SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Oktober 2008, 11:25 Uhr

Die wahren PC-Erfinder

Weltherrschaft verschlafen

Von Sven Stillich

Sie zeigten Bill Gates, wo's lang geht: In den Siebzigerjahren versammelte ein Fotokopiererhersteller geniale Tüftler in einer Denkfabrik in Kalifornien. Im Xerox Parc wurden Laserdrucker und Ethernet erfunden - und sogar der Computer, wie wir ihn heute kennen. Doch dann ging alles furchtbar schief.

Diese Geschichte handelt von Menschen, die alle Chancen hatten, sie aber nicht nutzen durften. Sie beginnt im Jahr 1970, dem Beginn einer Ära, die wir heute Informationszeitalter nennen und in der Computer den Takt unseres Alltags bestimmen.

Damals ist die Welt dagegen noch größtenteils analog. Es gibt Computer - doch die stehen beim Militär, in Firmen, Banken und Universitäten, sind wuchtig wie Schränke und so teuer wie ein Haus. Bedienen können sie nur Spezialisten, Techniker kümmern sich um ihre Wartung. Der Aufwand ist hoch, doch er rechnet sich: Die "Elektronenhirne" erledigen in wenigen Minuten, wofür Angestellte Stunden bräuchten.

Gebaut werden die mächtigen Rechner von riesigen Konzernen wie der "International Business Machines Corporation" (IBM), wo alle Angestellten Anzug und Krawatte tragen müssen. Computer sind eine ernste Angelegenheit, ihnen gehört die Zukunft im Büro und der Forschung - darin sind sich alle einig. Dass es einmal Rechner für private Zwecke geben könnte, kann sich kaum jemand vorstellen.

Der PC war nur ein wirrer Traum

Wer diesen Traum hegt, erntet Unverständnis. So wie Alan Kay, der 1970 einen wichtigen Termin hat: Sein Einstellungsgespräch bei einem Forschungsteam des Fotokopiererherstellers Xerox. "Was wird ihre wichtigste Errungenschaft hier sein?", wird er da gefragt, und er antwortet: "Der Personal Computer." "Was ist das?", kommt es zurück. Der Informatiker nimmt ein Notizbuch und klappt es auf: "Ein Rechner dieser Größe, mit einem Bildschirm, einer Tastatur und genug Power, um ihre Post zu speichern und ihre Musik, Bilder und Bücher." Sein Gegenüber kratzt sich am Kopf und murmelt: "Ja, klar." Alan Kay bekommt den Job dennoch - und gehört nun zur Xerox-Parc-Mannschaft, angesiedelt bei San Francisco, Tausende Kilometer vom Hauptquartier des Konzerns entfernt. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Xerox hatte das Palo Alto Research Center (Parc) im Juli desselben Jahres gegründet, um gerüstet zu sein für die digitale Zukunft, in der Büroangestellte an Monitoren arbeiten würden und nicht mehr nur auf Papier. Zudem befürchtet die Kopiererfirma zu dieser Zeit bereits, gegenüber den Japanern technologisch ins Hintertreffen zu geraten. Das Parc soll eine firmeneigene Denkfabrik werden, gefüllt mit den besten Technikern und Forschern.

Die machen sich gleich ans Werk, hocken in Gruppen auf Sitzsäcken zusammen und lassen ihrer Fantasie freien Lauf: "Es herrschte totale intellektuelle Freiheit", erinnert sich der ehemalige Parc-Mitarbeiter John Warnock, "jede Idee wurde als Herausforderung angesehen." "Wir waren alle enorm talentiert, jung und voller Energie", fügt sein Kollege Larry Tessler hinzu. "Das Management sagte nur: Legt los und erschafft die neue Welt, die wir nicht verstehen."

Das Krümelmonster ist der Durchbruch

Die erste Technologie, die am Parc entsteht, wird auch in der Konzernzentrale sofort verstanden: Es ist der erste Laserdrucker der Welt. Die zweite bahnbrechende Erfindung der Forscher ist das "Ethernet" - eine bis heute genutzte Technik, mit der sich mehrere Computer miteinander verbinden lassen. "Es funktioniert!" schreibt Robert Metcalfe 1973 begeistert in sein Forschungs-Logbuch.

Doch dieses Jahr wird noch eine größere Errungenschaft sehen: den Prototypen eines Computers, den selbst Laien mit ein paar Mausklicks bedienen können. "Xerox Alto" heißt er, und der Stolz auf die eigene Leistung ist groß im Team, als es sich am 10. April versammelt, um ihn zum ersten Mal in Aktion zu sehen. Alle starren auf den Bildschirm. Jemand schaltet ihn an. Der Rechner läuft. Sein Monitor zeigt ein Bild. Es ist das Krümelmonster aus der Sesamstraße. Und was auf den ersten Blick wie ein Scherz wirkt, ist in Wahrheit der Durchbruch: Da blinken keine seelenlosen Buchstaben auf dem Monitor - der Computerbildschirm zeigt eine Grafik an, die wirkt, als sei sie auf Papier gedruckt. Die Verbindung zwischen alter und neuer Bürowelt steht.

Die Forscher im Xerox Parc ahnen: Es ist dieser PC, der Xerox den Weg in die Zukunft ebnen könnte - ein virtueller Schreibtisch für alle Angestellten. Sie entwickeln den "Alto" in den kommenden Jahren immer weiter und erfinden dabei alles, das heute selbstverständlich ist: Bildschirmfenster, Icons, Menüs und das Konzept, dass Texte und Bilder auf dem Monitor genau so abgebildet werden, wie sie später auf Papier erscheinen. "WYSIWYG" nennen sie das: "What you see is what you get". Jeder, der heute eine Textverarbeitung nutzt und die Schrift vergrößert oder Absätze einfügt, arbeitet mit dieser Erfindung aus dem Xerox Parc.

