DDR-Fotograf Das Auge des Ost-Rock

Bei ihm standen die Stars Schlange: Der Berliner Fotograf Herbert Schulze lichtete in den siebziger und achtziger Jahren die Pop- und Rockgrößen der DDR ab. Kein leichter Job - manche Aufnahmen brachten dem Fotografen mächtig Ärger ein. SPIEGEL ONLINE zeigt die besten Bilder aus seinem Archiv.

Herbert Schulze

Von Bernd Lindner


Rock in der DDR war laut, ungezogen, kam von unten und sorgte für Empörung bei den Erwachsenen. Seine Schöpfer waren junge, schlaksige Typen mit viel zu langen Haaren, engen Jeans und verliebt in ihre E-Gitarren. Genauso wie im Westen. Rock in der DDR war aber auch poetisch, subversiv, manchmal verboten, oft nur widerwillig geduldet und viel deutscher als in der Bundesrepublik.

Seine Wurzeln hatte er dennoch im Westen - im Jazz, Blues und Rock'n'Roll englischer Zunge. Auch in der DDR war der Beat anfangs durch und durch englisch, von den Namen der Gruppen - The Butlers, The Shatters, The Guitarmen, The Lunics oder Little Stars - bis zum nachgespielten Repertoire aus westlichen Hitparaden. Damit er auch in der DDR hoffähig werden konnte, musste der Rock sich der deutschen Sprache bedienen. Allzu viele Anglizismen in Bandtiteln und Liedtexten waren den SED-Oberen suspekt. Ihre Versuche, dem Beat den Garaus zu machen oder aber ihn mit Eigenschöpfungen wie dem 1959 eingeführten Modetanz Lipsi oder den FDJ-Singeklubs zu überflügeln, scheiterten. Zu stark war die grenzenlose Liebe der DDR-Jugendlichen zum Rock'n'Roll. Um die Jugend nicht gänzlich zu verprellen, musste Ende der sechziger Jahre ein Kompromiss her: Die Rockmusik mit deutschen Texten war geboren.

Was anfangs als Zwang empfunden wurde, brachte schließlich jene liedhafte bis balladeske Rockmusik mit jazzig-bluesigem Einschlag und hintersinnigen, weil oft doppeldeutig subversiven Texten hervor, die bis heute für die Entwicklung dieser Musik im Osten steht. Gruppen wie die Klaus-Renft-Combo, Stern Combo Meißen, Panta Rhei, Puhdys, Lift, Karat oder electra hatten viele Fans im eigenen Land, sangen sie doch vom Fliegen, vom Winter, dem man damit entfliehen kann und vom Ehrlichsein. Begleitet wurden sie dabei oft von dem Fotografen Herbert Schulze, der in dieser Zeit das wohl umfangreichste Bildarchiv zur Rock- und Popgeschichte der DDR zusammentrug. Dabei war sein Einstieg in den Job nicht gerade vorgezeichnet - ebenso wenig wie sein Verbleib.

Vor die Wahl gestellt

Genau in der Zeit, als in der DDR Rockgruppen ihren eigenen Weg einschlugen, entdeckte der junge Facharbeiter für Großdampferzeugerbau Herbert Schulze (Jahrgang 1950) in Ost-Berlin seine Liebe zur Fotografie. 1969 bewarb er sich beim DDR-Fernsehen um eine Ausbildung zum Kameramann. Um eine Bewerbungsmappe mit eigenen Fotos einreichen zu können, nahm er erstmals einen Fotoapparat in die Hand. Die Bilder brachten ihm zwar nicht den erhofften Job ein, verrieten aber sein Talent, Dinge ins Bild zu setzen.

Immerhin wurde Schulze als Kameraassistent eingestellt, man teilte ihn einem Drehteam im Bereich Unterhaltung zu. In Sendungen wie "Ein Kessel Buntes" trat damals alles auf, was in der Schlagerbranche der DDR Rang und Namen hatte. Aber auch westliche Showstars wie Vicky Leandros, Adamo oder Udo Jürgens waren zu Gast, ebenso die ersten Rockbands. Ihre Musik kannte Schulze von seinen jugendlichen Streifzügen durch Ost-Berliner Tanzsäle. Häufig besuchte er Tanzabende von Joco Dev, Modern Soul oder der Renft-Combo und lernte dabei auch die Musiker selbst kennen.

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DDR-Fotograf: Das Auge des Ost-Rock

Fotografiert hat er sie damals noch nicht. Reichlich Gelegenheit dazu fand er später beim Fernsehen, in den Drehpausen und bei Stellproben. Als seine ersten Musikerfotos von der Programmzeitschrift "FF-Dabei" angekauft wurden, standen ihm auch die Tore zu den Redaktionen anderer Jugend- und Musikzeitschriften offen. Mitte der siebziger Jahre stellte ihn die Studioleitung vor die Wahl: Kameraassistent oder Fotograf. Schulze entschied er sich endgültig für die Fotografie. Er heuerte bei dem Aktfotografen Klaus Fischer als Laborant an und absolvierte parallel dazu eine Fotografenausbildung. Alle übrige Zeit nutzte er als freier Fotograf beim DDR-Fernsehen in Musik-Sendungen wie "Schlagerstudio", "Stop-Rock" oder "bong". 1982 endlich erhielt er eine Lizenz als Berufsfotograf und eröffnete ein eigenes Fotostudio im Prenzlauer Berg. Nun kamen die Musiker und Bands zu ihm.

