DDR-Volksaufstand Militärische Ehren für erschossenen Lehrer

Auffällig viele Uniformierte standen kurz nach dem 17. Juni 1953 am Sarg eines Lehrers, der beim Volksaufstand in Halle an der Saale erschossen worden war. Peter Model, damals noch ein Kind, beobachtete die Trauerfeier. Erst viel später erkannte er, warum die SED-Führung eine Art "Staatsbegräbnis" inszeniert hatte.

Eine Einheit der Kasernierten Volkpolizei (KVP) marschiert bei der Mai-Demonstration 1952 auf dem Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin

Eine Einheit der Kasernierten Volkpolizei (KVP) marschiert bei der Mai-Demonstration 1952 auf dem Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin


Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 erzählten die Lehrer an der Giebichensteinschule uns zwölfjährigen Schülern, dass ein junger Kollege während des Aufstands in Halle erschossen worden sei. Wo und von wem er getötet wurde, war nicht zu erfahren. Erst viel später wurde mir klar, dass dieser Junglehrer offenbar von Truppen der damaligen Kasernierten Volkspolizei (KVP) und nicht etwa von der Roten Armee erschossen wurde.

Zufällig beobachteten wir die Beerdigung auf dem Friedhof Kröllwitz, in dessen Nähe wir am frühen Nachmittag spielten. Zwei Taxis hielten an, aus denen ein evangelischer Pfarrer und mehrere schwarzgekleidete Damen mit Hut und Schleier stiegen. Jugendliche in FDJ-Uniformen und vier Offiziere der KVP kamen hinzu. Der Sarg war reichlich mit Blumen geschmückt, eine Musikkapelle spielte.

Wir Kinder kletterten auf die Mauer des Friedhofs und hörten die bewegenden Worte eines FDJ-Funktionärs, wonach "Ringelsöckler" aus West-Berlin und vom CIA gesteuerte Agenten den verdienten und beliebten Lehrer während der "Konterrevolution" erschossen hätten. Musik erklang, und dann sprach der evangelische Pfarrer, der einen Talar trug und ein Barett auf dem Kopf hatte.

FDJ-Fahne und Kranzspende von der Volkspolizei

Umhüllt von einer blauen FDJ-Fahne wurde der Sarg in das Grab gesenkt, während wieder die Kapelle spielte. Viele Menschen weinten, warfen Blumen und Erde auf den Sarg. Die Delegation der vier KVP-Offiziere trug einen großen Kranz mit Schleifenangebinde zum offenen Grab und marschierte ab.

Jahre später sah ich Filmaufnahmen vom DDR-Staatsbegräbnis des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus, der am 1. Februar 1957 in Dresden gestorben war. Auch dort waren Uniformierte zu sehen, die Nationale Volksarmee NVA brachte Kränze mit. Von Staatsfunktionären bis zur gesamten West-Verwandtschaft waren alle zugegen. Da verstand ich plötzlich, dass die Beerdigung des Lehrers in Halle-Kröllwitz ein DDR-Staatsbegräbnis im Kleinen gewesen war. Auch damals war alles von der SED-Führung angeordnet worden, bis hin zu dem Taxi für die Witwe und den Pfarrer.

Pastor Gebauer von St. Bartholomäus, der 1994 verstorbene Vater eines Schulfreunds von mir, fuhr zu 'normalen' Beerdigungen mit der Straßenbahn bis zum Gertraudenfriedhof. Er kam im Talar und mit dem Barett auf dem Haupt, in der Hand trug er eine Aktentasche.

Pfarrer zeigte Courage

Später besuchte er jahrelang alle vier Wochen Gefangene in Bautzen. Sie konnten ihm erzählen, wie Insassen des "Roten Ochsen", des Gefängnisses in Halle, den Aufstand am 17. Juni 1953 wahrgenommen hatten. Demnach kamen an dem Tag nur gewöhnliche Kriminelle und keine politischen Gefangenen frei. Unter den Häftlingen war auch sein inzwischen verstorbener Schwager.

Der bescheidene Pastor Gebauer hat in den DDR-Jahren von 1949 bis etwa 1980 auf der Kanzel der Kirche St. Bartholomäus zu Giebichenstein stets den Mut gehabt, die Gemeinde für alle politischen Gefangenen und für eine gute DDR-Regierung beten zu lassen, und zwar genau in dieser Reihenfolge.



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