Medizin in der Mangelwirtschaft Herzschrittmacher für die DDR

Ein Fotograf gewann in den Achtzigern Einblicke in einen Sektor der DDR, der nach ganz eigenen Regeln funktionierte: die Herzchirurgie. Er lernte, wie man auch in einer Mangelwirtschaft Leben retten kann.

Siegfried Wittenburg

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"Die Jungen in unserer Abiturklasse erhalten leichter einen Studienplatz als wir Mädchen", erzählte mir vor langer Zeit eine Freundin. Sie wollte in der DDR Ärztin werden, Kinderärztin, und ärgerte sich darüber, dass selbst mittelmäßigen Schülern ein Medizinstudium in Aussicht gestellt wurde - sofern sie sich für eine Offizierslaufbahn entschieden.

Jungen standen damals im Fokus des Staates. Sie wurden bedrängt, eine berufliche Laufbahn bei der Nationalen Volksarmee einzuschlagen. Der Staat lockte mit allem, was er über die Mangelwirtschaft hinaus realisieren konnte, zum Beispiel kostenlose Studienplätze.

Ich selbst bekam 1988 eine Stelle in der Kardiologischen Klinik der Chirurgischen Universitätsklinik Rostock - als "Facharbeiter für Forschung und Lehre". Gemeinsam mit einem älteren und erfahrenen Kollegen war ich für die technische Sicherstellung der Operationen, die Wartung und Instandsetzung medizinischer Geräte verantwortlich. Wir gehörten zum Team des Herzchirurgen Karl Emmrich (1934-2008), das Operationen am offenen Herzen durchführte.

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Fotodokumentation: Wie Herzchirurgie in der DDR-Mangelwirtschaft funktionierte

Nach meinem ersten Einsatz verließ ich den OP mit weichen Knien. Dabei war nur ein Herzschrittmacher gewechselt worden. Doch der Weg zurück in den "volkseigenen" Großbetrieb, aus dem ich gekommen war, kam mir nicht in den Sinn.

Dort hatte ich keine Zukunft mehr gesehen. Die Werkstätten waren Flickwerk, die Dächer undicht, technische Geräte hoffnungslos veraltet. Die Werktätigen wurden mit dem "Sozialistischen Wettbewerb" beschäftigt, eine abstruse Tätigkeit, um sie überhaupt zu beschäftigen. Meist ging das so: Wochenlang wurde kein Material geliefert und die Kollegen spielten Karten. Dann kam das Material und die Kollegen leisteten Überstunden, um den in Verzug geratenen Plan wieder aufzuholen. Am Monatsende gab es Geld, außerdem Zulagen für die Überstunden, zum 1. Mai Prämien und Orden.

"Hier gibt es keinen sozialistischen Wettbewerb", war eine der ersten Mitteilungen meines Kollegen bei der Führung durch die Klinik. "Wir feiern nur gemeinsam Advent." Mir fiel ein Stein vom Herzen, schließlich ging es hier um Menschenleben. Das Kerngeschäft der Herzchirurgie waren Bypass-Operationen. Der Brustkorb wurde geöffnet, den Unterschenkeln wurden gleichzeitig Adern entnommen und am Herzmuskel anstelle der verkalkten Herzkranzgefäße als Umleitungen angenäht. Dabei floss das heruntergekühlte Blut des Patienten durch eine Herz-Lungen-Maschine. Diese Methode wurde am häufigsten bei älteren Männern angewendet.

Mein Kollege Heinz Busch brachte täglich einen Apfel und eine Mohrrübe mit zur Arbeit. "Hier kann man sich nicht gesund ernähren", sagte er. "Wenn es ausreichend Obst und Gemüse gäbe, könnte der Staat viele Devisen sparen." Was er damit meinte: Das für die Operationen erforderliche Material und die Medikamente kamen aus den USA, auch die Herzschrittmacher und künstlichen Herzklappen. "Eine Bypass-OP kostet 20.000 Dollar", erklärte er mir. "In der Woche sind es 160.000 Dollar wegen ungesunder Nahrung mit viel Alkohol."

Ein DDR-Professor in New York

Lag ein Kind auf dem OP-Tisch, manchmal auch ein Säugling mit einem schweren angeborenen Herzfehler, lief Professor Emmrich persönlich zur Höchstform auf. Hörte ich das Kind nach drei Tagen auf der Bettenstation lachen, war das für mich ein glücklicher Moment. Diese Arbeit machte Sinn und die Erfüllung war ein Extralohn. Ich lernte ein herzliches, erfahrenes und hoch motiviertes Team kennen.

