Kultmusiker Bob Dylan Die Erfindung der Bobmusik

Geboren wurde er als Robert Allen Zimmerman - doch das war ihm egal. Der Sänger Bob Dylan tat immer nur, was er wollte, und fasziniert nun schon seit mehr als fünf Jahrzehnten durch die radikalen Brüche in seinem Leben - und die Momente, in denen er scheiterte.

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"Manche Menschen", sagte er einmal, "werden mit dem falschen Namen in einer falschen Zeit geboren. Aber du nennst dich, wie du dich nennen willst." Abram und Beatrice Zimmerman ließen ihren am 24. Mai 1941 geborenen Sohn im Standesamt von Duluth, im US-Bundesstaat Minnesota, als Robert Allen Zimmerman registrieren.

Zudem gaben sie ihm als gläubige Juden den hebräischen Namen Shabtai Zisel ben Avraham. Die Großeltern väterlicherseits waren Anfang des 20. Jahrhunderts vor Pogromen aus Odessa in Russland nach Amerika geflüchtet, die mütterlicherseits aus Litauen. Als der Junge 18 Jahre alt war, nannte er sich Bob Dylan.

Später gab er sich weitere Namen: Elmer Johnson, Bob Landy, Lucky Wilbury, Jack Frost und andere mehr. "Ich ist ein anderer." - Nach diesem Satz des von ihm verehrten französischen Dichters Arthur Rimbaud spielte Dylan mit Identitäten.

Der Überlebende

Er ist ein Mann der Metamorphose: Bis heute ist vieles ein Rätsel geblieben am Leben und Werk des einflussreichsten Musikers, den der Pop hervorgebracht hat. "Ich bin nur Bob Dylan, wenn ich es sein muss", sagte er einmal.

Viele von denen, die für die Kreativitätsexplosion der sechziger Jahre in der Popmusik sorgten, sind schon lange tot: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, John Lennon. Bob Dylan ist mittlerweile ein distinguierter alter Herr, der gewöhnlich mit Anzug und Hut auftritt; zugleich ist er ein manischer Musiker. Sein Œuvrekatalog umfasst bis dato 34 Studioalben und 13 Livealben. Mehr als 450 Songs hat er geschrieben.

Gerade erst hat er sich über die "Unmenge von Büchern" mokiert, die über ihn erschienen sind. Und er hat alle aufgefordert, die ihn einmal getroffen oder gesehen haben, doch darüber auch noch ein Buch zu schreiben. Es gibt in der Tat keinen anderen Popmusiker, der derart umfangreiche intellektuelle Anstrengungen provoziert hat, seine Texte und ihn zu verstehen. Immer wieder treffen sich die Dylanologen zu Kongressen, auf denen sie das voluminöse Werk des Meisters liebevoll sezieren.

Die Jukebox auf zwei Beinen

Als Teenager in Hibbing in Minnesota hörte Robert Zimmerman unermüdlich Radio: Blues und Country Musik, dann Rock'n'Roll. Elvis Presley gefiel ihm, Little Richard und Chuck Berry. Er spielte in Bands mit Namen wie "Golden Chords", er schrammelte auf der Gitarre. Doch Rock'n'Roll wurde ihm bald zu langweilig, die ewig gleichen und flachen Texte über Liebe. Folk fand er ernsthafter und interessanter.

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Dylan: "Ich ist ein anderer"

Er lieh sich den Namen des walisischen Dichters Dylan Thomas, obwohl er ihn gar nicht sonderlich schätzte. Wen er über alles verehrte, war der Folk-Sänger Woody Guthrie. Dessen Songs spielte er wie eine Jukebox.

Dylan ging nach New York und tingelte durch die Folk-Clubs in Greenwich Village. Auf seiner ersten Langspielplatte "Bob Dylan", die im März 1962 erschien, sang er nur zwei eigene Songs. Ein gutes Jahr später erschien "The Freewheelin' Bob Dylan". Ein Lied, das er mit näselnder, schnarrender Stimme vortrug, hieß "Blowin' in the Wind". Es wurde zur Pazifistenhymne.

