Erste freie DDR-Wahl Der Kurier des Grafen

Vor 20 Jahren durften die DDR-Bürger erstmals ihr Kreuz machen, wo sie wollten. Bürgerbewegungen und gewendete Blockflöten, die umbenannte SED und Ableger von Westparteien kämpften um ihre Stimmen. Als Wahlkampfhelfer aus dem Westen erlebte Bernhard F. Reiter die historische Abstimmung hautnah.

Bernhard F. Reiter

Es ist eine historische Aufgabe, die mir da angeboten wird. Und ich überlege nicht, ich sage zu. Die kommenden Wochen werde ich als Helfer im Wahlkampf für die ersten freien Wahlen in der Geschichte der DDR mitmischen. Ich werde mithelfen, dass im Parlament der DDR nicht mehr nur Kommunisten und Blockflöten sitzen, sondern echte Demokraten. Am besten liberale Demokraten - ich bin ein FDP-Mann.

Der Treffpunkt für alle Freiwilligen ist das Büro des Berliner FDP-Landesverbandes in Dahlem, fortan genannt Zentrale West. Die meisten Wahlkampfhelfer sind aus Westdeutschland nach Berlin gekommen. Alles geht ruck, zuck. Schnell werden Verträge aufgesetzt, noch schneller sind sie unterschrieben. Schnell machen wir uns bekannt, schnell werden Aufgaben zugeteilt. Es ist Anfang Februar 1990. Uns bleiben sechs Wochen bis zu den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März.

Schulung im Hotel Sylter Hof. Erläuterung der besonderen politischen Situation und Aufgabe durch den Büroleiter von FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff. Überall hängen Landkarten: Ein Staat soll erobert werden. Stützpunkte müssen festgelegt werden, Büros angemietet, Computer, Schreibmaschinen und Autos gekauft. In Spandau wird ein Zentrallager für Wahlkampfmaterial eingerichtet. Ein Adressenregister entsteht. Einweisung in die Technik, TÜV-Abnahmen. Dann schwärmen wir aus auf der Jagd nach Stimmen für den Bund Freier Demokraten (BDF), das Wahlbündnis aus neugegründeter Ost-FDP, der bürgerbewegten Deutschen Forumspartei und der als Liberaldemokratischen Partei (LDP) gehäuteten Ex-Blockpartei LDPD.

Viele Zigaretten, viel Kaffee

Zuerst geht es auf Erkundungsfahrt nach Brandenburg, eine erste Veranstaltung in Frankfurt (Oder). Otto Graf Lambsdorff rät den DDR-Bürgern zum Dableiben, in der DDR werde bald jede Hilfe benötigt. Die PDS sei die "Partei der Schuldigen", sie schüre soziale Ängste, habe kein Programm. Ohne Vergangenheitsbewältigung gebe es keine Zukunft, verkündet Lambsdorff, aber nur mit ihr auch keine. Ja, im Kapitalismus beute der Mensch den Menschen aus, witzelt der "Marktgraf", im Sozialismus dagegen sei es umgekehrt. Frenetischer Beifall von einer aufmerksamen Zuhörerschaft.

Dann werde ich nach Bremen beordert, um Verstärker abzuholen. In den folgenden Wochen werden wir zu versierten Schmugglern. Unter Sakkos und Mänteln in die DDR gebrachte Funktelefone helfen der Partei, Zeit und Kosten zu sparen. Es ist illegal, so etwas einzuführen. Und wenn schon. Die Zentrale Ost in Berlin-Pankow-Hinterhof braucht Computer, Schreibmaschinen, Büromaterial. Wir essen Entenbraten für 5,50 Ost-Mark.

FDP-Wahlkampfchef Hans-Jürgen Beerfeltz muss nach Ost-Berlin, in die Zentrale der LDP. Schilder verkünden dort, dass die Stellplätze für Fahrzeuge der alten Blockpartei LDPD reserviert seien - die Demontage hält nicht Schritt mit dem Eiltempo der Geschichte. Die Zeit drängt, die anderen Parteien schlafen nicht. Neue Druckereien werden unter Vertrag genommen, ebenso Speditionen. Viele Zigaretten, viel Kaffee - wenig Obst, wenig Schlaf. Alle sind müde, alle dennoch hellwach. Flüge verspäten sich. Autos haben Blechschäden, Reifenpannen, ein Grenzkontrollhäuschen wird gerammt. Nachts ist es in der DDR besonders dunkel, Autofahren kann hier sehr anstrengend sein. Aber ich bin in höherer Mission unterwegs, auf Achse für Lambsdorffs FDP und die liberale Sache. Ich bin der Kurier des Grafen.

