DDR-Knast Bautzen Singen gegen die Selbstmordgedanken

Misshandlungen, Schlafentzug, Scheinhinrichtungen: In keinem anderen Stasi-Gefängnis der DDR waren die Haftbedingungen so unmenschlich wie in Bautzen. Einziger Lichtblick war für viele Häftlinge der Knast-Chor, hier fanden sie Hoffnung - und konnten sich durch einen Trick auch vor Spitzeln schützen.

Matthias Pankau

Sie waren jung und sagten, was sie dachten. Sie kritisierten Missstände, verteilten Flugblätter oder gaben verbotene Zeitschriften aus dem Westen weiter, damals Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre. Taten, die in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der gerade gegründeten DDR Grund genug waren, Menschen wegen Spionage oder "anti-sowjetischer Hetze" zu verhaften und zu verurteilen.

Einer von ihnen ist Oskar Stück. Er ist heute 83, aber er wirkt jünger. "Der Knast konserviert", sagt der Berliner und lacht. 1950 studierte Stück in Jena Deutsch und Französisch. Eines Morgens wurde er von zwei Stasi-Leuten aus dem Bett geholt und festgenommen. Den Grund erfuhr er zunächst nicht. Die beiden Geheimpolizisten fuhren ihn nach Weimar und übergaben ihn dem sowjetischen Geheimdienst NKWD, dem Vorläufer des KGB. Dort ließ man ihn nach einigen nächtlichen Verhören endlich wissen, warum er hier war - wegen "Antisowjethetze".

Stück hatte DDR-kritische Zeitschriften wie "Der Monat" oder "Die Tarantel" verteilt; eine vor ihm verhaftete Kommilitonin hatte nach nächtelangen Verhören seinen Namen genannt. Stück stritt die Vorwürfe zunächst ab, doch die Russen ließen nicht locker. Schließlich drohten sie, seine Frau zu verhaften, sollte er nicht gestehen. "Da hatte ich keine andere Wahl mehr", sagt Stück. Im Januar 1951 wurde der Student zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt.

Endstation "Gelbes Elend"

Ähnliches hat der heute 79-jährige Bodo Skrobek erlebt. Er wurde 1948 verhaftet, im Jahr vor der DDR-Gründung. Der Vorwurf gegen ihn: Mitgliedschaft in einer verbrecherischen, illegalen Organisation und Verbreitung antisowjetischer Hetzparolen. "Die Untersuchungshaft war das schlimmste", erinnert er sich. Vier Monate lang wurde er im Dessauer NKWD-Gefängnis in Einzelhaft festgehalten. Nach endlosen nächtlichen Verhören, Schlafentzug, Hunger, körperlichen Misshandlungen, zwei Scheinhinrichtungen und der Drohung, seine Eltern zu verhaften, unterschrieb der 19-Jährige schließlich ein seitenlanges Protokoll in russischer Sprache, das er gar nicht verstand. Im November 1948 wurde auch er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Stück und Skrobek sind zwei von etwa 35.000 Deutschen, die zwischen 1945 und 1954 von Sowjetischen Militärtribunalen in Geheimprozessen verurteilt wurden - in der Regel zu 25 Jahren "Besserungs-Arbeitslager". Für diejenigen, die nicht nach Sibirien verschickt wurde, hieß die Endstation oft Bautzen I - wegen der Klinkerfarbe der Gebäude im Volksmund "Gelbes Elend" genannt. Das Gefängnis war von 1945 bis 1950 sowjetisches Speziallager, in dem Männer jeden Alters und aus allen Gesellschaftsschichten eingesperrt waren, 17- wie 70-Jährige, Bauern und Professoren. So traf Bodo Skrobek in Bautzen den Pfarrer seines Heimatdorfs im Harz wieder. Er hatte in einer Predigt über das Zehnte Gebot die Bodenreform von 1949 als "organisierten Bandenraub" bezeichnet. Auch darauf standen 25 Jahre.

Viele überlebten das "Gelbe Elend" nicht, denn die Haftbedingungen waren unmenschlich. Allein bis 1950 starben etwa 3.000 Gefangene an Unterernährung, Tuberkulose und anderen Mangelkrankheiten. Sie wurden anonym in Massengräbern bestattet; bei Grabungen wurden 1992 die sterblichen Überreste von 180 Menschen gefunden. Viele Gefangene plagten während ihrer Zeit im "Gelben Elend" auch Selbstmordgedanken.

