Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft Von Oklahoma nach Norddeutschland

Er erfuhr es aus einer US-Zeitung: Seine Heimatstadt gehörte nun zu Polen. Als Günter Werk 1946 aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, hatte er kein Zuhause mehr, in das er zurückkehren konnte. Erste Hilfe bot sein Kamerad John. Er lud den 20-Jährigen auf seinen Bauernhof nach Schleswig-Holstein ein.


Da war sie nun, die Freiheit. Greifbar nahe, nach fast dreieinhalb Jahren hinter Stacheldraht im englischen Kriegsgefangenenlager in Belgien. Der Schlüssel zu meinem Glück war die Kombination aus meinen Schreibmaschinenkenntnissen, ein wenig Englisch und dem verständnisvollen englischen Captain. Der bescheinigte mir einen Herzfehler und verhalf mir damit zu meiner vorzeitigen Entlassung.

Meine nächste Etappe hieß Munster Lager. Die ehemaligen Wehrmachtsbaracken waren völlig verlaust und verdreckt. Nachts fielen Wanzen von der Decke. Das gab üble Bisswunden. Mich hatten die kleinen Blutsauger im Visier. Blutgruppe A mochten sie anscheinend gern. Endlich der lang ersehnte Appell: "Antreten mit Gepäck. Fertig zum Abmarsch in die Freiheit". Vorher musste jeder noch sein Ziel und die Besatzungszone nennen. "Götzberg in Holstein, Britische Zone" war meine Antwort. Zur Sicherheit hatte ich noch zwei andere Anschriften von guten Kumpels zur Auswahl: Alex in Erftstadt und Alfons in Bad Frankenhausen.

Die Gruppe mit dem Ziel "Sowjetische Besatzungszone" war besonders groß. Für mich völlig unverständlich. Ich hatte in Oklahoma reichlich amerikanische Zeitungen und Illustrierte gelesen und ahnte was sich dort zusammenbraute. Ich hatte dort auch gelesen, dass ich meine Heimat Arnswalde verloren hatte - sie gehörte nun zu Polen - und fragte mich, wohin es unsere Familie verschlagen haben könnte. Konnten sie fliehen? Lebten sie überhaupt noch?

Von Oklahoma nach Norddeutschland

Das Kriegsende lag mittlerweile 14 Monate zurück. Aber immer noch hielten die Siegermächte viele Kriegsgefangene fest, um sie sie für ihre Zwecke einzusetzen. In Frankreich mussten sie Minen räumen und im Bergwerk schuften. In England arbeiteten sie in der Landwirtschaft. So erging es auch meinem Kumpel John. John war elf Jahre älter als ich und stammte aus Holstein.

Kennen gelernt hatten wir uns September 1943 im Prisoner Of War Camp Tonkawa, Oklahoma. Unsere Feldbetten standen nebeneinander. Aus der Lagerbibliothek hatte er sich damals das Buch von Houston Steward Chamberlain "Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts" geholt. Auf Deutsch, denn er verstand kaum Englisch. Ich arbeitete mich mit Hilfe des kleinen Hugo Pocket Dictionary, das ich heute besitze, mühsam durch "The Mutiny on the Bounty" - "Meuterei auf der Bounty". Gemeinsam wanderten wir von Lager zu Lager, immer weiter südwärts. Als sich unsere Wege im April 1946 trennten - das war in Las Cruces, New Mexico - gab er mir seine Adresse und lud mich ein, ihn nach dem Ende meiner Gefangenschaft zu besuchen.

Im Juli 1946 stand ich dann mit meinen wenigen Habseligkeiten in Johns kleinem Heimatdorf. Umrandet von den vielen Laubbäumen wirkte Götzburg friedlich und völlig unbeschadet. Zum Antrittsbesuch im Bauernhaus überreichte ich der Mutter meines Kumpels John ein halbes Dutzend kleine "Camay"-Seifen als Gastgeschenk. Das kam gut an. Die Seifenstückchen hatten sowohl die Amerikaner als auch die Engländer trotz intensiven Filzens übersehen. Ich hatte die duftenden Mitbringsel aus den Lagerbeständen des großen Truppentransporters, der mich mit Hunderten von Mitgefangenen ziemlich komfortabel von New York nach Antwerpen befördert hatte. Meine umfangreiche und gut sortierte Sammlung von Zeitungsausschnitten über den Krieg im Osten hingegen hatte die Kontrollen nicht überstanden.

Die ersten Tage der Freiheit - als Knecht

John selbst kehrte erst viele Monate später nach Hause zurück. Die Mutter und Schwester meines Kumpels bewirtschafteten das große Anwesen allein. Meine Arbeitskraft nahmen sie dankbar an und entlohnten mich mit fünfzig Reichsmark und freier Logis in einem komfortablen Zimmer. Ich hatte in den achtziger Jahren noch einmal Briefkontakt zu ihm. Seine große Liebe hatte er nicht geheiratet, zu den Gewinnern des Krieges zählte er mit seinem Grundbesitz in der Nähe von Hamburg dennoch.

Freiheit und Knechtschaft - ein schöner Gegensatz. Von nun an bestanden die Eckpfeiler meines neuen Lebens aus Pferden, Äckern und Wiesen. Das von John damals erwähnte Auto, versteckt unter Stroh in der großen Scheune, habe ich nicht gesehen. Ich erinnere mich noch gut an einige der Menschen aus dieser Zeit. An den stolzen polnischen Hauptmann in seiner braunen Uniform etwa. Im Bild dieses kleinen Dorfes fiel er ins Auge. Seins hatte er auf die Mutter und die Schwester meines Kumpels John geworfen. Beide nannten ihn respektvoll "Herr Hauptmann". Ich erinnere mich auch noch an das ostpreußische Ehepaar, das sich in mühsamer Arbeit auf einem größeren Grundstück ein neues Haus gebaut hatte. Bescheiden, aber ein kleiner Hof. Ihr Sohn, in meinem Alter, studierte bereits Agrarwirtschaft. Und ich lief noch immer mit dem amerikanischen Militärmantel und der weißen Markierung "POW" - "Prisoner of War" - durch die Gegend.

