Helden unserer Jugend Stuntman auf Hühnerjagd

In einem oberbayerischen Dorf ist kein Platz für echte Abenteuer. Außer man hat wie Karin Michalke eine Oma mit einem VW-Bus ohne Motor in der Lastwagengarage, einen unschuldigen Hund in Gefangenschaft und einen Helden namens Colt Seavers.

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Zur Autorin
  • Karin Michalke, geboren 1976, hat an der Hochschule für Film und Fernsehen in München studiert und lebt als Drehbuchautorin bei Aschau am Chiemsee.

Ich fliege mit dem Auto und sehe nur Himmel vor mir. Himmel, von einer Stromleitung durchkreuzt. Eine halbe Sekunde lang frage ich mich, was passiert, wenn ich die treffe. Vielleicht ein paar blaue Blitze quer durch die Fahrerkabine.

Ich zähle. Fünf, vier, drei. Mein Fuß findet das Gas wieder. Kupplung. Vom Absprung bin ich noch schwerelos. Nicht den Kontakt verlieren jetzt. Lenkrad gerade lassen, keine Zeit mehr. Noch zwei, eins - KHHA-WHAMM!

Es biegt das Fahrwerk durch. Irgendeine Radaufhängung kracht, ich glaube hinten links. Der Aufprall drückt die Luft aus meinen Lungen. Mein Hals hält's aus, dieses Mal. Nicht nachdenken. Mein Fuß steigt von allein wieder aufs Gas - bloß nicht bremsen, bloß nicht lenken, die Karre überschlägt sich - nicht.

Glück. Das ist alles, was du brauchst. Glück und Eier in der Hose.

Jemand knipst das Licht in der Garage an. Ich tu so, als wäre ich nicht da. "Mausl, Essen is fertig!" Meine Oma knipst das Licht wieder aus. Aber das bringt jetzt nichts mehr.

Der Wagen, in dem ich sitze, hat keine Dick-Cepek-Reifen. Keinen Single-Überrollbügel. Keine Super-Off-Roader-Scheinwerfer. Kein 4"-Fahrwerk. Es ist kein GMC, wie mein Held Colt Seavers ihn fährt.

Es ist bloß ein alter VW-Bus. Ohne Motor und ohne Fahrersitz. Ich bin elf. Und ich bin ein Mädchen.

Berufswunsch: Kopfgeldjäger

Wir sind im Jahr 1986. Nach der Schule ist Oma. Das Tolle an der Oma ist die alte Lastwagengarage hinterm Haus. Zum Essen gibt es Sauerkraut und Kartoffelnudeln. Meine Oma macht die besten in ganz Tandern. Ich glaube, das sagt alles über mein Dorf. Es gibt keine Abenteuer in Tandern.

Meine Oma mag's nicht, wenn ich im VW-Bus sitze. Ich glaube, sie macht sich Sorgen, dass aus mir kein gescheites Mädchen mehr wird. Ich hab mir zum Geburtstag einen ferngesteuerten Truck gewünscht. Einen GMC natürlich. In Braun-Gold-Braun.

Bekommen habe ich eine Barbie. Mit Hochzeitskleid und Kutsche. Das Gute an der Barbie ist, dass sie blond ist. Ich hab die Oma gepiesackt, bis sie mir einen Klettergurt für sie genäht hat. Jetzt seil ich die Barbie stundenlang vom Speicher ab oder lass sie mit einem Aldi-Tüten-Fallschirm vom Apfelbaum springen: Jody Banks, Colts Assistentin.

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TV-Serie der Achtziger: Ein Colt für alle Fälle

Der einzige Lichtblick in meinem Leben ist: Montag. Da kommt "Ein Colt für alle Fälle" im Fernsehen. Doch eigentlich darf ich gar nicht. Ferngeschaut wird bei uns nur "Tagesschau", freitags "Der Alte", samstags "Musikantenstadl", und wenn mein kleiner Bruder und ich extremes Glück haben, auch mal "Wetten, dass..?".

Aber eine Ami-Serie? Colt Seavers? Der Opa braucht mich nicht erwischen bei so was. Man kann dem Opa nichts beibringen, wenn's um "Amis" geht. Dass die coole Autos haben und coole Filme machen. Und dass ich Kopfgeldjäger werden will.

Tödliche Comtessa

Doch heute hab ich Glück. Es ist zehn vor sechs. Der Truck. Das grüne Highway-Schild: 101 Los Angeles. Eine Explosion. Und dann fliegt er. Rampe. Reifen. Landung vor dem fahrenden Buick.

