Deutsch-deutsche Lebenswege In der Schule mit dem Klassenfeind

Alltag in der DDR-Diktatur, spektakuläre Flucht, Neuanfang im Westen: Rainer Schinzels Lebensweg gleicht einem Roman. Doch er ist Realität. Auf einestages berichtet Schinzel von seinen Erlebnissen. Während drei Jahren auf einer DDR-Oberschule reifte sein Entschluss zur Flucht.

Rainer Schinzel

1960 kam ich auf eine Erweiterte Internatsoberschule in Thüringen. Schujahre vergingen, meine Zeugnisse sahen nicht mehr ganz so gut aus. Mathematik, wie man das Fach Rechnen nun zu nennen pflegte, blieb mir ein Buch mit sieben Siegeln. In den anderen Fächern ging's besser, da waren auch die Grundlagen besser.

Mittlerweile war ich in die GST, die Gesellschaft für Sport und Technik, eingetreten. Man bekam Uniformhosen und Jacken, ich hoffte, ich könnte bei dem Verein Motorrad fahren lernen. Die Motorsportgruppe hatte Aufnahmeregeln: Wer es nicht schaffte, eine 250er JAWA (vielleicht war's auch eine MZ, das weiß ich nicht mehr) den Hang neben unserem Schulgebäude ohne Motorunterstützung hochzuschieben, wurde nicht aufgenommen.

Ich wurde nicht aufgenommen. Die Funkergruppe witterte ihre Chance und bat mich, doch da beizutreten. Das tat ich, ich musste da auch nichts irgendwo hochschieben. Nun lernte ich morsen, funken und alles, was so dazugehörte.

QZL ist mir bis heute in Erinnerung. Das sendet man, wenn der empfangene Funkspruch keinen Sinn ergibt. Merkhilfe: "Quatsch Zum Lachen."

"Rote Laterne" für den Klassenletzten

Ansonsten war mir nicht so recht zum Lachen. An der Schule existierte ein System, dass sich ein guter Schüler jeweils um einen schlechten Schüler kümmern solle. Das war eigentlich gut.

Der Klassenletzte wurde an jedem Monatsende in der Schulwandzeitung mit einer "roten Laterne" präsentiert, so dass sich jeder informieren konnte, wer in welcher Klasse nicht ganz so geisteskräftig war.

Das war nun nicht so schön für die Betroffenen. Die sozialistische Zwangssymbiose sah so aus: Ein guter Schüler musste sich nun um einen Begriffsstutzigen kümmern, einen Monat lang. War der Unglücksrabe nicht von seiner letzten Position

(Notendurchschnitt) heruntergekommen, war man mitschuldig. "Du hast den Jugendfreund nicht genug gefördert, gefordert - was auch immer."

Mein Argument: "Ich kann doch nix dafür, wenn der so blöd ist..." wurde als bürgerliches Denken gemaßregelt. Dabei war ich ausgewiesener Proletarier, das galt aber in dem Fall nicht.

Schon wieder musste ich mich bewähren. Ich wurde mittlerweile Bewährungsspezialist, begriff auch die Rituale besser, die man nun mal nolens volens absolvieren musste.

Andere anschwärzen oder sich selbst denunzieren

Es gab monatlich - in der FDJ-Gruppe - die Einrichtung der "Kritik und Selbstkritik": Man sollte sich und andere kritisieren, was draus lernen und sich bessern. Je kritischer man auftrat, desto weniger Chancen hatte der Klassenfeind. Wer das System nicht begriffen hatte, schwärzte andere an und machte sich unbeliebt. Wer noch dümmer war, denunzierte sich selber.

Es gab positive und negative Kritik. Ein Beispiel, an das ich mich erinnere: "Der Jugendfreund Hans hat beim letzten Ernteeinsatz gute Leistungen gezeigt. Trotzdem habe ich ihn am Nachmittag gesehen, wie er mit der Jugendfreundin Grete lange Gespräche geführt hat. Er hätte mehr leisten können." Über diese Kritik freute sich der Hans, das ging nicht ans Eingemachte.

