Der erste Mercedes Vom Vaterstolz zur Weltmarke

Der berühmte Markenname aus dem Schwäbischen geht auf die Geburt eines Mädchens in Wien zurück. Das weiß nicht jeder. Doch alle kennen den Mercedes. Seit Dezember 1900 läuft er jetzt schon vom Band.

Von Thomas Geiger


Zwar gab es Autos von Gottlieb Daimler und Karl Benz schon einige Jahre länger, doch bis zum 22. Dezember 1900 wurden die Wagen - wie seinerzeit üblich - unter dem Namen des Konstrukteurs oder Erfinders verkauft.

Während sich die Schutzmarke der Mannheimer Firma Benz & Cie namentlich bis zur "Fusion" mit Daimler nie geändert hat, tauchte für die Produkte der Cannstatter Daimler-Motoren-Gesellschaft um die Jahrhundertwende der neue Name Mercedes auf. Was damals dem Vaterstolz eines guten Kunden zu verdanken war, steht heute für eine der erfolgreichsten Automobilmarken der Welt. Immerhin haben die Schwaben seitdem rund 19 Millionen Autos, Lkw und Busse produziert, von denen heute noch rund die Hälfte auf der Straße sind.

Die Geschichte des Markennamens begann laut Firmenchronik im Jahr 1889 in Wien mit der Geburt eines kleinen Mädchens, das der Vater Emil Jellinek auf den spanischen Namen Mercédes (Gnade) taufte. Acht Jahre später war der österreichische Großkaufmann Generalkonsul in Nizza und bestellte von dort aus seinen ersten Daimler-Motor-Wagen, mit dem er an der Côte d'Azur für beträchtliches Aufsehen sorgte.

Das nutzte der geschäftstüchtige Österreicher, der sich guter Kontakte zu Aristokratie und Finanzadel rühmte, für immer größere Sammelbestellungen in Deutschland. Am 2. April 1900 beauftragte er die Geschäftsführung und den Chefkonstrukteur Wilhelm Maybach, ein besonders schnelles, leichtes und sicheres Auto zu konzipieren. Dabei machte der stolze Vater einen zweiten Vorschlag, den die hohen Herren in Canstatt in weiser Voraussicht angenommen haben: Das Auto sollte den Namen seiner damals zehnjährigen Tochter Mercédes tragen.

Autos für die "bessere Gesellschaft"

Am 22. Dezember 1900 wurde der erste Mercedes nach gründlicher Erprobung an Jellinek ausgeliefert. Der war von dem Wagen begeistert, orderte noch im selben Monat 36 weitere Autos, die ihm förmlich aus der Hand gerissen wurden. Dabei waren die Autos aus Stuttgart schon damals nur etwas für die "bessere Gesellschaft": Jellinek zahlte für die 36 Mercedes 550.000 Goldmark - umgerechnet etwa 5,5 Millionen Mark, was einem Stückpreis von 153.000 Mark entspricht.

Der Pkw-Markt entstand zu jener Zeit gerade erst, und eine Infrastruktur für Autos war nicht in Sicht. Deshalb hatte Daimler um 1900 gerade 344 Mitarbeiter, die in Handarbeit pro Jahr knapp 100 Autos bauten. Heute laufen in den drei deutschen Werken Sindelfingen, Bremen und Raststatt, in der US-Fabrik in Tuscaloosa und in zahlreichen Montagewerken rund um den Globus jährlich knapp eine Millionen Autos mit dem berühmten Stern vom Band.

Der Markenname Mercedes kam an, wurde von der Geschäftsführung in Canstatt deshalb für alle Modelle übernommen und 1902 gesetzlich geschützt. Dazu kam 1909 der Stern, den - so die Legende - Gottlieb Daimler nach seinen eigenen Worten über seinem Wohnhaus und seinem Werk in Deutz aufgehen lassen wollte.

"Gute Stern auf allen Straßen"

Seit 1916 umgab den Stern ein Kreis, seit 1921 ist er als Kühlerfigur eingetragen, und seit der Fusion zur Daimler-Benz AG 1926 trug er einen Lorbeerkranz und die Namen der beiden Gründerväter. Aus Mercedes wurde im Zuge der Zusammenarbeit Mercedes-Benz. Heute ist der "Gute Stern auf allen Straßen" das wohl berühmteste automobile Symbol und zählt zu den fünf bekanntesten Markenzeichen der Welt.

Mit dem Namen und dem Markenzeichen verbunden sind eine Vielzahl technischer Innovationen und automobiler Legenden. So stammen aus Stuttgart Entwicklungen wie der Pkw-Dieselmotor, der Airbag, die Sicherheitskarosserie oder elektronische Schutzengel wie ABS und ESP.

Ihren Einstand gaben diese und eine lange Reihe weiterer Errungenschaften in Autos wie dem legendären 300 SL Flügeltürer, der "Heckflosse", dem "Baby-Benz" der C-Klasse oder der luxuriösen S-Klasse. Dass auch die Zukunft noch einiges zu bieten hat, zeigen Ankündigungen wie die nächste Generation des SL, der Maybach oder der Supersportwagen SLR sowie der greifbare Alltagseinsatz der Brennstoffzelle.

Dabei haben die Schwaben ihr Angebot vor allem in den vergangenen zehn Jahren in alle Richtungen erweitert. Während der Stern früher nur für die Oberklasse leuchtete, definiert sich Mercedes-Benz heute als Premium-Marke für alle Segmente, bietet insgesamt 13 Pkw-Baureihen von der A-Klasse bis zum Luxuscoupé mit zusammen 122 Modellvarianten - den Smart und die Modelle der amerikanischen Schwester Chrysler nicht mitgerechnet. Mit dieser breiten Palette bedient der deutsche Ableger der "Welt AG" derzeit rund 6,4 Millionen Kunden, die insgesamt etwa 9,5 Millionen Mercedes-Benz besitzen.

Aber Mercedes steht nicht nur für Pkw, auch als Nutzfahrzeug-Marke haben sich die Schwaben einen Namen gemacht - mit den Tochterfirmen erreicht man den weltweit größten Marktanteil. Schließlich gehen auch auf diesem Sektor bahnbrechende Erfindungen der Gründerzeit auf das Konto der Herren Daimler und Benz. So nahm am 15. März 1895 der erste "Benz Patent Motorwagen Omnibus" den fahrplanmäßigen Dienst auf. Und am 1. Oktober 1896 lieferte die Daimler Motoren Gesellschaft mit dem "Motor-Lastwagen Bestellnummer 81" den ersten Lkw der Welt aus. Aber das ist eine andere Geschichte.



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