Erinnerungen eines DDR-Grenzsoldaten "Wir waren doch keine schießwütigen Killer"

Die Kalaschnikow im Anschlag, den Schießbefehl im Kopf: Jahrzehntelang patrouillierten DDR-Soldaten an der innerdeutschen Grenze, um die Flucht ihrer Landsleute zu verhindern. Fast tausend Menschen starben. Ein ehemaliger Grenzsoldat berichtet über seine Erfahrungen an der Mauer.

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Der Schnauzbart ist grau geworden, die Haare spärlich, die Stimme tief von vielen Zigaretten. 61 Jahre ist Richard Hebstreit heute alt. Man erkennt in seinem Gesicht kaum den jungen Mann auf dem Bild wieder, der vor 40 Jahren stolz in Uniform in die Kamera blickte: strenger Blick, blonde Haare, das Schiffchen auf dem Kopf tief in die Stirn gezogen. Das war 1966.

Damals 20 Jahre alt, tat er als Wehrpflichtiger Dienst an der deutsch-deutschen Grenze. Einsatzort: Berlin. Er gehörte zum Grenzregiment 35, patrouillierte in Rummelsburg - ganz in der Nähe des Gefängnisses, wo Jahrzehnte später Staats- und Parteichef Erich Honecker einsitzen sollte.

28 Jahre lang - von 1961 bis 1989 - sperrte die Mauer ein ganzes Volk ein. Hunderte starben beim Versuch, das Land zu verlassen. Nicht alle wurden erschossen. Viele ertranken, starben durch Landminen oder Selbstschussanlagen. An der gesamten innerdeutschen Grenze gab es Experten zufolge mehr als 950 Todesopfer. Allein in Berlin starben nach Erkenntnissen des Forschungsprojekts "Die Todesopfer an der Berliner Mauer" 133 Menschen. Einer der grausamsten Fälle ist sicher der des 18-jährigen Peter Fechter, der im August 1962 beim Fluchtversuch angeschossen wurde und eine Stunde lang im Todesstreifen um Hilfe schrie bis er verblutet war. Das letzte Opfer war der 20-jährige Ost-Berliner Chris Gueffroy, er wurde im Februar 1989 an der Berliner Mauer erschossen.

Die Mauer war gerade fünf Jahre alt, als Hebstreit seinen Dienst antrat. Ein Jahr lang marschierte der junge Mann damals an seinem Grenzabschnitt auf und ab. Nahe dem Ostbahnhof. Schießbefehl? Klar, Alltag. Anders als die frühere politische Führung der DDR leugnet er den Auftrag nicht. Ganz im Gegenteil: Er bezeugt ihn, wie schon viele andere seiner früheren Kollegen das auch getan haben. "Man hat uns damals nicht direkt gesagt, dass wir Flüchtlinge erschießen sollten. Der Auftrag lautete: Sie haben einen Grenzdurchbruch mit allen Mitteln zu verhindern - auch mit der Waffe."

In der Ausbildung wurde den Wehrdienstleistenden beigebracht, auf die Beine zu zielen, sagt Hebstreit. "Aber wir waren mit der AK 47 ausgerüstet. Die hat eine ziemliche Streueigenschaft. Jeder von uns wusste, wenn man mit dem Ding auf 200 Meter Entfernung einem Flüchtling in die Füße zielt, dann kann man leicht den Kopf treffen."

Mini-Rambos in Ost-Berlin

Sie waren raue Jungs damals, erzählt er, mit viel Testosteron im Blut und völlig unpolitisch. Sie hatten Mädels im Kopf, hörten West-Radio und stritten darüber, ob die Stones oder die Beatles die bessere Musik machten. Ein bisschen Stolz auf dies bisschen Rebellion damals kann er heute nicht verhehlen. "Wir haben uns wie so kleine Mini-Rambos gefühlt. Wir hielten uns für die Größten und konnten die Knarre in rasender Geschwindigkeit ziehen - das haben wir immer wieder geübt, wenn wir stundenlang an der Mauer standen."

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Schüsse an der Grenze: "Befehl ist Befehl"

Aber er und seine Kameraden damals - so sagt er beschwörend - seien sich einig gewesen, dass sie niemals auf Flüchtlinge schießen wollten. Alle hätten Angst davor gehabt, dass es sie mal trifft. "Die Vorstellung, vielleicht auf einen Gleichaltrigen zu schießen, der sich in Lichtenberg die Birne vollgeknallt hat, weil ihn vielleicht seine Freundin verlassen hat und der dann vielleicht am S-Bahnhof über die Mauer klettert, den umzulegen, das ging gar nicht." Wie viel Verklärung sich in die Rückschau mischt, man weiß es nicht.

