Als der Hip-Hop nach Deutschland kam "DJing ist das neue Arschgeweih"

Erst war es das Hobby einer kleinen Szene, dann ein Massenphänomen. Die DJ-Urgesteine Mirko Machine, Stylewarz und Mixwell erinnern sich, wie es mit dem Hip-Hop losging und wie der Deutschrap alles veränderte.

Linda Vartoogian/ Archive Photos/ Getty Images

Ein Interview von


In den frühen Achtzigerjahren entdeckten die ersten Jugendlichen in Deutschland den Hip-Hop. DJ Stylewarz und Mirko Machine gehörten zu den Pionieren der jungen Szene, später arbeiteten sie unter anderem mit Jan Delay, Ferris MC (Deichkind), Megaloh, Dendemann und Torch zusammen. Im Umfeld von den Beginnern und Samy Deluxe stieg in den Neunzigern auch DJ Mixwell in die Oberliga der deutschen Hip-Hop-DJs auf.

Seit 2009 mixen und scratchen die drei auch als "DJ Orchester" - hier sprechen sie über deutschen Hip-Hop und die Rolle der DJs.

DJs im Dreierpack: Mixwell, Mirko Machine und Stylewarz (von links)
Gaby Schuetze

DJs im Dreierpack: Mixwell, Mirko Machine und Stylewarz (von links)

einestages: Hip-Hop existierte lange, bevor er in Deutschland Fuß fasste. Wer hat's erfunden?

Mirko Machine: Wie schon Rakim so schön gerappt hat: "The disc jocks created hip hop" - das stimmt. DJs wie Kool Herc veranstalteten ab 1973 in New York Blockpartys und spielten besonders gern Schlagzeug-Breaks aus Funk-, Soul- und Rock-Songs, weil die Leute dazu tanzen wollten. Diese kurzen Abschnitte reihte der DJ über zwei Plattenteller immer wieder aneinander. So entstand die Musik, die wir heute Hip-Hop nennen.

einestages : Die Breaks waren also der Ursprung...

Stylewarz: ...und davon leitet sich auch Breakdance ab: Bei den Partys warteten alle auf den Break, um zu zeigen, was sie tänzerisch draufhatten.

einestages: Wann kamen die Rapper ins Spiel?

Mirko Machine: Der erste echte Rapper oder MC war Coke La Rock, der für Kool Herc am Mikro stand. Die Rapper steuerten die Party-Phrasen und Reime bei, der DJ war aber die Hauptattraktion. Er wurde auch bei den ersten Hip-Hop-Gruppen immer zuerst genannt, wie bei Grandmaster Flash & The Furious Five oder DJ Jazzy Jeff & The Fresh Prince. Erst die Musikindustrie hat das umgedreht.

einestages: War das in Deutschland auch so?

Stylewarz: Nein, weil das Breakdancing zuerst aus den USA hier ankam. Anfang der Achtzigerjahre gab es in Deutschland noch keine Rapper. Auf den ersten Hip-Hop-Jams sah man vor allem DJs, Graffiti-Writer und Breakdancer.

Mirko Machine: Natürlich kannten wir schon Stücke wie Grandmaster Flashs "The Message" oder "Rapper's Delight" von der Sugarhill Gang. Lustige Geschichte am Rande: "Rapper's Delight" hat Thomas Gottschalk 1980 mit den beiden Radiomoderatoren Frank Laufenberg und Manfred Sexauer als "Rapper's Deutsch" herausgebracht - wenn man so will, war es das erste deutsche Hip-Hop-Lied.

einestages: Lag die Hip-Hop-Faszination für euch auch darin, eine Welt nachzuahmen?

Mixwell: Ein bisschen schon. Amerika war für mich das Allercoolste. Das fing an mit Vorabendserien wie "Ein Colt für alle Fälle" und ging mit Run-DMC weiter.

Mirko Machine: Ich weiß nicht - als ich zum ersten Mal nach New York kam, waren die Häuser höher. Aber sonst? Ich war ernüchtert. Allerdings war ich auch voll auf Mission und kam mit einer Riesentasche Vinyl zurück. Leider wussten die Läden schon genau, was sie für begehrte Platten verlangen konnten. Die Japaner haben das Geld einfach hingelegt.

einestages: Hip-Hop war in Deutschland noch Underground. Hattet ihr Sorge, dort zu versauern?

Stylewarz: Wir waren voll mit dem Machen beschäftigt. Jeder hat sich erst mal ausprobiert, um sein Ding zu finden.