Halbnackt in der Zelle bei minus 15 Grad

Besonders gefürchtet war der Karzer. "Was das bedeutete, kann ein Außenstehender kaum nachvollziehen", erzählt Bodo Skrobek, der 14 Tage im Karzer vegetieren musste, weil er in der Zelle geraucht hatte. Entkleidet bis auf die Unterhose wurde Skrobek in die gerade 4 Quadratmeter kleine Karzerzelle geworfen. Der Ablauf sah so aus: Die ersten drei Tage gab es nichts zu essen, keine Kleidung und auch keinen Strohsack oder eine Decke zum Schlafen. Dann kam ein "guter" Tag, an dem man etwas bekam, danach wieder zwei schlechte ohne alles. "Das waren die schlimmsten Tage meiner gesamten Haft"", schaudert es Skrobek noch heute. Bei minus 15 Grad Celsius Außentemperatur hockte er halbnackt in der Zelle. "Nach zehn Tagen und Nächten hatte ich nur noch den Wunsch zu sterben." Nach den zwei Wochen Karzer konnte er weder gehen noch stehen; abgemagert bis auf die Knochen musste er in die Gemeinschaftszelle zurückgetragen werden.

Obwohl es in Bautzen eine große Anstaltskirche gab, waren Pfarrer oder Seelsorger dort lange unerwünscht. Als 1950 die DDR das Lager von den Sowjets übernahm, erlaubte sie Anstaltsgottesdienste und Gefangenenseelsorge, um den demokratischen Schein zu wahren. Als Anstaltspfarrer wurde der junge Pastor Hans-Joachim Mund eingesetzt. Er war ursprünglich religiöser Sozialist und besaß sowohl das Vertrauen der Partei - im Zentralkomitee der SED war er zuvor Referent für Kirchenfragen gewesen - als auch das der Kirche.

Von den Gefangenen erfuhr Mund bald, dass es in den Sälen, in denen bis zu 400 Gefangene untergebracht waren, illegale Chorgruppen gab. Und weil Mund seine Gottesdienste gerne festlicher gestalten wollte, setzte er bei der Anstaltsleitung durch, dass zwei dieser Saalchöre in seinen Gottesdiensten mitwirken durften - sein Dienstrang als Volkspolizei-Oberrat (Offizier) half ihm dabei. Bei seinen monatlichen Besuchen brachte er den Sängern Noten mit.

Vorsingen für Spitzel

Ab Sommer 1951 fanden etwa einmal im Monat evangelische und katholische Gottesdienste mit dem neuen Gefangenenchor statt. Die Häftlinge trieb nicht nur die Liebe zur Musik in das Ensemble - da die Chorknaben aus verschiedenen Gefängnissälen kamen, konnten sie sich bei den Proben austauschen und Kontakte knüpfen. Das war der Anstaltsleitung ein Dorn im Auge - und im November 1951 wurden die 48 Chormitglieder kurzerhand in eine Sammelzelle im Westflügel des Gelben Elends" verlegt. In der etwa 7 mal 10 Meter großen und 3 Meter hohen Gemeinschaftszelle gab es keine Toiletten, sondern lediglich zwei Holzkübel für die Notdurft. Geschlafen wurde auf doppelstöckigen Holzpritschen mit Strohsäcken - doch die Musik schweisste diese Männer zusammen und machten die widrigen Umstände erträglich.

Einer der beiden Chorleiter war der damals 23-jährige Detlef Nahmmacher. Er stammte aus einem gutbürgerlichen Elternhaus in Rostock und spielte mehrere Instrumente. Unter seiner Leitung probte der Chor täglich Choräle und Motetten, selbst geschriebene Sätze, später ganze Kantaten. "Die Motivation der Sänger war unglaublich", schwärmt Nahmmacher heute noch. "Wir waren ein sehr leistungsfähiger Chor." An kirchlichen Hochfesten wie Weihnachten oder Ostern habe der Bautzener Kirchenchor nicht selten in bis zu vier aufeinander folgenden Gottesdiensten gesungen. "Die Gottesdienste waren immer voll und wir hatten das Gefühl, etwas ganz Wichtiges zu tun."

Schnell wurde der Chor der Gefangenen zur verschworenen Gemeinschaft. Wenn Mitglieder ersetzt werden mussten, weil sie verlegt wurden oder durch Krankheit ausfielen, wurden neue Kandidaten genau unter die Lupe genommen - vor allem musste jeder Bewerber vorsingen. Bestand der Verdacht, dass es ein Spitzel sei, ließen die Choristen den Kandidaten immer schwierigere Intervalle singen, an denen er irgendwann scheiterte. "So konnten wir ihn nach ganz objektiven Kriterien abweisen", freut sich Nahmmacher noch heute. "Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir aufgrund dieser Praxis im gesamten Gelben Elend die einzige spitzelfreie Gruppe waren", ergänzt Ulrich Haase, der bei der Chorleitung half.

