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18. Dezember 2013, 12:29 Uhr

Erste elektrische Christbaumkerzen

Weihnachtswunder aus der Steckdose

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Knips mal die Tanne an! 1882 sorgte der Vizepräsident der Edison Electric Light Company für Aufsehen zum Fest: Der Strompionier schmückte seinen Christbaum mit der weltersten Lichterkette. Für die meisten war der neue Schein unbezahlbar - andere erfüllte das besinnliche E-Licht mit Angst.

Reihenweise blieben in den Weihnachtstagen 1882 die Menschen vor dem Haus von Edward Johnson in der Nähe der berühmten 5th Avenue in Manhattan stehen. Jeder versuchte, einen Blick durch das Fenster in seinen Salon zu erhaschen. Denn was es dort zu sehen gab, war eine kleine Sensation: Statt der üblichen Wachskerzen beleuchteten 80 blaue, rote und weiße walnussgroße Glühbirnen den Weihnachtsbaum der Johnsons, der sich zudem noch langsam drehte. "Es scheint, als tanzten die Farben Rot, Weiß, Blau den ganzen Abend", berichtete der Journalist William Croffut in der Zeitschrift "Detroit Post and Tribune" begeistert. "Man kann sich kaum etwas Hübscheres vorstellen."

Die Idee war einfach und doch genial. Johnson war Vizepräsident der Edison Electric Light Company und hatte seinen Partner Thomas Edison oft mit Lichterketten hantieren sehen. Aus einer weihnachtlichen Laune heraus bat er einen seiner Techniker, eine Lichterkette mit kleinen Glühbirnen für seinen privaten Baum zu basteln. Das Ergebnis war nicht nur originell, sondern futuristisch, nahezu surreal.

Denn das Patent auf Edisons Glühbirnen war kaum drei Jahre alt. Nur vereinzelte Haushalte hatten damals überhaupt einen Stromanschluss und elektrisches Licht. Die meisten Menschen hatten zudem Angst vor der technischen Neuerung. Einfach weil sie nicht verstanden, wie sie funktionierte. Kein Wunder, dass Johnsons elektrifizierter Baum die Passanten faszinierte - und bis nach Detroit Furore machte. Heute gilt Johnson als Vater der elektrischen Weihnachtsbaumkerzen. Damals aber konnte sich niemand vorstellen, dass die Idee sich jemals durchsetzen würde.

Koste es, was es wolle

Dafür gab es gute Gründe. Das elektrische Funkeln war den Menschen nicht nur unheimlich, sondern auch viel zu teuer. Ein sogenannter "Wireman" musste die Ketten zusammenbasteln und am Baum anbringen. Wer nicht an das Stromnetz angeschlossen war - und das galt für die meisten -, brauchte zudem einen Generator im Keller. Alles zusammen kostete der weihnachtliche Spaß mehrere hundert US-Dollar, ein kleines Vermögen. Doch Johnson störte das wenig. Er liebte seinen Weihnachtsbaum, bestückte ihn jedes Jahr wieder mit den bunten Lichtern und lud jedes Mal aufs Neue Journalisten ein, damit sie ihn bewunderten.

1884 schließlich griff die "New York Times" die Geschichte auf. Der Baum "blendet jeden, der den Raum betritt", schwärmte der Autor, der ganz offensichtlich von Johnsons Enthusiasmus angesteckt worden war. Auch US-Präsident Grover Cleveland ließ sich für die neue technische Errungenschaft begeistern. 1895 stellte er im Weißen Haus den ersten Weihnachtsbaum mit elektrischen Kerzen auf. In der High Society der Ostküste galt es fortan als "schick", seinen Baum elektrisch zu beleuchten. Koste es, was es wolle. Jedes Jahr aufs Neue wurde der "Wireman" bestellt, um die Tanne zu verkabeln. Man lud sich gegenseitig zu Tee-Partys ein und bewunderte das künstliche Glitzern und Schillern.

E-Kerze statt Hausbrand

Es war der Auftakt des Siegeszugs der elektrischen Weihnachtsbaumkerzen durch die USA und später die ganze Welt. Edisons Firma hieß damals schon lange nicht mehr Edison Electric Light Company, sondern General Electric, kurz GE, und belieferte die gutbetuchten Weihnachts-Freaks. Aufgrund des regen Zuspruchs schaltete GE 1900 im "Scientific American Magazine" die erste Werbeanzeige für elektrische Weihnachtsbaumkerzen und bot sie angesichts der hohen Kosten sogar zur Miete an.

Der Durchbruch zum Massenprodukt kam jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der immer weiter fortschreitenden Elektrifizierung der Haushalte. 1903 brachte GE das erste Kerzen-Set heraus, das bereits verkabelt war und nur noch in die Steckdose gesteckt werden musste. Es war also einfach nutzbar und kostete nur noch zwölf US-Dollar. Zehn Jahre später waren die Sets gar für 1,75 US-Dollar zu haben - und damit die Kostenhürde ein für alle Mal überwunden.

Für viele standen nun die Vorteile im Vordergrund: Elektrische Kerzen waren viel sicherer. Jedes Jahr kam es zu verheerenden Feuern, weil Kerzen zu tief runterbrannten oder umkippten. Jedes Jahr brannten etliche Häuser ab. 1908 beschloss eine Reihe von Versicherungen in den USA, solche Schäden nicht mehr zu zahlen. Sie nahmen eine Klausel in die Verträge auf, die eben jenes "bekannte Risiko" ausschloss. Die elektrischen Kerzen stiegen daraufhin immer weiter im Kurs.

"Approved by Santa Claus"

Neben GE boten in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts etliche Firmen elektrische Lichterketten an. In sämtlichen Zeitungen und vor allen in Frauenmagazinen priesen sie ihre Produkte an - und warben mit dem Sicherheitsaspekt. "Approved by Santa Claus and the Underwriters!", warb etwa die Firma M. Propp kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Underwriter‘s Laboratories (UL) ist eine Non-Profit-Organisation, die Produkte auf ihre Sicherheit prüft und zertifiziert. 1905 bekamen die ersten Lichterketten das UL-Gütesiegel.

Die frühen elektrischen Weihnachtsbaumkerzen sahen allerdings ganz anders aus als jene, die wir heute kennen. Sie waren deutlich verspielter und kunstvoller. Die Lämpchen waren meist rund und bunt oder hatten die Form von Blumen, Nüssen oder Tieren. Die Figuren waren farbenfroh angemalt und dienten nicht nur als Lichtquelle, sondern auch als Schmuck. Die kerzenförmigen Lichter, wie wir sie heute kennen, kamen erst in den zwanziger Jahren auf.

In den dreißiger Jahren hatten die elektrischen Weihnachtsbaumkerzen in den USA ihre wächsernen Vorgänger nahezu verdrängt, rund 50 Jahre nachdem Edward Johnson zum ersten Mal ein Kabel mit Glühlampen an seinen Baum hing. Im guten alten Europa dauerte es deutlich länger. Die Begeisterungswelle für die Technik schwappte erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den alten Kontinent über. Seit den fünfziger Jahren kam aus Sicherheitsgründen auch hier die elektrische Variante der Weihnachtsbaumkerzen immer öfter zum Einsatz und verdrängte Schritt für Schritt die Wachskerzen - über deren so gänzlich analoges Leuchten und Flackern so mancher heute sagt: "Man kann sich kaum etwas Hübscheres vorstellen."

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