Gelegentlich reiste Emmrich zu Konferenzen in die USA. Er musste dafür in die SED eintreten. Ich weiß nicht, wie vielen Kindern er nicht hätte helfen können, wenn er diesen Schritt abgelehnt hätte. Doch Emmrich war Arzt mit Leib und Seele; eine ideologische Äußerung habe ich von ihm nie gehört.

Es war üblich, dass sich die Kongressteilnehmer in den USA - überwiegend westliche Ärzte mit gutem Gehalt - auch in Gesellschaften am Rande trafen. Diese Teilnahmegebühren waren im Devisen-Spesensatz für den DDR-Professor nicht eingeplant, sodass Emmrich an solchen Abenden allein im Central Park spazieren gehen musste.

Entgegen der Abschottung von allem Westlichen in den "volkseigenen" Betrieben erlebte ich in der Universitätsklinik Weltoffenheit. Sie bildete auch junge Ärzte aus arabischen Ländern wie dem Libanon, Jordanien oder Syrien aus. Natürlich flossen somit auch Devisen in die DDR und diese hatte wiederum die Hoffnung, diese Staaten für den Kommunismus zu gewinnen.

Die jungen Ärzte erzählten mir oft vom Leben in ihren Heimatländern. Über den Staat DDR, in dem sie ihre praktische Ausbildung machten, schüttelten sie nur den Kopf. Sie kritisierten das System, dessen Mängel sie während ihres Studienaufenthalts täglich erfuhren. Niemals äußerten sie sich negativ über die Menschen, die zwangsläufig mit diesem zurechtkommen mussten.

Feilen, sägen, löten

In der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre reisten zunehmend mehr DDR-Bürger zu Verwandtenbesuchen in die Bundesrepublik. Staatschef Erich Honecker hatte Zugeständnisse an den Westen in Form von Reiseerleichterungen machen müssen. Noch zwei Jahre zuvor war mein Antrag, zum 50. Geburtstag meines ältesten Bruders nach Mainz reisen zu dürfen, durch alle Leitungsebenen des "volkseigenen" Betriebes - mit einem Umweg über die Staatssicherheit - bis hinauf zum Betriebsdirektor gewandert. Und wurde abgelehnt.

Zu einem hohen Geburtstag von meinem Onkel in Essen erhielt ich eine erneute Einladung. Ich ging damit zu Emmrich und der sagte nur kurz: "Gehen Sie zu meiner Sekretärin. Die macht das für Sie fertig." Dieses Mal meldete das Volkspolizeikreisamt, bei dem ich den Reisepass beantragte, meine Absichten der Staatssicherheit. Sie ließen mich in letzter Minute für eine Woche fahren.

Meinem Kollegen und mir standen im Keller der Universitätsklinik zwei Werkstatträume zur Verfügung. Einer diente als Werkstatt, der andere als Lager, das mit einem Schrottplatz große Ähnlichkeit hatte. Doch Heinz Busch war froh, ein Stück Material zu finden, wenn die Professoren für ihre Arbeit besondere Wünsche äußerten. Dann feilte, sägte und lötete er, bis eine neue Vorrichtung entstand. Ein Professor aus Frankfurt am Main schlug bei seinem Besuch die Hände über den Kopf zusammen: "Das ist ja wie in der Steinzeit!" Emmrich rief ihm hinterher: "Aber wir bekommen unsere Patienten noch bei Kerzenschein vom Tisch!"

Doch der allgemeine Mangel an allen Dingen, die für eine medizinische Versorgung der Menschen in der DDR notwendig gewesen wären, war nicht der einzige Grund für die Ereignisse, die zum Zusammenbruch des Staates führten. Die gefälschten Kommunalwahlen am 7. Mai 1989, die von Tausenden Flüchtlingen besetzten Botschaften der Bundesrepublik in Prag, Budapest und Warschau und nicht zuletzt die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche an jedem Montag rissen den Staat, dessen Regierung Reformen allgemein für überflüssig hielt, im 40. Jahr seines Bestehens aus seinem politischen Tiefschlaf.

