US-Geheimdokumente Als ich die NSA in Händen hielt

"Top Secret" stand auf einem der Papiere: Als Student in Ost-Berlin übernahm SPIEGEL-TV-Redakteur Thomas Heise 1990 mit einer Handvoll Protestlern die Macht in der Zentrale der Stasi. Zwar schredderten Dutzende Ex-Geheimdienstler sensible Unterlagen, doch ein Schrank blieb verschont.

Das Bundesarchiv/Thomas Uhlemann

An einem Mittwoch vor knapp 25 Jahren stand ich als Student und bürgerbewegter Stasi-Auflöser vor einem Schrank mit Tausenden Seiten geheimster Papiere der National Security Agency, kurz NSA. Dokumente, die der Spion James Hall an das Ministerium für Staatssicherheit der DDR, MfS, geliefert hatte. Ein streng geheimer Schatz, über den bundesdeutsche Behörden noch heute nicht so gerne reden wollen.

Ach, was waren wir gut drauf an diesem 15. Januar 1990. Mit ein paar Freunden war ich am frühen Abend, wie Tausende andere, vor die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit, kurz Stasi, gezogen. Wir wollten uns ein bisschen rächen, denn jahrelang hatten Stasi-Spitzel versucht, uns Angst zu machen. Zeit, die Geschichte mal umzudrehen. Gemeinsam wird "Wir sind das Volk" und "Stasi in die Produktion" gebrüllt.

Dann rütteln ein paar besonders Mutige so lange am schweren Tor der geheimen Trutzburg, bis der Widerstand gebrochen ist. Das MfS wird gestürmt. Akten finden wir keine. In der Buchhandlung des Ministeriums (die gab es wirklich!) stopfe ich Hesse, Baldwin und Zweig unter meine Jacke. An diesem Abend endet das geheime Leben des MfS, und ich werde Stasi-Auflöser.

Im Stasi-Ministerium übernimmt ein Bürgerkomitee, dem auch ich angehöre, die Macht. Der verhasste Spitzelapparat soll unter der Kontrolle von uns Jungrevolutionären aufgelöst werden. Wir beziehen Büros im Stasi-Komplex, haben ruckzuck Panzerschränke, Dienstwagen und wichtig aussehende Klappausweise.

Die Stasi war in diverse Hauptabteilungen und Abteilungen unterteilt. Ganze Heerscharen von Spitzeln kümmerten sich um die Opposition in der DDR. Alles im Auftrag der SED, man war schließlich "Schild und Schwert der Partei".

Eine Art Elite ist die "Hauptverwaltung Aufklärung" unter ihrem langjährigen Chef Markus Wolf. Die Truppe organisierte die Spionage gegen alles und jeden im Westen. Von Anfang an tun die "Kundschafter des Friedens" so, als gehörten sie gar nicht dazu, als sei die "Hauptverwaltung Aufklärung" etwas Besonderes. Schließlich schnüffelten sie dem "Feind im Westen" und nicht den eigenen Bürgern hinterher.

Die Agentenführer in Auflösung, erprobt im Umgang mit Spionen wie Günter Guillaume, wickeln die Bürgerbewegten um den Finger. Die wiederum denken, die HVA gehöre ja zu den Guten, hat sie ja noch Kundschafter im westlichen Feindesland, die bei Enttarnung mit schweren Strafen rechnen müssen. "Das sind doch unsere Leute! Das wollen Sie doch nicht, oder?", bekommen die Auflöser zu hören. Einer der HVA-Obristen, ein Glatzkopf mit lustigen blauen Augen, macht einem Mitglied des Bürgerkomitees ganz unverhohlen ein Angebot: "Wenn wir uns früher kennengelernt hätten, wäre aus uns beiden doch ein Paar geworden. Oder?"

So gelang es der HVA, sich zu separieren. Unbeobachtet von der Öffentlichkeit darf sich die Auslandsspionageabteilung der DDR in einem Stasi-Objekt allein auflösen. In einer Nacht-und-Nebelaktion werden die Akten der HVA vom Hauptquartier in die Ostberliner Roedernstraße in ein sogenanntes Ausweichobjekt am Ende einer Sackgasse verbracht. Am Tor steht "Spezialdruckerei Ministerium des Innern". Dann werden die Schredder angeworfen. Nichts blieb übrig aus fast 40 Jahren Spionage.

