Dieter Thomas im Interview "Ich bin froh über mein Resthaar"

Schlagerstar Dieter Thomas Kuhn spricht im Interview über seine Jugend in den Siebzigern, seine Abneigung gegen den "Ballermann" - und verrät, wer ihn zu seinem Brusthaartoupet inspirierte.

DTK

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einestages: Herr Kuhn, am 7. Januar werden Sie 50. Wie feiert ein Schlagerstar?

Kuhn: Manche würden wahrscheinlich eine große Gala-Show oder ähnliches erwarten, es wird aber unspektakulär - dafür gemütlich: Ich lade meine besten Freunde ein und koche einen Riesentopf Gulasch.

einestages: Gulasch statt Party - und keine Spur von Midlife-Crisis?

Kuhn: Wenn es bei mir eine gegeben haben sollte, habe ich die wohl schon hinter mir. 50 ist zwar ein stattliches Alter, aber das lasse ich ganz locker auf mich zukommen. Man kann es eh nicht ändern - und ein frühes Ende wünscht man sich auch nicht, nur um legendär zu werden.

einestages: Was bedeutet "50" im Showzirkus?

Kuhn: Das Alter 50 finde ich ehrlich gesagt schon befremdlich, weil ich mich überhaupt nicht so fühle. Meine Fans sind zum Teil deutlich jünger als ich. Wenn ich mir heute andere Künstler in diesem Alter ansehe, etwa Fanta 4, die auch noch rumhopsen auf der Bühne, dann denke ich schon: Mein Gott, wie wirkt das?

einestages: Apropos rumhopsen - wie halten Sie sich fit für den Touralltag?

Kuhn: Ich war nie ein großer Sportler, auf der Bühne bin ich trotzdem ganz gut unterwegs. Ich gehe nicht mal regelmäßig joggen, nur ab und zu zum Rückentraining. Wie ältere Herrschaften das eben tun.

einestages: Macht es denn als "ältere Herrschaft" immer noch Spaß, den singenden Glücklichmacher zu geben, als der Sie mal betitelt wurden?

Kuhn: Ja, tut es. Ich könnte es sonst nicht machen. Wenn wir uns mit der Band abends fertig machen in der Garderobe, haben wir schon beim Frisieren unheimlich viel Spaß und wundern uns, dass wir immer noch so viel Lust haben, da rauszugehen.

einestages: Ist es nicht anstrengend, immer gute Laune haben zu müssen?

Kuhn: Komiker behaupten ja gern, das sei ein hartes Geschäft. Ich empfinde das nicht so. Natürlich habe ich in meinem Leben nicht nur lustige Momente gehabt - etwa als mein Vater, meine Mutter und mein Bruder vor einigen Jahren starben. Aber in schweren Zeiten hat mir meine Band sehr geholfen. Ich habe es geschafft, rauszugehen auf die Bühne und die Probleme für einen Moment zu vergessen. Es muss immer irgendwie weitergehen.

einestages: Sie sind im schwäbischen Tübingen aufgewachsen. Hat sich da schon Ihr Showtalent gezeigt?

Kuhn: Ich hatte eine recht unbeschwerte Jugend als das jüngste von sechs Geschwistern, mit einem Altersabstand von rund 20 Jahren, ein Nachzügler. Auf der Gesamtschule war ich allerdings weder ein Draufgänger noch der Klassenclown. Nur mein großer Freiheitsdrang war damals schon da: Während die Mitschüler in den Urlaub fuhren, besserte ich mein Taschengeld mit Unkrautjäten auf, um mein Mofa zu finanzieren. Mofa, das war für mich Freiheit. Und ich entwickelte schon früh eine Affinität zu Musik und Mädchen.

einestages: In den Siebzigern, einer Blütezeit des Schlagers, waren Sie Teenager - wie haben Sie diese Jahre in Erinnerung?

Kuhn: Zwiespältig. Die Siebziger waren auf der einen Seite Spaß und Abenteuer, auf der anderen Seite gab es aber die allgegenwärtige Bedrohung durch die RAF. Mein Vater war damals Ermittler beim Landeskriminalamt und hat in dieser Szene ermittelt. Uns Kindern hat er nie viel davon erzählt, aber wir haben die Anspannung gespürt. Zu dieser Zeit hingen ja überall die Fahndungsplakate von Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin. Das hat uns schon belastet.

einestages: Die Begeisterung Ihres Vaters hielt sich vermutlich in Grenzen, als Sie ihm sagten, dass Sie Musiker werden wollen?

Kuhn: Ganz und gar nicht - seine Reaktion war positiv. Bei uns zu Hause ging es sehr liberal zu. Ich bin auch nicht direkt Berufsmusiker geworden: Nach der Schulzeit habe ich erst in einer Zaunfabrik gejobbt, um mein Motorrad unterhalten zu können, eine Kawasaki Enduro. Später machte ich eine Ausbildung zum Masseur, weil mir meine Schwester dazu geraten hatte. Ich erkannte schnell, dass ich das nicht bis zur Rente machen konnte.

einestages: Wie kamen Sie zur Musik?

Kuhn: Ursprünglich durch meine Geschwister. Mein älterer Bruder führte mich an Led Zeppelin ran. Ich mochte auch Smokie und Barbra Streisand, meine Lieblingssängerin. Und ich hatte schon früh den Wunsch, Gitarre zu lernen, damit ich mich beim Singen begleiten konnte. Cat Stevens' "Father and Son" und "Where Do the Children Play" waren die ersten Stücke, die ich am Lagerfeuer gespielt habe.

einestages: Und woher kommt Ihre Faszination für Schlager?

