Dylan-Fanwerdung Näher, mein Bob, zu dir

Plötzlich stoppte das Techno-Gedudel: In den späten neunziger Jahren hörten die Schüler Kristy Husz und Nico Schulte-Ebbert einen Bob-Dylan-Song im Radio, der ihr Leben verändern sollte. Zum 70. Geburtstag der Folk-Legende erinnern sich die beiden an ihre ersten Jahre mit "His Bobness" - und ein verwirrendes Konzerterlebnis.

AP

Es muss Mitte der neunziger Jahre gewesen sein. Ich saß an einem heißen Nachmittag im Sommer auf der Terrasse und las ein Buch, während im Hintergrund das ewig gleiche Techno-Gedudel aus dem Radio schepperte. Die Namen der damaligen Stars am Loveparade-Himmel klangen kryptisch und austauschbar: Marusha, WestBam, Dr. Motte. Techno war in, man konnte ihm kaum entfliehen. Ich war mir noch unsicher, ob ich auf diesen Zug aufspringen, mich der Gruppe anschließen sollte. Doch dann strömten plötzlich andere Klänge aus dem Radio, puristische Klänge, handgemacht und ganz anders als die dumpfen Elektro-Beats zuvor. Gitarre und Mundharmonika - mehr brauchte es nicht. Was zum Teufel war das? Wer zum Teufel war das?

Ich kann mich nicht mehr erinnern, welcher Song von Bob Dylan mich damals hat aufhorchen lassen. Es könnte "Like A Rolling Stone" oder "Blowin' In the Wind" gewesen sein, aber ich glaube, es war "Shelter From the Storm". Jedenfalls setzte sich dieser Song vom Mainstream, von den Charts der neunziger Jahre ab. Für mich klang diese Jahrzehnte alte Musik damals neu, völlig neu. Und es hörte sich an, als hätte da jemand etwas zu sagen.

Apokalyptischer Ohrwurm

Da ich seinerzeit noch keinen Internetanschluss besaß, konnte ich diesen "unerhörten" Klängen, dieser markanten Stimme nicht nachgehen. Ich konnte nicht herausfinden, wie Song und Interpret hießen, die so einzigartig waren. Ich versuchte, mich solange wie möglich an jedes Detail zu erinnern, doch mit dem Sommer schwand die Erinnerung an den Song mehr und mehr bis der Alltagslärm ihn gänzlich übertönte.

Um die Weihnachtszeit desselben Jahres zeigte Arte die "Anthology"-Dokumentation über die Beatles, die ich auf Videokassette aufnahm. Ich war fasziniert. Die Dokumentation war ein Fenster in eine bunte, ja magische Vergangenheit, in ein Jahrzehnt, das mir fremd war, doch nun vertrauter und vertrauter wurde. Fortan war ich im Sixties-Fieber! Ganz nebenbei, ja geradezu unbemerkt, trat in der "Anthology" auch ein lockiger, schwarzgekleideter Protestsänger aus Amerika auf. Ich musste nicht lange kombinieren. Ich erinnerte mich sofort an die Stimme Dylans aus dem Radio.

Wer genau dieser Kerl war, der den Techno unterbrochen hatte, fand ich vorläufig aber nicht so wichtig - ich war gebannt von den Beatles. Dennoch setzte sich ein paar Jahre später die gleichnamige Erkennungsmelodie des Kinofilms "Hurricane" in meinen Ohren fest. Als weiterer Ohrwurm entpuppte sich das Titellied der Tragikomödie "Die WonderBoys": Der fünf Minuten apokalyptisch daherwalzende Sound von "Things Have Changed" brachte Dylan nicht grundlos den Oscar ein. Nebenbei lauschte ich Sixties-Klassikern wie "It's All Over Now, Baby Blue", "Mr. Tambourine Man", "Knockin' On Heaven's Door", "Mighty Quinn", "All Along the Watchtower" und "I Want You" - oder besser gesagt, ihren satt klingenden, populär gewordenen Coverversionen von Guns N' Roses, Eric Clapton oder Jimi Hendrix. Dass all diese Stücke aus einer Feder, nämlich Bob Dylans, stammten, nahm ich eher beiläufig wahr.

Eine Ikone auf der Must-see-Liste

So grün hinter den Ohren gelangte ich im Oktober 2003 auf ein Dylan-Konzert. Ich war soeben mit meinem Deutsch-Leistungskurs von einem Schulausflug in die Musenstadt Weimar heimgekehrt und nach München aufgebrochen, um mich von einem fulminanten David Bowie mitreißen zu lassen. Begeistert beschloss ich, nach der Exkursion auf Spuren der Dichter und Denker eine Exkursion auf Spuren der Sänger und Songwriter zu unternehmen und mir nach Bowie auch Dylan anzugucken. Er sollte nur zwei Abende später ebenfalls in der Münchner Olympiahalle auftreten.