Der "Stellvertretende Bundestagsvorsitzende" kommt

Ich fahre Büromaterial nach Frankfurt (Oder) oder Wahlplakate nach Dessau, ich baue in Sangerhausen Beschallungsanlagen auf oder trotze auf Marktplätzen Regengüssen, wenn FDP-Größen zu den Bürgern sprechen. In Sangerhausen schaut mir ein Arbeiter, der CDU wählen will, zu, während ich an der Technik herumfummele. Er sehe uns Wahlhelfern gern bei der Arbeit zu, sagt er. Er spüre, dass es uns "Spaß macht".

Die meiste Zeit fahre ich Gerhart Baum, den früheren Bundesinnenminister, inzwischen FDP-Vize. In Burg bei Magdeburg kündigen ihn die Plakate an als "Stellvertretender Bundestagsvorsitzender der BRD". 15 Minuten Verspätung machen Eindruck, machen wichtig. Applaus bei der Fahrt durch die Menge, Applaus zum Ende der Rede. Baum ist in der DDR bekannt, sogar beliebt.

In Staßfurt verkürzen die Naturgewalten seinen Auftritt, der erste Regentropfen mahnt zum letzten Satz. Wir verlassen die Stadt. Dann folgt eine Podiumsdiskussion in Eisleben, Luthers Geburtsstadt. Bürger löchern den lokalen LDP-Kandidaten, fragen nach seinen verantwortlichen Tätigkeiten in der alten DDR. Wir übernachten in Halle an der Saale. Im Interhotel wellen sich Teppichböden im eigenen Muff, die Badewannen sind stumpf und haben dennoch ihren Preis: 143 D-Mark kostet das Einzelzimmer. Wir sehen Wolfgang Schnur und Rainer Eppelmann vom "Demokratischen Aufbruch" beim Frühstück. Es ist einer ihrer letzten gemeinsamen Auftritte, bevor Schnur als Stasi-IM "Thorsten" auffliegt.

"FraVoKo" in Leipzig

Über Halle geht es nach Leipzig zur "FraVoKo" (Fraktionsvorsitzendenkonferenz) im Hotel Merkur. Ich versuche, vom Hotel aus die Zentrale West zu erreichen. Die sächselnde Telefonistin besteht auf Vorkasse. Baum zeigt mir die Innenstadt. Wir sind uns einig: Leipzig wird seine einstige Bedeutung wiedererlangen, vielleicht übertreffen.

In Crimmitschau, noch im Bezirk Karl-Marx-Stadt, kurz KMS, gelegen, bald wieder in Thüringen, essen wir in dem von "Krankgeschriebenen" (so der LDP-Ortsvorsitzende) überfüllten Bahnhofsrestaurant. Baum spricht von einem Anhänger zum Volk. Die Bürgerinnen und Bürger harren bei Regen, Hagel, Schnee aus. Ich rufe eine Freundin in Ost-Berlin aus einer Telefonzelle an. Ihre Rufnummer steht im Telefonbuch der Deutschen Post von 1984. Auch bei der Vorwahl habe ich auf Anhieb Glück - meine größte Sorge, schließlich sind die Ortskennzahlen in der DDR von Stadt zu Stadt verschieden.

Auf dem Weg nach Saalfeld passieren wir gepflegte thüringische Dörfer. Berlin-Hauptstadt-der-DDR ist hier weit entfernt, nicht nur geografisch gesehen. Gerhart Baum fährt selbst. In Saalfeld eine kurze Rede, langer Applaus. Die Thüringer essen Bratwurst. Wir hetzen zurück nach West-Berlin, Baum muss dringend nach Bonn zurückfliegen. Hinter Fürstenwalde und Bernau tauchen die ersten Wahlplakate auf. Bei einem Stopp kaufe ich aus einer Laune heraus einen Stadtplan von Moskau. Wird er länger gültig sein als diejenigen der DDR-Städte? Noch durchziehen sie Straßen mit immer wiederkehrenden Namen: Straße der OdF (Opfer des Faschismus), Clara-Zetkin-Weg, Straße der DSF (Deutsch-Sowjetischen Freundschaft), Dr.-Wilhelm-Külz-Platz, Otto-Grotewohl-Straße, Leninallee.