Kuhn: Bei meiner Mutter liefen im Radio Udo Jürgens, Peter Maffay und Michael Holm. Auf die stand ich genauso wie auf Led Zeppelin. Dass ich dann selbst beim Schlager landete, war Zufall: Giovanni, der Gastwirt unserer Lieblingskneipe, wollte einen italienischen Abend veranstalten und selbst Hits von Celentano und Co. singen. Er fragte uns, ob wir als seine Begleitband auftreten könnten. Ich sang im Chor mit. Nach zwei Konzerten flogen zwischen Band und Giovanni die Fetzen, und wir trennten uns. Howie, der Gitarrist, fragte mich, ob ich nicht singen könne. Wir haben dann neben Italo-Hits auch deutsche Schlager gespielt und hatten Riesenspaß. Dabei hatten wir bis dahin nur Rock gemacht. Also coverten wir Schlager, nur schneller, härter und lauter. Eine Schlagerverarsche ist das beileibe nicht. Ich singe Schlager, weil es mir liegt. Aber gefühlt sind unsere Konzerte eher Rock-Shows.

einestages: Und so wurde aus dem Tübinger Musiker Thomas Kuhn der Schlagerstar "Dieter Thomas Kuhn"?

Kuhn: So war es. Unseren ersten Auftritt hatten wir 1992 im Kegelsaal des Weilheimer Kneiple in Tübingen. Der Laden war bumsvoll, die Leute tanzten auf den Tischen. Wir begeisterten das Publikum wohl nicht nur mit unserer Musik, sondern auch mit unseren schrägen Glitzer-Outfits. Mein Vorbild in puncto Optik war Ricky Shane, der mit "Mamy Blue" einst einen Hit hatte. Seine Dauerwelle und sein Brusthaartoupet waren mir in Erinnerung geblieben.

einestages: Mit diesem Look wurden Sie in ganz Deutschland bekannt. Eines haben Sie aber nie geschafft: Mallorca zu erobern, obwohl das ja - mit Verlaub - auf der Hand läge und finanziell sicher reizvoll wäre. Wieso?

Kuhn: Wir haben in der Band bewusst entschieden, dort niemals aufzutreten. Das gehört zu unseren wenigen Grundsätzen: Keine Bierzelte, kein "Ballermann"! Mallorca ist eine wunderschöne Insel, aber den "Ballermann" kenne ich nur von RTL.

einestages: Wie vertreiben Sie sich heute die Zeit, wenn Sie nicht auf Tour sind?

Kuhn: Mein großes Hobby sind Motorräder und die kleine Werkstatt, die ich mir mit Freunden in unserem Viertel eingerichtet habe. Da gibt's eine Hebebühne, aber auch Sofas und einen Kühlschrank. Wir schrauben stundenlang an unseren Oldtimer-Harleys rum. Ich fahre eine aus meinem Geburtsjahr, eine 1965er Shovelhead. Ab und zu machen wir einen Männertrip durch die Schwäbische Alb oder den Schwarzwald und genießen die Freiheit. Unsere Maschinen haben keinen Soziussitz, die Frauen bleiben also zu Hause.

einestages: Eine indiskrete Frage interessiert uns zum Abschluss natürlich noch brennend - tragen Sie Echthaar oder Perücke?

Kuhn: Das ist 100 Prozent Echthaar, kunstvollst hintoupiert! Eine schöne Fönwelle, die jeden Abend frisch gelegt wird. Das dauert immerhin 30 Minuten. Ich bin heilfroh, dass es heute noch Resthaar bei mir gibt, mit dem man das machen kann. Ich hatte immer die Befürchtung, dass meine Karriere beendet ist, wenn mir mal die Haare ausgehen. Aber ich komme noch ganz gut über die Runden.


Dieser Text erschien zum ersten Mal im Januar 2015 anlässlich Dieter Thomas Kuhns 50. Geburtstag



insgesamt 7 Beiträge
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Juergen Herdin, 06.01.2015
1. Tübingen am Meer?
Eine kleine Korrektur zu der Fotostrecke über DTK : So sehr es sich Tübingen auch wünschen dürfte: es liegt nicht am Meer, dort, wo Kuhn auf einem der Bilder posiert.
Alexandra Schoen, 06.01.2015
2. happy birthday
du bist großartig!!!
Hans-Joachim Lang, 06.01.2015
3. Ein Stern
Zum morgigen Geburtstag einen Stern an Dieter. Nicht den von Michelin und nicht den aus Zuffenhausen. Sondern einen aus Ofterdingen. Kann gegen ein Bier im Stern umgetauscht werden.
Martin Nienhaus, 06.01.2015
4. Bier im Stern?
Lieber jol, da schließe ich mich an und lege noch einen drauf, damit es ein vernünftiges Weinchen ergibt. Bier im Stern muss ja nun nicht sein... Und Dir Thommy, herzlichen Glückwunsch! Martin Nienhaus
Gunnar Häger, 06.01.2015
5. Generationenubergreifend
DTK ist Kult. Jeder hat Ssmstag abend nach der Wanne mit viel zu heissem Wasser, verschrumbelten Fingern und Bademantel vorm TV gesessen um dann die legendären Worte von Dieter Thomas Heck zu hören, es ist 19 uhr 30, hidr ist berlin mit ihrer Hitparade. ..... es war halt ne geile zeit und dtk frischt das neu auf.
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