DDR-Wirtschaft Vorsicht, frisch gestrichen!

Es ging um die Wurst: Schlachthöfe in der DDR, die ins westliche Ausland exportierten, mussten sich den strengen EG-Handelsnormen unterwerfen. Ernst Woll kannte die Tricks und Kniffs, mit denen sein Betrieb erfolgreich alle Kontrollen überstand.


Zwar schmähte die DDR die Imperialisten - Geschäfte machte sie aber trotzdem mit ihnen. Denn Devisen waren unverzichtbar, um auf dem Weltmarkt zu bestehen. Auch der Erfurter Schlachthof, in dem ich als veterinärmedizinischer Kontrolleur arbeitete, bekam die Folgen des Handels mit dem sogenannten Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet deutlich zu spüren. Schließlich mussten hinsichtlich Schlachttechnologie, Ausstattung, Hygiene sowie Fleisch- und Trichinenschau die gültigen EG-Normen erfüllt werden.

Die Einhaltung dieser Normen wurde stichprobenartig von Tierärzten kontrolliert, die von der EG-Kommission eingesetzt waren. Da auch diese Kontrolleure den erschwerten Einreisebedingungen der DDR unterworfen waren - sie mussten ihre Besuche Tage oder auch Wochen zuvor anmelden - hatte sich ein behördliches Warnsystem etabliert, auf Grund dessen wir keine unverhofften Visiten zu befürchten hatten. Heute, nach immerhin 25 Jahren, erscheint beinahe unglaublich, welche aberwitzigen Anstrengungen wir unternahmen, um Mängel zu verbergen, die uns um die Handelslizenz hätten bringen können.

In Lauerstellung

Die Hektik, die nach einer Ankündigung der Kontrollen schlagartig und betriebsweit einsetzte, war beispiellos. Selbst in der arbeitsintensiven Weihnachtszeit ging es nicht annähernd so quirlig auf dem Betriebsgelände zu. In reger Bautätigkeit wurden in den Schlachthallen, Kühleinrichtungen sowie in allen Produktions- und Gemeinschaftsräumen Schäden ausgebessert und, wenn dies zu aufwändig war, kurzerhand mit sehr viel Farbe übertüncht.

Ein besonderes Problem stellten die Toiletten, Wasch- und Duscheinrichtungen dar, die aus Mangel an Installationsmaterial und Fliesen bei weitem nicht dem vorgeschriebenen Standard entsprachen. Aber Not machte erfinderisch, und so hatte man sich eine ganz besondere Strategie ausgedacht: Durchschritt die Kontrollkommission den Betrieb und begehrte Einlass in den Sanitärbereich, erschall von eigens zu diesem Zweck angewiesenen und postierten Mitarbeitern ein "Besetzt!" aus dem Innern.

Schadhafte Geräte, Werkzeuge und Einrichtungsgegenstände wurden im Betrieb üblicherweise in Reserve gehalten, weil Neuanschaffungen nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich waren. Einige Stunden vor den Kontrollen wurden nicht benötigte Gegenstände auf Lastwagen geladen und vom Betriebsgelände zum nächstgelegenen Parkplatz gekarrt, wo sie in Lauerstellung verharrten, bis die Luft wieder rein war und sie wieder zurückgebracht wurden. Pech, wenn die Wagen mit den Corpus Delicti einer Kommunikationspanne wegen wieder auf den Betriebshof rollten, bevor die Kontrolleure verschwunden waren. Einmal passierte das, und uns stockte gehörig der Atem. Aber es blieb unbemerkt.

In unserem eilig auf Vordermann gebrachten Betrieb überwanden wir schließlich immer wieder alle Kontrollhürden und passierten Haken schlagend und atemlos die Linie zu unserem Ziel: der von der EG neu erteilten Zulassungsnummer, mit der wir berechtigt waren, den Export in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet fortzusetzen.

Schweinerne Pferde

Erfreulicherweise bekamen die Schlachttier- und Fleischuntersuchungen sowie die Trichinenschau bei den Kontrollen im Allgemeinen immer gute Noten. In diesem Bereich wurden auch von unserer Seite grundsätzlich keine Manipulationen geduldet. Bakteriologische Untersuchungen erfolgten zu damaliger Zeit umfassend und intensiv. Dieser Umstand war zum Teil dem Mangel an Gefrier- und Kühlkapazitäten in den Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben geschuldet. Auch jedem Salmonellenbefund gingen wir intensiv nach. Entgegen anders lautenden Behauptungen kann ich versichern, dass in der DDR die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Fleisch- und Wurstwaren, entsprechend internationaler Standards, gesichert war.

Einmal passierte uns dennoch ein Malheur: Die Veterinäringenieurin hatte eine Ladung Schweinehälften mit dem Zielland Frankreich versehentlich mit dem Stempel "Pferdefleisch" statt "trichinenfrei" versehen. Ich hatte es bei meiner Kontrolle nicht bemerkt, und die Ladung hatte das Werk längst verlassen. Ein Rückruf war nicht mehr möglich. Ein paar Stunden bangten wir - aber die Franzosen bemerkten nichts. Sie hätten sich vermutlich über diese seltsamen Pferde gewundert.

Trotz des hohen Lebensmittelstandards hatten wir in der DDR den Eindruck, dass das bundesrepublikanische Kontrollsystem strenger und besser war als das unsere. Nach der Wende erfuhren wir: Auch dort gab und gibt es häufig vorab angekündigte Kontrollen. Wer weiß, wie es dort zuging, bevor die Herren vom Amt an die Tür klopften. Die großen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre haben zudem gezeigt, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt und Profitgier zu unfassbarem Lebensmittelmissbrauch führen kann.



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