Die 60er auf dem Land Mutproben

Aufklärung und Emanzipation setzten sich in den Sechzigern auf dem Lande nur langsam durch: Hans-Georg Wolf wuchs in einer kleinen katholischen Gemeinde auf, in der Pfarrer, Lehrer und Dorfpolizist das Sagen hatten. Englischsprachige Musik, wie die von "The Equals", führte damals noch zu gründlichen Missverständnissen.


Als 1951 Geborener erlebte ich die Sechziger Jahre als Kind und Jugendlicher. Ich bin aufgewachsen in einem rheinland-pfälzischen Bauerndorf an der Mosel mit 1.500 Seelen. Es war die typische "Jeder-kennt-jeden"-Situation. In gewisser Weise stellte das Dorf eine Art Großfamilie dar - natürlich auch mit einigen weniger lieben "Verwandten". Die nächste Stadt mit Kinos, Regionalligafußball (TuS Neuendorf) und Altstadt war Koblenz.

Unsere bevorzugten Spielplätze waren die Straße und der Fußballplatz, die dorfnahen Wälder, die Heuschober der Bauernjungs und die Mosel. Ohne den Begriff in den Mund genommen zu haben besaßen wir viel Kreativität. Zu jeder Jahreszeit, an jedem Wochentag, in der Schulzeit wie in den Ferien. An Langeweile kann ich mich nicht erinnern. Und das, obwohl die zwei (!) Fernsehprogramme bis zum Nachmittag nur das Testbild zeigten. Dabei hatte bei weitem nicht jede Familie einen Fernseher. Zu "Lassie", "Fury", "Sport-Spiel-Spannung" mit Klaus Havenstein oder zum "Forellenhof" trafen wir uns bei Freunden.

Angebereien auf der Mosel

Regelmäßig trieben wir uns auf der meist qualmenden Müllkippe herum und schleppten so manches - nach heutigem Maßstab Sondermüll - zum Werkeln und Spielen mit nach Hause. In jedem Sommer pflegten wir Mutproben und Angebereien. Sie bestanden zum Beispiel im "Überschwimmen", also Überqueren der Mosel. Die Mutigsten warteten ab, bis ein Schiff in Sichtweite kam. Am meisten imponierten diejenigen den Mädchen, die flussaufwärts fahrende voll beladene Lastschiffe erreichen und erklimmen konnten.

Mit dem Fahrrad hängten wir uns hinter die vom Traktor gezogenen Anhänger der Bauern. Entdeckte uns der Traktorfahrer, gab er schon mal Gas, bremste oder fuhr Schlangenlinien, was so manchen Sturz in den Graben zur Folge hatte. Unsere Eltern wären nicht auf die Idee gekommen, den Bauern deshalb wegen Körperverletzung anzuzeigen.

Ein anderes Mal halfen wir den Bauern beim Kirschenpflücken und übertrumpften uns gegenseitig in waghalsigen Turnübungen in den Wipfeln der alten, sehr hohen Kirschbäume. Stürze mit kleineren Verletzungen waren die Folge. Das Obst, egal ob Kirschen, Äpfel, Birnen oder Erdbeeren aßen wir natürlich ungewaschen auf dem Feld. Über Jahre verzehrten wir so wahrscheinlich einen Horror-Mix aus damals gebräuchlichen und heute verbotenen Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel. Alle diese, nach heutigen Maßstäben wohl lebensgefährlichen Aktivitäten habe ich überlebt und erfreue mich bester Gesundheit.

Schlüsselkinder und Sitzenbleiber

Zwänge und Druck gab es damals natürlich auch. Für die meisten Jungs waren die Mitgliedschaft im Fußballverein und die Kreisklassenkarriere ab E-Jugend selbstverständlich wie der Schulbesuch. Aber: Spielen durfte nur, wer "spielen konnte", die übrigen wurden ausgegrenzt. Die hatten dann ihre Rolle beim Hüttenbauen im Wald oder beim Schwimmen. Wer auf welchem Posten spielte, entschied der Trainer - ohne Diskussion mit den Vätern. Welche Schande, wenn das als Freundin ausersehene Mädchen einen am Samstagnachmittag auf der Ersatzbank entdeckte!

In der Schule gab es "Sitzenbleiber" und Kinder aus "Problemfamilien". Ich erinnere mich auch an einzelne, allseits bedauerte "Schlüsselkinder", deren Eltern beide arbeiteten und die nach der Schule allein zu Hause waren (welch ein gesellschaftlicher Wandel). Kinder aus Bauernfamilien mussten insbesondere während der Erntezeit sehr viel mitarbeiten und hatten vielfach keine Zeit zum Spielen.

Solche und ähnliche Erschwernisse hat unsere Generation nicht immer problemlos weggesteckt. Vielmehr waren diese Erlebnisse und Erfahrungen entscheidend für die Entwicklung von Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein, und sie ließen die Anspruchsmentalität in den heutigen Auswüchsen nicht aufkommen.

Allerdings gab es auch eine andere Seite.

Auch Protestanten sind Menschen

Dass in unserem Dorf auch Schwerbehinderte lebten, wusste ich nur vom Erzählen. Sie wurden zuhause versteckt, kamen nie in die Öffentlichkeit. In der nahezu 100-prozentigen katholischen Bevölkerung wurden die wenigen im Laufe der Jahre zugezogenen protestantischen Bewohner mit einem fast mitleidigen "Es sind ja auch Menschen" bedacht. Bei allzu lautem Toben auf der Straße hörte man schon mal aus einem Fenster, es sei "wie in der Judenschule". Auch der oft gehörte Spruch, irgendetwas "hätte es bei Adolf nicht gegeben" ist mir in Erinnerung.

