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15. März 2019, 14:00 Uhr

Gründung der Grünen vor 40 Jahren

Pfarrer, Grafen und Bauern mit (Sonnen-)Blume

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Mitte März 1979 gründete sich in Frankfurt eine "Sonstige Politische Vereinigung" und nannte sich "Die Grünen". "Sie waren alle kleine Missionare, viele Egozentriker, Spinner und Blödmänner" - so beschreibt es einer, der dabei war.

Am Ende tanzten sie. Es war der Abend des 10. Juni 1979, ein Sonntag. In ihrem Büro, einem kleinen Bungalow in der Friedrich-Ebert-Allee 120 in Bonn, feierten Kandidatinnen und Kandidaten der "Sonstigen Politischen Vereinigung Die Grünen".

Zum ersten Mal hatten Bürgerinnen und Bürger der damals neun Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft (EG) an diesem Tag direkt ein Europaparlament gewählt. Und zum ersten Mal war eine Gruppe bundesweit in Erscheinung getreten, die in den folgenden Jahren in der politischen Landschaft der Bundesrepublik kräftige Wurzeln schlagen sollte. Die Grünen.

Die Frauen und Männer hatten sich am Wahlabend in ihrer Bonner Geschäftsstelle getroffen, um auf die Ergebnisse zu warten. Die Grünen kamen auf 3,2 Prozent, aber verpassten wegen der Fünfprozenthürde den Einzug in das Europaparlament in Straßburg. "Unsere Spitzenkandidatin Petra Kelly war sehr enttäuscht", erinnert sich Lukas Beckmann. "Ich fand das Ergebnis hingegen hervorragend. Über drei Prozent aus dem Stand!"

Lukas Beckmann, geboren 1950, gelernter Landwirt und studierter Soziologe, mit langen blonden Haaren und Vollbart, war 1978 zur Freien Internationalen Universität gestoßen, die der Düsseldorfer Künstler Joseph Beuys mit dem Schriftsteller Heinrich Böll und anderen gegründet hatte. Beckmann und Beuys fanden, dass es an der Zeit war, eine ökologische Partei zu gründen.

Eva Quistorp, geboren 1945, Pfarrerstochter vom Niederrhein mit knallroten Haaren, Achtundsechzigerin und Feministin aus Westberlin hatte 1978 auf einer Anti-Atomkonferenz in Dublin eine zarte junge Frau namens Petra Kelly erlebt, die offensichtlich auf einer Mission war. "Sie fiel mir auf", erinnert sich Quistorp, "weil sie irre schnell redete und vom fließenden Englisch in fließendes Französisch und in fließendes Deutsch wechselte." Kelly arbeitete als Verwaltungsrätin bei der EG in Brüssel. Sie und Quistorp wollten dafür sorgen, dass Frauen mehr in der Politik zu sagen hatten.

Milan Horacek, geboren 1946, war 1968 aus der Tschechoslowakei in die Bundesrepublik geflüchtet und hatte sich in Frankfurt mit den linksradikalen Spontis angefreundet. Der wuchtige Mann mit dunkler Löwenmähne und Vollbart sorgte dafür, dass die Grünen von Anfang an die Dissidenten in Osteuropa unterstützten.

Jede Geschichte hat eine Vorgeschichte, so auch die der Grünen: Ideologische Grundlagen der Partei war der 1972 erschienene Bericht an den Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" und der 1975 veröffentliche Bestseller des CDU-Politikers Herbert Gruhl: "Ein Planet wird geplündert." Die Partei war ein Produkt der Bewegung von Bürgerinitiativen, die sich in den Siebzigerjahren gegen geplante Atomanlagen und die Umweltzerstörung gestellt hatten.

Bürgerlich und bieder

Ende 1977 hatte sich eine Grüne Liste Umweltschutz in Niedersachen an den Kommunalwahlen beteiligt, im Mai 1978 trat eine Grüne Liste in Schleswig- Holstein an. Zwei Monate später verließ der Bundestagsabgeordnete Herbert Gruhl die CDU und gründete die Partei Grüne Aktion Zukunft (GAZ). Im Oktober kandidierte bei den Landtagswahlen in Hessen eine Grüne Liste.

