Radeln mit Elektromotor E-Bikes gab es vor 120 Jahren schon

Brandneu, leise summend, innovativ: E-Bikes und Pedelecs sind Trendprodukte des 21. Jahrhunderts - glauben wir. Von wegen: Erste Fahrräder mit Elektromotor meldeten Tüftler bereits 1895 zum Patent an. Von Frank Patalong


Elektromotor-Tandem aus dem Jahr 1900, gebaut von der Firma Clerc & Pingault
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Elektromotor-Tandem aus dem Jahr 1900, gebaut von der Firma Clerc & Pingault

Das Zeitalter der motorisierten Individualmobilität begann mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Dampfmaschine wurde zum universalen Antrieb für alles, was Räder hatte. Es war wohl der amerikanische Erfinder Sylvester H. Roper, dem es Ende der 1860er Jahre als erstem gelang, auch ein Fahrrad mit einer Dampfmaschine auszurüsten. Neben Pierre Michaux, der etwa zeitgleich dampfgetrieben durch Frankreich tuckerte.

Ropers fast 70 Kilogramm schwerer Drahtesel war buchstäblich eine heiße Kiste: Der Kessel hing am Rahmen und direkt unter dem Sattel des Fahrers - so dürfte Roper unabsichtlich auch die Sitzheizung erfunden haben.

Sonderlich populär wurden seine Donnerbalken nicht. Er entwickelte mehrere, sie waren wegen ihres hohen Schwerpunkts reichlich wackelig. Erfolge feierte Roper damit nur auf Jahrmärkten, wo er zischend und stinkend mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde seine Kreise zog. Als er 1896 auf einer Rennstrecke die unbändige Kraft und Geschwindigkeit seines motorisierten Zweirades beweisen wollte, endete das tödlich: Sylvester H. Roper kam ins Schleudern und starb noch vor Ort.

Dampf galt zu dieser Zeit im Landverkehr schon fast als alte, ausgereizte Technologie. Von den ersten Dampf-Automobilen (1801) und Zügen (1804) Richard Trevithicks bis zu Röpers Ur-Motorrad hatten alle Dampffahrzeuge eines gemeinsam: Sie waren enorm schwer, schmutzig - und teuer.

Stark und sauber: Strom war die Energie der Zeit

Das aber biss sich mit dem Konzept des Fahrrads. Es war seit Karl Drais' Laufmaschine (1817) stets das bezahlbare Einstiegsmodell in die beschleunigte Bewegung. Kein früher Radfahrer hätte wohl etwas gegen ein noch schnelleres und leichteres Vehikel gehabt, solange es nur erschwinglich blieb. Denn die Frühgeschichte des Fahrrads ist nicht die eines Sport- und Freizeitgeräts, sondern eines Kompromisses. Draisine und andere Ein-, Zwei- und Dreiräder - sie brachten auch den minder vermögenden Verkehrsteilnehmer auf Kutschengeschwindigkeit.

An diesem Grundgedanken hat sich bis heute wenig geändert. Leichter und schneller voranzukommen, darum geht es Entwicklern wie Radlern. Kein Wunder also, dass die Grenze zwischen Fahrrad und Motorrad stets fließend war und Erfinder dabei jede verfügbare Technik nutzten.

Video: Eine kleine Geschichte des Fahrrads (1937)

Im ausgehenden 19. Jahrhundert verhieß Elektrizität eine saubere, modernere Mobilität.

Am 30. September 1897 traf sich eine illustre Gesellschaft technisch beschlagener Männer im Berliner Hotel Bristol zur Gründungsversammlung des Mitteleuropäischen Motorwagen-Vereins MMV. Es war einer der Vorläufer des späteren ADAC. In festlichem Rahmen besprach man die motorisierte Zukunft - und die sahen die Autoexperten vor allem elektrisch.

Elektroantrieb als Zukunftsversprechen

In seiner Antrittsrede bewies der MMV-Gründungspräsident verblüffende Weitsicht: Ein Dampfbetrieb, sagte Oberbaurat a.D. Adolf Klose, dürfte "hauptsächlich für Wagen auf Schienen und schwere Straßen-Fahrzeuge in Betracht kommen". Das große Gebiet des weiten Landes werde hingegen "von Ölmotorfahrzeugen durcheilt werden" - denn nur die hatten die nötigen Reichweiten. Der alltägliche Verkehr aber werde von anderer Art sein: "Die glatte Asphaltfläche der großen Städte wird (...) von mit Sammlerelektrizität getriebenen Wagen belebt sein."

1897 war das keine Vision mehr, sondern eine Inventur des Status quo. Denn Busse und Lkw unter Dampf verbanden europäische Städte bereits seit Jahrzehnten. Die Erfindung benzinbetriebener Fahrzeuge durch Benz und Daimler versprach seit Kurzem eine deutlich leichtere, preiswertere Mobilität über längere Strecken (erste Langstreckenfahrt: 1888).

Doch es war der E-Motor, der im späten 19. Jahrhundert als echtes Versprechen galt, als Zukunftstechnik im Verkehr. Kein Wunder: Nach Tierdung hatten die Städte seit Alters her gerochen, nun mischten sich noch Industrieabgase, Kohlenrauch und der Gestank von Ölruß in dieses Parfüm der Stadt. Da duftete der Elektroantrieb nach einer besseren Zukunft.

Der erste E-Boom: Viel Kraft, wenig Ausdauer

Bereits 1832 soll es erste Experimente mit "elektrischen Karren" gegeben haben. Aber noch scheiterte elektrische Mobilität daran, dass alle Batterien Einweg-Energiespeicher waren - damit ließ sich keine Strecke machen. Bei ersten Versuchen 1842 ging von Batterien beschleunigten Loks allzu schnell die Puste aus. Entscheidender war jedoch die betriebswirtschaftliche Rechnung: Ein Satz Batterien für eine Zugfahrt kostete mindestens 40-Mal so viel wie der Brennstoff für eine Dampflokfahrt.