Das graue, staubige Düngemittel Thomasmehl lagerte tonnenweise neben dem großen Acker. Als jüngster Knecht hatte ich die Aufgabe, den Ackerwagen damit zu beladen. Drei andere verteilten gemächlich den Dünger und grinsten spöttisch. Ich kann nicht behaupten, dass ich besonderes Talent zur Landarbeit besessen hätte. Zudem hatte Johns Mutter einen Ostpreußen als "Ober-Knecht", mit dem kam ich einfach nicht klar. Die Umstände erforderten eine Veränderung.

Der Wechsel auf einen anderen Großbauernhof

Ich wechselte zu einem anderen Bauern. Was für ein Abstieg! Ich wohnte jetzt in einer einfachen Knechtskammer neben Kuh- und Pferdestall. Der Schweinestall lag zum Glück weiter weg. Nebenan, ebenfalls in einer primitiven Kammer, wohnte ein altes Ehepaar, ehemalige Großbauern aus Ostpreußen. Alles hatten sie verloren, nur nicht ihre Lebensfreude. Ich habe ihre Haltung oft bewundert.

Die verdiente und erwartet großbäuerliche Verköstigung fiel in der Regel ziemlich spärlich aus. Da saßen wir nun nach getaner Arbeit am Gemeinschaftstisch vereint und warteten geduldig auf unsere tägliche Mahlzeit. Was dann passierte, werde ich nicht vergessen: Der Bauer bekam vor unseren Augen eine große Portion Fleisch serviert. Wir, die Knechte und Mägde, erhielten keins.

Der schlaue Hamburger und die Stadt

Vorübergehend teilte ich meine kleine Kammer mit einem ehemaligen Matrosen aus Hamburg. Der Mitknecht kannte die Welt von Halifax bis Hongkong. Er hatte immer großen Hunger. Der clevere Kerl wusste sich zu helfen. Fünfzig und mehr Milchkühe gaben zwei Mal täglich eine Menge fetthaltiger Milch. Die gefüllten Kannen standen zum Abholen bereit in einem unverschlossenen Verschlag an der Straße. Mit einem Strohhalm schlürfte der gewiefte Matrose den Rahm ab. Kein Wunder, dass er locker zwei Zentner schwere Getreidesäcke auf den Speicher schleppte. Ich schaffte gerade mal 150 Pfund.

Hamburg wollte ich mir unbedingt ansehen, doch mit meinem markierten Wintermantel ging das schlecht. Der Matrose lieh mir für den Ausflug seine Lederjacke. Danach war ich froh, wieder in das ruhige Bauernnest und meine kleine Kammer zurück zu kommen. Der Anblick war für mich ein Schock: eine große Stadt, sehr zertrümmert, dennoch voller Hoffnung und Leben.

In den sechs Monaten in Holstein hörte ich etliche Geschichten von Kriegsschicksalen und Flucht. Bei der Kartoffelernte machte ich die Bekanntschaft einer intelligenten und gebildeten Frau aus Hamburg. Sie und ihr Mann waren ausgebombt, hatten aber eine kleine Baracke als Notunterkunft bekommen. Ihr Sohn lebte in Brasilien. Ihre Lebensgeschichte war äußerst interessant. Ein Mitknecht erzählte von seinem Onkel, einem Papiergroßhändler aus Stettin, dem es gelungen war, einen ganzen Waggon mit Papier in den Westen und in Sicherheit zu bringen. Einem ehemaligen Kriegskumpan in Kiel, dessen Familie nicht viel zu essen hatte, schickte ich ein Paket mit paar Kilo Weizenkörnern. Er bedankte sich mit einer Ausgabe von "Mein Kampf".

Indianerkopf und Gummistiefel

Als Erinnerung an den Wilden Westen in Oklahoma besaß ich einen silbernen Ring mit Indianerkopf. Eines Tages war er weg. Erst Monate später, meldete ich den Verlust, weil ich erst jetzt eine vage Idee hatte, wer ihn verursacht haben könnte. Der junge Knecht vom Nachbarn war oft zu Besuch in meine Kammer gekommen. Ich schrieb an die Polizei und schilderte meinen Verdacht, nannte Namen und Anschrift. Das Unglaubliche geschah: Die Polizei entdeckte den Ring und schickte ihn mir.

Meine Tante Erna aus Berlin lieferte bald erste Hinweise auf das Schicksal meiner Mutter und Schwester: Kurz vor dem Einmarsch der Russen in meiner Heimatstadt Arnswalde in der Neumark hatten sie mit dem letzten Zug entkommen können. Ein anderes Lebenszeichen erhielt ich von meiner Tante in Sonneberg zusammen mit einem Paket gebrauchter Kleidung. Das Weihnachtsfest bescherte mir ein Paar Gummistiefel.

So ausgestattet verließ ich Februar 1947 den Norden. Mit meinem Luftwaffenrucksack ging es einer ungewissen Zukunft entgegen, mitten hinein in einen außergewöhnlich bitterkalten Winter.

Anm. d. Red. In einer früheren Fassung des Artikels stand Die Stadt Arnsberg gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu Polen. Tatsächlich gehört sie jedoch erst seit 1945 zu Polen.



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Uwe Bergermann, 12.06.2008
1.
Wieso gehörte Arnswalde "wieder" zu Polen? Wer da wohl die Überschrift zu diesem ansonsten sehr interessanten Artikel verfasst hat...
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