Dresdner Bank Drumbo macht den Abflug

Sie war ein Ungetüm, immerhin ein sympathisches: 136 Jahre lang firmierte die Dresdner Bank als der Kumpel-Typ unter den deutschen Geldinstituten. Nicht einmal ihre Nazi-Vergangenheit konnte daran etwas ändern. Jetzt wird sie geschluckt. Lorenz Goslich verrät, warum sie uns trotzdem nicht fehlen wird.

Historisches Archiv Dresdner Bank

Was waren das für Zeiten. Junge Leute, nicht mehr ganz nüchtern, trällerten ausgelassen das Lied vom "grünen Band der Sympathie" - als wäre es die Hymne des FC Bayern, die des TSV 1860 oder wenigstens die des Hofbräuhauses. In der Münchner S-Bahn! So weit hat es keine Bayerische Vereinsbank gebracht und keine Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank - vom großen Frankfurter Branchenkollegen Deutsche Bank ganz zu schweigen.

Was den Akteuren in der eher eiskalt anmutenden Bankenwelt sonst kaum gelingt - die Dresdner Bank hatte es geschafft: Sie strahlte Sympathie aus. Was eigentlich abschreckend wirkte - braune Vergangenheit, Skandale, wirtschaftliche Schwäche -, überdeckte sie mit einem "grünen Band". Mehr als mit Soll und Haben brachten Finanzlaien sie mit diesem genial erdachten, schwungvoll über das nüchterne Zahlenwerk wehenden Imageträger in Verbindung. Oder auch mit der Wettervorhersage im ZDF. Und mit "Drumbo", der Spardose, bei deren Gestaltung sich die Werbeberater offenbar an "Dumbo", Disneys fliegendem Elefanten orientierten.

Jetzt soll das also alles vorbei sein? Jetzt soll die Bank, die über Jahrzehnte eine der drei bundesdeutschen Großbanken war, ausgerechnet von der kleineren Commerzbank übernommen werden? Der Name des gekauften Konkurrenten wohl über kurz oder lang verschwinden? Ist das nicht so, als ob uns ein guter Bekannter verlässt? Wird sie uns nicht fehlen?

Heimlicher Jubel

Vermutlich fehlt sie uns nicht. Wir gewöhnen uns an Marken und Firmennamen, aber wir vermissen sie kaum, wenn sie verschwunden sind. Borgward, DKW, Goggomobil, Mannesmann, MBB, Simca, Zündapp - sie alle und viele mehr sind von einem gewissen wirtschaftshistorischem Wert, aber nur für Liebhaber oder Forscher. Die Wenigsten trauern ihnen nach. Auch der Dresdner Bank wird es, wenn sie in der Folge des milliardenschweren Aufkaufs ihren Namen verlieren sollte, nicht viel anders ergehen.

Im Gegenteil: Finanzexperten beginnen schon - mehr oder weniger offen - zu jubilieren, dass eines der großen Unternehmen in der Szene dabei ist, von der Bildfläche entfernt zu werden. Denn nach einer verbreiteten Meinung gibt es - jedenfalls in Deutschland - ohnehin viel zu viele Banken. Der Standort gilt als "overbanked". Wäre die Existenz der Deutschen Bank gefährdet, würde vermutlich eher ein Aufschrei durch die Lande hallen. Sie ist der Marktführer, sie steht für den Einfluss der Bundesrepublik wie Daimler oder der Begriff "Made in Germany". Richtig verbunden fühlen sich Kunden auch eher den Volksbanken, Raiffeisenbanken und Sparkassen, die sich in eine Atmosphäre der Kundennähe hüllen und damit einen Gegenpol zur Anonymität der großen Finanzplayer in ihren Glaspalästen setzen.

Aber die Dresdner Bank? Irgendwie hat es die einst zweitgrößte deutsche Bank geschafft, einen guten Teil der Wertschätzung zu verspielen, die sie sich erarbeitet hatte. Dabei war sie - hervorgegangen 1872 aus der Umwandlung eines 1771 gegründeten Privatbankhauses - Ende des 19. Jahrhunderts das erste deutsche Geldinstitut mit Filialbanken. Doch der gute Ruf hat gelitten - nicht zuletzt wegen ihrer besonders starken Verstrickungen in den Nationalsozialismus.

Schlag auf Schlag

Wie die Dresdner zur Vertrauensbank der SS aufstieg, wie sie eng mit dem Machtblock Hermann Görings verbunden war, wie sie sich mit dem Regime verbündete, die Kriegswirtschaft mitfinanzierte und am Ausschluss der deutschen Juden aus dem wirtschaftlichen Leben mitwirkte - das alles ist historisch exakt aufbereitet und der Öffentlichkeit immer wieder detailliert zur Kenntnis gebracht worden. Die Erinnerung daran wurde so über all die Jahrzehnte wach gehalten.

Doch auch in wirtschaftlicher Hinsicht handelte die Dresdner Bank nicht immer glücklich. In der Nachkriegszeit, nach der Entflechtung durch die Alliierten und der Fusion von drei Nachfolgeinstituten 1957, gewann sie vor allem unter Jürgen Ponto, ab 1969 Vorstandssprecher, international an Renommee. Der Neffe des Schauspielers Erich Ponto, der als Professor Crey in Rühmanns "Feuerzangenbowle" unsterblich wurde, glaubte sogar daran, die Deutsche Bank überholen zu können. Er schien schon auf gutem Weg dorthin zu sein, doch seine Ermordung durch die Terroristen der RAF Ende Juli 1977 setzte seinen Plänen ein abruptes Ende.

