DFB-Pokalfinale 1989 "Scheiße! Ich muss hier raus, nach Berlin!"

Lungenabriss? Intensivstation? Egal! Nach einer Notoperation fuhr Michael Budde 1989 direkt aus der Klinik zum DFB-Finale. Er traf zufällig seinen Chef, der ihn todkrank wähnte, kollabierte - und erlebte trotzdem seinen schönsten Fußballmoment.

Imago

Endlich Finale! Und das nach dieser wahnsinnig langen Durststrecke mit all den schrecklichen Zweitligajahren. Ein ungeheuerliches Ereignis für mich als BVB-Fan. Dreimal waren wir im DFB-Halbfinale rausgeflogen, gegen Düsseldorf, gegen Stuttgart und dann 1983 als Krönung die furchtbare Schmach beim 0:5 gegen den Zweitligisten Fortuna Köln. Der blanke Horror.

Jetzt also das DFB-Endspiel von 1989 gegen Werder Bremen. Mann, was haben wir auf dieses Spiel hingefiebert! Wir hatten längst alles klargemacht, Karten, Sonderzüge und Partys. Und ausgerechnet dann passierte mein Unfall.

Damals hatte ich einen Job, bei dem ich auf Dächern Blitzschutzanlagen montieren musste. 14 Tage vor dem Pokalfinale gegen Bremen bin ich durch ein ungesichertes Gerüst gebrochen und abgestürzt.

Mehr tot als lebendig

Die Diagnose lautete Pneumothorax, mein Zustand war lebensbedrohlich. Es handelte sich um eine Art Lungenabriss, und ich landete in der Unfallklinik in der Nordstadt auf der Intensivstation. Die Ärzte haben versucht, mich zu stabilisieren. Es ging erst einmal darum, dafür zu sorgen, dass nicht auch noch der zweite Lungenflügel in sich zusammenfiel. Das wäre es nämlich dann gewesen. Ende, Aus, Exitus. Die Ärzte haben mich im Krankenhaus notoperiert, um mich zu retten. Es war knapp.

Ich habe fast vier Tage betäubt mit Schmerzmitteln auf der Intensivstation gelegen, und das Erste, was ich nach dem Aufwachen gedacht habe, war: "Scheiße, Scheiße, Scheiße! Du musst hier raus, du musst hier raus, du musst hier raus! Ich muss nach Berlin!"

Ich war mehr tot als lebendig und habe tatsächlich nur an Berlin gedacht. Das musst du dir mal vorstellen: Du freust dich auf das erste Finale deines Lebens, das du mit Borussia erleben kannst. Du fieberst nur noch darauf hin, und dann liegst du plötzlich auf der Intensivstation und kämpfst um dein Leben.

Ich habe noch sieben weitere Tage im Nebel gelegen, weil ich so geschwächt war, und natürlich auch, weil sie mich mit Schmerzmitteln vollgepumpt haben. Als ich von den Schläuchen abgeklemmt und das Morphium abgesetzt wurde, war es Freitag. Das Spiel der Spiele fand am folgenden Tag statt. Sie wollten mich von der Intensivstation auf die normale Station verlegen, wo ich mich erst einmal ein paar Wochen erholen sollte. Ich war ja zwei Wochen nicht aufgestanden und konnte mich kaum auf den Beinen halten.

Es war überhaupt nicht daran zu denken, sich anzuziehen, in einen Zug zu setzen und nach Berlin ins Stadion zu fahren. Aber genau das habe ich gemacht: Ich bin hochgegangen in das Büro der Schwestern und Pfleger und habe gesagt: "Okay, Jungs und Mädels, das war's. Ich muss jetzt weg. Nach Berlin." Die haben mich angeschaut wie einen Alien, so etwas hatten die noch nie erlebt. Die haben auf mich eingeredet: "Junge, lass es bleiben, es kann gut sein, dass du umkippst und tot bist."

Aber das war mir völlig egal. Ich war happy, dass ich mich halbwegs auf den Beinen halten konnte und die Zeit reichte, um noch rechtzeitig nach Berlin zu kommen. Wäre es zu spät gewesen, wäre ich im Krankenhaus durchgedreht. Ich hab mich auf eigene Verantwortung entlassen und dafür unterschrieben. Als ich gegangen bin, haben die wahrscheinlich hinter mir hergeschaut, sich an die Stirn getippt und gesagt: "Der Junge tickt nicht sauber."

Peinliche Begegnung mit dem Chef

So ganz unrecht hatten sie ja nicht. Zu Hause habe ich ein paar Sachen zusammengepackt. Auch meine Mutter dachte, sie habe eine Erscheinung. Die glaubte, da steht ein Geist. Aufgehalten hat sie mich nicht, das wäre gar nicht möglich gewesen.

Ich sah aus wie der wandelnde Tod, aber das war mir völlig egal. Ich hab mir mein Trikot übergestreift, meine Klamotten und meine Karte genommen, bin zum Zug gegangen und zum Pokalfinale gefahren. Ich wusste: "Bei meinem Zustand, mit all den Medikamenten, da verzichte ich mal besser auf jeglichen Alkohol." Während der Zugfahrt habe ich mich auch daran gehalten. Aber wenn du in den Stadionbereich kommst, die Sonne scheint und die Vorfreude so groß ist, dann kann es schon mal passieren, dass du am dritten oder vierten Bierstand schwach wirst.