Selbstkritik musste auch sein: Beispiel aus meiner Erinnerung: "Ich habe mich in diesem Schuljahr für 30 Stunden NAW (Nationales Aufbauwerk) verpflichtet. Wenn ich darüber nachdenke, hätte ich mich für 50 Stunden verpflichten sollen. In Zukunft will ich mir mehr Mühe geben." Sowas wurde wohlwollend quittiert.

"Jugendfreund" mit Vorliebe für "kapitalistische Dekadenz"

Wie ich später herausfand, wurden diese Selbstverpflichtungen nie richtig kontrolliert. Ganz Schlaue schafften es, lobend in der Wandzeitung erwähnt zu werden.

"Während die meisten Jugendfreunde 30-50 Stunden NAW ableisten wollen, verpflichtete sich der Aktivist Hans , 200 Stunden abzuleisten. Eifert ihm alle nach!"

Wir eiferten ihm alle nach.

Das Schul- und Internatsleben hielt uns in Bewegung, unsere Zimmer mussten auch mal renoviert werden. Das machten wir selbst. Als endgültige Verschönerung brachte ich eine Postkarte von Brigitte Bardot über meinem Schreibtisch an. Irgendwie war ich in den Besitz dieses Bildes gekommen, damals war sie auch noch jünger, hatte schwarze Netzstrümpfe an und irgendwie gefiel sie mir besser als Elvis, obwohl der natürlich besser sang.

Bei der nächsten Zimmerinspektion fiel das auf: "Der Jugendfreund umgibt sich mit kapitalistischen, dekadenten Prominenten." Mein Bild wurde entfernt, ich hatte keine Lust, stattdessen Ulbricht dahinzuhängen, der sah auch nicht so gut aus. Singen konnte er auch nicht. Der Schul- und Internatsbetrieb missfiel mir immer mehr.

Radio vom Klassenfeind

An einem Wochenende besuchten wir im Nachbardorf, wo wir mit "Schneeschuhen" (Skiern) hingewandert waren, die Dorfkneipe. Im Kneipenraum stand ein Radio. Während wir uns mit Bockwurst stärkten, drehten wir am Radio herum. Die Musik, die wir fanden, war gut, es war ein Westsender. Außer uns war keiner im Raum, wir kannten uns ja untereinander. Ein Ängstlicher meldete sich trotzdem: "Macht den Westsender aus, wir kriegen Ärger."

Wir beruhigten ihn.

Einige Tage später tauchten ungute Gestalten an der Schule auf. Staatssicherheit. Wir kriegten Ärger. Die Wirtin hatte uns angezeigt. Nun prasselte Einiges auf uns nieder. Feindpropaganda in der Öffentlichkeit, illegale Gruppenbildung - alles musste untersucht werden. Wer hat das Radio bedient? Wer hat was zu wem gesagt? Es wurde richtig Ernst.

Die Bilanz für mich ergab nichts Gutes: Schon mal in Berlin an der Staatsgrenze aufgefallen, erliegt leicht den Verlockungen des Klassenfeindes (Elvis & Brigitte Bardot). Hat früher schon Westsender gehört, hat sich nicht richtig bewährt, hat Wachvergehen begangen und den verstorbenen Staatspräsidenten mißachtet.

"Verunglimpfung der bewaffneten Organe"

Als schlimmstes Vergehen kam Folgendes zu Tage: "Verunglimpfung der bewaffneten Organe." Das war geschehen: In Berlin, an der "Staatsgrenze West", war ein Grenzsoldat von einem westdeutschen Fluchthelfer erschossen worden.

Das betrauerten wir nun alle und verurteilten die westdeutschen Kriegstreiber, Adenauer und die NATO, die alle dafür verantwortlich waren. Offiziell jedenfalls. Meine "Kumpels" erheiterte ich stattdessen mit der pietätlosen Frage: "Hast Du schon gehört? An der Mauer in Berlin haben sie ein Huhn erschossen!" Der tote Grenzer hieß Reinhold Huhn. Mein geschmackloser Witz wurde aktenkundig.

Ich bekam das "Consilium Abeundi" - also kein sofortiger Verweis von der Schule, aber die Androhung.

In mir reifte der Entschluß, in den Westen zu flüchten.



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