Dieter Bohlens schlimmste Hits Cheri cheri, Louielouielouie

Er ist der King of Quietsch aus Tötensen: Kein Deutscher hat so lange so viele so penetrante Ohrwurmmonster erschaffen wie "Pop-Titan" Dieter Bohlen. einestages hat seine erfolgreichsten, albernsten und skurrilsten Hits ausgegraben.

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Manche Dinge wird man nie mehr los. Selbst, wenn man in Verdrängung geübt ist: Vokuhila, Ballonseiden-Jogginghosen, Nora-Goldkettchen und rosa Lipgloss? Nie gehört! Die Zeit, heißt es, heilt alle Wunden. Selbst die Geschmacksverirrungen der achtziger Jahre. Doch einige Traumata sitzen so tief, dass sie noch Jahre, sogar Jahrzehnte später plötzlich ans Tageslicht kommen können.

Das können Sie ganz einfach im Selbstversuch überprüfen: Begeben Sie sich auf eine kleine häusliche Feier mit Freunden. Gehen Sie dann zu vorgerückter Stunde, wenn Alkoholpegel, Stimmung und Lautstärke das kritische Maß überschritten haben, zur Stereoanlage. Holen Sie noch einmal tief Luft. Schalten Sie sie aus. Und quietschen nun, so laut und hoch Sie nur können, folgende Worte: "Cheri, Cheri..."

Wenn Sie nun den unausweichlichen, vielkehligen Chor anstimmen hören: "...Laaaaaaadyyy! Going through emoootion! Love is where you find it - listen to your heart!"

Und wenn Sie ganz allmählich die grauenvolle Erkenntnis in sich aufsteigen spüren, dass die lauteste, schiefste Stimme in dieser Kakophonie ihre eigene ist, spätestens dann wissen Sie es ganz genau: Ich bin ein Opfer. Der Täter, Diplom-Kaufmann Dieter B. aus T. bei H., hat eine ganze Generation durch die Hölle geschickt. Und genaugenommen sind wir da heute noch.

Deckname Benson

Ursprünglich hatte der aus Oldenburg stammende B. ein unbescholtenes Leben geführt. Doch nach dem Ende seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre im Jahr 1978 war er auf die schiefe Laufbahn geraten - als Schlagerproduzent eines Hamburger Musikverlages. Zunächst begnügte er sich noch mit kleineren Vergehen, die er unter falschen Identitäten beging: So war er als "Steve Benson" 1980 verantwortlich für Titel wie "Don't Throw My Love Away", "Angel Blue Eyes" oder das stumpf-gutgelaunte "Telephone Girl", deren Schadensradius zum Glück noch begrenzt war.

Doch das sollte sich bald ändern: Hatte B. unter dem Decknamen Benson zunächst noch als Einzeltäter agiert, schloss er sich 1984 mit dem Komplizen Thomas A. zu der Gruppierung "Modern Talking" zusammen. Die Folgen für deutsche Radiohörer waren verheerend - wie aus dem Nichts ging plötzlich ein Dauerfeuer schmerzhaft penetranter Ohrwürmer auf Deutschland nieder: "You're My Heart, You're My Soul", "You Can Win If You Want", "Cheri, Cheri Lady", "Brother Louie", "Atlantis Is Calling (S.O.S. for Love)", "Geronimo's Cadillac". Binnen weniger Jahre hinterließ das Duo eine Spur der Verwüstung in der deutschen Musiklandschaft.

Der Rest ist Geschichte: Dieter Bohlen, der "Pop-Titan", der King of Quietsch aus Tötensen, der Don des Euro-Dance, hat uns in den vergangenen drei Jahrzehnten mit mehr dahinstampfenden, immergleichen, mitgröhlkompatiblen Chart-Hits bombardiert, als je eine Volksseele überwinden könnte. Von Blue Systems "My Bed is too Big" über Chris Normans berüchtigte "Tatort"-Schnulze "Midnight Lady" bis zu in Geiselhaft genommenen DSDS-Gewinnern wie Mark Medlock oder Mehrzad Marashi, die ja möglicherweise gute Musiker sein könnten - wären sie nicht von ihrem Produzenten zu Grausamkeiten wie "Mamacita" oder "Don't Believe" getrieben worden.

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Cheri, Cheri: ...Laaaaaaadyyy!

Mehr als 130 Bohlen-Chartsingles für C. C. Catch, Yvonne Catterfeld oder Daniel Küblböck und Schlagerproduktionen für Peter Alexander ("Auf die Liebe kommt es an"), Roy Black ("Rosenzeit") oder die Wildecker Herzbuben ("Kuschelzeit") haben wir bis heute überstanden. Und mehr noch: "Deutschland sucht den Superstar", Autobiografien, Hörbücher, "Dieter - der Film" haben wir über uns ergehen lassen, ebenso wie die detaillierte Berichterstattung über seinen Penisbruch.

Trotzdem werden wir es einfach nicht los, trotzdem wissen wir noch immer genau, wie die richtige Antwort auf "Cheri, Cheri..." lautet. Natürlich "You can win if you Louielouielouie - S.O.S. for love!"



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
Markus Oberndörfer, 07.02.2014
1.
Wer sich alle Lieder in voller Länge antuen kann, ist entweder total sediert oder würde auch eine Wurzelbehandlung des Komplett-Gebisses ohne Betäubung als angenehm empfinden.
Thomas Seifert, 07.02.2014
2.
"Cheri, cheri lady" stammt ja überhaupt nicht von Bohlen - alles nur geklaut! Und zwar von Janusz, dem Jüngsten der Popolski-Familie, der diesen Hit als Dreijähriger komponierte. Glücklicherweise hat Familie Popolski Januszs Ehre wiederhergestellt - mit einer fulminanten Headbanger-Version des Stücks, die erst enthüllt, was da drin steckt! -> youtube: Popolski cherry lady
Arne Salig, 07.02.2014
3.
Hat sich der Autor wirklich durch all diese musikalischen und textlichen Grausamkeiten gehört? Wenn ja wünsche ich von ganzem Herzen gute und baldige Genesung!
Mathias Völlinger, 07.02.2014
4.
Ohweh. Nicht nur in Deutschland. War damals mal rucksackreisend im "Orient" unterwegs. Zumindest in den westlich angehauchten Ländern dort, Israel, Türkei, lief der Scheiß den ganzen Tag im Radio oder an Strandbars. Und so manche Engländer die ich dort traf fanden das auch noch lustig. Nun gut, wenns denn der Völkerverständigung diente...
Bernd Marianowski, 07.02.2014
5.
Nur mal zur Erinnerung: Dieter Bohlen hat ein abgeschlossenes BWL-Studium. Damit hat er schon mal mehr Kompetenz zu bieten als das eine oder andere Mitglied des aktuellen Bundeskabinetts. Und Steuern scheint er auch in Deutschland zu zahlen. Aus meiner Sicht also Alles Gute zum Geburtstag, Dieter.
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