Mixwell: Wir hatten Spaß - darum ging es. Man ist viel gereist und wollte sich austauschen. Ich habe früher als Klempner meine Brötchen verdient. Dann wurden die DJ-Jobs zahlreicher. Echte Kohle gab es erst, als es mit dem Deutschrap in den Neunzigern losging. Da hat's "Peng" gemacht. In wenigen Monaten entdeckte die breite Masse das Genre. Mit den Beginnern, Freundeskreis und anderen lief dann die Maschine an, die uns mitgerissen hat.

einestages: DJs legen mittlerweile hauptsächlich mit dem Computer auf. Bestand bei euch mal die Angst, dass der Rechner euch ablösen könnte?

Mirko Machine: Nein, aber DJing ist die einfachste Sparte des Hip-Hop geworden. Früher musste man sich das Equipment besorgen und die Scheiben haben. Jetzt braucht man eigentlich gar nichts mehr. Einen Computer hat eh jeder, die Mucke gibt es im Netz.

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Wie alles begann: Die Ursuppe des Hip-Hop

Mixwell: Und sind wir mal ehrlich - man braucht nicht mal mehr einen richtigen Computer. Ein Handy mit der passenden App langt.

Stylewarz: Früher haben wir unsere Pulte aufgeschraubt und frisiert, um die Mechaniken leichtgängiger zu machen. Wir waren alle als Daniel Düsentrieb unterwegs.

Mirko Machine: Jetzt muss man, wenn man nicht kreativ sein will, nur noch einen Knopf drücken. Den Rest erledigt der Rechner.

Stylewarz: DJing ist das neue Arschgeweih.

einestages: Wann habt ihr DJs zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?

Mirko Machine: Bei mir war das 1983 im Film "Wild Style", mit Grandmaster DST an den Plattenspielern. Zuerst war ich aber Breakdancer. Im selben Jahr erschien nämlich auch das Video "IOU" von der Band Freeez. Das hat mich zum Tanzen gebracht. Da wurde alles aus den USA adaptiert, was gerade in Sachen Jugendkultur angesagt war: Breaking, DJing, BMX-Räder... Im Rückblick echt peinlich, aber damals hat mich das geflasht. Ich finde es deswegen heute auch gar nicht schlimm, wenn sich die Kids von irgendeinem Quatsch abholen lassen.

Stylewarz: Bei mir lief das anders. Ich bin in Bremerhaven aufgewachsen, da waren viele Amerikaner stationiert. Die haben deutsch-amerikanische Freundschaftsfeste organisiert, dort legten DJs auf.

einestages: In New York konnte sich das Genre Hip-Hop in einer regen Blockparty- und Klubszene der Siebziger- und Achtzigerjahre entwickeln. Wie war das in der deutschen Frühphase?

Stylewarz: Ganz anders. In Klubs konnte man Hip-Hop jedenfalls nicht für sich entdecken. Das Party-Auflegen, wie es jetzt alle kennen, existiert hier im Hip-Hop noch gar nicht lange. Das fing erst in den Neunzigern langsam an.

Mirko Machine: Es ist früher schon mal ein Song von Run-DMC gelaufen, aber in den Black-Music-Clubs drehte sich alles um Discofunk. Shalamar, Kool & The Gang, The S.O.S. Band - solche Sachen. Ich weiß noch, wie ich mal eine Hip-Hop-Scheibe in den Klub mitbrachte. Da hat der DJ gesagt: "Guck dich mal um und frag dich, wer das hier hören will." Diese Zeit setzt mir immer noch zu. "Ain't Nobody" von Chaka Khan kann ich deshalb bis heute nicht ertragen.

einestages: War es für euch überhaupt denkbar, dass es Hip-Hop auch in deutscher Sprache geben könnte?

Stylewarz: Als ich zum ersten Mal Deutschrap gehört habe, klang es auf jeden Fall seltsam - bei den Fantastischen Vier war es komisch. Auf den Jams haben auch andere schon auf Deutsch gerappt. Man kann den Fanta Vier aber nicht absprechen, dass sie die erste deutschsprachige Hip-Hop-LP veröffentlicht haben. Sogar mit einem Major-Deal.

Mirko Machine: Vielleicht waren die Fantas die besseren Geschäftsmänner oder hatten einfach die Kontakte. Ist ja oft so: Jemand macht was, und dann kommt der windige Abiturient mit Beziehungen um die Ecke, findet das geil und mischt mit.