Wenn die CDU der FDP hilft

Die LDP-Zentrale Bernau ist nicht besetzt. Die Mitarbeiter der CDU im "Haus der Parteien" nehmen mir meine Baum-Plakate ab, sie werden den LDP-Leuten Bescheid geben, dass das Wahlkampfmaterial eingetroffen ist. Demokratie ist eben, wenn alle mitmachen. Ein anderes Mal sagt ein SPD-Lautsprecherwagen in Neubrandenburg eine Veranstaltung mit Graf Lambsdorff ab.

Fahrt an die Ostsee nach Ribnitz-Damgarten, an der alten Grenze zwischen Mecklenburg und Vorpommern. Navigieren ist keine leichte Sache mit den DDR-Straßenkarten: Die SED hat selbst die Geografie als Staatsgeheimnis betrachtet, zur Abwehr einer Nato-Invasion ist das Kartenmaterial absichtlich ungenau. Gerhart Baum ist mit Lambsdorff im Ostseebad Barth gelandet, im Stadtkulturhaus herrscht großer Andrang. Eine alte Dame traut sich nicht hinein. Sie ist zu spät gekommen und horcht am Schlüsselloch. Ich besorge ihr einen Platz. Wie viele Menschen ohne Selbstvertrauen!

Anschließend gibt es eine Diskussionsrunde mit Vopos. Nach einer Stunde ist das Eis gebrochen. Es folgt eine Lada-Schleppfahrt nach Bergen auf Rügen, die Polizei eskortiert uns. Überholvorgänge werden mit Blaulichtbegleitung sicher zu Ende geführt. In kräftigem Vorpommersch erläutert mir später der Hausmeister der Hans-Beimler-Oberschule den "Frauentag" - seinen Sinn, seine besonderen Kosten. Mit einem Rostocker Jungliberalen kommen wir ins Gespräch über die Einheit, die "weniger ein politisches, wirtschaftliches, finanzielles denn ein psycho-soziologisches Problem" werde, wie er meint. Er versuche, seinen Mitbürgern das sichere Auftreten der "Bundis" als "gesunde Selbstsicherheit" zu erklären, die "keine Arroganz" sei.

Berlin am Apparat?

Übernachtung in Baabe auf Rügen, direkt am Meer. In der Nachtbar, Eintritt acht Ost-Mark, gibt es Würzfleisch. DDR-Bürger wählen Cocktails mit französischen und englischen Namen. Es sind die teuersten. Wir bleiben beim Radeberger.

Im Gebäude der Volkspolizei von Teterow fragen 15 Vopos und fünf Feuerwehrmänner den "Dr. Innenminister" Baum (der in der Bundesrepublik seit acht Jahren kein Regierungsamt mehr innehat) nach dem Funktionieren der Exekutive im "Förderalismus". Ihnen schwant, dass bald nicht mehr "Berlin am Apparat" sein wird. Es werde verhängnisvoll, argumentiert Baum, wenn die Polizei eines 80-Millionen-Volkes zentral verwaltet würde. Verständnislose Blicke. Immerhin freuen sich die Feuerwehrleute auf den Tag ihrer Selbstverwaltung.

An einem Morgen wird früh um 5 Uhr umdisponiert: Graf Lambsdorff benötigt zwei Wagen, aber die ihm zugewiesenen Limousinen sind anderswo eingesetzt. Also fahre ich zum Flughafen nach Berlin-Schönefeld, um den FDP-Vorsitzenden abzuholen. Ein Volvo aus dem Honecker-Fuhrpark prescht voran, Richtung Berlin-Mitte. Andere Wagen mit Westkennzeichen schließen sich der rasenden Kolonne einfach an. Was wohl in den Köpfen mancher Menschen vor sich geht?

Wahlkampf im Feldbett

In der Nacht geht es für mich als Plakatkurier nach Eisenhüttenstadt und Finsterwalde. Das heißt Feldbett statt Hotelzimmer. Immerhin erwartet die Berliner Wahlkampfleitung nur, was sie auch sich selbst abverlangt. Und eine Übernachtungslösung findet sich immer dank hilfsbereiter Menschen in der DDR.