Zwitter aus Beatnik und Chorknabe

"Mit seinem engelhaften Gesicht und dem dichten widerborstigen Haarschopf, den er zum Teil mit einer schwarzen Huckelberry-Finn-Cordmütze bedeckt", so schrieb Robert Shelton, der Folk-Experte der "New York Times", "sieht Mr. Dylan wie eine Kreuzung aus Chorknabe und Beatnik aus." Es gäbe keinen Zweifel daran, "dass er vor Talent aus allen Nähten platzt".

Die bereits bekannte Folksängern Joan Baez, seine Geliebte, brachte ihn zur Bürgerrechtsbewegung. Als er ein paar Jahre später ein Popstar war, verweigerte er ihr die Unterstützung, die sie ihm gegeben hatte. Den jungen Dylan sollte man sich als arroganten, egoistischen Burschen vorstellen.

Im Sommer 1964 brachte er den Beatles Marihuana mit und lehrte sie das Kiffen. Dylan war ein cooler Hipster aus New York, und mit seinen Kollegen nahm er noch lieber Amphetamine, Speed. Das hörte man dem Album "Highway 61 Revisited", das Ende August 1965 erschien, auch an. Ein Stück hieß "Like a Rolling Stone". No direction home. Als Single war der Song mit sechs Minuten unerhört lang, aber er schaffte es bis auf Nummer zwei in der Hitparade der USA und auf Nummer vier in Großbritannien.

Verrat an der reinen Lehre

Das Wort von den rollenden Steinen war nicht neu: "Rollin' Stone" hiess ein 1950 veröffentlichter Song des schwarzen Blues-Mannes Muddy Waters, nach dem auch die Londoner Mittelklassejungs um Mick Jagger und Keith Richards ihre Rockband benannt hatten.

Dylan hatte die akustische Gitarre gegen eine elektrische eingetauscht; die Folkmusik-Anhänger waren empört. Er hatte die reine Lehre verraten. Während eines Konzertes in Manchester, in England, rief ein Fan: "Judas!" Dylan drehte sich zu seiner Band um und sagte: "Play it fucking loud!" Dann spielten sie "Like a Rolling Stone", eine der Hymnen des 20. Jahrhunderts.

Innerhalb von 15 Monaten veröffentlichte Dylan drei Alben, die alle zu Klassikern wurden: "Bringing it All Back Home", "Highway 61 Revisited" und "Blonde on Blonde". Ende Juli 1966, ein paar Tage vor dem Erscheinen von "Blonde on Blonde", hatte er bei Woodstock, wo er wohnte, einen Unfall auf seinem Motorrad, einer englischen Triumph 500.

Der Prophet einer Generation

Ein halbes Jahr zuvor hatte er heimlich Sara Lownds geheiratet. Sie brachte eine Tochter mit in die Ehe, zusammen bekamen sie noch eine Tochter und drei Söhne. Dylan wollte sich jetzt um seine Kinder kümmern. Als öffentliche Figur galt er als Prophet, "die Stimme einer Generation". Er konnte damit nichts anfangen, sagt er später. Bob Dylan wollte nur seine eigene Stimme sein und erklärte: "Songs werden die Welt nicht retten."

Der Junge aus Minnesota war mit 25 zu einem Weltstar geworden. Doch die Medien, die ihn dazu gemacht hatten, fand er "irrelevant". Er setzte es sich zum Ziel, das Interesse der Journalisten an ihm zu zerstören und sie zu verwirren. Er fuhr nach Jerusalem, ließ sich mit einer Kippa auf dem Kopf an der Klagemauer fotografieren und freute sich, dass er nun als Zionist galt.

Während die Popwelt sich psychedelisch färbte, das Hippietum im Summer of Love zur Blüte gelangte, ging Dylan nach Nashville und nahm dort Country-Musik auf. Er spielte nicht bei dem Festival in Woodstock. Zusammen mit seiner Frau Sara kaufte er 1971 ein großes Haus in Malibu, in Kalifornien, am Pazific, in dem er bis heute lebt.