Ökologen aller Richtungen hatten sich im Juni 1978 in Troisdorf, zwischen Köln und Bonn, zu einem "Deutschen Umwelttreffen" versammelt und einen Koordinierungsausschuss eingesetzt, der sich insgesamt drei Mal traf. Bei der dritten Zusammenkunft, Anfang Februar 1979 in Vlotho, war laut Einladung das "Schwerpunktthema diesmal die Direktwahl zum Europäischen Parlament".

Nach dem Treffen drückten die Teilnehmer in einer Presseerklärung ihre Genugtuung darüber aus, dass die "grünen Parlamentsinitiativen" für die Europawahl zusammengehen würden und baten alle Bürgerinitiativen "auch den parlamentarischen Kampf um eine ökologische, nicht-nukleare, nicht-ausbeuterische, demokratische Zivilmacht Westeuropa zu unterstützen."

Bei den "Parlamentsinitiativen" handelte es sich um die fortschrittliche Kleinpartei Aktion Unabhängiger Deutscher (AUD), die auf dem Gründungstreffen in Frankfurt 150 Delegierte stellen sollte. Gruhls Grüne Aktion Zukunft bekam ebenfalls 150 Vertreter, so wie die Grünen Listen Umweltschutz Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zusammen. Die Grünen Listen aus Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz kamen auf je 30 Delegierte; für Beuys' Freie Internationale Universität und die Aktion Dritter Weg blieben jeweils zehn Vertreter.

Der Habitus war bürgerlich und bieder, nur ein paar junge Atomgegner mit langen Haaren und Lederjacken fielen aus dem Rahmen. Das große Treffen begann am Samstag, den 17. März, um 14 Uhr im Haus Sindlingen, einem 1961 aufbetonierten, seelenlosen Gemeindezentrum an der Frankfurter Peripherie. Im Protokoll heißt es: "Anwesend waren 486 Mitglieder, die schriftlich ihren Beitritt erklärt und ihren Mitgliedsbeitrag für März und April 1979 bezahlt hatten."

Platz 4 für ein früheres SA-Mitglied

Die noch unbekannte, aber in die erste Reihe strebende Petra Kelly sprach ein Grußwort, es folgten ermunternde Worte der französischen Ökologin Solange Fernex, des Frankfurter Gewerkschafters Heinz Brandt und des deutsch-jüdischen Remigranten und Westberliner Politikprofessors Ossip Flechtheim.

"Es lag etwas in der Luft bei dieser Versammlung", erinnert sich Lukas Beckmann heute. "Wir waren uns sicher, dass etwas Wichtiges passierte, dass die Zeit reif war für eine ökologische Partei."

Eva Quistorp erinnert die Delegierten als Mischung aus "Pfarrern, Grafen, Bauern und mittelständischen Unternehmern, städtischen Feministinnen und jungen Anti-Atom-Aktivisten." Die Devise hieß: Einheit in der Vielfalt.

Die Gründung einer Sonstigen Politischen Vereinigung wurde ohne Gegenstimmen bei fünf Enthaltungen beschlossen. Aber wie sollte das Kind heißen? Die Grünen oder Grüne Liste? Mit 372 Stimmen, bei 114 Gegenstimmen fiel die Wahl auf "Die Grünen".

Den Entwurf des Programms hatte Petra Kelly geschrieben, zusammen mit Roland Vogt, einem der drei Vorsitzenden des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Nur zwei Stunden diskutierten die Delegierten über das Programm. Es begann mit dem Satz: "Die neue Europapolitik muss (...) ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei orientiert sein."

Scharfe Kontroversen, wie bei der späteren Parteigründung der Grünen gab es noch nicht. Linksradikale wie der Frankfurter Sponti Joschka Fischer oder die Kader maoistischer Kleinparteien wie Jürgen Trittin waren noch nicht auf den Erfolg verheißenden Zug der Grünen aufgesprungen.