Heikle Bildideen

Bald schon galt Schulze als erste Adresse unter den Rock- und Schlagerfotografen. Die Musiker wollten seine Fotos für Poster, Fanpostkarten und Plattencover - und Schulze scheute keine Mühen. "In der DDR war es für einen Fotografen nicht immer einfach, seine Bildideen auch umzusetzen", erinnert er sich heute und berichtet von einem besonders schwierigen Fall: Anfang der Achtziger wollte er die Gruppe Karat wegen ihres aktuellen Hit "Albatros" vor einem startenden Flugzeug fotografieren - nicht nur wegen des besungenen Vogels, auch als Synonym für den Freiheitsdrang.

"Mir war klar, dass ich nie eine offizielle Fotoerlaubnis für den Zentralflughafen Berlin-Schönefeld erhalten würde", erzählt Schulze. "Das Flugfeld war Sperrzone. Also postierte ich die Band in entsprechendem Abstand zum Sicherheitszaun auf einer Wiese und stellte mich mit einem starken Zoom-Objektiv davor. Gemeinsam warteten wir, bis eine Maschine zum Start abhob. Dann musste alles sehr schnell gehen, denn bei der geringen Flugdichte hätten wir ansonsten lange auf das nächste Flugzeug warten müssen."

Ungeahnt heikel wurde für den Fotografen 1985 ein Fotoshooting mit der Rostocker Band Transit. Das Bild war längst im Kasten, und auch die Redakteure des Jugendmagazins "neues leben", die das Foto später abdruckten, hatten nicht auf das nationale Kennzeichen des Transporters geachtet, den er zusammen mit der Gruppe ablichtete. Hätten sie doch nur. Denn von der gesetzlich vorgeschriebenen Kennzeichnung "DDR" war nur noch das mittlere "D" deutlich zu erkennen. Die beiden anderen Buchstaben waren extrem verblasst. "Der Band und mir als Fotograf wurde eine bewusste Provokation unterstellt. Die Musiker feixten innerlich. Sie konnten sich damit herausreden, dass es im Handel ja leider keine neuen Kennzeichen zu kaufen gab. Ich aber wäre deswegen beinahe meine Fotografenlizenz losgeworden."

Zum Weiterlesen:

Herbert Schulze: "Am Abend jener Tage: Rock und Pop in der DDR". Verlag Neues Leben, Berlin 2008, 224 Seiten.



insgesamt 6 Beiträge
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Oliver Hering, 07.04.2009
1.
Zu BIld NUmmer 6- Woher haben die den das Marshall-Top???
Thomas Abicht, 07.04.2009
2.
Im Artikel wird behauptet das Chirocee in der DDR nicht bekannt war. Das ist schlichtweg falsch.
Juliette Brungs, 07.04.2009
3.
Ganz korrekt. Es ist mitunter erstaunlich, was es alles in der DDR nicht gegeben haben soll und es urteilen Leute, die sich dabei als unbedarft zu erkennen geben. Dieses Geschwafel ist derart ermüdend, dass man schon lange keinen Kommentar mehr dazu schreiben will. Also danke Thomas Abicht, der Ärger war geteilt und daher hier mein Kommentar! Natürlich läuft dieser - Entschuldigung Kollegen - westdeutsch-dämlcihe Kommentar unter dem Stichwort "kolossaler Unfug". Und selbstverständlich gab es das Gemüse, erzählt doch keinen Quatsch. Schliesslich will ich doch auch nicht die elendlangen Stunden vergessen wissen, die ich im PA (lies: Produktive Arbeit) in der Landwirtschaft mit dem Putzen von CHICOREE verbringen durfte!!
Tobias Yorick, 08.04.2009
4.
@ Juliette: Ich kann mich täuschen, aber ich finde im Text nichts über Chicoree. Wurde das korrigiert, oder liegt es an mir?
hajo Obuchoff, 09.04.2009
5.
In der Tat: Chicoree gab es mindestens zweimal wöchentlich als Vitaminbeilage in den Kantinen der Volkseigenen Betriebe. Und auch in Mutterns Küche gehörte Chicoree zu den Salatfavoriten. Schließlich: Woher hätten die im Osten Deutschlands verbannten Musiker wissen können, dass dieses Gemüse einen bitteren Kern hat? Das hätte Euer Bildunterschriftenautor ja mal investigativ nachfragen können...
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