Es war die Zeit, in der die ehemaligen Klassenkameraden meiner Freundin nach ihrem Medizinstudium und ihrer Facharztausbildung die Universitätsklinik erreichten: Sie wollten Chirurgen werden! Weil sie aber so gehemmt und unsicher auftraten, wollte kein Professor sie auch nur in die Nähe eines OP-Saals lassen. In der Bevölkerung verbreitete sich der Begriff "staatlich geförderte Negativauslese". Was aus den betroffenen jungen Menschen geworden ist, weiß ich nicht. Der Staat brach Monate später zusammen. Trotzdem war das die glücklichste Zeit in meinem ersten Beruf.



insgesamt 52 Beiträge
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nathan brander, 09.07.2019
1. begrifflichkeit
der begriff mangelwirtschaft ist hinterfragungswürdig, konkret in der heutigen zeit. es gab keinen mangel an "waren des täglichen bedarfs", aber auch keinen überfluss. problematisch war es natürlich in vielen anderen bereichen, wie der artikel auch beschreibt. diese problematik jedoch nur auf das wirtschaftsystem zu beschränken, ist zu kurz gegriffen, da die ddr, wie auch viele andere länder, den wirtschaftsboykott der westlichen welt zu bewältigen hatte - was sich dann natürlich auch u.a. im medizinischen bereich wiederspiegelte.
Kalim karemi, 09.07.2019
2. Klarstellung
wer sich in der DDR verpflichtete Offizier zu werden, wurde Offizier, kein Medizinstudent, das funktionierte vielleicht bei der BW. Richtig ist, wer sich als Offizier verpflichtete, bekam seine Zulassung zum Abi, direkt an der Penne oder als Teil einer Berufsausbildung. Ärzte im Militärdienst waren nicht der Rest vom Schützenfest sondern im Allgemeinen fachlich am oberen Ende angesiedelt.
Lutz Boettger, 09.07.2019
3. Mangelwirtschaft?!
Von Mangelwirtschaft kann nur derjenige sprechen, der in einer Wegwerfgesellschaft aufgezogen wurde. Es gab eine ungleiche Verteilung der Waren, aber bei uns ist niemand verhungert oder verdurstet. Würden bei uns nur die notwendigen Lebensmittel verkauft statt dem wahnsinnigen Überangebot, würden die Menschen lernen, die Lebensmittel zu schätzen und nicht wegzuwerfen. Gleiches gilt für den billigen Elektronikrempel den man wirklich nicht benötigt. Die Menschen haben verlernt, den Wert der Waren richtig zu schätzen und einzuschätzen.
Andreas Kurtz, 09.07.2019
4. Mehr negativ geht nicht
'In der Bevölkerung verbreitete sich der Begriff "staatlich geförderte Negativauslese". ' Diesen begriff habe ich nie gehört, er ist auch sachlich falsch. Abitur konnten in der DDR nur die Top 5% (Leistung) machen, mit Ausnahmen: z.B. Eltern Partei, Bauern- oder Arbeiterkind - um die soziale Durchläsigkeit zu fördern) und von denen gingen dann die wenigsten zur Armee um das Wunschstudium machen zu können. Ja, das Studiem war kostenlos, es gab sogar Geld. Aber nicht wie hier dargestellt als Lockmittel für Dumme, sondern aus Prinzip: Freies, finanziell unabhängiges Studium. Was aus seinen 'unsebständigen Absolveten' geworden ist hätte sich leicht herausfinden können. Ich tippe sie sind alle gute Ärzte. Ich habe andere Erfahrungen mit Selbständigkeit, selbstbewusstsein und Können von DDR Absolventen. Sie waren gut ausgebildet und besser als viele, die ich jetzt von der Uni kommend kennenlerne. Dazu gibt es Studien. Eins nur noch: Leute, die gebildet sind und etwas können unterschätzen sich oft, sind nach aussen unsicher. Anders als Leute, die sich nur einbilden etwas zu können und großmäulig auftrumpfen. Das ist durch viele Studie belegt und kann jeder auch selbst beobachten. Von letzterer Sorte gibt es im Westen besonders viele. Es zählt der Auftritt, die Kleider, das Geld mehr als alles andere.
Michael Beinroth, 09.07.2019
5. Medizinstudenten aus arabischen Staaten
Zu dem Thema mit den Studenten aus arabischen Staaten in der DDR fällt mir die Geschichte ein, die meine Mutter (Ärztin) noch heute erzählt. Sie sollten im Krankenhaus Studenten aus Algerien auf das Medizinstudium in der DDR vorbereiten. Die Algerier hatten das Abitur in ihrem Heimatland gemacht, hatten aber nicht einmal Grundlagenwissen in irgendeinem Fach - den Koran konnten sie, aber es ging eben um Devisen.
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