Gänsehaut beim Wiedersehen

Doch natürlich geriet der Chor mehr und mehr in das Visier von Stasi und Anstaltsleitung. Um die Chorknaben kleinzukriegen, mussten die singenden Gefangenen bald tagsüber in die "Produktion", Verweigerer kamen in Isolationshaft. Durch Amnestien kamen nach und nach einzelne Chormitglieder frei, zur Frustration der Zurückgebliebenen, denen nicht erklärt wurde, weshalb sie nicht entlassen wurden und wie lange sie noch bleiben müssten. Es kam nun auch häufiger zu internen Spannungen. Im März 1956 wurde der Chor wegen angeblicher illegaler Verbindungen von der Operativabteilung der Volkspolizei aufgelöst.

Die meisten Sänger aus der Gemeinschaftszelle gingen nach ihrer Entlassung in den Westen. Pfarrer Mund - längst im Visier der Stasi - floh, als er 1959 von seiner drohenden Verhaftung erfuhr. Er war bis 1982 Pfarrer der bayerischen Landeskirche. Ulrich Haase und Detlef Nahmmacher wurden Musiklehrer, Oskar Stück stieg zum Studiendirektor auf. Bodo Skrobek arbeitete zunächst als Bauleiter und ging später zum Bundesrechnungshof. Mittlerweile sind sie alle längst im Ruhestand.

Den Kontakt zueinander haben die Mitglieder dieses ungewöhnlichen Chors indes nie verloren. Seit 1958 treffen sie sich regelmäßig - der jüngste ist 77, der älteste 102. Und natürlich, wie könnte es anders sein, singen die "Bautzener Chorknaben" dann miteinander. 1994 feierten sie zum ersten Mal seit ihrer Entlassung wieder Gottesdienst in der Anstaltskirche in Bautzen - das bisher bewegendste Wiedersehen. "Als wir gemeinsam sangen 'Allein Gott in der Höh' sei Ehr' bekamen viele von uns eine Gänsehaut, denn wer hätte damals gedacht, dass wir an diesem Ort einmal wieder in Freiheit zusammenkommen würden", sagt Haase. "Das ist für viele von uns nach wie vor ein Wunder."



insgesamt 8 Beiträge
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Manni Hübner, 02.11.2008
1.
Der arme Walter Kempowski rotiert jetzt grade im Grab. Warum wurde er hier nicht erwähnt? Nicht nur, dass er auch im Chor war, er hat das ganze auch noch in seinen Büchern "Im Block" und "Ein Kapitel für sich" dokumentiert.
Jean Pierre Hintze, 02.11.2008
2.
Ein interessanter Bericht eines traurigen Kapitels - dass allerdings Walter Kempowski in seinen Büchern, insbesondere "Im Block" sowie "Ein Kapitel für sich" sehr eindrucksvoll, detailliert und ausführlich behandelt. Jener Kempowski war nämlich im selben Chor zur selben Zeit in Bautzen. Auszug aus Dirk Hempels "bürgerlicher Biografie" zu Kempowski: "Er traf den Feldwebel seines Vaters und Detlef Nahmmacher, der ihm 1943 die Haare abgeschnitten hatte, außerdem einen Neffen seines ehemaligen Lehrers Johannes Gosselck. Kempowski ging immer wieder von Pritsche zu Pritsche, sprach mit den Männern, fragte sie nach ihrem Leben, hörte stundenlang zu. Der babylonische Chor der Stimmen faszinierte ihn. "Ich begann mit dem Einsammeln der Schicksale schon in Bautzen, das Belauschen der Gespräche, das Geraune, nicht erst seit dem schon geschilderten Gang über den Hof, seit damals aber zielbewußt."(...)" Nahmmacher traf 1943 als Rostocker HJ-Führer den Swing-Boy Kempowski - in Bautzen haben sie sich dann aber "richtig" kennengelernt und sich gegenseitig verziehen... Deshalb aber meine dringliche Frage: WARUM/ WESHALB hier kein Wort von Walter Kempowski???
Rainer Klewe, 03.11.2008
3.
Als Enkel (Rainer Klewe, Berg.Gladbach) von Erich Möller, Dassau, Gastwirt frage ich, ob ihne jemand aus Bautzen kennt und näheres über seine Tod sagen. Danke
Thomas Ahrens, 03.11.2008
4.
Ich verstehe das auch nicht. Wenigstens haben ihn die hiesigen Leser nicht vergessen
Helmar Meinel, 03.11.2008
5.
Genau diese schlimme Zeit in Bautzen schildert ebenso ergreifend wie unglaublich sachlich nüchtern der ehemalige Bautzenhäftling (bis 1956) Winfried Köhler (78) in seinem Buch "Die Hoffnung gab uns Kraft" (Verlag Pro Business Berlin, 2003. ISBN 3-937343-00-8). Der aus Leipzig stammende international renommierte Architekt, der heute in Koblenz seinen Ruhestand verbringt, erzählt in dem Buch sein Schicksal ganz konkret, sehr bildhaft und schnörkellos. Auch er war im Kirchenchor - übringens zusammen mit Kempowski, für den er Noten schrieb...
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