Deutsche Jugend Triebtest beim Abtanzball

Die Jungs trugen Flanellhosen, die Mädchen Samtschleifen. Doch als SPIEGEL-Autor Matthias Matussek 1969 in Stuttgart die Tanzstunde absolvierte, brodelte es hinter der bürgerlichen Fassade bereits. Denn in Wahrheit ging es nur um eins - möglichst innigen Kontakt zum anderen Geschlecht.

Matthias Matussek

Die Tanzschule Ulrich lag im zweiten Stock einer Ladenzeile in der Königstraße, der Hauptgeschäftsstraße in Stuttgart. Sie wurde von einem dieser untersetzten, korpulenten Gummimenschen mit adrettem Scheitel geschmissen, die damals mit der Weitergabe von Tanzschritten und Benimmregeln für Galas und Bundespressebälle betraut waren, aber "viel Verständnis für die jungen Leute" hatten.

Er konnte sogar "Beat-Schritte".

Wir trugen Sakkos und Flanellhosen mit Schlag und rosa Hemden mit passendem Schlips, und die Mädchen Samtschleifen und Lackschuhe und zwischendurch knoteten sie Spitzentaschentücher. Höhere Töchter und höhere Söhne. Noch lächelte Ulrich in diese sechziger Jahre hinein, aber ich bilde mir ein, dass sein Lächeln bereits seine restlose Zuversicht verloren hatte. Er muss geahnt haben, dass wir sein Untergang sind, wir, und die Meuten, die uns folgen sollten.

Es war das Scheide-Jahr. Danach brach alles weg.

Schweiß, Parfüm, Chachachaaa. Verlegene Artigkeiten, Abgebrühtheit, Flirtversuche, Chachchachaaa. Bonbongeschmack beim Kuss, Rascheln von Kleidchen über Perlonstrumpfhosen, eigentlich noch Stimmbruch, Chachachaaa, und alles wartet auf den Moment, in dem die Lichter ausgehen und der Freistil beginnt: mit einer kreisenden Kugel, die farbige Flecken über den Tanzboden und die Wände streifen lässt, dem Superhysteriker-Song "Eloise" von Barry Ryan oder "Dizzy" von Tommy Roe und noch besser "In the year 2525" von Zager & Evans, wo man sich besser gar nicht mehr bewegt, sondern sich beim "Stehblues" aneinanderpresst, wobei die Mädchen am Anfang entweder nervös zittern oder abwehrend unglaubliche Muskelkräfte einsetzen.

Wo nehmen die das her?

Letztlich kämpfte der Tanzlehrer auf verlorenem Posten. Er brachte uns Tanzschritte bei, die wir nie würden ausprobieren können, denn die Zeit der Bälle, der formalisierten Geselligkeiten, der Etikette und ritualisierten Kontaktanbahnungen war vorbei. Mit deutlichem Rumoren meldete sich ein naiv verstandener Rousseau, der auf "Natürlichkeit" setzte und alles mied, was nach Drill und Künstlichkeit aussah. Und dazu gehörten die Standard-Tänze ganz sicher.

Schade, besonders für mich. Hätte ich doch gewusst, dass in diesem Schicksalsjahr in Ostberlin ein Mädchen zur Welt kommt, das so begeistert tanzt, dass sie zwanzig Jahre später in ihrer Altersklasse DDR-Meisterin im Standard-Tanz wird und im Palast der Republik die Urkunde entgegennimmt, und kurz darauf meine Frau wird und gerne mit mir getanzt hätte - ich wäre sorgfältiger mit dem bürgerlichen Erbe umgegangen. Ich könnte sie heute übers Parkett wirbeln, statt sie unwürdigem Ersatz zu überlassen und sie argwöhnisch wie ein schlechter Verlierer vom Seitenaus her zu beäugen.

Damals hatte die Tanzstunde für uns nur einen einzigen Zweck - sie gab uns Gelegenheit, Mädchen zu befühlen, eine triebhafte, animalische Angelegenheit, die ja bereits durch die sogenannten "Schnüffelpartys" vorbereitet wurde, die ihren tierischen Namen völlig zu Recht trugen.

Und jetzt standen wir da, beim Stehblues, und der brave Tanzlehrer griff ein, wenn die Küsse zu innig wurden, die Fummelei zu offensichtlich. Möglicherweise hat er damit mehrere Schwangerschaften verhütet, denn damals waren manche Mädchen noch der Meinung, besonders intensive Küsse machten schwanger.

Hat er damit die repressive Sexualmoral einer prüden patriarchalischen Gesellschaft zementiert? Unserer Ansicht nach ganz sicher. Und deshalb kam es beim Abschlussball zur Revolte. Es war die Zeit für Rebellionen, und wir konnten gelegentlich auf heimliche Zustimmung, sogar verhaltenen Beifall, zumindest aber gaaaanz viel Verständnis rechnen.

