Emigration "Was suche ich auf fremder Erde?"

Als Freiwilliger zog der Georgier Dimitri Kimeridze 1942 für die Rote Armee in den Krieg und kehrte nie mehr zurück. Nun hat sich seine Enkelin Irma Berscheid-Kimeridze auf die Suche gemacht - und wurde in Frankreich fündig.

Irma Berscheid-Kimeridze

Mein Großvater Dimitri Kimeridze ging für die Rote Armee in den Krieg. Er geriet in Gefangenschaft und konnte nach dem Krieg nicht mehr zurück in seine Heimat Georgien. Seinen Schmerz darüber hat er in Gedichten ausgedrückt. 20 Jahre nach seinem Tod haben wir uns auf die Suche nach seinen Spuren gemacht.

Der zweite Weltkrieg hat Familien in allen Teilen Europas auseinander gerissen. Nicht nur in Deutschland und Frankreich, auch in der früheren Sowjetunion. Eine der Familie ist meine - und der Mensch, den ich nie kennen lernen durfte, war mein Großvater Dimitri Kimeridze.

Was ich über ihn wusste, habe ich aus Erzählungen meines Vaters und aus den wenigen Briefen, die uns erreicht haben. Als Vater von drei Kindern hätte er zu Hause bleiben dürfen. Seiner Heimat zuliebe zog er jedoch 1942 als Freiwilliger in den Krieg; er war damals 34 Jahre alt. Dimitri ließ seine Frau und seine drei Kinder zu Hause zurück. Mein Vater war damals sechs Jahre alt, und er konnte sich noch an die Worte seines Vaters erinnern: "Wie kann ich den Frauen meiner Freunde in die Augen sehen, wenn ihre Männer in den Krieg gezogen sind?"

Er geriet in Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg wurde er vor die Wahl gestellt: entweder im fremden Land bleiben oder die Deportation nach Sibirien riskieren. Er hat das erste gewählt in der Hoffnung, dass sich in der Sowjetunion etwas ändern würde und er in die Heimat zurückkehren könnte. Zuerst hinderte ihn daran das Regime Stalins, dann meldeten sich die Kriegswunden. Später wanderte er nach Frankreich aus und verbrachte sein restliches Leben in der Fremde. Der Weg nach Georgien blieb ihm versperrt.

Georgische Namen auf den Grabsteinen

1921 kamen die Sowjets nach Georgien und beendeten drei Jahre der Demokratie. Viele Georgier wanderten daraufhin nach Frankreich aus. Sie siedelten sich vor allem an zwei Stellen an: südlich von Paris und in Sochaux, dem Stammsitz von Peugeot, verwachsen mit der Nachbarstadt Montbéliard. 1987 traf der Brief eines Freundes ein, mit der Nachricht, dass Dimitri verstorben und in eben jener Stadt begraben sei. Das waren die Fakten, die wir über meinen Großvater wussten. Ich selbst bin Ende der 1990er Jahre zum Studium nach Deutschland gekommen. Von meinen Verwandten konnte niemand sein Grab und die Ortschaften besuchen, wo er sein Leben in der Emigration verbracht hat. So haben mein Mann, Thomas Berscheid, und ich, uns entschieden nach Frankreich zu fahren. Wir hatten die Hoffnung, sein Grab zu finden und vielleicht mehr Details über sein Leben zu erfahren.

Gleich am ersten Tag in Frankreich machten wir uns auf dem Weg zum Friedhof. Wir brauchten nicht lange, um georgische Namen auf den Grabsteinen zu entdecken. Als erstes fielen mir folgende Worte auf: "Jenen Georgiern, die sich der Heimat geopfert haben." Blitzschnell las ich alle Namen durch. Hier war er: Dimitri Kimeridze. Mir stockte der Atem. Ich hatte ein eigenartiges Gefühl: Vor Freude und gleichzeitig vor Trauer konnte ich mich kaum der Tränen enthalten. Ich konnte nicht anders, weil ich wusste, dass ich als einziges Enkelkind 20 Jahre nach seinem Tod zu seinem Grab gekommen war.