Unter Pontos Nachfolgern wirkte die Dresdner Bank oft hin und her gerissen, nicht wie ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Zwar machte sie immer wieder bei spektakulären Entwicklungen - von der Privatisierung der Lufthansa bis zur Beteiligung der Scheichs von Kuweit am Daimler-Konzern - von sich reden. Doch war sie nie groß genug, um eine wirklich große Bank zu sein, und nicht klein genug für echte Kundennähe oder eine erfolgreiche Nischenpolitik.

Symptomatisch war Pontos Nachfolger Hans Friderichs, der frühere FDP-Bundeswirtschaftsminister - ohnehin ein Novum an diesem Platz. Auch in seiner Zeit an der Spitze der Bank wirkte er immer noch vor allem wie ein Politiker, nicht wie ein Bankfachmann. Dass Friderichs 1985 im Zuge der Flick-Spenden-Affäre zurücktreten musste, war ein zweiter Schlag innerhalb weniger Jahre. Eine klare Linie sollte die Bank auch unter den späteren Männern an der Spitze, von Wolfgang Röller über Bernhard Walter und Bernd Fahrholz bis zum nun letzten Chef Herbert Walter, nicht finden. Ständig schien sie ihren Weg zu suchen, Skandale häuften sich, so zum Beispiel wegen Steueraffären in Luxemburg.

Schock - und kein Ende

Mitte der neunziger Jahre übernahm sie die britische Investmentbank Kleinwort Benson, ein paar Jahre später dazu auch noch die amerikanische Investmentbank Wasserstein Perella. Die beiden zugekauften Finanzunternehmen wurden mit dem passenden eigenen Geschäft zur Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein zusammengefügt. Aber schon damals wurde die Dresdner Bank von Fusionsspekulationen umwoben. Schon damals gab es Verhandlungen mit der Commerzbank, vor allem aber mit der Deutschen Bank. Als sie scheiterten, war das wie ein Schock für die Dresdner Bank. Als sie dann Mitte 2001 beim Versicherungskonzern Allianz landete, schien das wie eine Erlösung zu sein: Endlich, endlich eine Lösung. Jedoch nicht von Dauer, wie sich jetzt zeigt. Schon ein Jahr später kam es zur Trennung von der Investmentbank Bruce Wasserstein. Ein teures Abenteuer war beendet.

Im Nachhinein wirken oft selbst Kleinigkeiten bezeichnend. 1984 nutzte der Regisseur Carl Schenkel das 1978 errichtete Frankfurter Hochhaus der Dresdner Bank als Kulisse für seinen Kinofilm "Abwärts" mit Götz George und Wolfgang Kieling. In der Rolle des Werbefachmanns Jörg stürzt George am Schluss vom steckengebliebenen Fahrstuhl in den Tod, weil er den gestohlenen Geldkoffer eines Buchhalters, der ebenfalls im Aufzug gefangen ist, nicht aufgeben will.

Der Drang nach Geld - muss er zwangsläufig im Untergang enden? Der Film, für den ausgerechnet der Frankfurter Finanzturm die Bühne bildete, drängt geradezu philosophische Überlegungen auf. Wie es bergab gehen kann, zeigt auch die Entwicklung des Bankpersonals. Als der Allianz-Konzern die Dresdner Bank übernahm, umfasste ihre Belegschaft noch mehr als 51.000 Personen - heute ist es gerade noch die Hälfte. Die Verkleinerung der Belegschaft, könnte man fast sagen, ging mit Reduzierungen der Bilanzsumme und der Gewinne einher, die mit denen der großen Konkurrenten zuletzt bei Weitem nicht mehr mithalten konnten. Und die ganze Dresdner Bank, die sich die Allianz vor sieben Jahren noch 24 Milliarden Euro kosten ließ, geht nun für nicht mal zehn Milliarden Euro in neues Eigentum über.

Das "grüne Band der Sympathie" besingen heute vermutlich nicht mal mehr die verbliebenen Mitarbeiter.



insgesamt 2 Beiträge
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Franziska Haenel, 02.09.2008
1.
schlimmerweise bin ich sehr froh, dass es die dresdner bald nicht mehr gibt oder anders ausgedrückt: ich fürchte der autor hat recht. niemand - ausser den angestellten verständlicherweise - wird dieser bank eine träne hinterherweinen. ich bin damals unfreiwillig von der advance bank (gekauft von der dresdner) zur dresdner bank gekommen und habe tatsächlich in meinem leben noch keine so schlechte, unfreundliche und arrogante kundenbetreuung erlebt! gut, dass das vorbei ist.
Christoph Kögler, 02.09.2008
2.
Kleine Korrektur: Im vorletzten Absatz wird der Film "Abwärts" erwähnt und die Rolle des Werbfachmanns Jörg (Götz George) soll als Beispiel für den "Drang nach Geld" dienen. Das Gegenteil ist im Film der Fall: Jörg stürzt am Ende ab, weil er den gestohlenen Geldkoffer noch für den Buchhalter rettet und nicht für sich selbst. Siehe hier: http://www.imdb.com/title/tt0086846
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