Die Neuerer Trichinenschau mit dem Haushaltsmixer

Mit der Aussicht auf satte Prämien stachelte die DDR ihre Werktätigen an, Vorschläge für eine effektivere Produktion zu unterbreiten. Voraussetzung: Die Technologie musste aus sozialistischer Produktion stammen. Ernst Woll nahm die Herausforderung an.

Ernst Dr. Woll

Ab Mitte der siebziger Jahre arbeitete ich als Cheftierarzt in einem größeren Schlachtbetrieb in Thüringen. Als Exportbetrieb für das "Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet" mussten wir in der Trichinenschau die so genannte Verdauungsmethode einführen, da dort gesetzlich vorgeschrieben war, dass das Fleisch von Schlachtschweinen auf Trichinenbefall zu untersuchen ist. Bis dahin waren die Fleischproben einzeln mit dem Mikroskop geprüft worden. Die neue, sicherere Methode sollte gestatten, Fleischproben von bis zu hundert Tieren zu untersuchen.

Für den Kauf der Geräte, die für diese Untersuchung in der Bundesrepublik üblich waren, stand jedoch keine harte Währung zur Verfügung. Deshalb bildete ich zusammen mit einem Ingenieur und einem Diplomlandwirt ein, wie es in der DDR hieß: Neuererkollektiv. Wir überlegten, wie man sich möglicherweise mit Gerätschaften aus der DDR-Produktion behelfen konnte.

Der SED-Staat förderte solche Initiativen, weil sie ihm halfen, Devisen zu sparen. Er ermunterte seine Werktätigen, in ihrer Freizeit und über ihre Arbeitsaufgabe hinaus Vorschläge zu unterbreiten, die dazu beitrugen, die Arbeitsabläufe, Maschinen, Werkzeuge, Vorrichtungen, Gebrauchsgegenstände und Geräte, Effektivität und Arbeitssicherheit zu verbessern. Wir Tierärzte aus dem Neuererkollektiv wurden bald fündig: Zur Zerkleinerung der Fleischproben etwa befanden wir einen in der DDR hergestellten Haushaltsmixer für tauglich. Unseren Vorschlag reichten wir ein - und bald schon fand der Haushaltsmixer Einsatz in der Praxis.

Krupp als Ideengeber? Niemals!

In der Regel wurden Neuerervorschläge vom Staat mit einer Prämie belohnt - allerdings war deren Auszahlung an Bedingungen geknüpft, etwa die, dass das Tüftlerteam mindestens zur Hälfte aus Arbeitern und zu einem Viertel aus Frauen bestehen musste. Pro forma nahmen wir deshalb auch Kraftfahrer, Sekretärinnen oder Tierpflegerinnen in unser Kollektiv auf - auch wenn ihnen Sinn und Inhalt der Neuerung oft verborgen blieb. Dafür kamen auch sie in den Genuss einer recht stattlichen Summe.

Mit der von uns entwickelten Trichinenuntersuchungsmethode sparten wir schließlich in unserem Schlachtbetrieb, in dem täglich rund 1500 Schweine geschlachtet wurden, 16 Arbeitskräfte ein. Die Trichinenbeschauerinnen wurden aber deshalb nicht arbeitslos: Sie wechselten ins Labor, in die Verwaltung oder in den Verkauf. Das in der DDR praktizierte Neuererwesen war nichts anderes als das bis heute in Industriebetrieben angewandte Betriebliche Vorschlagwesen (BVW). Die Anfänge des BVW reichen zurück bis ins Jahr 1872, als Alfred Krupp in seinen Werken ein ähnliches System einführte.

Die Arbeiter wurden hierbei aufgefordert, Vorschläge zur Verbesserung der Arbeitsabläufe, der Produktion und der Effektivität zu machen. Bei Übernahme und Einführung erfolgte eine Prämierung beziehungsweise Vergütung. Die Parteioberen der DDR verschwiegen später die Tatsache, dass das von ihnen eingeführte Modell aus dem kapitalistischen Westen stammte. Stattdessen musste, wie in vielen anderen Fällen auch, die Sowjetunion als Ideengeber herhalten.

Prämie für elektrisch beheizte Ferkelnester

Ich selbst reichte in meinem Berufsleben mehrmals zusammen mit Kollegen Neuerervorschläge ein - ein bescheidener, aber willkommener Nebenverdienst. Vergütet wurden die Ideen allerdings nur, wenn sie über die persönliche Arbeitsaufgabe hinausgingen. Als Tierarzt machte ich deshalb vor allem Vorschläge zu technischen und betriebswirtschaftlichen Problemen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Arbeit in einem Institut für Veterinärwesen, wo ich eine Abteilung für veterinärmedizinische Bauhygiene leitete. Unser Kollektiv entwickelte Ideen zu Graugussspaltenböden für Rinder- und Schweineställe, verbesserte, elektrisch beheizte Ferkelnester und Lüftungsanlagen für die Käfighaltung von Schweinen. Immer ging es dabei um die Tierhaltung.

Waren unsere Vorschläge angenommen, konnten die Neuerungen industriell gefertigt und auch im sozialistischen Ausland angewandt werden. Allerdings wurde das Neuerwesen durch eine Vielzahl von Gesetzen geregelt und durch staatliche Maßnahmen stark bürokratisiert. Für Betriebe war es deshalb oft zu kostenaufwendig - und mancher gute Gedanke blieb ungenutzt. Nichtsdestotrotz hat uns das Tüfteln Spaß gemacht. Und sofern unsere Vorschläge tatsächlich in der Praxis angewandt wurden, freuten wir uns umso mehr.



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