Am zweiten Tag des Treffens wählten die Delegierten als Spitzenkandidatin für die Europawahl Petra Kelly und als ihren Vertreter, für den sie nach der Hälfte der Legislatur aus dem Parlament rotieren sollte, Herbert Gruhl. Unter den weiteren Kandidaten waren zwei Aktivistinnen aus Anti-Atom-Bürgerinitiativen; auf Platz 4 ein Ökobauer namens Baldur Springmann, der gern im russischen Bauernkittel auftrat und über den erst später bekannt wurde, dass er in Nazideutschland SA-Mitglied war. Auf Platz 5 kamen Joseph Beuys und Milan Horacek. Eine gewisse Bekanntheit brachte noch der Schriftsteller Carl Amery mit.

Blaues Programm

Die Kandidaten waren im klassischen Stil ausgekungelt worden. Lukas Beckmann erinnert sich: "Am Vorabend trafen sich Gruhl, Vogt, Kelly, Haußleiter und andere in einem Frankfurter Hotel und stellten die Liste gemeinsam auf."

Das Interesse der Journalisten an der neuen politischen Kraft hielt sich in engen Grenzen. Die Nachrichtenagentur Reuters schickte einen Reporter und ein FAZ-Redakteur schrieb einen Bericht. Im SPIEGEL etwa tauchten die Grünen nicht auf.

Der Anfang war schwer. "Wir hatten keine Flugblätter, keine Plakate, wir hatten nichts", erinnert sich Beckmann an den Beginn des ersten bundesweiten Wahlkampfs, Immerhin hatte Gruhls GAZ in Bonn einen Bungalow mit ein paar Büros, von denen die Bundesgeschäftsstelle der Grünen jetzt zwei Drittel übernehmen konnte.

In einem großen französischen Kombi fuhren die Kandidaten durch die Republik, vor allem in Universitätsstädten stellten sie sich vor: Gruhl, Beuys und Rudi Dutschke.

"Rudi Dutschke war unbedingt dafür, dass wir die Sonnenblume als Symbol nehmen", erinnert sich Milan Horacek. "Wir ließen unser Programm mit der Sonnenblume drauf drucken, nicht in Grün, sondern blau, der Europafarbe."

Zur Finanzierung des Wahlkampfs fällt dem Tschechen ein: "Beuys schoss 300.000 Mark vor, das war viel Geld damals. Als ich eine Telefonrechnung von über 3000 Mark offen hatte, wollte mir die Post das Telefon abstellen. Ich fuhr zu Beuys nach Düsseldorf, der holte aus einem Schrank in seinem Atelier das Geld und drückte es mir in die Hand."

Horacek sieht die Gründergeneration auch durchaus kritisch: "Wir hatten Exhibitionisten dabei, Joseph Beuys, Petra Kelly und auch Roland Vogt. Sie waren alle kleine Missionare. Von heute aus gesehen gab es anfangs viele Egozentriker, Spinner und Blödmänner in der Partei."

Ein entscheidendes Ergebnis der Europawahl war die Rückerstattung von Wahlkampfkosten in Höhe von 4,8 Millionen D-Mark. Beckmann: "Das war das Startkapital für die Parteigründung der Grünen." Beckmann, der ab 1983 zur ersten Bundestagsfraktion der Grünen zählte und später ihr Geschäftsführer war, empfindet heute "Freude pur" darüber, dass er damals dabei war.

Eva Quistorp, später im Europaparlament, sagt, sie sei darauf "stolz wie eine Großmutter". Milan Horacek, der später für die Grünen im Frankfurter Stadtparlament, der ersten Bundestagsfraktion und im Europaparlament saß, zieht für sich das Fazit: "Ich bin nicht stolz, damals dabei gewesen zu sein. Das wäre zu eitel. Aber ich habe eine innere Zufriedenheit darüber, was wir damals angestoßen haben und was daraus geworden ist."

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