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09. Oktober 2014, 06:18 Uhr

DDR-Bildband

Schnappschüsse aus dem Arbeiterstaat

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Ein neuer Bildband zeigt den Alltag in der DDR: Hobby-Indianer im Wohnzimmer, den Rentnerball unterm Honecker-Porträt, die Liebe in der Laubenkolonie. Mit der Ästhetik der SED-Propaganda hat das wenig zu tun.

Erich Honecker lächelte. Freundlich blickten seine Augen durch die Hornbrille auf das tanzende Paar vor ihm. Vor dem gerahmten Porträt des Machthabers führte an diesem Abend gerade ein greiser Mann mit Napoleonshut seine Begleiterin über das Parkett. Die Seniorin, hübsch gemacht mit einem glitzernden Partyhütchen auf ihrem ergrauten Haar, tanzte mit ihrem Napoleon gerade ins neue Jahr.

Wo genau sich in den Achtzigerjahren diese Silvesterszene aus einem Altenheim in der DDR abspielte, ist nicht überliefert. Und die Erkenntnis, dass Senioren in der ostdeutschen Diktatur ins neue Jahr tanzten, wird kaum die Geschichtsschreibung umwälzen. Aber es sind genau solche abseits der offiziellen Bildästhetik entstandenen Fotos, die das sozialistische Deutschland in einem authentischen Licht zeigen. Sie zeigen: So perfide der SED-Staat seine Bürger auch überwachte - es gab zugleich auch einen in weiten Teilen davon unberührten Alltag.

Denn trotz Totalüberwachung und Schießbefehl ging das Leben auf Bauernhöfen in der Uckermark, in Ferienanlagen auf Usedom oder auf Baustellen in Ostsachsen weiter. Wie genau dieser DDR-Alltag aussah, zeigen zwei jetzt erschienene Bildbände.

"Das pure Leben" hat Herausgeber Mathias Bertram die Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotos genannt. "Pur" sollen diese Bilder des DDR-Alltags sein, weil sie keine Auftragsarbeiten des moskautreuen Regimes enthalten. Stattdessen hat Bertram 330 Fotos von mehr als 60 fast ausschließlich ostdeutschen Fotografen ausgewählt. Die beiden Bände sind chronologisch geordnet, aufgeteilt in einen Band über die frühen Jahre bis 1975 und einen Teil für die Zeit bis zur Wiedervereinigung. So wird eine unverklärte Zeitreise durch jenen Staat möglich, der vor einem Vierteljahrhundert unterging.

Bilder von Volkspolizisten an der Berliner Mauer, von düsteren Gängen aus Stasi-Gefängnissen oder Militärparaden der Nationalen Volksarmee sucht man vergeblich unter diesen Aufnahmen. Und doch verfallen sie nicht in belanglose Heiterkeit - sondern zeigen eindringliche Alltagsmotive wie schläfrige Fahrgäste in der U-Bahn, Familien beim sonntäglichen Kartenspiel im Bett oder Regenpfützen in tristen Großstadtvierteln. einestages zeigt die schönsten dieser Momentaufnahmen aus der "puren" DDR.

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