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04. März 2019, 07:18 Uhr

Deutschlands erstes Drogenspürschwein

Die kurze, steile Karriere von Wildsau Luise

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Bisschen fett, aber ausdauernd und mit untrüglichem Gespür - eine Wildsau war 1985 die wohl beliebteste Polizistin Niedersachsens. Medien feierten die Schnüfflerin weltweit, Bürokraten wollten Luise feuern.

Ein warmer Frühlingstag im Mai 1985, der Misthaufen stinkt und dampft. "Such schön!", befiehlt Polizeikommissar Werner Franke und lässt Luise von der Leine. Die Wildsau galoppiert los, stochert mit dem Rüssel hier und da im 100-Quadratmeter-Flatschen aus glitschigem Pferdedung. In der Schweineschnauze sind drei Milliarden Riechsinneszellen aktiviert.

Abrupt bleibt sie stehen, quiekt laut und wedelt wild mit ihrem Pürzel. Mit den Hufen scharrend gräbt sie ein Holzkästchen aus. Inhalt: weißes, in Folie eingeschweißtes Pulver - Kokain. "Fein gemacht", lobt Franke seine Luise und wirft ihr zur Belohnung einen Schokokeks hin. Die Zuschauer sind verblüfft.

Luise war Azubi im ersten Jahr zum Drogen-Suchschwein bei der Polizei, Werner Franke ihr Ziehvater und Lehrmeister, als Leiter des Lehrbereichs Diensthundewesen bei der niedersächsischen Polizei. 1985 drehte ein NDR-Fernsehteam erstmals eine Live-Darbietung von Luises außergewöhnlichem Talent für das Magazin "Schaufenster".

Luise kam am 7. April 1984 auf einem Bauernhof für Kinder im Freizeitpark Sottrum zur Welt. Drei Wochen später adoptierte Hauptkommissar Franke, 57, den Frischling. Er wollte herausfinden, ob Wildschweine nicht nur Trüffelbauern, sondern auch Drogenfahndern als Schnüffler dienen können.

Erst Haschisch, dann harte Drogen

Franke begann sein Experiment im September 1984 und trainierte in seiner Freizeit drei Stunden täglich mit Luise. "Die Löcher, die sie mit ihrem Rüssel überall in ihrem Zwingergehege aushob, zeugten von enormer Energie und Ausdauer", erinnerte sich Franke 1987 in seinem Buch "Luise - Karriere einer Wildsau".

Ihr Freiland-Ausbildungsrevier war das Industriegebiet des Hildesheimer Hafens. Das Borstenbaby akzeptierte Franke schnell als Rottenführer und zeigte sich gelehrig: "Weder Hundegebell noch Schreckschüsse in der Ferne oder eine Menschenmenge in der Nähe konnten den Frischling vom Schnüffeln abhalten." Zunächst gewöhnte Franke seine Schülerin an den Geruch von Haschisch, dann an Heroin und sogar Kokain - eine nahezu geruchslose Droge.

Beiläufig erwähnte Werner Franke seine Arbeit mit Luise bei einem Fachvortrag. Eine Journalistin wurde hellhörig, nach ihrem Artikel vom März 1985 in der "Hildesheimer Allgemeinen Zeitung" waren Medien scharf auf die Sau. Bald gingen Luise-Meldungen um die Welt. So titelte die britische "Sunday Times": "Wildschweinoffensive gegen Drogenschmuggler gestartet". Fans schickten Zeitungsausschnitte aus Indien, Australien, den USA, Mittelamerika. Der US-Sender CBS, die britische BBC und ein japanisches Fernsehteam kamen für Dreharbeiten nach Hildesheim.

Der Berliner Innensenator Heinrich Lummer wollte "Hasch-Luise" gar für "Demonstrations- und Studienzwecke" ausleihen. Mit einem Augenzwinkern garantierte er in einem Schreiben, dass "weder die hiesige fleischverarbeitende Industrie noch Helfershelfer jener dunklen Kreise, mit denen Luise in dienstlicher Feindschaft lebt, auch nur die geringste Chance haben werden, ihrer habhaft zu werden".

"Schweine in den Polizeidienst"

Werner Franke absolvierte mit Luise Dutzende von Fernsehauftritten. Den Zenit ihrer Karriere erreichte sie, als sie 1987 in einem Spaß-"Tatort" zur 200. Folge der Krimireihe mitspielte - als sprechende Assistentin von Inge Meysel alias Superkommissarin Susi Schlau.

In Grenzen hielt sich indes die Begeisterung bei der niedersächsischen Landespolizei. Schweine hatten schlicht keinen Platz in der Bürokratie, weder im Besoldungsrecht noch in der Dienstordnung. Und so entschied die Polizeidirektion Hannover, Luise müsse bis zum 16. August 1985 vom Dienstgrundstück "entfernt" werden.

Franke war erschüttert, dass seine Vorgesetzten seine Arbeit nicht würdigten, obwohl sie doch erfolgreich war. Zwar hatte Luise Nachteile: Sie war mit gut 150 Kilogramm zu dick und unbeweglich für die Drogensuche in Gebäuden und Fahrzeugen - dafür aber auch bei starker Hitze ausdauernd. Wenn Spürhunde hechelnd aufgaben, schnüffelte die Bache unermüdlich weiter. Zudem reagierte ihre empfindliche Nase ebenso auf Sprengstoffe aller Art und Kadaver.

Luises Anhänger verstanden die rigorose Dienstanweisung nicht. "Wo deutsche dumme, autoritätsgläubige Schäferhunde ihren Platz haben, da dürfen hochintelligente, sensible Schweine nicht fehlen", erklärte Jürgen Trittin, damals Landtagsabgeordneter, "die Grünen treten entschieden dafür ein: Schweine in den Polizeidienst!"

"Tschüs, mein Mädchen!"

Den Streit beendete Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht am 15. Mai 1986 und "verbeamtete" das Schwein. Luise war nunmehr offizielles "Spürwildschwein", im amtsdeutschen Kürzel "SWS". Und erhielt prompt im Oktober einen Eintrag ins "Guinness-Buch der Rekorde" für ihren "Einsatz als erstes Spürwildschwein im offiziellen Polizeidienst zum Aufspüren von Drogen".

Werner Franke ging 1987 in Rente, und auch Luise musste mit erst drei Jahren ihr Dienstführgeschirr abgeben. Kein Kollege war bereit und fähig, ihre Führung zu übernehmen. Niedersachsens Innenminister Wilfried Hasselmann schickte die einzige deutsche Spürwildsau am 27. Mai 1987 in Pension und überreichte eine Messingplatte auf Eichenholz mit Polizeistern, dazu die persönliche Widmung: "Luise, du hast so schöne Kirschenaugen, tschüs, mein Mädchen!"

Der Karriere wegen hatte Luise das Familiäre zurückstellen müssen. Als Ruheständlerin fand sie ihr privates Glück: Die prominente Bache traf den stattlichen Keiler Lukas, sie zeugten Nachwuchs. Im stolzen Alter von 14 Jahren starb Luise 1998 an ihrem Geburtsort, im Familienpark Sottrum.

Surfer und Schauspieler, Models und Maskottchen: einestages ehrt in der Fotostrecke Schweine, die Karriere machten .

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