Der Vater der Klassensprecherin der Mädchen war der angesehene schwäbische Humorist und Kolumnist Thaddäus Troll. Der schrieb über den "Eklat" in der Zeitschrift "Für Sie" unter dem Titel: "Ist Omas Schlussball tot?" Schon die Unterzeile machte klar, wie liberal die Sache abgehandelt werden sollte: "Kann man den jungen Leuten verdenken, dass sie sich auf jeder Beatparty hundertmal mehr amüsieren?" Natürlich nicht!

Da stand einer von uns, nicht der Leistungsstärkste, nicht der Lauteste, aber der zu jener Zeit Unversöhnlichste, plötzlich auf der Tanzfläche am Mikrofon, im roten Pullover, die Cordhosen in schwarze Gummistiefel gesteckt, und las haspelnd die Provokationen ab, die man sich in einer langen großen Schulpause zurufen konnte, allerhand von leeren Ritualen, verlogenen Regeln, sexuell frustrierten Bürgern und verklemmten Töchtern.

Was für ein Spaß!

Am Anfang kicherten einige noch verlegen, dann begannen die Rufe der Älteren, "aufhören" oder "ausreden lassen", der Tanzlehrer versuchte es mit abdrängen, dann kickte er das Mikrofonkabel aus dem Verstärker, rhythmisches Klatschen, trotziger Beifall, unser Schüler rief seine letzten Sätze in das Tohuwabohu, und dann war der Spuk vorbei.

Thaddäus Troll, der unseren Mitschüler "Justus" nannte, schrieb:

"Justus' Rede war nicht gut. Es war ein eher linkisches Gestammel, redlich bemüht, den Versammelten eins ans reaktionäre Tanzbein zu geben, ein bisschen verbaler Unflat nach Apo-Manier. Immerhin hatte der Sechzehnjährige den Mut zum Alleingang gezeigt und unangefochten von der Übermacht zornbebender Smokingschleifen sein Sprüchlein zu Ende gesagt. Und hatte er, vom rüpelhaften Ton abgesehen, mit seiner Kritik an Omas Schlussball nicht weitgehend recht?"

Troll, ein breites Genießergesicht hinter schwarzer Hornbrille, verkörperte den progressiven, hedonistischen Teil des neuen Bürgertums. Einer, der mit der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel auch an die Macht gekommen war in diesem eigentlichen politischen Wendejahr - nicht 1968, sondern 1969. Das Jahr, in dem jüngere Eltern begannen, stimulierenden Provokationen verstohlen zuzustimmen und womöglich heimlich kifften, während ihre Kinder mit allen anderen der westlichen Welt im Matsch saßen, im Aschehaufen, und Hendrix hörten und Crosby, Stills, Nash & Young.

Der verständige Troll fuhr fort: "Ich weiß nicht, ob er auf das Tänzchen, das er gewagt hatte, besonders stolz war. Es bestand kaum Anlass dazu. Umso fataler erschien es mir, dass sich Vertreter der älteren Semester der naiven Herausforderung so wenig gewachsen zeigten. Es geht nicht an, sozusagen mit Schaum vor dem Mund auf Manieren zu pochen. Wenn man sich schon zu überlieferten Formen bekennt, ziemt es sich dann nicht, einen bestellten Redner zunächst mal ausreden zu lassen? Ist es nicht ein Gebot der Höflichkeit wie der Toleranz, abweichende Meinungen gelten zu lassen? Und wenn sich ein Sechzehnjähriger in seiner begründeten Lust zu provozieren ein wenig im Ton verhaut, so dürfte der Kavalier der von ihm in Frage gestellten alten Schule doch wohl lächelnd darüberstehen, allenfalls mit sanftem Spott reagieren. Er würde es einen jungen Menschen nicht büßen lassen, dass er das einzig Wesentliche an einem Abend gesagt hat."

Was für eine gelungene Schlusspointe unter einer lächelnd vorgetragenen Einübung in Haltung und Toleranz und melancholischer Bürgerlichkeit. Damit hatte sich Troll als nützlicher Idiot und potentielle Zielscheibe, und im schlimmsten Falle, sich als Entführungsopfer der an Fahrt aufnehmenden terroristischen Psychopathologie zu erkennen gegeben, nämlich als "Scheißliberaler". Denn die Randale richtete sich bald in erster Linie gegen solche, die ihre Deckung vernachlässigten und den neuen Zeiten und ihren Provokationen neugierig und verständnisvoll entgegentraten.

Doch noch einmal sammelte er um sich die Instrumente reflexiver Gesittetheit und Aufgeklärtheit und stellte das Drama jener Tage nach: Auf der Bühne der Junge mit der Struwwelmähne und der käsebleichen Frechheit, auf der anderen Seite jene, die mit "Schaum vor dem Mund auf Manieren pochen". Wer benimmt sich wohl daneben? Das "Wesentliche", so Troll, stammte von dem Jungen.

Das Wesentliche war das Gespür: Wir gegen die Alten, wir können es gegen die aufnehmen, wir sind viele, wir sind jung, wir sind im Recht.

Ein Gruppengefühl, das heute wohl restlos verloren gegangen ist.

Dieser Text ist ein Auszug aus Matthias Matusseks Buch "Als wir jung und schön waren", einer Hommage an die jüngeren Geschwister der 68er-Generation. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2008, 304 Seiten.



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