Überhaupt war in der älteren Generation die Mentalität "es war ja nicht alles schlecht, was der Hitler gemacht hat" unterschwellig immer präsent. In der Kneipe lachte man "bis zur Vergasung", hartnäckigen, berechtigten Geldforderungen wurde schon mal mit "Du Jud" begegnet und ehemalige Mitglieder der Wehrmacht oder der Waffen-SS erzählten durchaus mit Stolz von ihren Erlebnissen. Kritische Äußerungen dazu gab es nie.

Aufklärung fand auf der Straße statt, einen auch nur annähernd offenen Umgang mit Sexualität gab es nicht.

Die größte Enge für mich war die kritik- und widerspruchslose Unterordnung, sogar Unterwerfung, unter die Autoritäten Dorfpolizist, Lehrer und Pfarrer. Sie hatten immer Recht! Es war Dorfgespräch, als ein aus der Stadt "Zugezogener" gegen die damals noch übliche Haselstock-Erziehung des Pfarrers opponierte. Wohlgemerkt: Sein Widerspruch war Gegenstand der Theken- und Straßendiskussion, nicht das Verhalten des Pfarrers! Auch die "Nur-nicht-Anecken-Mentalität" war für uns Kinder und erst recht für die Jugendlichen ein Problem. Es war die Zeit des "Wenn Erwachsene reden, haben Kinder den Mund zu halten" und des "Erwachsenen widerspricht man nicht". Die täglich gehörten Floskeln waren "Das tut man nicht" und "Was denken die Leute".

"Baby komm ins Bett"

In bester Erinnerung ist mir die schrecklich-schöne Beatles-Zeit. Ein wenig schrecklich wegen der häuslichen Kämpfe beim Hören der "Negermusik", beim Verschieben der Friseurbesuche und bei den zaghaften Versuchen, etwas von dem aufkommenden Protest auch im Dorf und zu Hause zu praktizieren. Ganz einfach schön wegen der neuen, revolutionären Musik und des ganzen Drum und Dran. Diese Art respektloser Freiheit, unterstützt von BRAVO und Beat-Club, zog alle in ihren Bann. Beatstars lösten Fußballer als Idole ab. Mit 16 kaufte ich mir eine gebrauchte E-Gitarre und ruinierte mangels Verstärker zu Hause das Radio.

Mit vier Freunden gründeten wir eine Band und versuchten uns an einigen Hits. Diese Aufbruchstimmung war einfach genial, auch wenn die musikalischen Versuche völlig erfolglos blieben. Andererseits wurde die erwähnte Enge auch in diesem Zusammenhang deutlich. Zum Karneval 1969 durften wir während einer Veranstaltung in der Schule auftreten. Wir spielten von den Equals "Baby come back". Die Zuhörer verstanden "Baby komm ins Bett". Das war dann der letzte Auftritt im Dorf. Das Ausleben der neuen Freiheit war in dieser engen Heimat halt nur begrenzt möglich.

Die Musik kam von Radio Luxemburg auf Mittelwelle und wurde in miserabler Qualität auf das Grundig Tonbandgerät aufgenommen.

Über allem: Lehrer und Pfarrer

Als Kind auf dem Land habe ich die Volksschule mit acht Klassen besucht. Religion vom Pfarrer, den Rest von zwei Lehrkräften. Elternsprechtage oder ähnliches gab es nicht, nur der Klassensprecher (ohne irgendwelche echten Rechte) durfte eine Uhr tragen, Klassenarbeits- und Zeugnisnoten wurden ohne Diskussion oder auch nur Nachfrage hingenommen. In den letzten Klassen betrug die Klassenstärke 36 Schüler, der einzige Übernachtungsausflug (eine Übernachtung!) war die Abschlussfahrt zum Ende der 8. Klasse.

Die Autorität der selbstverständlich im Dorf wohnenden Lehrer stand über allem. Ich erinnere mich an den Dienstbeginn einer neuen, jungen Lehrerin. Als sie einige Neuerungen einführte (Sitzordnung Hufeisenform; weniger autoritärer Umgang während des Unterrichtes; Beziehungspflege mit Eltern) stieß sie lange auf heftige Ablehnung des "alten" Hauptlehrers und des Pfarrers. Gott sei Dank gab sie nicht auf, sondern biss sich durch.

Der Besuch der "höheren Schule" in Koblenz nach der 4. Klasse blieb wenigen Privilegierten vorbehalten. Während der gesamten Schulzeit wurde die Zeit des Nationalsozialismus nicht behandelt. Allenfalls vom Pfarrer gab es im Religionsunterricht vereinzelt Schilderungen von den Gräueltaten der Nazis.

Wie war es nun in den 60ern auf dem Land? Es war so, wie das Leben nun mal ist und immer sein wird: Unvollkommen und wechselhaft. Man ist früher nur anders (besser!?) mit den tägliche Widrigkeiten umgegangen. Weniger verbissen, weniger die perfekte Welt suchend, weniger das Unveränderliche ändern wollend. Man hat versucht, das Beste daraus zu machen - und man hat den natürlichen Selbstregelungsmechanismen mehr Raum gelassen.

Alles in allem: Ich möchte keinen Tag dieser Jahre missen!



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.