Deutsch-deutsche Weihnachtsgeschichte Gotteshaus im Niemandsland

Heiligabend 1961 fand in der Heilandskirche Potsdam-Sacrow ein denkwürdiger Gottesdienst statt. Die Predigt von Pfarrer Strauss sollte die letzte für drei Jahrzehnte bleiben. Die DDR ließ die Kirche verfallen, doch Strauss kämpfte bis zum Happy End - gegen Stasispitzel und die eigenen Nachbarn.

dapd

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Als der Traum seines Vaters wahr wurde, saß Jürgen Strauss in einem Hotel in Ecuador und wartete auf gutes Wetter. Strauss war für ein Buchprojekt in Südamerika unterwegs, von zu Hause hatte er seit Wochen keine Nachrichten bekommen. In der Lobby lief der Fernseher, als Strauss' Begleiter rief: "Hier läuft was aus Berlin!"

Strauss stürmte zum Fernseher und erkannte zunächst nicht viel. Es war ein TV-Beitrag aus einer Kirche, die Kamera filmte durch die Zuschauerreihen. Doch plötzlich wusste er Bescheid. Er kannte diese Kirche, er hatte in der Nähe schon als Kind gespielt und im See gebadet. Es war die Heilandskirche in Potsdam-Sacrow, in der am Heiligen Abend 1989 ein Gottesdienst stattfand.

"Ich war überrascht, denn mir war damals überhaupt nicht klar, dass dort schon wieder Gottesdienste ausgerichtet wurden", erinnert sich Strauss heute. Die Kirche im Niemandsland der deutsch-deutschen Grenze war fast drei Jahrzehnte gesperrt gewesen, sie war innen zerstört und außen verfallen - und nun, nur einen Monat nach dem Mauerfall, wieder zum Leben erwacht.

Verwüstet und verlassen

Als "sehr bewegend" beschreibt Strauss die Bilder aus der Heimat an jenem Weihnachtstag 1989, der vor allem für seine Eltern ein ganz spezieller war: Die Mutter Brigitte harrte am Nachmittag mit Hunderten draußen vor der Heilandskirche aus, der Vater Joachim stand drinnen auf den Stufen zum Altar und hielt die Predigt. Fast 30 Jahre hatte das Paar auf diesen Moment warten müssen.

Für den Pfarrer Joachim Strauss, der damals schon 77 Jahre alt war und eigentlich pensioniert, schloss sich ein Kreis. An Weihnachten 1961 hatte er hier, kurz nach dem Mauerbau, die letzte Predigt gehalten. Dann war die Kirche erst verwüstet und wenig später gesperrt worden. Doch nicht nur dem Gotteshaus hatte der Staat übel mitgespielt, auch dem Pfarrer und dessen Familie. Beobachtet von Spitzeln, denunziert von Nachbarn und verhört von der Stasi war den Straussens das Leben nie leichtgemacht worden. Jahrelang.

Und deshalb war nicht nur dieser Gottesdienst in der Heilandskirche ein Symbol für die Freiheit - sondern auch der Mann, der ihn hielt.

Joachim Strauss, Jahrgang 1912, Berliner, Einzelkind, durch zwei Weltkriege gekommen, war als Pfarrer ab 1947 für die Heilandskirche in Potsdam-Sacrow zuständig gewesen. Ein paar Kilometer entfernt Richtung Berlin stand die zweite Kirche, die Strauss betreute: St. Peter und Paul auf Nikolskoe. Eine Kirche auf der Ostseite des Jungfernsees, eine im Westen - zunächst war das kein Problem. Pfarrer Strauss nahm die Fähre oder die Glienicker Brücke, die Potsdam und Westberlin verband.

Mal knackte das Telefon, mal klingelte es nachts

Doch mit der politischen Abkühlung zwischen Ost und West verschärfte sich auch die Situation für den Pendler im Namen des Herrn. Erst wurde Klein-Glienicke, der Ort, in dem das Pfarrhaus stand, vom Westen abgetrennt, dann sperrte man auch die Glienicker Brücke für den Durchgangsverkehr. Im Juni 1952 war der sinnigerweise "Brücke der Einheit" genannte Übergang zur Grenze geworden.

