komplikationen. Doch Jankow verfehlte das Netz knapp, sein Körper schlug mit einem dumpfen Knall auf den Boden. Er starb wenig später.

Aitkenhead und Wicks wurden wegen Totschlags angeklagt. Kirke bot seine Aussage an: Dies sei "ein außerordentlicher Musterfall zum Recht auf eigenes Experimentieren versus soziale Verantwortung". Man lud ihn nicht vor. Zeugen sagten aus, sie hätten darauf hingewiesen, dass die vor Jankow Geschleuderten zu nah an der Netzkante aufgekommen seien. Doch 2004 kam der Freispruch - aus Mangel an Beweisen.

Das Erbe des DSC war vernichtet. Störrisch schmiedete Kirke Pläne, mit einem 30 Meter langen, heliumgefüllten Pegasus vom Olymp über das Mittelmeer zu fliegen. Keiner wollte es mehr finanzieren. Der Mythos der Sport-Exzentriker, die alles gegen die Langeweile riskierten und damit davonkamen, war mit Jankow gestorben. Der Tod, all die Jahre ein theoretischer Faktor, war nun ganz real.

Stets hatte Kirke furchtlos vor dem Tod gewirkt. Vielleicht aber war genau das Gegenteil der Grund für sein Handeln. "Man hat nur eine so kurze Zeit hier und lässt so winzige Fußabdrücke zurück", erklärte er 2004 seinen Antrieb, als er gerade ein Wagner-Konzert auf einem Felsen mitten im Atlantik plante. "Ich möchte einfach, dass meine größer sind als die meisten anderen."

insgesamt 7 Beiträge
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Michael Brinkmeier, 20.06.2019
1. Meine neuen...
...Helden!
Swanhild Bernstein, 20.06.2019
2. Für sowas muss man Engländer sein!
Ansonsten kann man seinen Spleen nicht ausleben, in Deutschland würde dafür niemand Geld ausgeben und im Zweifelsfall die Polizei rufen.
Mani Sadeghi, 20.06.2019
3.
Nee, nicht wirklich. Spruenge vom Turm, am elastischen Seil, sind im Sued-Pazifik schon lange vorher Tradition gewesen. Das Material ist anders, der Name auch (land diving)... aber im Wesentlichen ist es das Gleiche.
Papazaca, 21.06.2019
4. Schön bekloppt, aber auch tödlich
Eigentlich kann man soviel Beklopptheit nur sympathisch finden. Aber leider kann es auch tödlich enden. Oder im Rollstuhl. Das ist dann nicht mehr lustig. Aber das ist vielleicht die grundsätzliche Crux: Kann das Spiel mit der Gefahr ungefährlich sein? Natürlich nicht. Eines stimmt aber sicher: Was ist mit der Gefahr, an zu viel Langeweile zu sterben? Wie auch immer, das Ganze ist mir sehr sympathisch, in der Theorie. Trotzdem würde ich nie Mitglied in diesem wahrhaft bekloppten Club, dazu bin ich nicht bekloppt genug, ich hänge einfach zu sehr an meinem süßen Leben. Darauf eine Buttermilch!
Dirk Werner, 21.06.2019
5. Mitglied?
Das ganze Chaos erinnerte mich sofort an Boris Johnson. Der will doch auch immer mit dem Kopf durch die Wand. war der da mal Mitglied?
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