Eine Woche in der DDR Wie ich ein "Operativer Vorgang" der Stasi wurde

Sein einziger Ostfreund war ein Spitzel: Nur einmal besuchte Ulf Buschmann die DDR und geriet direkt ins Netz der Stasi. Bis lange nach der Wende ahnte er davon nichts.

Sekundarstufe I am Gerhard-Rohlfs-Schulzentrum in Bremen
Ulf Buschmann/Herr Schönherr (Chemielehrer)

Sekundarstufe I am Gerhard-Rohlfs-Schulzentrum in Bremen


Ich hatte mein Abitur in der Tasche und noch nie die DDR gesehen. Im Gemeinschaftskunde-Unterricht in der Schule hatte ich mich ein ganzes Halbjahr lang mit der "Deutschen Frage nach 1945" auseinandersetzen müssen. Sie war auch Thema meines dritten Abitur-Prüfungsfaches gewesen. Jetzt wollte ich endlich selbst erleben, was hinter der Mauer vor sich ging. Ich wollte wissen, wie es meinen Verwandten in der DDR - die von den Älteren sogar 1986 noch "SBZ" (Sowjetisch Besetzte Zone) genannt wurde - erging.

Ich schrieb also nach Ost-Berlin, und einige Tage später bekam ich von dort eine offizielle Einladung. Vom Montag vor Ostern 1986 bis Ostersonnabend hatte ich Zeit, mich jenseits des "Eisernen Vorhangs" umzuschauen. Die Anreise sollte klassisch erfolgen: mit dem "Interzonenzug" von Hannover aus via Magdeburg nach Berlin. Es ging im Bummeltempo einmal quer durch die "Zone". Die Angst fuhr bis zur innerdeutschen Grenze mit, denn meine Mutter hatte mich dazu verdonnert, Schokolade und andere Dinge, die in der DDR Mangelware waren, mitzunehmen. Und ich wusste nicht, ob ich damit gegen irgendwelche Gesetze verstieß. Die Formalitäten an der Grenze erwiesen sich aber als harmlos. Ein freundlicher DDR-Zöllner kontrollierte mich eher oberflächlich; übrigens auch meine Mitfahrer, alles ältere Leute, die "ihre Lieben drüben" besuchen wollten, wie mich eine Dame aus dem Hessischen wissen ließ.

Der Zöllner hatte nichts zu beanstanden, jetzt konnte die Reise über die überaus holprige Strecke - die heute nicht mehr holpert und von einem ICE bewältigt wird - weitergehen. Ich beobachtete, wie die DDR-Grenzer den Zug nach "Republikflüchtlingen" und anderen verdächtigen Subjekten untersuchten. Etwa vier Stunden später lief der Zug in Berlin-Ostbahnhof ein. Mein erster Eindruck nach dem Betreten des Bahnsteiges: Ich war deprimiert. Überall standen mit Maschinenpistolen bewaffnete Angehörige der "Organe" der DDR. Passkontrolle, Checken der Dokumente: All das ging schnell über die Bühne, und ich freute mich auf meine Verwandten.

Mein neuer Freund, Genosse IM

Sie holten mich nicht allein ab, sondern mit einem Begleiter, der mir als J. vorgestellt wurde. J. studiere an der Humboldt-Universität und stehe kurz vor dem Diplom. Er habe ein Auto und werde uns deshalb in den kommenden Tagen zu Ausflügen begleiten. Er war nur etwas älter als ich mit meinen 20 Jahren. Ich fand es interessant, ihn kennenzulernen. Zwischen uns entspann sich ein erstes, intensives Gespräch. Leider musste J. sich nach der Ankunft in der Wohnung meiner Verwandten verabschieden. Er wolle aber wiederkommen, wenn wir am nächsten Tag die Anmeldeformalitäten bei der Volkspolizei-Dienststelle erledigt hatten, sagte er.

Dieser Teil ist eine der ganz besonders bemerkenswerten Episoden meiner Reise in den Osten: Ich stürmte in die Dienststelle, stellte mich freundlich mit den Worten "Guten Tag, ich bin Ulf Buschmann aus Bremen!" vor - und wurde von der Dame hinter dem Tresen erst einmal ausgebremst. "Moment mal", entgegnete sie, "noch sind Sie ja gar nicht da!" Daraufhin nahm die Dame meinen Reisepass und stempelte ihn mit den Worten "Willkommen in der Deutschen Demokratischen Republik!" ab.

Am Nachmittag kam J. mit Kuchen zu uns, und wir plauderten in den kommenden Stunden angeregt. Unsere Diskussion drehte sich vor allem um die Lehren von Karl Marx und Friedrich Engels. Ich konnte diesbezüglich mit meinem Wissen auftrumpfen, schließlich hatte ich mich gerade in der Schule damit beschäftigt. Der Tag ging schnell vorbei, und wir beschlossen, am nächsten Tag mit J.'s Auto, einem Wartburg, nach Potsdam zu fahren.

