Deutschland im Tennis-Taumel Drei Asse und ein Doppelfehler

Im Sommer 1985 schlug Boris Becker in Wimbledon die deutsche Nation in den siebten Tennishimmel. Steffi Graf und Michael Stich festigten den nationalen Sitz im Olymp. Doch mit der Götterdämmerung dieser Stars stürzte der Sport zurück in den alltäglichen Konkurrenzkampf um die Gunst des Zuschauers.

AP

Steffi Graf hatte es geschafft: 248,9041 Punkte zu 247,8259. Ihrer Gegnerin Chris Evert hatte die 18-jährige Deutsche im Finale des Turniers von Los Angeles keine Chance gelassen - und damit auch eine gar nicht anwesende Rivalin überwunden: Mit diesem Sieg am 17. August 1987 hatte Graf mehr Punkte als die bis dahin weltbeste Tennisspielerin Martina Navratilova auf ihrem Computerkonto und übernahm die Führung der Weltrangliste im Damentennis.

Graf beeindruckte mit einer Vorhand, die, wie von einer Ballmaschine geschlagen, platziert, hart und zermürbend konstant das Netz passierte. Ihr Rückhand-Slice war schwerer zu erlaufen als ein Stopp. Fehler machten die anderen. 1988 gewann Graf neben der Goldmedaille in Seoul alle vier Grand-Slam-Turniere - Rekord. Insgesamt 377 Wochen sollte sie die Nummer eins der Welt sein - Rekord. Fünf Mal wurde sie Deutschlands "Sportlerin des Jahres" - Rekord. Die "Gräfin" war die Königin des deutschen Sports: Im Jahr ihres "Golden Slam" galt Graf für 91 Prozent der Deutschen als größte Sportlerin des Landes.

Boris Nationale

Der Mann, der zwei Jahre zuvor die Tennis-Lawine ins Rollen gebracht hatte, war zu diesem Zeitpunkt für immerhin die Hälfte der Bundesbürger der herausragende nationale Athlet. 1985 hatte der damals 17-jährige Becker den Südafrikaner Kevin Curren im Finale von Wimbledon besiegt und war damit nicht nur der erste deutsche Wimbledonsieger im Herren-Einzel, sondern auch der erste ungesetzte und zugleich der bis dahin jüngste Spieler, der das Rasen-Turnier gewinnen konnte.

Becker begeisterte das Publikum durch sein mitreißendes Angriffstennis. Sein legendärer Kampfgeist ("Bum-Bum-Boris" gewann zwei Drittel aller Spiele, in denen er mit 0:2 Sätzen zurück lag) machte den sommersprossigen Rothaarigen zum Liebling der Nation. Becker war die Personifizierung des deutschen Tennis-Booms: "Boris Nationale ist kein normaler Topspieler", schrieb Ende der achtziger Jahre das "FAZ-Magazin", "an seinen Nerven zerrt nicht nur der Gegner, sondern die Bundesregierung und eine ganze Nation. Bei jedem Aufschlag steht das deutsche Bruttosozialprodukt, die Auflage der ,Bild'-Zeitung, die Zukunft der Union und das Schicksal von Puma auf dem Spiel."

Doch nicht nur im eigenen Land schwappte den deutschen Vorzeigeathleten Bewunderung entgegen. Bei den French Open in Paris etwa sorgte selbst Grafs Rückkehr von einer Toilettenpause für stehende Ovationen. Der Center Court in Wimbledon gilt noch heute als "Wohnzimmer" Beckers, in dem er insgesamt drei Mal triumphierte - und das er zum Höhepunkt des deutschen Tennis-Booms als Verlierer verlassen musste.

Götterdämmerung

Fast genau sechs Jahre nach Beckers erstem Sieg in London gewann Graf am 6. Juli 1991 ihr drittes Wimbledon-Finale, 24 Stunden bevor Michael Stich Boris Becker im Finale keine Chance ließ. Das deutsche Tennis war auf dem Gipfel. Diese Dominanz war einmalig, in dieser Zeit schmetterte sich das Trio von Turniersieg zu Turniersieg. Über einhundert sollten es am Ende sein, darunter 29 Grand-Slam-Titel.

Gemeinsam mit Boris Becker und Michael Stich gelang es Steffi Graf innerhalb weniger Jahre, dass eine ganze Nation statt 1, 2, 3 nur noch 15, 30 und 40 zählte. Aus dem versnobbten Elite-Sport Tennis wurde ein begeisterndes Volksvergnügen.

Ihre Siege zauberten den Tennisschläger in den Einkaufskorb der deutschen Breitensportler, sie sorgten für Aufnahmestopps in Tennisclubs und eine neue Dimension der medialen Aufarbeitung ihrer Sportart: Die Zahl der organisierten Tennisspieler stieg zwischen 1985 und 1995 von 1,5 Millionen auf 2,3 Millionen. Im gleichen Zeitraum explodierte die Zahl der Fernsehstunden, auch bedingt durch die Einführung des Privatfernsehens, von 95 Stunden jährlich auf 2738 im Jahr 1992. Größter Nutznießer dieser TV-Invasion war der Deutsche Tennisverband: Aus einer Million Mark an Fernsehgeld im Jahr des ersten Wimbledon-Triumphes Beckers 1985 wurden 25 Millionen Mark zu Beginn der Neunziger. Selbst in unterklassigen Ligen konnten semiprofessionelle Tennisspieler ordentliche Gagen verdienen. Becker-Mentor Ion Tiriac warnte: "Die meisten Kids verdienen heute zu früh zu viel."

