Die DDR-Staatsmacht und ich Teurer Blick über die Mauer

Zuerst fand sie es ganz toll, die Volkspolizei auszutricksen: Ohne Passierschein besuchte die Dresdnerin Simone Ratasich 1983 einen Freund im Ost-Berliner Grenzgebiet. Dann wurde sie erwischt.

Simone Ratasich

Im Frühjahr 1986 lernte ich Jan kennen. Jan wohnte in Ost-Berlin und absolvierte dort seine Pilotenausbildung bei der NVA. Als er mich aus Dresden zu sich einlud, freute ich mich riesig. Ein paar Tage später stieg ich mit klopfendem Herzen aus dem Zug der Deutschen Reichsbahn am Berliner Ostbahnhof aus. Wir waren beide nervös. Später in der S-Bahn tauten wir langsam auf. Bevor wir in die Straßenbahn umstiegen, gestand Jan mir, dass es noch ein kleines Problem gebe. Er erklärte mir, dass er im Grenzgebiet wohne und man dort nur mit Passierschein hinein dürfe. Leider hätte die Zeit nicht mehr ausgereicht, für mich so einen Schein zu besorgen. Allerdings wüsste er, dass nur alle zwei Stunden eine Polizeistreife in seiner Straße auftauche. Wenn man das genau abstoppe, könne uns gar nichts passieren!

Jan merkte mir an, dass mir sehr unbehaglich war, und beschwichtigte mich. Er drückte mich ganz fest an sich und sagte, dass ich keine Angst haben müsse, er habe alles unter Kontrolle. Das klang so vertrauenswürdig, dass ich mit ihm in die Straßenbahn stieg und Richtung Grenze fuhr. Kurz vor der Straße, in der er wohnte, war Endstation. Den Rest des Weges mussten wir zu Fuß gehen. Jan sah auf seine Uhr und meinte, dass die Zeit günstig sei und wir getrost hineingehen könnten. Das Herz schlug mir bis zum Hals.

Endlich erreichten wir seine Wohnung. Nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, sah ich mich ein wenig darin um und dann gingen wir auf seinen Balkon. Erst jetzt bemerkte ich, wie nahe wir West-Berlin waren. Unglaublich: Ich konnte mit bloßem Auge die Menschen, die bunten Häuser, die Geschäfte mit ihren knalligen Werbeschildern und vielseitigen Auslagen mit völlig unbekannten Artikeln und die schnittigen Autos auf der anderen Seite sehen.

Polizei ausgetrickst

Wir schauten genau über die Mauer hinweg, die nur ca. 20 Meter vor uns stand. So greifbar nahe war ich dem Westen noch nie gewesen. Nur schwer konnte mich Jan von seinem Balkon wieder in die Wohnung locken. Ich fragte ihn, wie man eigentlich zu so einer Wohnung komme, und er erwiderte, dass er sich wegen seiner Pilotenausbildung zu zehn Jahren Armeedienst hätte verpflichten müssen. Die Wohnung hätte er über seine Stabsstelle bekommen.

Wir beschlossen, den Nachmittag in der Innenstadt zu verbringen. Wir hatten soeben vom Fenster aus beobachtet, wie eine Streife die Straße passierte und schon wieder am Abmarschieren war, die Luft war also rein. Wir schlenderten stundenlang durch die Stadt. Bevor wir uns aber ins Berliner Nachtleben stürzten, fuhren wir noch mal zu Jan. Wieder dasselbe Spiel: abstoppen, ob die Zeit okay war, und dann schnurstracks in die Wohnung. Mittlerweile war ich schon gar nicht mehr so aufgeregt und fand es super, wie wir die Polizei austricksten.

Dann kochten wir Makkaroni mit gerösteter Jagdwurst, Ketchup und geriebenem Käse. Ein typisches Ossi-Essen - vorausgesetzt, man hatte Ketchup und Käse. Aber bei Jan war das ja nicht so problematisch, denn Berlin war versorgungstechnisch besser ausgestattet als Sachsen. Wenn es bei uns mal eine Lieferung Ketchup gab, kriegte man diesen teilweise nur, wenn man auch mindestens zwei Packungen Makkaroni dazu nahm.

Mir blieb fast das Herz stehen

Jan amüsierte das köstlich und er erzählte mir, dass er hier privilegiert sei, denn im Grenzgebiet sei die Versorgung noch viel besser als im restlichen Ost-Berlin. Ketchup und Käse gebe es immer, und das Angebot an Bananen und anderen Südfrüchten sei auch nicht so schlecht. Er hielt mir eine Banane unter die Nase. Ich fragte Jan: "Weißt Du, warum die Banane krumm ist?" Er schüttelte lächelnd den Kopf und ich antwortete: "Weil sie einen Bogen um die DDR macht!"

Kurz vor acht verließen wir abermals seine Wohnung, um uns ins Berliner Nachtleben zu stürzen, und dann blieb mir fast das Herz stehen. Ich sah eine Grenzstreife um die Ecke biegen und genau auf uns zukommen! Und dann hörte ich: "Guten Abend, Deutsche Grenzpolizei. Ihren Passierschein bitte!" Ich war nicht fähig, auch nur einen Ton von mir zu geben, war wie gelähmt und merkte nur, wie mir heiß und kalt und schlecht vor Angst wurde. Jan übernahm die Erklärung, und stammelnd versuchte er noch zu retten, was eh nicht mehr zu retten war.