Stylewarz: Was man aber auch sagen muss: Ohne Deutschrap hätte es die ganzen deutschsprachigen Rock- und Pop-Geschichten, die noch immer erfolgreich sind, nicht gegeben.

Mixwell: Davor war es peinlich, auf Deutsch zu singen.

Mirko Machine: An deutscher Musik gab es hier neben Schlager nur die Neue Deutsche Welle - ein kurzer Aufschrei, der schnell kindisch und peinlich wurde.

Stylewarz: Das ist mit dem Deutschrap auch eine Weile passiert, weil plötzlich sehr viel Geld ins Spiel kam. Die Neunziger waren ja das goldene Jahrzehnt der Plattenfirmen.

Mirko Machine: Genau, eine Industriemafia hat sich ihren Müll zugeschustert.

einestages: Das große Geld ist im Musikgeschäft nicht mehr so leicht zu holen. Welche Unterschiede zu damals gibt es noch?

Mixwell: Als DJ wird man heute ganz anders gesehen. Die Leute nerven mehr. Sie kommen ständig mit ihren Wünschen zu dir, weil man alles aus dem Internet herunterladen kann. Sie feiern ihr Wochenende und wollen bespaßt werden - am besten mit der Musik, die sie selbst ausgesucht haben.

Mirko Machine: Sie möchten ihre fünf bis sechs Lieder hören, die sie kennen, und wenn die nicht gespielt werden, ist die Party für sie gelaufen. Die brauchen, was ich Ton-eins-Musik nenne: Wenn sie den Song nicht ab dem ersten Ton erkennen und geil finden, schalten sie ab.

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einestages: DJs stehen heute stark im Rampenlicht. Seht ihr jemanden wie David Guetta überhaupt als DJ?

Mixwell: Klar, der steht oben am Pult und spielt Musik. Von mir aus ist er dann ein DJ. Selbst DJ Bobo: Dem kann man für das, was er früher als Hip-Hopper gemacht hat, Respekt zollen, so wie man ihn für die schlimme Musik, die er jetzt abliefert, scheiße finden kann. Aber vielleicht willst du mit deiner Frage darauf hinaus, dass man als Hip-Hop-DJ eher die Nase rümpft und sagt: "Das ist doch kein DJ." Weil das Handwerk einfach fehlt.

Stylewarz: Manche DJs sind die die neuen Rockstars. Fast das gesamte Handwerk kommt aber von den Hip-Hop-DJs. Die Techniken stammen aus unserem Lager.

Mixwell: Wenn jemand, wie es heute manchmal passiert, nur noch auf einen Knopf drückt, dann ist das kein DJ mehr. Zum DJing gehört Arbeit. Sorry, nur eine Woche lang eine App zu studieren, reicht nicht.



insgesamt 3 Beiträge
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Morten von Holdt, 05.07.2019
1. Gute Zeit!
Ich komme ja mehr so aus der Rock-Ecke, aber Rap fand ich auch richtig gut: De La Soul, A Tribe Called Quest... mit NWA konnte ich auch was anfangen. Als es dann auf Deutsch losging, war ich natürlich dabei! Eins, Zwo hör ich heute noch gerne. Etwa 1990 habe ich in Kiel angefangen, in einem Underground-Laden aufzulegen. Das war am Anfang noch sehr wavelastig... aber spätestens ein Jahr später ging es quer durch alle Genres. Das war eine sensationelle Zeit! Ich habe noch alte 120er Kassetten, die wir nebenbei haben laufen lassen. Innerhalb von zwei Stunden alles durcheinander: Hamburger Schule, Northern Soul, Indie, Brit Pop, Jamiroquai, Björk, Underworld, Prodigy, HipHop und Rap und sogar Taxman ging noch. Die Leute haben es gefeiert! Da ging man noch wegen des DJs und seinem Plattenkoffer in den Club. Heute fragen die Leute nur noch, wo sie ihr Handy anschließen können ...
Jörg Hennicke, 06.07.2019
2.
Ist für mich immer noch der beste Hiphop Film. Er lief an einen Montagabend irgendwann 1982 im Rahmen des "kleinen Fernsehspiels" im ZDF (Das den Film btw mitproduziert hat). Dieser Abend war für mich und sicher viele andere eine Initialzündung, Ich war begeistert und seitdem totaler Fan bis heute!
Peter Horn, 08.07.2019
3. GLS-United in die Hitliste
der schlechtesten Coversongs. Für mich nur noch getoppt von Heino Version des Gefangenenchors aus Nabucco ("Treue Heimat") und Karel Gotts "Paint it Black" ("Rot und Schwarz")
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