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12. September 2014, 10:39 Uhr

Meter vs. Meilen

Amerikas Krieg der Maßeinheiten

Von , New York

Als eines der letzten Länder weltweit halten die USA noch am Meilensystem fest. Dabei wären sie in den Siebzigerjahren fast auf den Meter gekommen. Die turbulente Geschichte eines Glaubenskriegs, der 1784 begann.

Nichts weniger als eine Revolution schickte sich in den Siebzigerjahren an, Amerika für immer zu verändern. Das Weiße Haus verkündete: "Wir denken jetzt metrisch". Auf Autobahnschildern prangten plötzlich Kilometer neben Meilen und km/h neben mph (miles per hour). Lineale wechselten vom Zoll zum Zentimeter. Und das populäre Malbuch "Metric Man" erzählte die Abenteuer eines Superhelden im "MM"-Trikot, der den "Unzen-Clan" bekämpft.

Denn Unzen waren plötzlich so out wie Meilen, Fuß und Zoll - oder Gallonen, Pinte, Quarts und all die anderen amerikanischen Maßeinheiten, die für den Rest der Welt irgendwie immer unverständlich geblieben waren. Sogar der US-Wetterdienst sagte Temperaturen inzwischen in Fahrenheit und Celsius vorher, um einem das Kopfrechnen zu ersparen (Celsius x 9 : 5 + 32 = Fahrenheit). Amerika hatte seine Liebe zum Meter entdeckt.

Damals schien das Land der Meilen vor dem metrischen Maßsystem Europas kapituliert zu haben. Supermärkte stellten erstmals Zwei-Liter-Colas in die Regale. Apotheken maßen Hustensaft in Kubikzentimetern. Ford brachte seinen 1,3-Liter-Pinto auf den Markt und GM den Chevette, das "erste metrische" Auto. "Das metrische System", orakelte "Time" 1975, "kommt unvermeidlich und unwiderruflich."

Nur sieben Jahre später sollte der Spuk schon wieder vorbei sein, zur historischen Fußnote verdammt. Was war geschehen? Wie hatte es der Meter in die USA geschafft - und wie war er dann doch verjagt worden?

Thomas Jeffersons Vision

Die abenteuerliche und weitgehend vergessene Geschichte der rivalisierenden Maße lässt sich nun nachlesen. In seinem Buch "Whatever Happened to the Metric System?" beschreibt John Bemelmans Marciano, wie der Maßkrieg lange vor 1975 begann. Über Jahrhunderte verzahnte er sich eng mit den Polit-Wirren, mit Revolutionen, Weltkriegen, dem Kalten Krieg: Royalisten gegen Populisten, Kapitalisten gegen Kommunisten - Meilen gegen Kilometer.

"Europäer machen gewisse Sachen besser als Amerikaner", schreibt der Enkel des aus Österreich stammenden US-Kinderbuchautors Ludwig Bemelmans. "Im Grund meines Herzens glaubte ich aber nie, dass das metrische System dazugehörte."

Dabei war dessen erster US-Fan kein Geringerer als Thomas Jefferson, der Gründervater und Hauptverfasser der Unabhängigkeitserklärung. Von 1784 bis 1789 verfolgte er als Diplomat in Frankreich eine heiße Debatte um die Vereinheitlichung der Maße dort, die später, während der französischen Revolution, zur Einführung des metrischen Systems führte.

Ein metrisches Amerika

Jefferson war begeistert. Doch weder er noch John Quincy Adams, der sechste US-Präsident, kamen weiter mit ihren Meter-Visionen. Die Ex-Kolonien vertrauten lieber britischer Tradition - ein am menschlichen Körper orientiertes Maß-Chaos: Ein Fuß war die Länge eines Fußes, ein Fathom (Vorläufer des nautischen Fadens) die Spannweite der Arme, ein Yard deren Hälfte.

Auch nachdem die 1863 gegründete National Academy of Sciences die "Einheit von Gewichten, Maßen und Münzen" empfahl und der US-Kongress 1966 die Einführung des metrischen Systems absegnete, sperrten sich die Bürger jahrzehntelang weiter: Man lasse sich Europas Konventionen nicht aufzwingen. Die Befürworter sahen im metrischen Maß Aufklärung, Wissenschaft und Demokratie. Die Gegner sahen "Gottlosigkeit und Guillotine" (Marciano).

Der US-Isolationismus der Dreißigerjahre beendete die Überlegungen über einen Umstieg vorerst. Erst der Kalte Krieg belebte sie neu: Der Meter galt mit einem Mal als "Wunderwaffe" der Sowjets. Auf der anderen Seite wurden wirtschaftliche Überlegungen ins Feld geführt: "Ein metrisches Amerika: Eine Entscheidung, deren Zeit gekommen ist", betitelte das US-Maßamt 1971 eine vom Kongress initiierte Studie. Darin kam das Bureau of Standards zum Schluss, dass ein neues System Milliarden Dollar sparen könnte.

"Metric City USA"

Diesmal fasste der Vorschlag Fuß. "Wir müssen das metrische System lernen", informierte 1973 sogar die "Peanuts"-Comicfigur Peppermint Patty ihre gezeichneten Freunde.

1975 unterzeichnete Präsident Gerald Ford den "Metric Conversion Act", der das metrische System zu Amerikas "bevorzugtem Gewichts- und Maßsystem" erklärte - allerdings auf freiwilliger Basis. "Im nächsten Jahrzehnt", glaubte "Time", "werden die Amerikaner in ihren Küchen, Fabriken, Autos und Kneipen eine neue Sprache lernen."

Lebensmittelpackungen erhielten nun zwei Angaben, Kilo und Pfund. Die Highway-Verwaltung schuf Straßenschilder mit doppelten Maßeinheiten: "Chattanooga 25 Meilen oder 40 Kilometer". Die Kleinstadt Wayne City in Michigan war der erste Ort, der die komplette Umstellung vollzog. Sie erklärte sich zur "Metric City USA".

Doch die Gegenwehr war nicht kleinzukriegen: Das metrische System sei unamerikanisch, hieß es, unpatriotisch, kommunistisch oder gar eine arabische Verschwörung.

"Die Debatte ist vorbei"

Prominentester Kritiker war der Schriftsteller Tom Wolfe: "Bei intellektuellen Dingen sind wir immer noch die unterwürfigsten kleinen Kolonisten." Wolfe war 1981 auch Stargast einer großen Protestgala gegen das metrische System in Manhattan.

Ein Jahr später, so schreibt Marciano, starb das metrische System den "stillen Tod" - Präsident Ronald Reagan strich der Initiative die Haushaltsgelder. "Unser Weg", resümierte CBS-Reporter Bob Schieffer, "eignet sich besser für den Menschen."

Seither stehen die USA mit ihrem System fast allein unter den Nationen. Nur Industrie und Handel rechnen weiter metrisch. "Die Debatte ist vorbei", schreibt Marciano.

Oder? Eine 2012 ins Leben gerufene Petition ans Weiße Haus, das metrische System doch einzuführen, trägt fast 50.000 Unterschriften. Kein Amerikaner werde zu Meilen gezwungen, antworte Patrick Gallagher, der letzte Chef der Nachfolgebehörde des Bureaus of Standards, auf die Unterschriftenaktion: "Leben Sie ihr Leben gerne in Metern, wenn Sie es wollen."

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