Ich kauf' mir also ein Bier, und wen treffe ich als Erstes? Meinen damaligen Chef! Der ist kreidebleich geworden und dachte, er hat Halluzinationen. Er wähnte mich noch auf der Intensivstation und dachte, ich sei gerade am Abnippeln. "Hallo", hab' ich nur gesagt, "wir sehen uns." Dann bin ich schnell weitergegangen. Was sollte ich auch machen? Es war sowieso klar, dass ich nach dieser Vorstellung rausfliege.

Erst der Sieg, dann der Kollaps

So ist es dann auch gekommen, nach seiner Rückkehr nach Dortmund hat mich mein Chef gefeuert. Ich bin ins Stadion rein und hab während des Spiels zwei oder drei Bier getrunken. Nach dem 4:1-Sieg des BVB sind wir natürlich alle komplett durchgedreht, und auf dem Weg raus auf die Straße bin ich dann kollabiert.

Ich bin im Krankenwagen wieder wach geworden, der Notarzt sagte mir, ich habe einen Medikamentenschock erlitten. Offenbar war wohl alles ein bisschen viel. Ich habe nur geschrien: "Wir sind Pokalsieger!", und dann haben sie mir was gespritzt, das mich halbwegs stabilisiert. Zwei meiner Kumpels haben mich dann zum Zug begleitet, und wir sind nach Hause gefahren. Es war eine Ochsentour, danach habe ich mich ins Bett gelegt und war komplett fertig.

Ich habe drei Monate gebraucht, um mich zu regenerieren. Dieses Erlebnis des Pokalfinals in Berlin verbindet mich mit der Borussia am intensivsten. Im Vergleich dazu ist die Heldengeschichte von Norbert Dickel, der wegen seines verletzten Knies erst ganz kurz vor dem Finale wieder fit wurde und dann zwei Tore schoss, ja geradezu ein Witz. Das war ein Minimalaufwand. Mir ging es ja wirklich dreckig, als ich da im Krankenbett lag, und täglich wurden auf der Intensivstation Leute reingefahren, die auch nicht gerade appetitlich aussahen. Doch statt sich meines geretteten Lebens zu freuen und dankbar zu sein, dem Teufel von der Schippe gesprungen zu sein, habe ich nur an Berlin gedacht, und dass ich unbedingt dabei sein muss.

Die Fußballwende von 1989

Um das klarzustellen: Ich will mit dieser Geschichte keine Nachahmer animieren. Im Gegenteil: Bitte, bitte, macht so etwas nicht. Klar, das ist ein außergewöhnliches Abenteuer, das sich schön erzählen lässt. Aber es war absolut unvernünftig und hätte auch in die Hose gehen können.

Der Erfolg von 1989, das ist so, wie es damals gelaufen ist, auch meine Geschichte. Und sie wird es immer bleiben. Zudem war dieser Sieg gegen Werder für uns ungeheuer wichtig und richtungweisend. Weil wir den alten BVB-Fans endlich mal was entgegenhalten konnten, die uns immer wieder erzählten, wie toll es früher gewesen war. Jetzt hatten wir auch einen Titel. Unseren Titel.

Es war das Signal, dass es wieder losging. Nach oben. All die Meisterschaften der jüngsten Vergangenheit, der Triumph 1997 in der Champions League und später beim Weltpokal in Tokio, das hat beim Pokalsieg 1989 seinen Anfang genommen. Ich war dabei, und kann mit Fug und Recht behaupten: Ich habe alles gegeben!

Dieser Text ist eine leicht geänderte und gekürzte Version aus dem Buch "Dortmunder Jungs" von Achim Multhaupt und Felix Meininghaus.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
gottfried kappen, 29.05.2015
1.
Das ist ja 'ne ganz herzallerliebste Geschichte. Du bist ein richtig dufter Fan. Bst du dir nicht selbst peinlich
Yuji Tamada, 29.05.2015
2. Belastung für die Solidargemeinschaft
Ist schon klar, dass diese Stories Reaktionen wie "ach, diese Fussballfanatiker sind doch wirklich crazy!" hervorrufen soll, aber wie die Kommentare zeigen, haben sich die Zeiten inzwischen gewandelt, insofern dass ein solch egoistisches Verhalten, dass zudem das Gesundheitssystem als Selbstbedienungsladen versteht (denn es wurde ja in Kauf genommen, wiederum ins Krankenhaus zu müssen), inzwischen nur noch Unverständnis und Wut auslöst. Ich sehe als gesellschaftlichen Fortschritt an, dass sowas mittlerweile nicht mehr als cool und individualistisch betrachtet wird, sondern als idiotisch. Und mangelnde Selbstbeherrschung wird auch nicht mehr als sympathisch erfunden. Beim dritten Bierstand setzt also die Selbstkontrolle aus. Da soll man sich hineinversetzen können? Lachhaft. Wer jetzt fragt "wo bleibt denn da der Spaß", dem sei gesagt: Besser schnellsten eine neue Spaßquelle suchen, die andere nicht schädigt.
Helga Wandel, 29.05.2015
3. Schön blöd...
...für ein Fußballspiel sein Leben zu riskieren.
mike mike klatt, 29.05.2015
4. noch ein Versuch
BERLIN - ist das Beste Wort in dem Artikel
Rolf Martens, 29.05.2015
5. Auf
die Dummheit auch noch stolz. Wahrscheinlich GKV, die das alles auf die Beitragszahler umwälzte. Wie peinlich, so was zu lesen.
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