Niemand in der Chefetage verstand die Visionen der Forscher

Und das Team wächst weiter: Mit an Bord sind jetzt auch Mitarbeiter von Douglas Engelbarts nahe gelegenem Augmentation Research Center, an dem Jahre zuvor die Computermaus erfunden wurde. Am Parc findet sie nun ihre Erfüllung.

Alles scheint bereitet für ein Milliardengeschäft - doch die entscheidenden Leute im Hauptquartier von Xerox vergeben die Chance: "Keiner in New York verstand die Vision", erinnert sich John Warnock, "es schien dort niemand über die Zukunft des Büros nachgedacht zu haben. Die hatten keine Vorstellung davon, wie sie unsere Einfälle in Produkte umsetzen sollten."

Daran arbeiten andere, Kleinere, Schnellere. Der Hippie Steve Jobs verkauft in dieser Zeit seinen VW-Bus, um das Startkapital für seine Firma Apple zusammen zu bekommen. Der Studienabbrecher Bill Gates gründet Microsoft. Gerade erscheint der erste Heimcomputer auf dem Markt - als Bausatz für Elektronikbastler. 1977 wird der "Apple II" vorgestellt, der auf jeden Schreibtisch passt und sich prächtig verkauft - selbst ohne Fenster, Icons oder Maus. Doch die Konkurrenz legt nach: 1981 bringt IBM seinen ersten PC heraus, das Betriebsystem stammt von Microsoft. Auch Xerox stellt einen Computer vor, der auf dem "Alto" basiert - doch der Rechner ist zu teuer und verkauft sich nicht. Der PC macht das Rennen, immer mehr Klone überschwemmen den Markt. Der Absatz des "Apple II" bricht ein. Steve Jobs weiß: Etwas Neues muss her. Und was - das hat ihm ein Besuch im Parc verraten.

Eine Million Dollar als Eintrittsgeld

Denn schon zwei Jahre zuvor hatte sich Jobs mit seinem Team im Xerox Parc den "Alto" zeigen lassen. Als Eintrittsgeld durfte Xerox damals Apple-Aktien im Wert von einer Million Dollar kaufen. Die Parc-Mitarbeiterin Adele Goldberg, die den Gästen das System vorführen soll, weigert sich zunächst: "Wir geben unser Tafelsilber weg", sagt sie, doch ihr Chef weist sie an, die Demonstration durchzuführen. Sie dauert eineinhalb Stunden, und Steve Jobs ist entflammt: "Es war das Beste, das ich in meinem Leben gesehen hatte", erinnert er sich, "innerhalb von Minuten war mir klar, dass alle Computer einmal so arbeiten würden."

Auch das Parc-Team freut sich über den Zuspruch: "Diese Leute haben in einer Stunde mehr über die Auswirkungen unsere Arbeit begriffen, als jeder Xerox-Manager in all den Jahren", sagt Larry Tessler. Als Jobs ihn später fragt, ob er sich vorstellen könnte, bei Apple zu arbeiten, zögert er nicht. "Es gibt viele kluge Leute da draußen", sagt er zum Parc-Chef, "die werden uns bald so weit voraus sein, dass wir sie nie wieder einholen können." Sein Chef bittet ihn, die Namen zu nennen, er werde sie dann einstellen, doch Tessler antwortet: "Nein, so wird das nicht mehr laufen." Bei Apple steigt Tessler bis zum Chefwissenschaftler auf.

Kleine Jungs beim reichen Nachbarn

1984 ist es soweit. Am 24. Januar stellt Apple den "Macintosh" vor, den ersten Personal Computer mit Maus und einer grafischen Benutzeroberfläche für den Massenmarkt. Ein Computer für Jedermann, mit Fenstern und Icons, für 2.495 US-Dollar. Microsoft beginnt, "Windows" zu entwickeln - wobei sich auch Gates bei einem Besuch am Xerox Parc inspirieren ließ. Die neue Art, einen PC zu bedienen, tritt ihren Siegeszug an. Anfangs gewinnt Apple an Boden, später wird Steve Jobs von Bill Gates' Erfolg überrollt. Ende der Achtziger geht es vor Gericht: Apple verklagt Microsoft wegen Ideendiebstahls, woraufhin Xerox wiederum Apple verklagt. Sowohl Apple als auch Xerox verlieren den Prozess. "Wir sind doch beide wie Jungs, die einen reichen Nachbarn hatten, der immer die Tür aufgelassen hat", sagt Bill Gates später zu Steve Jobs.

Der Geist jedenfalls ist aus der Flasche, das Parc hat seine größte Zeit hinter sich. Das alte Team zerfällt, Alan Kay und andere gehen zu Apple oder Microsoft, John Warnock gründet seine eigene Firma Adobe, Robert Metcalfe die Netzwerkfirma 3com.

Xerox hat seine große Chance vertan. Ihre Ideen finden sich heute in jedem Rechner, aber auf keinem dieser Rechner steht ihr Name. "Sie hatten den größten Sieg der Computergeschichte vor Augen", sagt Steve Jobs, "sie hätten das IBM oder das Microsoft der Neunziger werden können und heute die Industrie dominieren. Aber sie wurden geschlagen" - von einem charismatischen Hippie mit einer Vision und einem Studienabbrecher, den der PC zu einem reichsten Menschen der Welt gemacht hat.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung