Die Wende Kein Job. Nirgends

Er erhoffte eine neue Ordnung und erlebte nur den Umsturz der alten: Die politische Wende in Deutschland brachte dem Journalisten D. keinen beruflichen Neuanfang, sondern zehn Jahre Arbeitslosigkeit.

Martin Jehle/Album Heinz-Joachim Bona

"Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts als bloß den Umsturz der alten erleben. Zu denken, dass wir von Wesen verstanden würden, die noch nicht geboren sind. Um Haltung ringen. Als hätte, was wir tun oder lassen am Ende eine Bedeutung'. Drei Sätze aus dem Buch von Christa Wolf 'Kein Ort. Nirgends.' Erschienen 1979. Damals, im Winter, sprach ich die Hoffnung aus, sie möge bleiben in unserem Land. Denn es war eine Zeit, in der viele Dichter gegangen sind. Ich hatte ihre Erzählung als Warnung verstanden und habe ihr mitgeteilt, wie viel von all dem, was uns in jenen Jahren bedrückte, sie mit 'Kein Ort. Nirgends' zur Sprache gebracht hatte. Christa Wolf ist geblieben und hat immer wieder ihre Stimme erhoben. Hat uns Mut gemacht. Zehn Jahre später, am 4. November 1989, hat sie vor Hunderttausenden auf dem Alexanderplatz gesprochen. Zu uns, die wir geblieben sind. Sie sagte: 'Stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg.' Eine Hoffnung ist für mich am 4. November wahr geworden. Eine Hoffnung, die da lautet: 'Hier ist der Ort. Überall.`"

("Berliner Zeitung", 6.11.1989)

Dies und noch viel mehr, schrieb D. in jenen Herbsttagen für eine Zeitung. Dann kam der 9. November 1989: Die Mauer ging auf und die DDR zwangsläufig unter. Und mit ihr D.s Berufsleben. Im Jahr 2004 feierte D. sein zehnjähriges Arbeitslosenjubiläum in aller Stille. In diesem Sommer erhielt er Post von seiner Agentur für Arbeit. Er öffnete den übergewichtigen Briefumschlag und las: "Sehr geehrte Dame/sehr geehrter Herr, Sie erhalten zurzeit Arbeitslosenhilfe. Sicherlich haben Sie schon erfahren, dass diese Leistung ab 1. Januar 2005 durch die Grundsicherung für Arbeitssuchende, das neue Arbeitslosengeld II für erwerbsfähige hilfebedürftige Personen, abgelöst wird. Bitte füllen Sie den beigefügten Antrag und die notwendigen Anlagen/Zusatzblätter sorgfältig aus. Mit freundlichen Grüßen Ihre Agentur für Arbeit."

Lebst du noch oder hartzt du schon?

D., bald also eine erwerbsfähige hilfebedürftige Person, hatte von den Reformen seiner rot-grünen Regierung schon einiges gehört. Er reagierte mit dem ihm eigenen Humor und verfasste einen seiner beliebten Sprüche. Dieser ging so: "Herr Ober, bitte noch ein letztes Bier, bald kommt Hartz IV!" Auch rechnete der hilfebedürftige D. ganz ohne die Unterstützung seiner reformierten Arbeitsagentur einmal kurz durch, was sich mit den 331 bzw. 345 Euro für erwerbsfähige Personen im Beitrittsgebiet (früher DDR genannt) wohl anfangen lassen würde. Das Resultat brachte eine gewisse Ernüchterung, ein neuer Gag fiel ihm nicht mehr ein.

Um sein Tief zu überwinden, fing er an, Überschriften der Zeitungsartikel zu sammeln, die er täglich beim Morgenkaffee im Internet las. Er druckte sie aus und markierte die Schlagzeilen mit seinem neuen Stabilo Boss® Marker. Es entstand eine nette kleine Sammlung, die er "Best of Hartz-Clips" nannte. D. legte sie zu den Antragsformularen auf das neue Arbeitslosengeld II; für die kleinen Ausfüll-Pausen zwischendurch. Anfangs machten Schlagzeilen wie "Hartzige Zeiten für den Osten" oder "Ab 1. Januar 2005 wird abgehartzt!" das Rennen. Dann gab es einen neuen Favoriten, den er zufällig auf einer Homepage des Westdeutschen Rundfunks entdeckte. Er ging so: "Wohnst du noch oder hartzt du schon?" D. fand es jedoch besser, den Werbeslogan einer schwedischen Möbelfirma wie folgt zu ändern: "Lebst du noch oder hartzt du schon?"

Müde und dick

Ein Reporter besuchte D. überraschend und befragte ihn ausführlich zu seinem zehnjährigen Arbeitslosendasein. Der Journalist versprach eine differenzierte Betrachtung des Themas und schrieb dann über D. in der Zeitung: "Ich treffe einen früheren Kollegen, der in zehn arbeitslosen Jahren müde und dick geworden ist." Das machte D. ein wenig wütend, er aß drei Tage Knäckebrot mit Magerquark und entschloss sich dann zu einem eigenen journalistischen Beitrag. Vorher schrieb er einen Leserbrief an die Zeitung. Der ging so:

"Der anerkennenswerte Selbstversuch Ihres Reporters, einmal von 345 EUR im Monat zu leben, sei dem Bundestag zur Nachahmung empfohlen. Wie wäre es, wenn ihn zum Beispiel auch Herr Thierse unternehmen würde? Hatte doch der amtierende Bundestagspräsident noch im Wahlkampf 2002 verkündet, dass es mit der SPD keine Abschaffung der Arbeitslosenhilfe geben werde (...). Arbeitslosigkeit verursacht eine ganze Schicht von Veränderungen. Dabei ist das wenige Geld nur die augenfälligste Einschränkung. Viel schwerer wiegen die abgestorbenen Hoffnungen, die sich für viele Bürgerinnen und Bürger in den neuen Bundesländern nach 1989 aufgetan haben. Nun sind die ab 1. Januar 2005 zu Almosenempfängern degradierten Menschen im Osten (fast) wieder da, wo sie vor dem zwangsläufigen Untergang des SED-Sozialismus waren: Eingesperrt hinter einer Mauer, dieses Mal einer Mauer der Armut." ("Berliner Zeitung", 14/15.08.2004)



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