Ich bin drin.

Die Landung zerschlägt fast meine Knochen. Ich bin der härteste Kerl Hollywoods. Ich lasse mich von zwei galoppierenden Pferden durch den Staub einer Westernstadt schleifen. Ich baumel von einem Zugsignal, ich lasse einen Doppeldecker in einen Heustadel rasen. Meine Karre heizt ungebremst über die Klippe, und ich häng mich an die Hubschrauber-Strickleiter. Mit Mantel überm Arm.

Colt dreht in Brasilien. Geld soll überbracht werden. Fünf Millionen. Einer brasilianischen Comtessa. Von einem Mr. Sanns. Aber Mr. Sanns hat einen Teil des Geldes selber behalten. Deswegen wird er vergiftet. Von der Comtessa. Und hier kommt Terri ins Spiel. Kautionshelferin. Colts treue Auftraggeberin.

Als meine Mama mich abholt, fällt ihr auf, dass ich nachdenklich bin. "Ich will Kopfgeldjäger werden", nuschle ich. Sie lacht: "Aber Mausl, das geht noch nicht." Es gibt keine Abenteuer in Tandern.

"Alles klar, Partner!"

Ich kann nicht einschlafen. Ich sehne mich nach quietschenden Reifen. Einschlagenden Fäusten. Glasscherben. Polizeisirenen. Aber ich hör nur den Hund von meiner Tante jaulen. Er wohnt gleich gegenüber. Wenn die Tante nicht da ist, muss er immer in den Zwinger.

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Vielleicht ist der Hund auf der Flucht vor der Polizei. Weil er unschuldig in eine Erpresser-Geschichte geraten ist. Er hat sich mit 250.000 Dollar, die er eigentlich nur zurückgeben wollte, nach Brasilien abgesetzt. Dort ist er von den Schlägern der Comtessa geschnappt worden. Aber keiner weiß, wo das Geld ist. Nur deswegen ist er noch am Leben. Jetzt wird er gefangen gehalten, im Verlies.

Ich werde die Sache aufklären und den Hund über die Grenze bringen. Dann ist er frei.

Das Untere Dorf ist Brasilien. Das Obere Dorf ist Amerika.

Der Gefangene - der Hund meiner Tante

Colt Seavers - bin ich

Howie Munson - mein kleiner Bruder

Jody Banks - meine Cousine

Die Comtessa - die Tante

Der Sheriff - meine Mutter

Der Deputy - die Oma

Der Schläger der Comtessa - mein Cousin

Am nächsten Morgen steht Howie Schmiere. Ich seile mich in den Villa-Garten der Comtessa ab. Wir befreien den Gefangenen. Ungesehen. Wir schaffen's fast außer Landes. Aber dann hat der Deputy Lunte gerochen. Wir müssen untertauchen. Howie kriegt jetzt schon Muffensausen. Ich raune: "Alles klar, Partner!", und er reißt sich zusammen.

Der Sheriff zeigt keine Gnade

Wir schaffen den Gefangenen hinten rum zwischen Kirche und Friedhof wieder ins Dorf. Aber dort lauert die Comtessa mit ihrem Schläger. Wir sind aufgeflogen. Wir müssen Jody anrufen. Den Hund zurückbringen! Aber dann haut der Gefangene ab. Rennt quer über die Straße und killt ein Huhn. Ein Huhn vom Schneider Lipper.

Wenn ich sage, der Hund hat dem Schneider Lipper sein Huhn auf dem Gewissen, dann schlagen in Tandern alle die Hände über den Köpfen zusammen und fangen an, für mich zu beten. Es sind nämlich preisgekrönte Hühner. Wir sitzen richtig dick drin.

Wir müssen dem Hund das Huhn abluchsen, das Huhn verscharren und den Hund zurück in die Villa der Comtessa bringen. Nur wie? Sie sind alle hinter uns her.

Colt Seavers hätte keine Angst. Colt Seavers hätte gewusst, was er jetzt machen muss. Colt Seavers hätte Terri einen Charterflieger aus dem Kreuz geleiert, und wenn sie ihn auf dem Weg zum Flughafen erwischt hätten, hätte er sie abgehängt, egal mit welcher Schrottkarre, und hätte zuerst Howie, dann sich an das Rollwerk des startenden Fliegers gehängt, um davonzukommen. Colt ist der Coolste.

Wir dagegen landen im Knast. Alle miteinander. Hausarrest. Die Sache mit dem Huhn vom Schneider Lipper wird mit ein paar Dollar erledigt. Der Sheriff ist gnadenlos.

