Deutsche Wiedervereinigung Sachsenschwemme am Ende der Welt

Im Norden die DDR, im Osten die Tschechoslowakei - vor dem Mauerfall lag Hof im Schatten des Eisernen Vorhangs. Mit dem Einzug von Trabis, Vokuhilas und ulkiger Dialekte änderte sich das. Susanne Gundelwein erlebte die Wiedervereinigung in ihrem plötzlich weltbekannten Heimatstädtchen - und vollzog die deutsche Einheit bald darauf auch in ihrem Herzen.

Susanne Gundelwein

Vor der Maueröffnung befand sich Hof am Ende der Welt. Im Norden lag die DDR und im Osten die Tschechoslowakei. Für einen Urlaub in Norddeutschland musste meine Familie lange Umwege fahren. Dafür konnten wir abends problemlos das beliebte ostdeutsche Sandmännchen empfangen. Ein Bild von damals hat sich mir eingeprägt: Als ich mit meiner Familie die A72 entlang fuhr und schließlich über die letzte Ausfahrt an ihrem nördlichen Ende verließ, sah ich, dass die Autobahn zwar noch weiterging und geteert war - aber sie war von Büschen dicht überwuchert. Sie führte ins Nirgendwo, das in der Ferne zu einem fremden Land wurde.

Im Rahmen des Kleinen Grenzverkehrs hatten meine Eltern vor dem Mauerfall die Gelegenheit genutzt, Bekannte in dem nur 30 Kilometer entfernten Plauen zu besuchen. 1986 durften meine kleinen Schwestern und ich mitfahren. Das erste Mysterium waren die Grenzanlagen. Mich faszinierte damals, dass die Pässe, die wir an dem ersten Kontrollpunkt abgeben mussten, per Rohrpost meterweit zu einem anderen Büro verschickt wurden, bis wir sie endlich wieder ausgehändigt bekamen.

Nachdem die Grenze passiert war, blieb die Landschaft unverändert. Nur die Autobahnen und Straßen, auf denen jetzt seltsame Autos fuhren, wurden holpriger. Die Häuser schienen alle Grau in Grau gehalten zu sein, und unsere Bekannten sprachen einen ulkigen Dialekt. Als wir am Abend wieder die Grenze in die Bundesrepublik passierten, dachte ich, jetzt fahren wir zurück in unsere Welt. Der strenge Geruch von Desinfektionsmittel, den ich in der DDR gerochen hatte, ging mir nicht mehr aus dem Sinn.

Vokuhila und ausgewaschene Jeans

Ich war neun Jahre alt, als drei Jahre später die Mauer fiel. Die Gegend um Hof rückte von der Peripherie ins Zentrum. Obwohl ich noch sehr jung war, verfolgte ich die Ereignisse, die sich im Jahr 1989 überschlugen, sehr aufmerksam und versuchte sie, soweit es ging, zu verstehen. Ich erfuhr von den Menschen, die über die sogenannte grüne Grenze zwischen Ungarn und Österreich flüchteten, von den Montagsdemos in Leipzig und anderen Städten, von der Belagerung der Prager Botschaft und schließlich von der Mitteilung Hans-Dietrich Genschers, dass die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge genehmigt sei.

Am 1. Oktober 1989 sollten die Flüchtlinge der Prager Botschaft in Hof eintreffen. Mein Vater wurde als Mitglied des Roten Kreuzes in der Nacht alarmiert. Er sollte die Arzneimittelversorgung organisieren. In den Morgenstunden kam der erste Zug an. Viele der Passagiere waren heiser und hatten rote Augen. Vor Jubel und Freudentränen. Plötzlich geschahen in Hof Dinge von weltpolitischem Ausmaß. Hier bei uns und sogar mitten in meiner Familie! Aber das sollte nicht alles gewesen sein: Am 9. November 1989 fiel die Mauer, und Hof stand erneut im Mittelpunkt, denn für viele Bewohner der südlichen DDR war Hof am besten zu erreichen.

Tausende Trabis rollten in Hof ein. Alle Parkplätze waren überfüllt. An einen Einkauf in den Supermärkten der Stadt war nicht mehr zu denken. Lange Schlangen bildeten sich vor den Gebäuden, in denen das Begrüßungsgeld ausgezahlt wurde. Meine Mutter wurde als Lehrerin verpflichtet, am Wochenende bei der Auszahlung zu helfen. Meine jüngere Schwester wurde angeheuert, im Lebensmittelgeschäft die Regale zu füllen, die sich binnen Stunden geleert hatten.

Die Ossis waren für uns leicht zu erkennen. Viele von ihnen trugen ausgewaschene Jeans, hatten Vokuhila-Frisuren und sprachen den ulkigen Dialekt, den ich schon bei unserem Besuch Jahre zuvor gehört hatte. Aber es waren nicht nur Tagesausflügler, die vorbeikamen. Die Zahl der Übersiedler wuchs stetig. Jeder, der ein freies Zimmer oder Gartenhäuschen hatte, stellte es Flüchtlingen aus der DDR zur Verfügung.

Ausnahme-Ehe

In meiner Klasse gab es schnell Neuzugänge mit für uns ungewöhnlichen Namen wie Madeleine, Doreen und Ronny. Es eröffneten jede Menge neue Geschäfte in der Hofer Innenstadt. Das Hofer Hallenbad erhielt in dieser Zeit den Beinamen "Sachsen-Schwemme", weil es ständig überfüllt war. Für die Hofer war es zwar schön, nicht mehr am Ende der Welt zu leben, allerdings kam der Wandel für viele wohl etwas zu schnell und heftig. In der ohnehin strukturschwachen Region waren Arbeitsplätze rar. Jetzt mussten die Einheimischen auch noch mit einer stetig wachsenden Zahl von ehemaligen Bürgern der DDR konkurrieren. Aber alles das tat der Aufbruchsstimmung keinen Abbruch.

Als ich mich Ende der neunziger Jahre auf die Suche nach einer Universität machte, schlug mein Vater die Universitäten in Sachsen und Thüringen vor. Schließlich landete ich in Jena. Obwohl die meisten Universitäten im ehemaligen Osten Ende der neunziger Jahre auf den neusten Stand gebracht worden waren und für uns Hofer vor der Haustür lagen, entschieden sich weniger als fünf Prozent meines Abiturjahrgangs für ein Studium im Osten.

Meine Kommilitonen in Jena kamen überwiegend aus Thüringen und Sachsen. Sie hatten zehn Jahre lang in einem anderen Land gelebt als ich. Viele meiner Mitstudenten kannten Hof und erzählten mir begeistert, dass sie zur Wendezeit dort im Hallenbad gewesen waren. Jeder ostdeutsche Mitstudent erinnerte sich genau, was er sich von seinem Begrüßungsgeld gekauft hatte. Ich lernte viel über das Leben in der ehemaligen DDR und dachte oft, dass Kindheiten in Ost und West so unterschiedlich gar nicht gewesen waren.

Mittlerweile habe ich auch meine persönliche deutsche Einheit vollzogen. Ich bin mit einem Thüringer verheiratet. Damit stellen wir in Deutschland leider immer noch eine Ausnahme dar. Nur vier Prozent der deutschen Paare sind gemischte Ost-West-Paare. Schade. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.



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