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Deutsch-deutsche Weihnachtsgeschichte: Gotteshaus im Niemandsland

Die Arbeit des Kirchenmannes wurde nicht nur durch Stacheldraht und Grenzposten erschwert. Die junge DDR beobachtete die Pfarrer genau, sie vermutete in den Reihen der Kirche schon früh die größten Kritiker des Systems. "Wann immer mein Vater telefonierte, begrüßte er auch die stillen Mithörer mit ein paar freundlichen Worten", sagt Jürgen Strauss. Mal knackte das Telefon von diesen Abhöraktionen, mal wurde die Staatsmacht direkter. Dann klingelte es nachts um halb drei, im Hintergrund laute Musik. Eine freundliche Stimme habe sich gemeldet und gefragt: "Wir haben Sie doch nicht etwa in Ihrem wohlverdienten Schlaf gestört?", schrieb Joachim Strauss später.

Der Telefonterror hinterließ Spuren, vor allem bei der Frau des inzwischen verstorbenen Pfarrers. "Ich bin immer noch vorsichtig, das Telefon ist mir heute noch nicht geheuer", sagt Brigitte Strauss. Und der Sohn erinnert sich, dass die Familie immer aufpassen musste, "dass das West-Fernsehen aus war, wenn das Telefon klingelte". Noch heute hat Jürgen Strauss die Bilder von Ledermänteln tragenden "Stasi-Leuten" vor Augen. "Wir hatten immer das Gefühl, dass man uns loswerden wollte."

Kinder, verhört von Grenzern

Dass der Pfarrer mit seiner grenzüberschreitenden Gemeindearbeit weitermachte und täglich nach Westberlin fuhr, kam nicht nur bei der Obrigkeit schlecht an. "Es gab auch unter den Glienicker Mitbürgern solche, denen meine ständigen Westkontakte missfielen", schrieb Strauss in seinen Erinnerungen. So wurde der Pfarrer nach dem Mauerbau von vier Grenzoffizieren abgeholt und zur Glienicker Kapelle eskortiert. Im Heizungskeller suchten die Soldaten nach einem Fluchttunnel, den es nicht gab - von dem aber ein Denunziant berichtet hatte.

Vor seinen Kindern wollte das Pfarrerehepaar die subtilen Repressalien am liebsten verbergen, doch auch vor denen machte das Spitzelsystem nicht Halt. Als Jürgen Strauss mit Freunden in Grenznähe Fußball spielte, flog plötzlich Schokolade über den Zaun. "Eine alte Frau hat das beobachtet und sofort gemeldet." Die Kinder wurden von Grenzern abgeholt und in Babelsberg verhört - "wie im Film, die Schreibtischlampe ins Gesicht", sagt Jürgen Strauss.

Zum großen Drama für die Kirchengemeinde sollte dann der 13. August 1961 werden. Als "Schnitt mitten durchs Herz der Gemeinde" bezeichnete Pfarrer Strauss den Mauerbau, der die Kirche im Westberliner Nikolskoe endgültig abtrennte. Für die Heilandskirche in Sacrow, die nun durch drei Stacheldrahtzäunen von ihrer Gemeinde abgetrennt war und im Niemandsland stand, konnte Strauss immerhin einen Deal aushandeln: Ein schmaler Pfad wurde markiert, auf dem die Gemeinde zweimal im Monat die Kirche betreten durfte. Diese erste Regelung war befristet bis zum Heiligabend 1961 - und wurde nicht erneuert.

Birken wuchsen aus dem Dach

Denn schon Mitte Januar geschah etwas, das das Schicksal der Heilandskirche für lange Zeit besiegeln sollte. "Der Kommandeur der Grenztruppe in Groß-Glienicke rief mich an und teilte mir mit, dass Banditen die Kirchentür aufgebrochen und den Innenraum völlig verwüstet hätten", schrieb Strauss in seinen Erinnerungen. Doch während der Offizier "Banditen aus dem Westen" für das Chaos verantwortlich machte, standen für den Pfarrer die wahren Schuldigen fest: die Grenzsoldaten selbst.