"Es gab Knallköpfe wie in jeder Armee"

In der Diskussion über den Schießbefehl an der Mauer stört Hebstreit, der seine Erinnerungen kürzlich in dem Buch "Grenzsoldat" veröffentlicht hat, vor allem das Bild, das von den Grenzsoldaten gezeichnet wird. "In den Nachrichten hört sich das immer so an, als wären wir alle willfährige Werkzeuge des damaligen Regimes gewesen. Aber wir waren doch keine schießwütigen Killer! Es gab zwar Knallköpfe wie in jeder Armee, die auf Zivilisten geballert haben. Aber mir ist wichtig, dass Tausende nicht geschossen haben - und zwar absichtlich nicht."

Zum Beleg erzählt er die Geschichte von seinem Kameraden Frank. "Der hat erst geschossen, als der Flüchtling schon längst weg war." Die Offiziere hätten das bemerkt, aber die Folgen seien für seinen Freund damals nicht schlimm gewesen. "Der wurde auf einen Schießplatz versetzt. Ich weiß aber sehr wohl, dass andere für das gleiche Verhalten ins Militärgefängnis gewandert sind." Denn vorbeizielen, das war in der DDR kein Lausbubenstreich. Der Paragraph 262 im Kapitel des DDR-Strafgesetzbuches über das Militärstrafrecht drohte den Grenzern, die daneben schießen - nicht denen, die treffen.

Wie die Vorschriften umgesetzt wurden, hing in der Praxis stark von den Belehrungen durch die jeweiligen Grenzabschnittskommandeure ab. Ob deren Posten - wie formell vorgeschrieben - "Halt" riefen, einen Warnschuss abgaben und erst dann auf den Flüchtenden schossen. Oder ob sie etwa dem Appell eines Hauptmannes vom Grenzregiment 24 folgten: "Nicht so lange fackeln! Anrufen und draufhalten, wenn der Grenzverletzer nicht stehenbleibt."

Und die gab es eben auch. Wie etwa Manfred Schiffner, der im Juni 1966 als Volkspolizist einen Flüchtling erschossen hat. Er erklärte vor vielen Jahren "Bild"-Reportern: "Wenn man dort an der Grenze Dienst tat, wie ich das gemacht habe, dann weiß man: ,Befehl ist Befehl.'" Darum habe er natürlich auch nicht daneben geschossen: "Ich hatte den Befehl, zu treffen." Solche Leute, findet Hebstreit, müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Mit Vehemenz in der Stimme drängt er aber darauf, die Verantwortung für den Schießbefehl auf die richtigen Schultern zu legen. "Der Befehl, der jetzt aufgetaucht ist, beleuchtet, was sonst nicht so richtig rüberkommt. Die Brüder, die das gemacht haben, waren nicht die Grenztruppen, sondern das war das Ministerium für Staatssicherheit. Und für diesen Befehl, auch Frauen und Kinder zu töten, muss derjenige zur Rechenschaft gezogen werden, der den verzapft hat."

"Die DDR wäre doch schon viel früher futsch gewesen"

Ihm selbst, so erzählt er, sei in der Ausbildung beigebracht worden, dass auf drei Ziele auf keinen Fall geschossen werden dürfe. "Es war damals direkt als Befehl von unseren Vorgesetzten formuliert: Auf Kinder, Frauen und auf Westberliner Territorium wird nicht geschossen." Das habe er zu seiner Zeit in der Armee auch schriftlich bekommen. "Das war eine preußisch-militärische Tradition, die auch eingehalten wurde." Überrascht haben ihn die später aufgetauchten Stasi-Befehle an die Spitzel in den Grenztruppen aber nicht.

In den Akten gibt es klare Aufträge für die Stasi-Leute: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe", heißt es da, "auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen."

Der Befehl richtete sich an Angehörige einer Stasi-Spezialeinheit, die verdeckt in den Grenztruppen Fahnenflucht verhindern sollten. "Drastisch formuliert", kommentiert Richard Hebstreit den Text. "Aber wenn die die Grenzen nicht mit allen Mitteln dichtgehalten hätten, dann wäre die DDR doch schon viel früher futsch gewesen."

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 23.08.2007



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