Elefantenrunde 2009 "Wir sind gar nicht so schlimm!"

Verkehrte Welt in der Berliner Runde 2009: Nach der Bundestagswahl geraten die Wahlsieger in die Defensive. Die neue Opposition dagegen greift an.

DDP

In der Berliner Runde treffen Sieger und Besiegte nur zwei Stunden nach Veröffentlichung der ersten Prognose am Tag der Bundestagswahl aufeinander. Nicht selten zeigen die Politprofis hier mehr von sich als irgendwo sonst innerhalb des Politikbetriebes. 2005 hat Gerhard Schröder in einem legendären Auftritt in der Elefantenrunde verkündet, nur er selbst könne eine stabile Regierung bilden - obwohl seine SPD weniger Stimmen erhalten hatte als die CDU seiner Konkurrentin Angela Merkel. Und auch 2009 kann ein unwissender Beobachter den Eindruck bekommen, die Gewinner der Wahl säßen nicht auf der Seite von Frau Merkel. Körpersprache und Rhetorik der Beteiligten lassen die klaren Gewinner - FDP und CDU - als Verlierer erscheinen, die neue Opposition dagegen als Sieger.

FDP-Chef Guido Westerwelle verteidigt sich noch in der Stunde seines größten Triumphes. "Sie haben jetzt die ganze Zeit behauptet, hier säße der personifizierte Teufel", sagt er. "Vielleicht sind wir gar nicht so schlimm, wie Sie immer behaupten." Statt staatstragend über den Dingen zu stehen, zeigt Westerwelle Nerven: Er will nicht länger das Schreckgespenst sein, ein Sinnbild des kalten Windes, der ab jetzt angeblich durch das Land wehen wird. Auch die Bundeskanzlerin und im Gegensatz zu 2005 unangefochtene Gewinnerin der Wahl gerät in die Defensive und versucht sich gegen die Vorwürfe zu wehren, die da auf sie niederprasseln: "Ich bin keine andere geworden durch das, was heute passiert ist", beteuert sie. Ausgerechnet der Gewerkschaftschef Berthold Huber muss als Zeuge dafür herhalten, dass der neue Koalitionspartner FDP die Kanzlerin nicht verändern wird: Er erwarte, dass sich das gute Verhältnis zur Kanzlerin nicht ändern werde, sagt er.

Frau Merkel und ihr "Wunschkoalitionspartner" Westerwelle wirken sich seltsam fremd: Es gibt keine Momente der Nähe, keine Blicke, die sich treffen, und keinen spürbaren Teamgeist, den das Duo Joschka Fischer (Grüne) und Schröder noch im Moment des Niederganges ausgestrahlt hat. Dafür gibt es immer wieder Momente der Abgrenzung, etwa wenn Angela Merkel insistiert, dass sie auch noch da sei, um allzu weitgehende FDP-Forderungen zu verhindern. Kein einziges Mal verteidigt Merkel ihren zukünftigen Vizekanzler Westerwelle gegen die Kritik: Und die ist heftig.

Denn in dieser Berliner Runde ist nicht nur eine seltsame Disharmonie der zukünftigen Regierung zu beobachten, sondern auch die Geburtsstunde einer Opposition, die in der gemeinsamen Ablehnung von Schwarz-Gelb zu einer Geschlossenheit findet, die es so im linken Lager lange nicht gegeben hat. Alleine das Personal erinnert an eine Wiederauflage des rot-grünen Projektes, an dessen Gründungsphase 1998 sowohl Frank Walter Steinmeier (SPD) als auch Jürgen Trittin (Grüne) und nicht zuletzt Oskar Lafontaine (damals SPD, heute Linke) aktiv beteiligt waren. An diesem Abend scheint es, als lägen die rot-grünen Koalitionsverhandlungen nicht über zehn Jahre zurück, sondern nur wenige Wochen. Linke-Parteichef Lafontaine betont gleich zweimal, wie sehr auch ihn der Verlust der SPD schmerze - "Das war nicht das, was wir gewollt haben" -, um sogleich als eine Art Oppositionsführer eine Blockadepolitik im Bundesrat anzukündigen, die nichts anderes voraussetzt als eine sehr enge Zusammenarbeit der drei linken Parteien.

Auf den Einwand von Moderator und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, dass Schwarz-Gelb zur Zeit noch eine Mehrheit im Bundesrat habe, antwortet Jürgen Trittin und spricht ebenfalls bereits für das linke Lager als Ganzes: "Das wird sich im Mai ändern, weil wir dann Herrn Rüttgers abwählen." Und so angriffslustig Trittin und Lafontaine immer wieder Guido Westerwelle attackieren, so respektvoll schweigen sie, wenn der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Frank Walter Steinmeier eine Art Abschiedsrede auf die Große Koalition hält und prophezeit: "Ich bin sicher, Sozialdemokratie wird fehlen in der neuen Regierung, und das wird den Menschen auffallen."

Fast scheint es, als ob das auch Frau Merkel so sieht. Es arbeitet jedenfalls auffällig in ihrem Gesicht, als Steinmeier ganz zum Schluss verspricht, dass die Stimmen für die SPD keine verschenkten Stimmen sein werden. Bereits in diesem ersten gemeinsamen Auftritt nach der Wahl muss sie erfahren, dass die Angriffe gegen ihren polarisierenden Partner Guido Westerwelle auch sie selbst treffen. Für Angela Merkel wird es offensichtlich sehr schwierig werden, ihre bisherige überparteiliche Rolle in einem schwarz-gelben Bündnis weiterzuspielen. Nicht mal für einen symbolischen Händedruck mit Guido Westerwelle reicht es zum Schluss. So herzlich wie in der neu geborenen linken Opposition ist der Umgang zwischen den zukünftigen Regierungspartnern noch lange nicht.



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