Der Durchbruch kündigte sich 1854 an, als Wilhelm Josef Sinsteden die wieder aufladbare Batterie erfand - den Blei-Akku, wie wir ihn heute noch als Autobatterie kennen.

Diese Batterien boten 1881 bereits genügend Kapazität für Stadtfahrten: Gustave Trouvé baute ein Tricycle zum E-Fahrzeug um und summte damit dem vier Jahre vor der Erfindung des ersten Benzinmotorwagens vielbeachtet durch Paris. Fast zeitgleich begann die Elektrifizierung der ersten großen Städte.

Sogleich kam es zu einer regelrechten Welle von Patentanmeldungen für alle möglichen elektrischen Vehikel: Straßenbahnen (erster Linienverkehr: 1881), Oberleitungsbusse (1882 von Werner Siemens erfunden), E-Autos (1888; ab 1900 vor allem als E-Taxis populär), U-Bahnen (1890) - und immer wieder Drei- und Zweiräder.

Veröffentlichungsnummer: US552271 Veröffentlichungsdatum: 31. Dez. 1895 Eingetragen: 19. Sept. 1895 Erfinder: Ogden Bolton
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Veröffentlichungsnummer: US552271 Veröffentlichungsdatum: 31. Dez. 1895 Eingetragen: 19. Sept. 1895 Erfinder: Ogden Bolton

Ein E-Rad mit Radnabenmotor meldete der US-amerikanische Erfinder Ogden Bolton Jr. am 19. September 1895 zum Patent an. Das erste seiner Art war es indes kaum. Bolton selbst bezeichnete sein Konzept im Patentantrag als "neue und nützliche Verbesserung elektrischer Fahrräder" - andere Tüftler hatten es möglicherweise versäumt, ihre Räder patentieren zu lassen.

Pedale plus Motor - ein bis heute gültiger Kompromiss

Boltons Entwurf war mehr Motor- als Fahrrad, denn Pedale fehlten seinem "Electrical Bicycle". Doch schnell gingen noch vor der Jahrhundertwende immer mehr kleine, vergleichsweise erschwingliche E-Vehikel an den Start. Bereits im Februar 1899 meldete der Deutsche Albert Hänsel ein E-Rad zum Patent an, das Elektromotor und Pedalantrieb kombinierte - ein Kompromiss, der niedrigeres Gewicht und größere Reichweite möglich machte.

Hänsels Rad setzte sogar schon auf Kraftrückgewinnung: Bergabfahrten luden den Akku wieder auf. Es ist die Technik, die uns die Autobauer noch kürzlich als revolutionäre Innovation verkaufen wollten.

So wurden letztlich alle maßgeblichen, bei E-Bikes wie Pedelecs bis heute eingesetzten Motor- und Kraftübertragungsprinzipien noch vor 1900 zum Patent angemeldet (siehe Fotostrecke). Und doch blieb das elektrische Fahrrad über hundert Jahre eine Randerscheinung der Mobilitätsgeschichte. Gehemmt wurde sein Erfolg durch zwei Faktoren: hohes Gewicht und mangelnde Reichweite der Batterien.

Und daran änderte sich über gut hundert Jahre herzlich wenig. So gab es zwar jede Menge Prototypen, aber kaum Fortschritt und keinen nennenswerten Markterfolg.

Inzwischen gibt es viel mehr Bewegung. Um das Gewichtsproblem des E-Bikes zu lösen, brauchte es den Lithium-Ionen-Akku (Sony, 1991), der erst durch die Massenfertigung für den Laptop-Bau in den vergangenen zehn Jahren auch bezahlbar wurde. Erst damit begann der Siegeszug des Fahrrads mit elektrischem Hilfsmotor - gut 120 Jahre, nachdem es erfunden wurde.

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insgesamt 3 Beiträge
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günther zaruba, 03.07.2016
1. ich erinnere mich an...
einen Radfahrer, das müsste in den 1970er Jahren gewesen sein. Er hatte eine Autobatterie auf dem Gepäckträger und einen Auto Anlasser über dem Vorderrad, den er mit einem Hebel absenken / anheben konnte - - Das war auch ein E- Bike.
Volker Grossmann, 03.07.2016
2. Geheimsprache?
Große Teile des Artikels sind in einer Geheimsprache:"Ebt bcfs cjtt tjdi nju efn Lpo{fqu eft Gbissbet/ Ft xbs tfju Lbsm Esbjt( Mbvgnbtdijof )2928* tufut ebt cf{bimcbsf Fjotujfhtnpefmm jo ejf cftdimfvojhuf Cfxfhvoh/ Lfjo gsýifs Sbegbisfs iåuuf xpim fuxbt hfhfo fjo opdi tdiofmmfsft voe mfjdiufsft Wfijlfm hfibcu- tpmbohf ft ovs fstdixjohmjdi cmjfc/ Efoo ejf Gsýihftdijdiuf eft Gbissbet jtu ojdiu ejf fjoft Tqpsu. voe Gsfj{fjuhfsåut- tpoefso fjoft Lpnqspnjttft/ Esbjtjof voe boefsf Fjo."
Jeroen Igelbounce, 13.09.2016
3.
Bei solch großen Akkus ist es kein wunder, dass das E-Bike vor 100 Jahren kein Renner wurde. Durch die neue Lithium Ionen Technik sind diese heutzutage viel kleiner wodurch sich E-Bikes großer beliebtheit erfreuen, tendenz steigend. Mehr dazu hier: http://e-bike-test.online
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