"Uns kontrolliert niemand!"

Ich war in der glücklichen Lage, ein Visum für die gesamte DDR zu besitzen. In der Regel stellten die Behörden nur Papiere aus, die Besucher aus dem Westen an einen bestimmten Kreis oder Bezirk fesselten, wie mir gesagt wurde. Meine Nachfragen, ob unser Ausflug auch wirklich rechtens sei, beschied J. mit einer beruhigenden Handbewegung: "Uns kontrolliert niemand." Was tatsächlich so war.

Der Besuch von Schloss Cäcilienhof und der Potsdamer Innenstadt war ein einmaliges Erlebnis für mich. J. und meine Verwandten kannten sich in der Geschichte der Stadt ziemlich gut aus. Besonders J. tat sich mit allerlei Erklärungen hervor. Er wurde nicht müde zu betonen, welche Mühe es gekostet habe, den Potsdamer Stadtkern wieder aufzubauen.

Auf der Rückfahrt wunderte ich mich. Uns Westdeutschen war immer eingebläut worden, dass wir uns auf jeden Fall an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten sollten: maximal 100 km/h auf den Autobahnen. J. jedoch heizte mit seinem Wartburg mit 120 km/h über die Betonpiste. Auf meine Frage, ob er denn keine Angst habe, von der Polizei angehalten zu werden, antwortete J.: "Man muss nur wissen, wo sie stehen!"

Verdacht auf "feindlich-negative Einstellung"

Die Tage in Ost-Berlin vergingen wie im Fluge. Ich hatte das Bedürfnis, anschließend mit J. in Kontakt zu bleiben. Er versprach mir, seine Adresse bei meinen Verwandten zu hinterlassen. Er tat es freilich nie. Auch mein kleines Geschenk, zwei Filme aus dem "Intershop" an der Friedrichstraße, lehnte J. ab - was ich damals nicht verstand.

Heute kenne ich den Grund: J. war ein Angehöriger des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Erfahren habe ich es durch eine Auskunft aus dem Hause der "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik" - besser bekannte als "Gauck-Behörde", später "Birthler-Behörde". Im September 2006 entsann ich mich meines Besuches in der DDR und stellte aus einem Bauchgefühl heraus einen Antrag auf Akteneinsicht.

Seit März 2007 habe ich Gewissheit: Ich war in das Netz der Stasi geraten. Das Bundesamt teilte mir mit, die Recherchen hätten ergeben, dass ich seit dem 30. April 1986 in den sogenannten "Rosenholz-Dateien" erfasst worden war. Die legendäre "Hauptverwaltung Aufklärung" hatte mich unter ihre Fittiche genommen. Weiter heißt es im Schreiben der Behörde: "Die Vorgangsdatei F22/HVA verweist unter dieser Registriernummer auf eine Operative Personenkontrolle (OPK)." Sie "war im Rahmen des flächendeckenden Vorgehens zur umfassenden Klärung der Frage ,Wer ist wer?' ein wichtiges Arbeitsmittel des MfS. (...) Eine OPK wurde eingeleitet, wenn im Sinne des MfS Anhaltspunkte für den Verdacht auf Begehung einer strafbaren Handlung beziehungsweise eine ,feindlich-negative' Einstellung gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen der Deutschen Demokratischen Republik vorlagen."

Ein Teil deutsch-deutscher Geschichte

Mehr konnte mir die Gauck-Behörde bislang nicht mitteilen. Was die Damen und Herren von Mielkes Gnaden ausgerechnet von mir wollten, kann ich mir bis heute nicht erklären, zumal sich meine Verwandten in der DDR immer linientreu gegeben hatten. Ich vermute, jeder Besucher in meinem Alter, der damals aus dem Westen zu Besuch im "demokratischen Teil Deutschlands" war, wurde einer Art Routinekontrolle unterzogen - ich hätte ja Gleichaltrige im Sinne des Westens indoktrinieren können.

Vielleicht haben die Schlapphüte aber auch eine Querverbindung zu meinen Eltern, vor allem zu meiner Mutter, hergestellt. In den siebziger Jahren waren meine Eltern beruflich "drüben" gewesen. Damals arbeitete meiner Mutter als zivile Angestellte in einer Dienststelle der Bundeswehr und musste vor und nach dem Ost-Berlin-Abstecher zum Verhör beim Militärischen Abschirmdienst. Vielleicht vermutete die Stasi, dass ich politisch ähnlich gesinnt war wie meine Mutter, die an extrem gegnerischer Stelle ihr Geld verdiente. Dass ich in solch einem Maße Teil der deutsch-deutschen Geschichte geworden bin, war für mich jedenfalls ein mächtiger Schock.



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