Christliche Erweckung als Anfang vom Abstieg

Als er aus der Öffentlichkeit verschwand, war er unter Musikern bereits eine Kultfigur. Die Beatles bewunderten ihn. Jimi Hendrix verehrte ihn und machte sein "All Along the Watchtower" zu einem Hit. Der geniale Gitarrist versuchte das Surreale der Dylan-Texte nachzuempfinden. Neil Young erklärte: "Er ist der Meister"; Leonhard Cohen nannte ihn den "Picasso of Song"; Bruce Springsteen, Patti Smith, Joe Strummer, Nick Cave und andere mehr bekannten sich als Fans.

Seine Platten wurden schwächer, doch Anfang 1975 veröffentlichte er wieder ein herausragendes Album: "Blood on the Tracks", ein minimalistisches Œuvre, Ausdruck später Adoleszenz. Nun ging er auch wieder auf Tournee, mit der "Rolling Thunder Revue", einer chaotischen Truppe. Joan Baez war wieder mit dabei und der Beatnik-Dichter Allen Ginsberg, den Dylan verehrte.

Seinen langen Abstieg beschleunigte Ende der siebziger Jahre seine christliche Erweckung. Doch an Bob Dylan, dieser Sphinx aus Minnesota, fasziniert gerade auch das Scheitern, sein Suchen, sein Sich-wieder-neu-Finden. Seine romantische Rolle ist die des einsamen Outlaws, des Moralisten und des Martyrers. Schon deshalb zählte Dylan nie zum Establishment, sondern ist der Künstler geblieben, der Lieder über die Mühseligen und Beladenen singt, über die Gestrandeten und Gescheiterten.

Weiter, immer weiter

Zur mythischen Figur des Outlaws gehört es, immer unterwegs zu sein. Dylan begann 1988 damit, rund hundert Konzerte pro Jahr zu geben, die Never Ending Tour. "Viele Leute mögen die Straße nicht", sagte er, "aber für mich ist sie so natürlich wie das Atmen." Die Bühne sei, bekannte Dylan, "der einzige Ort, an dem ich glücklich bin". Auch wenn er nicht unbedingt so wirkt. Er sagt kein Wort während seiner Konzerte und stellt lediglich am Schluss seine Band vor. Er lächelt nicht. Er spielt einfach seine Songs.

Zu seiner Wiederauferstehung als Künstler kam es im September 1997, mit der Veröffentlichung der CD "Time Out Of Mind". Sieben Jahre hatte er keine neuen Songs veröffentlicht. Nun sang einen alter, einsamer Mann, ein Mann, der zu viel gesehen hat, der seinem Tod entgegensieht: "When you think you’ve lost everything, you find out you can always lose a little more."

Elvis Costello meinte, "Time Out Of Mind" sei die beste aller Platten von Dylan. "Newsweek" hob ihn auf auf das Cover und verkündete: "Dylan lives".

Der rastlose Arbeiter kommt nicht zur Ruhe

Er lebt, er singt, auch wenn seine Stimme tief und kaputt ist. Auf der Never Ending Tour hat er mittlerweile über 2300 Konzerte absolviert. Er spielt kaum mehr Gitarre auf der Bühne, sondern ein kleines Keyboard, nur selten Mundharmonika. Er singt fast immer "All Along the Watchtower" und "Like a Rolling Stone." Seine Musik ist Musik für Erwachsene; er sagt: "Ich habe kein großes Bedürfnis, Leute anzuziehen, die noch auf die Highschool gehen."

Wir sollten uns Dylan auch mit 70 Jahren als rastlosen Arbeiter vorstellen. Er tut dabei radikal das, wozu er Lust hat. Seine letzte CD war ein Album mit Weihnachstliedern. Dylan hat Radiosendungen gemacht, er malt Aquarelle, plant mehrere autobiografische Bücher. Aber vor allem anderen liebt er die amerikanischen Blues- und Folksongs. Sie hätten ihm ein "ordentliches Konzept von Kultur" gegeben, hat er erklärt. Sie seien sein Lexikon und sein Gebetsbuch. Auf ihnen gründet seine Musik.