Aus Georgien hatte ich auch Dimitris Briefe bei mir, die ich nach Frankreich mitnahm. Aus den Briefen wusste ich, dass es in Sochaux einen georgischen Verein gab. Im Telefonbuch haben wir uns auf die Suche nach georgischen Namen gemacht - und wurden fündig. Wir spürten die Enkelin des Freundes auf, der uns 20 Jahre zuvor den Brief mit der traurigen Mitteilung geschrieben hatte. Sie gab uns die Telefonnummer des Vorsitzenden der georgischen Vereinigung Christian Tschirakadze. Er lud uns ein, schon am nächsten Tag vorbeizukommen und uns Dimitris Archiv anzusehen.

40 Jahre Emigration, 40 Gedichtbände

Ich war so aufgeregt, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Am nächsten Morgen fuhren wir zur angegebenen Adresse. Frau Tschirakadze führte uns in die Küche und deutete auf einen Papierstapel. Der gesamte Küchentisch war voll mit Briefen, Büchern, Bildern, Notizheften, Dokumenten. Ich warf einen Blick auf ein Foto. Mein Großvater! Mein Herz fing an, schneller zu schlagen. Ich wusste nicht, womit ich anfangen sollte. Zuerst griff ich nach alten Briefen. Ich nahm den ersten Brief, der oben auf dem Stapel lag. Die Schrift kam mir bekannt vor. Mir stockte der Atem. Die Schrift meiner Mutter! Dann von meiner Tante! Sie erzählte von seiner Enkelin, die nur Wochen zuvor auf die Welt gekommen war.Von mir. Meine Familie. Unserem Leben. Er hat alles aufbewahrt.

Dann griff ich nach den Heften mit Gedichten. Ich war erschlagen von der Menge. 40 Jahre Emigration. Alle seine Gefühle hat er in Gedichten ausgedrückt, die etwa 40 Bände füllten. Mein Mann begann in den Dokumenten zu blättern. Der Ausweis eines Flüchtlings! Der Aufenthalt wurde einige Male verlängert. Er hat nie die französische Staatsangehörigkeit angenommen, er ist immer Georgier geblieben!

Inzwischen kam auch unser Gastgeber. Viel konnte er nicht über meinen Großvater erzählen. "Ich kann mich erinnern, dass er ein sehr guter Mensch war", sagte uns Herr Tschirakadze. Doch ich freute mich, wenigstens einen Zeitgenossen meines Großvaters kennengelernt zu haben. Als Enkelin durfte ich das gesamte Archiv, alle Bücher, Schriften und Dokumente mitnehmen. Unsere Mission war erfüllt.

"Was hat mich hierher verschlagen?"

Ein Anruf nach Georgien, aus einer Telefonzelle irgendwo zwischen Basel und Burgund, ein Anruf, den Dimitri bestimmt gerne gemacht hätte und den er nie machen konnte: "Wir haben alles von ihm erhalten", sagten wir. Tränen auf beiden Seiten des Hörers, Tränen der Freude. Wie ich aus dem Archiv erfuhr, war mein Großvater mehrere Jahre lang Sekretär des georgischen Vereins in Sochaux, führte Korrespondenz mit wichtigen Personen der Emigration aus Georgien, mit dem früheren Präsidenten, mit bekannten Schriftstellern. Ein Gefühl von Stolz beschlich mich.

Danach fing ich an, die aus Georgien erhaltenen Briefe zu lesen. Die meisten von ihnen sind Briefe von meiner Großmutter. In fast allen Briefen fragt sie: "Wann kommst Du?" und "Bitte komm zurück". Für Dimitri war es sicher schmerzhaft, dies zu lesen. Ich versuchte zu verstehen, was ihn die ganzen Jahre bewegte. Wer weiß, vielleicht hat er sich die Schuld gegeben, dass er Frau und drei Kinder verlassen hat und in den Krieg zog, um seine Heimat zu verteidigen, die ihn danach nicht mehr wollte. Vielleicht stellte er sich deswegen diese Frage: "Was hat mich hierher verschlagen, was suche ich auf fremder Erde? Wer hat es mir verboten zu leben in meinem Tal und Berge?"

Im Februar 2008 wäre Dimitri Kimeridze 100 Jahre alt geworden.



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