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18. Mai 2014, 09:35 Uhr

DDR-Jugendradio DT64

Pop und Propaganda

Von Robert Ackermann

Der Radiosender DT64 sollte die DDR-Jugend davon abhalten, Westradio zu hören: Seine Regime-Propaganda verpackte er in Popmusik. Zur Wendezeit wurde der Sender kritischer - und abgeschaltet.

Im Herbst 1990 kettete sich eine Handvoll Aktivisten an das alte Stadthaus in Berlin, Amtssitz des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziére, und trat in einen Hungerstreik. In Dresden blockierten hunderte Jugendliche die Ernst-Thälmann-Straße vor dem Kulturpalast. Tausende demonstrierten auch in kleineren Ost-Städten. Doch sie skandierten nicht etwa "Wir sind ein Volk!", sondern "Jugendradio, Jugendradio!".

Was profan klang, war ein Aufschrei gegen einen befürchteten Identitätsverlust. Die DDR-Jugendwelle DT64 war ohne Vorwarnung über Nacht abgeschaltet worden. Auf den meisten ihrer Frequenzen lief nun das Westradio Rias 1: Kammerorchester und Big Band statt Punk und Rock 'n' Roll. Die öffentliche Entrüstung zeigte zunächst Wirkung. Nach einem Tag war DT64 wieder auf Sendung.

Andreas Ulrich erlebte den Protest als Reporter auf einem Übertragungswagen in Neubrandenburg. "Das war eine Spontan-Demo ohne viele Plakate. Die Leute waren einfach empört, dass ihr Sender nicht mehr zu hören war. Ich glaube, wir waren für viele damals ein Begleiter. Wir haben uns nicht so leichtfüßig von der DDR verabschiedet wie andere, von einem Tag auf den andern. Es ging um unsere Inhalte, aber auch um unsere Musik."

Zu hören gab es bei DT64 mild-subversive DDR-Bands wie Silly oder City, bekannt für verklausuliert kritische Andeutungen zum DDR-Leben. Daneben spielte der Sender West-Stars von den Stones bis zu U2.

Aber es war auch Platz für Untergrund: Das Format "Parocktikum" präsentierte ab 1986 unbekannte Ost-Bands, häufig in Mamas Wäschekeller produziert und auf Musikkassetten aufgenommen. Hardrock, Indie, Punk, aber auch DDR-Hip-Hop fanden hier ein Publikum. Beim "Duett für den Rekorder" gab es abwechselnd Ost- und Westschallplatten zum Mitschneiden. Ab 1990 durfte Marusha dann Techno-Beats über den Ost-Äther schicken.

Doch auch die herbeidemonstrierte Reaktivierung änderte wenig: DT64 wurde zum Spielball der ostdeutschen Medienpolitik. Der Einigungsvertrag verlangte einen föderalen Rundfunk. Die Chefs der neuen ARD-Anstalten wollten eigene Programme machen und das einstige Regime-Radio abwickeln. Und bei aller Popularität war DT64 alles andere als "unbelastet".

Wie alle DDR-Medien stand DT64 bis zur Wende streng unter staatlicher Kontrolle. Manuskripte wurden vor Ausstrahlung geprüft, Themen vorgegeben. "Ernteberichte und das Interview mit dem Zentralratsvorsitzenden gehörten bei uns dazu, wir waren harmlos und linientreu", sagt Marion Brasch, damals Moderatorin in der Musikredaktion: "Aber unsere Leine war ein kleines Stück länger als die der anderen."

Und die Stasi? "Die musste uns gar nicht kontrollieren, denn wir hatten die Schere selbst im Kopf", sagt Andreas Ulrich. "Es gab ein paar No-Go-Themen wie die Mauer, über die wurde einfach nicht berichtet."

Mogelpackung aus Pop und Propaganda

Kein Wunder: Der Sender entstand Pfingsten 1964 beim "Deutschlandtreffen der Jugend" der FDJ. Eine halbe Million Parteijugendliche trafen hier auf 10.000 junge Westler.

Zum Leidwesen der politischen Führung war Westmusik selbst unter FDJ-Jugendlichen populär, und DT64 sollte diese Vorliebe auch bedienen: 99 Stunden lang sendete das Festival-Radio einen Mix aus Pop und Propaganda. Beatles hier, streng sozialistische Berichterstattung dort.