Bis auf einen Schrank mit NSA-Akten, die ein gewisser James Hall, eine Art Vorgänger von Edward Snowden, jahrelang als Spion in die DDR geliefert hatte. Darunter die Grundsatzdokumente der NSA, die jetzt durch Snowden für Schlagzeilen sorgen. Alles was Hall damals lieferte, war mindestens "Top Secret". Er war 1988, ein Jahr vor dem Fall der Mauer, schon gefasst und in den USA zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Geheimes Spionage-Vermächtnis

Die verbliebenen Offiziere der HVA entscheiden Ende April 1990, Halls Akten aufzuheben. Sozusagen als Vermächtnis der selbsternannten Elitetruppe. "Halls NSA-Akten waren schon zum Schreddern zusammengestellt worden. Dann habe ich die Akten raussortiert und in Stahlschränke gepackt", so Stasi-Oberst Klaus Eichner.

Ich bekam damals, im Frühjahr 1990, Wind von der Aktion und fragte Eichner, ob er die Akten zeigen würde. Der Oberst ist einverstanden, auch ein Fotoapparat darf mitgebracht werden. Einzige Bedingung: Ich darf nur allein kommen.

Eichner ist sichtbar stolz, als er mich jungen Stasi-Auflöser in der "Spezialdruckerei" empfängt. Auf dem Hof des Geländes die Reste der HVA: ein ganzer Berg mit leeren Filmrollen, zerschredderte Akten überall. Es geht in ein kleines Verwaltungsgebäude, die Treppe hoch, dann rechts in einen Raum. An der Wand ein doppeltüriger Stahlschrank, zwei Meter hoch, und ein Karteischrank mit vier Schüben. Eichner öffnet den Stahlschrank. Ich darf alles ansehen. "NSA - Top Secret Umbra", steht auf einem Papier. Auf einer anderen Akte prangt groß das Logo der CIA.

Wo ist meine kleine Minolta, auch bekannt als Spionagekamera? Doch Eichner fährt dazwischen: "Fotografieren ist leider doch nicht erlaubt. Die Genossen sind dagegen." Die wohl letzte Chance, die Geheimnisse der NSA öffentlich zu machen - vertan.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Uwe Köppe, 20.01.2014
1.
Ja Mensch, Thomas, da war ja was los, damals.
Thorsten Burdorf, 20.01.2014
2.
Soweit der Anfang. Was aus den Akten wurde steht im Spiegel: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14010746.html Es wäre sehr schön, wenn diese Akten jetzt der Bundesrepublik zur Verfügung stünden. Aber das hat der lange Arm der USA verhindert. Diese Akten hätten ausgewertet oder wenigstens kopiert werden müssen. Um auf der Grundlage z.B. auf ein No-Spy Abkommen zu dringen. Das das nicht passiert ist stellt in der Konsequenz einen Verstoß der Pflichten der Regierung dar, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Aber 1992 gab es wohl andere Prioritäten.
Olaf Nyksund, 21.01.2014
3.
@ Simon Grahl: hätten Sie nun die Güte, Ihren Text einmal ins Deutsche zu übersetzen? Sonst besteht nämlich die Gefahr, dass er für ein Logorrhoe gehalten wird. Wollen Sie das?
Siegfried Wittenburg, 21.01.2014
4.
"Das MfS, sowie deren Militärischen Aufklärungsdienste zu seinen Jahrgängen, waren zu Zeiten der DDR der erfolgreichste Geheimdienst den ein Staat auf die Beine hätte bringen können." Das sagt doch alles, Herr Nyksund. Wir können gleich zur Ordensverleihung übergehen.
Bernhard Aufleger, 03.02.2014
5.
...James Hall, eine Art Vorgänger von Edward Snowden... Ein Mann verkauft, getrieben von reiner Profitgier geheime Unterlagen an einen Unrechtsstaat, einem anderen kommen angesichts fortgesetzter Rechtsverletzungen seiner eigenen Regierung Zweifel und er übergibt deshalb der freien Presse geheime Unterlagen - und trotzdem muss sich der eine mit dem anderen vergleichen lassen. Mit Verlaub: Dieser Vergleich ist schon aus dem allgemeienen Verständnis von Freiheits- und Bürgerrechten traurig - zumindest aus meinem, wenn er von einem Journalisten wie Ihnen kommt, Herr Heise ist er doppelt traurig. Was wollen Sie das nächste mal eigentlich antworten, wenn wieder einmal irgendjemand einen ivestigativen Journalisten mit Spionen und Verrätern in einen Topf wirft?
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