Nachdem der Grenzbeamte festgestellt hatte, dass Jan ganz legal hier zu Hause war, ließ er mit einer mündlichen Verwarnung von ihm ab und widmete sich ganz mir. Er bestellte per Funkgerät einen Streifenwagen. Ich sah ihn mit ungläubigen Augen an und fragte, was denn nun passiere, und er sagte: "Ich muss Sie leider auffordern, mit mir aufs Revier zu kommen, um diesen Sachverhalt zu klären. Sie stehen unter strengem Verdacht der Republikflucht!" Als ich das Wort Republikflucht hörte, kippte ich fast in Ohnmacht. Und obwohl ich ja genau wusste, dass ich keine Sekunde an Republikflucht gedacht hatte, war mir klar, dass ich es verdammt schwer haben würde, denen das zu beweisen!

Quälende Fragen

Wie in Trance stieg ich in den Streifenwagen, der in der Zwischenzeit mit Blaulicht und Sirene eingetroffen war. Durch die Scheibe sah ich zu Jan, der versuchte herauszubekommen, auf welches Revier ich gebracht wurde. Man sagte ihm nur, dass ich erst mal in Untersuchungshaft käme, und alles Weitere würde sich zeigen. Jetzt war es endgültig um meine Nerven geschehen. U-Haft! Vor lauter Angst, Panik und Verzweiflung konnte ich meine Tränen nicht mehr länger zurückhalten.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich allein in der winzigen Zelle verbracht habe. Nach einer halben Ewigkeit wurde dann doch die Tür aufgeschlossen, und ich wurde zum Verhör gebracht. Zwei Uniformierte führten mich in einen Raum, in welchem in der Mitte nur ein großer Tisch stand, an dem vier Polizisten saßen, die mich mit strenger Miene aufforderten, ihnen gegenüber Platz zu nehmen. Als ich mich den Polizisten gegenübersetzte, gingen plötzlich mehrere grelle Scheinwerfer an, und ich konnte mein Gegenüber nur mehr hören. Das Licht blendete dermaßen, dass ich kaum die Augen offen halten konnte.

Dann begannen die quälenden Fragen. Die Schikane lag in den endlosen Wiederholungen, in den immer wiederkehrenden und zum Großteil unsinnigen Fragen. Diese lächerlichen Unterstellungen und Worte, die sie mir in den Mund legten, in der Hoffnung, ich würde etwas davon bestätigen. Hinzu kam noch die Müdigkeit - es muss bereits kurz vor Morgengrauen gewesen sein. Wie sollte ich mich noch konzentrieren können und nicht Gefahr laufen, doch eine Antwort zu geben, aus der man mir den Strick drehen konnte? Immer und immer wieder wollte man mir einreden, ich hätte den Besuch bei meinem Freund nutzen wollen, um die DDR illegal zu verlassen. Ich war ein nervliches Wrack. Ich konnte vor Trockenheit im Mund fast nicht mehr sprechen, und bei jedem Wort oder Satzfetzen, den ich von mir gab, klapperte diese fürchterlich laute Schreibmaschine.

Ich wollte einfach nur raus

Nach einer weiteren Ewigkeit gingen endlich die Scheinwerfer aus, und ich wurde wieder in die Zelle gebracht. Ich fing an zu grübeln. Was hatte ich eigentlich alles gesagt, war irgendetwas dabei, was mir gefährlich werden könnte? Ich wusste nichts mehr, hatte keinen blassen Schimmer, was ich in den letzten Stunden von mir gegeben hatte. Dann wurden wieder Schritte lauter und tatsächlich: Vor meiner Tür machten sie halt. Man forderte mich auf, ich solle meine schwerwiegende Tat noch einmal niederschreiben, eine Din-A4-Seite war Minimum. Ich sollte Reue zeigen und mich verpflichten, diese schlimme Tat niemals mehr zu wiederholen. Es musste dabei herauskommen, dass ich mich schriftlich verpflichtete, die DDR niemals illegal zu verlassen.

Ich verfasste diese Seite und unterschrieb sie auch. Ich wollte einfach nur raus hier. Doch eine Ordnungsstrafe hatte ich noch zu entrichten - 50 Mark! Das war für mich ein halbes Vermögen, denn mein Lehrlingsgeld betrug im Monat gerade mal 110 Mark! Die 50 Mark waren mir in dem Moment aber egal - Hauptsache weg!

Ich verließ dieses schreckliche Gebäude und trat ins Freie. Es war schon die Morgensonne zu sehen, und das Zwitschern der Vögel machte mich an diesem Morgen glücklicher als jemals zuvor. Und da sah ich auch schon Jan auf der Bordsteinkante sitzen. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich konnte es nicht fassen, dass er die ganze Nacht hier auf mich gewartet hatte. Eigentlich wollte ich erst am nächsten Tag wieder nach Hause fahren, aber mir war die Lust auf Berlin restlos vergangen. Ich hatte nur noch den Wunsch, die Heimreise anzutreten. Jan protestierte gar nicht erst, und wir fuhren wortlos Richtung Bahnhof. Ich hatte Glück: Der nächste Zug nach Dresden ging bereits in zwei Stunden.

Die verbleibende Zeit saßen wir am Bahnhof, schweigend und etwas unbeholfen. Vielleicht war das schlechte Gewissen von Jan der Grund und ein klein wenig Wut in mir, dass er diesen blöden Passierschein nicht besorgt und mich in diese Lage gebracht hatte. Ich war fast erleichtert, als der Zug einfuhr und ich dadurch dieser Betretenheit ein Ende machen konnte. Wir umarmten und küssten uns noch einmal flüchtig und verabschiedeten uns mit den Worten: "Wir schreiben uns." Es gab danach keinen einzigen Brief mehr.



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