Ein Bild machen durfte sich Strauss damals nicht - erst drei Jahre später ließ man den Kirchenmann die Schäden begutachten. "Nie hätte ich einen derartigen Vandalismus in unserem Kulturkreis für möglich gehalten!", schrieb der Pfarrer. "Ich war zutiefst entsetzt über das Ausmaß der Zerstörung und des Verfalls." Aufgeklärt wurde die rätselhafte Zerstörung der Inneneinrichtung bis heute nicht.

28 Jahre lang blieb der Verfall den DDR-Bürgern verborgen. Die Besucher des Glienicker Parks gegenüber konnten die Birken jedoch sehen, die aus dem kaputten Dach wuchsen. Pfarrer Strauss machte Druck bei den Behörden - in den Achtzigern wurde so immerhin das marode Dach saniert. "Seit 1987 erfreut der wunderschöne Persius-Bau wieder viele Menschen, wenn auch bisher leider nur im Vorüberfahren. Aber noch ist nicht aller Tage Abend, und wir hoffen, das sich dort in nicht allzu ferner Zukunft auch wieder eine lobpreisende Gemeinde versammeln wird", notierte Strauss. Zwei Jahre später fiel die Mauer.

"Unerhörtes Erlebnis

Pfarrer Joachim Strauss, der 1999 mit 87 Jahren starb, war ein gewissenhafter Mann. Er führte jeden Tag Kalender, und so lässt sich auch heute der Nachmittag rekonstruieren, an dem sein Traum wahr wurde.

Heilandskirche Sacrow. Unerhörtes Erlebnis. Westautos begegnen uns schon auf der Rückfahrt aus Sacrow, weil alles voll. Hunderte standen vor der Kirche, Heizung auch nach draußen. Kirche wunderbar geschmückt durch die Sacrower. Wir kamen erst gegen 17.30 aus der Kirche, weil alle, die vorher draußen gewesen waren, auch noch mal rein wollten.

Die Fernsehbilder zeigten später die versammelte Polit- und Kirchenprominenz in der Sacrower Kirche: Walter Momper, Eberhard Diepgen, Manfred Stolpe. Für sie alle war die Heilandskirche ein Symbol deutsch-deutscher Teilung und vielleicht auch ein Fanal für ihr baldiges Ende. Für den Mann auf der Kanzel war sie sein Leben.

Als sein Sohn Jürgen Strauss 1990 aus Südamerika zurückkehrte, traf er auf ein anderes Land. Die Mauer war einfach verschwunden.



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Mirko Moche, 25.12.2011
1.
Der Vater war Pfarrer und wurde überwacht aber der Sohn war so vertrauenswürdig, das er für Filmprojekte um die Welt reisen durfte? Man da muss Papa ja stolz gewesen sein, das Sohnemann sich dem System so gut angepasst hat. Warum berichtet ihr nie über die "normalen" Widerständler? Die ohne Pass aus der Schweiz oder Österreich oder die ohne Mama und Papa in hohen Funktionen? Von denen die wirklich gelitten haben?
Andreas Heinzgen, 29.12.2011
2.
Nicht unerwähnt sollte die Tatsache bleiben, daß die Sanierung des Daches und der Außenmauern der Kirche in den 80er-Jahren zwar von der DDR-Obrigkeit gestattet wurde (nach langen Verhandlungen), aber mit Geld aus West-Berlin finanziert wurde, unter anderem gespendet von den Lesern einer großen Tageszeitung.
Bärbel Schneider, 30.12.2011
3.
Also 1989 im Dezember konnte man schon un gehindert verreisen, da die Mauer gefallen war und man leichter überall hinreisen konnte, das hatte also kaum was mit anpassen ans System zu tun:)
Bärbel Schneider, 30.12.2011
4.
Es könnte ja auch sein das der Sohn vor Jahren schon aus der DDR geflohen ist:)
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