Und er sagte über seine Konzerte: "The songs are the stars of the show, not me." In any case we wish you a very Happy Birthday, Mr. Zimmerman.


Dieser Text erschien zum ersten Mal im Mai 2011 anlässlich des 70. Geburtstag von Bob Dylan



insgesamt 9 Beiträge
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Reinhard Huchthausen, 22.05.2011
1.
Danke Michael Sontheimer für diesen schönen Text! Ich liebe Bob Dylan seit mehr als vierzig Jahren, mit alle seinen (und meinen) Brüchen und Abstürzen. Happy birthday, Bob!
Jan Vering, 22.05.2011
2.
"Slow train Coming", das erste christliche Album Dylans, ist beileibe nicht "der Beginn des Abstiegs", sondern eines der stärksten Alben von His Bobness überhaupt. Das meine nicht nur ich, das fand damals eine weltweite schwarze Gospelmusic-Szene - inklusive Aretha Franklin, Shirley Caesar, Edwin Hawkins, Blind Boys of Mississippi und und und -, die diese Songs umgehend adaptierten. Sie passten halt nur nicht in die Rock-/Pop-/Folk-Muster, sondern waren - wieder einmal - etwas ganz Neues. Ich hatte mal die Möglichkeit, mit Odetta, einer der musikalischen "Mütter" von Dylan, über dieses Album zu reden. Sie fand die Platte völlig logisch, weil er halt so immens viel gewußt und gespürt habe, was die Musik von Mahalia Jackson, Marion Williams, Golden Gate Quartet und ihre eigenen ersten Platten betraf. und "in a desperate situation like his in that days all that soul-feeling can bring you to God and to Gospel - and if you are Bob Dylan, it can bring you to create outstanding new gospelsongs". Odetta ist übrigens lebenslang der amerikanischen Born-Again-Christenschar gegenüber - der schwarzen wie der weißen - hübsch skeptisch gewesen. Und noch ein Übrigens: Paul Simon, auch kein Jünger frommer TV-Prediger, meinte, "Slow train coming" sei Dylan pur - "tiefer hat er nie zuvor in seine Seele blicken lassen". Wollte ich nur mal anmerken - und dass es sich wirklich lohnt, dieses großartige Opus zu hören!
Wilhelm Precht, 22.05.2011
3.
Zitat: ?Wir sollten uns Dylan auch mit 70 Jahren als rastlosen Arbeiter vorstellen. Ok, ich bin ein Dylan-Fan und habe ihn vielleicht während der letzten zehn Jahre drei Mal live gesehen und gehört, ich bzw. wir sind für ihn hunderte Kilometer gefahren ? er wurde immer schlechter, dieses ständige und nervige Upsinging, dieses unbeteiligte Abgesinge seiner alten Songs, die im Ohr nicht mehr stimmten, und eine merkwürdig fühlbare Distanz zu seinem Publikum, sie wirkte fast abstoßend ? nein, Bob sollte Schluss machen, er ist zu alt geworden.
Hajue Kaiser, 22.05.2011
4.
was für ein naiver unsinn, bei seinen konzerten in vietnam und in china hat his bobness sich sein programm von der jeweiligen KP diktieren lassen. alles was nach freiheit roch durfte nicht gespielt werden. lang lang ists her das er mal für protest stand, heute nur noch für abzocken...
Friedhelm Dohmann, 22.05.2011
5.
Im Gegensatz zu Ihren Einlassungen waren Dylan's Gospel Songs Ende der siebziger Jahre nicht der Anfang seines Abstiegs. Es waren die kontra-christlichen Medien und Publizisten die damals wie heute seinen Abstieg suggerierten. Seine Texte und Lieder werden heute noch von hier in den USA wohl bekannten Gospel Größen wie die DVD "The Gospel Songs of Bob Dylan" zeigt erfolgreich neu aufgelegt. Hier ist Helen Baylor mit dem Song: "What can I do for you". http://www.allchurch.org/stream
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