Jody konnte nichts dafür!

Ich verlange, auf Kaution freigelassen zu werden, und das geht so: "Mamaaa! Das war ein Unfall! Wenn ich versprech, dass ich jeden Tag die Spülmaschine ausräum und die Wäsche aufhäng und das Katzenklo sauber mach?"

Da sagt meine Mama nur: "Ich bin doch nicht blöd."

"Okay. Ich zahl dir zwanzig Mark."

"Haha."

"Dreißig. Mehr hab ich nicht!"

"Vergiss es. Iustum me praebeo."

"Was heißt'n das?"

"Ich übe Gerechtigkeit. Oder so."

Wenigstens Jodys Hals kann ich aus der Schlinge ziehen. Ich schwöre bei Colts Pick-up-Truck, dass sie mit der Sache nichts zu tun hatte. Im Gegenteil! Sie ist von dem Hund verschleppt worden, weil die Leine sich um ihren Fuß gewickelt hat. Und dann wollte sie den Hund sofort zurückbringen, nur leider war der Hund stärker und hat sie zum Huhn geschleift.

Jody kommt frei. Auf Kaution. Ich muss vier Tage Spülmaschine ausräumen und Wäsche aufhängen.

Danke, Sheriff. Ich hoffe nur, du kommst nicht auf die Idee, mir "Colt Seavers" zu verbieten.

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf und ich". Nächste Woche in der einestages-Serie über Helden unserer Jugend: "Ein Trio mit vier Fäusten".

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Samoht Niriuq, 26.05.2014
1. optional
Das ist der mit Abstand beste einestages-Beitrag den ich jemals lesen durfte. In jeder Zeile habe ich mich selbst wiedererkannt. Vom Seavers-Intro bis zum Nachspielen auf Schrott- und Matchboxautos. Letzter Mainzelmännchen-Spot, jetzt aber schnell auf der Couch die richtige Sitzposition eingenommen, Mist, da geht schon das Intro los. Bei mir ging die Colt-Manie so weit, dass ich allen Ernstes nach einer Folge heulte, in der Colt nicht mit seinem Pickup irgendwo drüber gesprungen war. Als meine Mutter mir als sechsjährigem das mit der Berliner Mauer erklären wollte ("Da kommt keiner drüber") fragte ich treudoof "Aber der Colt kann doch mit seinem Truck sicherlich da drüber springen?!" Ja, so wars. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Sendungen von damals, war ich bei Colt nicht enttäuscht, als ich mir die ersten Folgen nochmals auf DVD angesehen hab. Und - sind wir doch mal ehrlich - auch heute noch wäre der gute Colt die obercoolste Sau in JEDEM Hollywoodstreifen
Jens Loosen, 26.05.2014
2. Colt Seavers
Ich Colt Seaver, mein Bruder Howi, meine Cousine Jody! das war die besetzung meiner Kindheit. Wunderbarer Artikel, vielen Dank!
Rainer Duffner, 26.05.2014
3. Der GMC
So einen GMC wollte ich als Kind auch. Bis ich vor ein paar Jahren, als ich dann tatsächlich das Geld gehabt hätte, einen zu kaufen (zumindest zum damaligen Neupreis), mal genau geschaut habe: Yächz, das Teil ist von 1982. Trotzdem werden heute Mondpreise (im wahrsten Sinne des Wortes) für das Teil bezahlt. Im Gegensatz zur Autorin haben mich spätere Wiederholungen doch einigermassen ernüchtert.
G. Kook, 26.05.2014
4. Danke!
Klasse Artikel! Ja die Serie war wirklich prägend. In einer Folge haben sie ein Kneipenschlägerei initiiert, damit sie aus einem -natürlich schon vorausgeahnten- Hinterhalt rauskamen. Jodie stürzte rein mit einer "Du hast mich sitzenlassen"-Geschichte und Colt durfte sich von ihr vermöbeln lassen; super. Hat mich geprägt. Und klar: der GMC Grand Sierra. Heute flucht man über die peinlichen SUV-Fahrer/Autos. Aber der GMC... das war was anderes. Verscuht jede Folge auf Audio- Cassette aufzunehmen, Recorder vor die Fernsehbox gestellt. Und die nächsten Monate den Quatsch ununterbrochen gehört. Wenigstens motivierend für die Sportunterrichtsteilnahme war die Serie. Und immer: Jodie in der Saloontür [-)
Joern Krueger, 26.05.2014
5. optional
Seit wann lief denn Derrick samstags?
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