Der Ertrag aus dem Titelsponsoring bei den Deutschen Tennismeisterschaften versiebenfachte sich zwischen 1985 und 1991. Experten sprachen schon damals von unverantwortlichen Dimensionen, der Verband jedoch wollte den Erfolg maximieren - auch zum Preis der Übersättigung.

Vom Ass zum Doppelfehler

Michael Stich beendete 1997 seine Karriere, zwei Jahre später folgten Boris Becker und Steffi Graf. Die Folgen waren verheerend. Bereits im selben Jahr sanken die Fernseh-Einnahmen um knapp ein Drittel. Der Nachwuchs konnte die alternden Stars nicht ersetzen: 1998 gewann nach 14 Jahren erstmals kein deutscher Tennisprofi ein Turnier.

Die Erfolglosigkeit vertrieb die TV-Sender: von Wimbledon waren im Jahre 1999 nur noch die Finalspiele im frei empfangbaren Fernsehen zu verfolgen. Die Quoten waren zuvor dramatisch abgestürzt. Plötzlich sprachen die Fernsehverantwortlichen vom Risiko einer Tennis-Übertragung im Vollprogramm: Der Ungewissheit, wie lange ein Spiel dauert, wie lange deutsche Spieler im Turnier bleiben und der Gefahr, lange Regenunterbrechungen überbrücken zu müssen.

"Derzeit läuft alles gegen uns", sagte der damalige DTB-Präsident Claus Stauder 1997 und sah den "großen deutschen Tennis-Boom nach zwölf Superjahren erst einmal am Ende". Der Verkauf von Tennisschlägern war zu dieser Zeit im Vergleich zur Hochphase 1991 um die Hälfte zurückgegangen.

Graf, Becker und Stich waren für das deutsche Tennis Ass und Doppelfehler zugleich - Ursache für Boom und Depression. Das "tennis-Magazin" schrieb: "Becker, Graf, Stich - diese Generation setzte für Generationen die Maßstäbe, sie wird Generationen überstrahlen und ist für Generationen eine Bürde, unter der selbst riesige Talente zusammenbrechen." Auf dem Platz war es vielleicht die Last der Erfolge, im Deutschen Tennisverband war es die Last mangelnder Voraussicht.

Verlust der Vorbilder

Zulange wurden marode Strukturen der heimischen Tennis-Basis von den Erfolgen des Trios verdeckt, die Arbeit in der Talentförderung in den Jahren des fortwährenden Siegestaumels vernachlässigt. "Ich gebe zu, wir haben uns zu den Glanzzeiten nicht genügend um den Nachwuchs gekümmert", sagte der damalige DTB-Geschäftsführer Günter Sanders in der "Bild"-Zeitung. Außerdem vergab der DTB Ende der neunziger Jahre die Chance, die erfolgreichen Spieler für die Verbandsarbeit zu gewinnen.

Der erneute Verlust der Vorbilder nach deren sportlichen Rücktritten war der nächste Tiefschlag für die Hoffnung auf einen zweiten Aufschwung im Land. Trotz des Mitgliederschwundes ist der DTB aber immer noch der größte Tennis-Verband der Welt (2007: 1,8 Millionen).

Bis heute ist ein zweiter Boom nicht in Sicht. Der Tennisschläger-Verkauf hat sich auf einem Drittel ehemaliger Erfolgszahlen eingependelt, nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen bleibt dem Sport einigermaßen treu.

Die drei Stars von einst landeten jedoch endgültig in den TV-Boulevard-Magazinen und Klatschspalten der Zeitungen. Ehedramen, uneheliche Kinder und Familienglück lösten Spiel, Satz und Sieg ab. Tennis privat sozusagen. Sportlich konnten Anke Huber, Tommy Haas, Nicolas Kiefer und Co. nie das Loch füllen, das Graf, Becker und Stich hinterlassen hatten. Der Tennissport in Deutschland sucht weiter nach neuen Lichtgestalten.



insgesamt 2 Beiträge
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Norbert Rumstich, 26.10.2007
1.
Der erste Sieg von Boris Becker im Wimbledon ist eines der wenigen Tennisspiele, daß ich im Fernseh erlebt habe. Es war der erste Sonntag im Juli, der Tag an dem das Deutsche Derby in Hamburg entschieden wird und eigentlich weartet ich nur auf die Übertragung aus Hamburg. Boris Becker gewann auf dem heiligen Rasen in England und in Hamburg siegte Acatenango aus dem Gestüt Fährhof mit Andrzej Tylicki im Sattel vor den Trainingsgefährten Potomac und Lirung. Acatenango wurde eines der erfolgreichsten Pferde des deutschen Turfs der Nachkrieggeschichte. Ein Jahr später, wieder am ersten Sontag im Juli gewann er in Paris den bedeutenden Grand Prix de Saint Cloud. Nach seinem Abschied von der Rennbahn wurde er mehrfach Champion der Vaterpferde in Deutschland. Sein bester Sohn Lando gewann 1995 den Japan-Cup und schaffte ein neues Highlight in der deutschen Turfgeschichte. Jener erste Sonntag im Juli wird mir immer als der Sonntag in Erinnerung bleiben als zwei ganz große Stars des deutschen Sports den ersten großen Erfolg der Karriere erzielten.
Sebastian Seib, 27.10.2007
2.
>>"Bum-Bum-Boris" gewann zwei Drittel aller Spiele, in denen er mit 0:2 Sätzen zurück lag
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