Als das Deutschlandtreffen vorbei war, beschloss man, den Sender beizubehalten. Die Idee dahinter: Staatsnahe Propaganda in jugendfreundliche Popmusik zu verpacken und die Hörer so davon abzuhalten, Westradio zu hören. DT64 lieferte so das vermeintlich liberale Kontrastprogramm zum Mauerbau und den DDR-Oberen die Chance, auf populär zu machen.

Der Mix kam an: Angeblich bekamen die Macher Wäschekörbe voller begeisterter Hörerpost. Jetzt installierte der Berliner Rundfunk dauerhaft ein Jugendprogramm, das ein bisschen moderner sein durfte als der sonst so dröge Parteifunk. Die musikalische Freiheit bekam jedoch bald einen Dämpfer.

"Über eine lange Zeit hat DT64 in seinem Musikprogramm einseitig die Beatmusik propagiert", schimpfte Politbüro-Mitglied Erich Honecker, der als FDJ-Chef begonnen hatte und es noch zum Staatschef bringen sollte, schon 1965 beim 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei: "In den Sendungen des Jugendsenders wurden in nicht vertretbarer Weise die Fragen der allseitigen Bildung und des Wissens junger Menschen außer Acht gelassen."

Trotzdem wurde das Jugendprogramm weiter ausgebaut. Von anfangs drei Stunden am Tag entwickelte sich DT64 in den Achtzigern zum Vollprogramm - mit eigener Frequenz, aber ohne Mut zur Rebellion. Das änderte sich erst kurz vor der Wende.

Zu wild für die DDR, zu unreguliert für die BRD

"Wir wurden parallel zum Volk kritischer", sagt Moderatorin Brasch, "je untragbarer die Zustände, desto mehr politisierten wir uns alle."

Als die Zeitschrift "Sputnik" 1988 verboten wurde, weil sie Gorbatschows Öffnungskurs bejahte, vermeldete Moderatorin Silke Hasselmann den Absturz eines Sputnik und spielte den Song "Aufruhr in den Augen" der Berliner Band Pankow. Die heutige Washington-Korrespondentin der ARD wurde strafversetzt, der verantwortliche Redakteur bekam Mikrofonverbot.

Im Juni 1989 weigerte sich ein DT64-Sprecher, die offiziellen Meldungen über das Tiananmen-Massaker in Peking zu verlesen. Konsequenzen blieben aus. Im Herbst verkündete der Sänger Herman van Veen über den Sender "Ich werde heute die Mauer wegsingen." Zwei Wochen später brachte DT64 als erster DDR-Sender überhaupt eine Reportage von einer Montagsdemo. Die Stasi registrierte Kontakte des Senders zur Bürgerrechtsbewegung "Neues Forum".

"Irgendwann 1989 hat der Sender dann Fahrt aufgenommen. Wir haben sehr schnell ein Verständnis für den Journalistenjob entwickelt", sagt Andreas Ulrich. Die Reporter brachen weitere Tabus, berichteten über Homosexualität, Rechtsextreme und mafiaähnliche Verstrickungen der FDJ. Wie viele DDR-Bürger entwickelten sich die Macher von DT64 politisch weiter, behielten aber ihre ostdeutsche Perspektive.

Eine Million Ostdeutsche hörten die "Power from the east side" zur Wendezeit, und Zehntausende gingen für den Sender auf die Straße. "Es war toll, aber auch unheimlich. Ich bin am Alexanderplatz auf die Bühne gestiegen und Tausende haben mir zugejubelt", erinnert sich Marion Brasch, "da war ein Gemeinschaftsgefühl der jungen Generation."

Sogar David Bowie und Udo Lindenberg machten Promo für DT64. Einige Aktivisten ketteten sich ans Brandenburger Tor, andere versuchten, die Ministerpräsidenten der Länder mit einem Fass Bier zu bestechen - ein wohl einzigartiger Einsatz für ein Radioprogramm.

Doch all das konnte das Ende nicht verhindern. Der Mitteldeutsche Rundfunk übernahm den Sender 1993 und holte die Redaktion von Berlin nach Halle. Das Programm wurde in "Sputnik" umbenannt und bestand so zumindest formell fort. Für viele Hörer war das damals ein fauler Kompromiss - und die erste Erfahrung mit gelebter Demokratie.

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