Nicht, dass ich mittlerweile besser mit ihm und seinem Oeuvre vertraut gewesen wäre. Aber die Gelegenheit, eine weitere Ikone auf meiner Must-see-Liste abzuhaken, erschien mir günstig. Aufgrund glücklicher Umstände kam ich sogar, wie schon bei Bowie, an Gratiskarten und konnte meinen doppelten Konzertausflug genießen, ohne mir den Kopf über mein Schülerbudget zu zerbrechen.

Dylan live zu hören, lehrte mich vor allem eines: Der Mann fängt sehr pünktlich an! Zusammen mit meinem Vater hatte ich bei strömendem Regen den Einlass passiert und anschließend die bei solchen Veranstaltungen üblichen Verzögerungen erwartet. Ich hielt mich gerade bei den Toilettenanlagen im Keller der Halle auf, als nach einer schleierhaften Durchsage das raue Rumpeln einer Big Band zu mir dröhnte. War das bereits Dylan? Es war exakt zwanzig Uhr, als wir die Stufen zu unseren Sitzplätzen hinaufeilten. Und tatsächlich, auf einer dürftig beleuchteten Bühne hatte sich ein hagerer Kerl mit krausem Haar hinter seinem Keyboard verschanzt, eine pompöse Combo um sich geschart und ohne Vorwarnung zu musizieren begonnen.

Ein wabernder, wummernder, alle gewohnten Töne verschluckender Soundteppich breitete sich für etwa zwei Stunden über dem Saal aus, in den eine zerknitterte Stimme unverständliche Wortfetzen ausspuckte. Damals wusste ich noch nichts von Dylans "Never Ending Tour" und hatte keine Ahnung, dass bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Songs und der Verzicht auf Gitarrenspiel wie Publikumskontakt mittlerweile zum Standardrepertoire seiner Shows gehören. Zwar lernte ich hinterher, dass dies seine Art ist, sich immer wieder neu zu erfinden, unberechenbar zu bleiben und nicht eines Tages als Karikatur seiner selbst zu enden, doch für den Augenblick war ich eher irritiert. Trotz meiner allgemeinen Freude darüber, ihn gesehen zu haben, wollte der Funke Dylan nach wie vor nicht so recht überspringen.

Leben im Dylan-Kosmos

Vielleicht lag es auch daran, dass ich mich bei aller Leidenschaft für die Musik der sechziger Jahre bislang nicht genug mit seinen anspruchsvollen Texten befasst hatte. Die gewitzten Sprachspiele, die politischen und literarischen Bezüge, die in der Tradition von Symbolismus, Surrealismus und Beat Generation stehenden Texte hatten sich mir noch nicht in ihrer ganzen Pracht erschlossen. Ich gebe zu, dass ich Dylan deshalb anfangs nicht so gemocht habe, denn anders als für "Penny Lane" oder "She Loves You", die über ihre eingängigen Melodien funktionieren, muss man für Dylan-Songs des Englischen mächtig sein und zudem über kulturelles Wissen verfügen, um seine Botschaft zu begreifen. Je mehr mein Wortschatz wuchs, desto deutlicher erkannte ich, dass dieser krächzende Barde aus Duluth, Minnesota was drauf hat! Und so sprang der Funke letztlich während meines Studiums über.

In seinen Vorlesungen zeigte sich ein Anglistik-Professor zunehmend als Musikfan. Er brachte den Namen Dylan so oft ins Gespräch, dass wir Studenten ihm heimlich den Spitznamen "Bob" verpassten. Als er mir die Meisterwerke "Visions of Johanna" und "Desolation Row" zur näheren Beschäftigung empfahl, machte es Klick. Mein Weg zu Dylan war ein langer und indirekter gewesen. Da er für junge Leute zu sperrig ist, nicht so leicht greifbar wie die Beatles oder die Rolling Stones, hatte ich ihn immer nur halbherzig umkreist, nie ganz erfasst. Jetzt war ich bereit, jetzt war ich gepackt. Der Kreis schloss sich mit Visionen von Johanna, die mit so eindringlichen Tönen unterlegt, so clever mit Worten gesponnen waren, dass ich mich schlagartig an mein erstes Dylan-Erlebnis erinnert fühlte.

Bei der Reise, die mehr als zehn Jahre zuvor auf einer sommerlichen Terrasse begonnen hatte, war ich endlich am Ziel angelangt. Ich legte mir zunächst "Blonde On Blonde", dann "Highway 61 Revisited" und schließlich ein "Best Of"-Album zu und vertiefte mich in die Welt der Trickster und Hobos, die ich mit Hilfe diverser Dylan-Bücher zu entschlüsseln vermochte. Ich schrieb einen Essay über "Desolation Row". Ich stieß auf Dylans ehemalige Begleitband The Band. Ich fieberte dem Kinostart der Filmbiografie "I'm Not There" entgegen. Seither lebe ich im Kosmos Dylan, entdecke immer noch Neues, Anderes an ihm und seinen Songs und kann daher, zu seinem 70. Geburtstag, nur mit Dylan selbst sagen: "But I was so much older then / I'm younger than that now"!



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Gabi H., 02.06.2011
1.
Ein wirklich interessanter und sehr schön geschriebener Artikel!
Sandor Husz, 01.06.2011
2.
Danke Bob...
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