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24. Februar 2012, 15:45 Uhr

DDR-Kultserie

Stasi-Bond mit Walrossschnauzer

Altnazis in Buenos Aires, ein edelmütiger Stasi-Agent und exotische Schönheiten: Als Kind schwärmten Heike Knaaks Onkel ihr begeistert von der DDR-Serie "Das unsichtbare Visier" vor. Als Knaak sie 35 Jahre später selbst sah, war sie ebenfalls beeindruckt - doch aus ganz anderen Gründen.

Als 1974 meine zwei Onkel aus der DDR zu Besuch kamen, wurde es laut. Werner und Willy waren ungeheuer temperamentvoll, und ihre Ansichten über den Staat, in dem sie lebten, hätten unterschiedlicher kaum sein können. Wenn sie mal wieder ihre politischen Differenzen vor uns Nichten und Neffen ausfochten, herrschte Krieg im Wohnzimmer - jedenfalls akustisch.

Aber in einer Sache waren sie sich einig: Bei der DDR-Fernsehserie "Das unsichtbare Visier". Armin Mueller-Stahl spielte darin den mit allen Wassern gewaschenen Stasi-Agenten Werner Bredebusch. Mit diesem Straßenfeger, da waren Werner und Willy sich sicher, konnte kein West-Krimi mithalten. Sie behaupteten unisono: "Besser als eure Kommissare und Sean Connery zusammen. Und vor allem: Die Frauen sind viel exotischer". Vielleicht sagten sie auch "erotischer" - uns Kindern waren diese kleinen Unterschiede noch nicht so klar.

Mit Armin Mueller-Stahl in der Hauptrolle hatte der Osten ein Jahr zuvor eine sozialistische Gegenoffensive zu James Bond gestartet. Von 1973 bis 1979 konnte "Das unsichtbare Visier" unter Beweis stellen, dass Spannung nicht britischen Geheimagenten und Fernsehfahndern der imperialistischen Schwester BRD vorbehalten war - und verbuchte damit enormen Erfolg: Die ambitionierte Produktion entwickelte sich zum Quotenhit.

Allerdings wurden im Verlauf der Handlung auch immer wieder im Sinne des Ministeriums für Staatssicherheit gewünschte Feindbilder des Kalten Krieges transportiert. Vielleicht war dies einer der Gründe, weshalb die Serie zum Ende hin allmählich an Popularität verlor.

Koteletten wie aus Oswalt-Kolle-Filmen

2009 strahlte ein Regionalsender den Beginn der ersten Staffel von "Das unsichtbare Visier" aus. Ich nutzte die Gelegenheit und sah mir an, wovon meine Onkel 35 Jahre zuvor so leidenschaftlich geschwärmt hatten. Bar jeglichen Vorwissens zum Serienhintergrund ließ sich die erste Folge fesselnd an - als zeitgeschichtliches Dokument zur deutsch-deutschen Vergangenheit und zur DDR-Filmhistorie. Wenn man einmal die kurzen Passagen außer Acht ließ, in denen sich das Ministerium für Staatssicherheit als geradezu rührendes Paradebeispiel menschlicher Güte und Gerechtigkeit geriert.

Agent Bredebusch nahm in der Pilotfolge die Identität eines gefallenen Jagdfliegers an, um in Westdeutschland zu Beginn der fünfziger Jahre Kreise von Altnazis und Wehrmachtsoffizieren zu infiltrieren. Die Nazi-Organisation hält ihn für glaubwürdig und schleust ihn nach Argentinien, um dort geflohene NS-Offiziere bei ihren finsteren Machenschaften zu unterstützen.

Ich fand indessen einiges überhaupt nicht glaubwürdig: Zwischen zerlumpten Kriegsheimkehrern im Nachkriegsdeutschland erschienen unerwartet Personen in fröhlichen Schlaghosen, Knautschlederjacken und farbenfroh breiten Krawatten der frühen siebziger Jahre. Dazu wurden Pilotensonnenbrillen im Andreas-Baader-Stil getragen, die inmitten abgetragener Militärmäntel das Gefühl vermittelten, in mehreren Jahrzehnten gleichzeitig unterwegs zu sein.

Ähnlich ihrer Zeit voraus und so gar nicht nachkriegsmäßig kamen Frisuren und Make-up daher: Männerhaar wellte sich üppig über bunte Hemdkragen, puschelige Koteletten erinnerten an die Darsteller in Oswalt-Kolle-Filmen. Die Schauspielerinnen glänzten metallisch auf Mund und Augenlidern und trugen Fönfrisuren wie wir damals beim ersten Disco-Besuch. Die Inkongruenz von Thema, Maske und Ausstattung brachten mich in der zweiten Serienfolge völlig aus dem Konzept.

Ostdeutsche Schlager in Buenos Aires

In dieser Folge war Agent Werner Bredebusch, mit überdimensionalem Schnurrbart getarnt und schwer Inspektor Clouseau ähnelnd, mittlerweile in Buenos Aires eingetroffen und begegnete im Luxusquartier der Exil-Nazis der Frau seines Lebens.

Das Objekt der Begierde, Carmela Morela, sollte vermutlich den Inbegriff südamerikanischer Erotik, Exotik und Sinnlichkeit verkörpern. Doch spätestens bei ihr lief optisch etwas massiv aus dem Ruder, auch in ethnologischer Hinsicht: Señorita Morela, ein pummeliger Doris-Day-Klon mit hochtoupiertem, kohlrabenschwarz gefärbtem Haar, war im Gesicht mit einer Art dunklen Schuhcreme eingekleistert, die ihr fleckig und unregelmäßig aufgetragen deutlich nur bis vor die Ohren reichte. Der Rest des Körpers zog pigmentmäßig nicht mit, was verständlich wurde, als ich im Abspann den osteuropäischen Namen der Schauspielerin las.

Das Resultat erinnerte stark an Minstrel-Shows, in denen schwarz geschminkte weiße Unterhaltungskünstler vor über hundert Jahren afroamerikanische Musiker verunglimpften. Señorita Morelas Begleiter waren auf ähnliche Weise her- beziehungsweise zugerichtet worden. Doch auch das war noch steigerbar: Später sangen das Fräulein und mehrere mit ihr auftretende Gauchos in deutlich ostdeutschen Klangfärbungen Schlager und legten Tänze hin wie geradewegs aus "Ein Kessel Buntes" entlehnt.

Leider sind meine Onkel kurz vor dem Fall der Mauer gestorben. Ich habe beide sehr gemocht und hätte so gerne noch über vieles mit ihnen gesprochen, Politisches und Alltägliches. Würden sie noch leben, hätte ich sie jetzt zu gerne gefragt: Warum hat man beim "Unsichtbaren Visier" nicht auf die Hilfe eines sozialistischen Bruderlandes der wärmeren Hemisphäre zurückgreifen können? Da müssen doch irgendwo zwischen Kuba und Chile dunkelhäutigere Komparsen oder zumindest anthropologische Beratung aufzutreiben gewesen sein. Und, vor allem: Haben diese Dame und ihre Mitstreiterinnen wirklich so "exotisch" auf euch gewirkt?

Wahrscheinlich wäre es dann wieder ziemlich laut geworden.

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