Der Wahlgang naht, noch ein Tag mit drei Einsätzen steht für mich bevor. Eine schwerbehinderte Dame aus Pritzwalk sucht das Gespräch mit Gerhart Baum, dem "Freund aus dem Westen". Sie zögert, hat Angst, dass aufgenommen werden könnte, was sie ihm sagen will. Baum nimmt ihr die Sorge. Weinend bricht die Frau zusammen: Seit 15 Jahren bekommt sie eine Invalidenrente von 200 Mark der DDR. Ob Gregor Gysis Wahlkampfslogan "Renten sichern!" auch für solche Almosenrenten gilt? Wird die PDS wirklich eine "starke Opposition für die Schwachen" sein, wie es auf ihren Plakaten - den einzigen, die nicht nachts heimlich überklebt werden - geschrieben steht?

Dann ist es so weit. Sonntag, 18. März 1990 - Wahltag: Die Hauptstadt der DDR platzt aus allen Nähten, Polit-Touristen und Medienleute aus der ganzen Welt sind zu den ersten freien Wahlen in der DDR-Geschichte angereist. In der LDP-Zentrale herrscht Hochspannung. Dann kommt kurz nach 18 Uhr das Wahlergebnis: Dem Bund Freier Demokraten haben nur 5,2 Prozent der Wähler ihre Stimme gegeben. Ein schlechtes Ergebnis? Nach mehr als 40 Jahren Unterdrückung jeglicher Freiheit zur Individualität, Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit können wir für mein Gefühl zufrieden sein. Aber gewonnen hat die "Allianz für Deutschland" aus CDU, Demokratischem Aufbruch und DSU mit 48 Prozent. Die SPD, lange der Favorit, erlebt eine herbe Enttäuschung, erreicht nur knapp 22 Prozent. Die Bürgerrechtler landen abgeschlagen mit niedrigen einstelligen Ergebnissen.

Im Palast der Republik spielen sich tumultartige Szenen ab. Wahlsieger Lothar de Maizière von der CDU eilt blass und dünn von Sender zu Sender. Kameras stürzen zu Boden, Menschen trampeln sich gegenseitig auf die Füße. SPD-Mann Otto Schily zieht als Kommentar zum Wahlausgang demonstrativ eine Banane aus der Tasche, Liedermacher Wolf Biermann spricht mit einem SED-Funktionär, der 1976 an seiner Ausbürgerung beteiligt war. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein sorgt sich um Rumänien, die DDR ist für ihn wohl nur noch eine Fußnote der Geschichte. Schriftsteller Stefan Heym ist mit dem Resultat nicht zufrieden, die Mehrheit der DDR-Bürger dagegen sehr.

Wir fahren nach Hause.



insgesamt 2 Beiträge
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Joachim Holstein, 19.03.2010
1.
Nein, Herr Reiter, frei wären diese Wahlen gewesen, wenn keine Propagandakompanien aus dem Ausland eingefallen wären und wenn Westmedien nicht so tendenziös auf die Bevölkerung der DDR eingewirkt hätten; der "stern" beispielsweise überschwemmte die DDR mit einer Ausgabe, in der alle Parteien vorgestellt wurden - mit Ausnahme der PDS. Es war faktisch keine "Volkskammerwahl der DDR", sondern eine "Bundestagswahl Ost". Aber schön, wenn Sie's jetzt wenigstens zugeben.
Thorsten NYC, 20.03.2010
2.
Im Artikel: "Ich werde mithelfen, dass im Parlament der DDR nicht mehr nur Kommunisten und Blockflöten sitzen, sondern echte Demokraten." Hmm, warum hat der Autor dann für die Blockflöten von der LDP(D) Wahlkampf gemacht? Von unbedeutenden Splitterparteien abgesehen, waren nur diese Parteien und Wahlvereinigungen frei von Blockflöten: * SPD (der DDR) * Grüne Partei in der DDR * Bündnis 90 Die Beeinflussung des DDR-Wahlkampfes durch die Westparteien verstieß übrigens klar gegen das damals noch gültige DDR-Recht. West-CDU und West-F.D.P. haben das allerdings komplett ignoriert und die populären Nicht-DDR-Bürger Kohl bzw. Genscher als De-facto-Kandidaten präsentiert. Die West-SPD war da schon erheblich zimperlicher. Willi Brandt, wohl der populärste West-Politiker in der DDR überhaupt (zumindest bis zu Kohls Verheißungen "Blühender Landschaften"), hielt sich im Wahlkampf sehr zurück und betonte stets die Souveränität der DDR-Bürger. (Die West-Grünen waren noch korrekter und griffen so gut wie gar nicht in die DDR-Wahl ein.) So entstand das Bild, dass auf der einen Seite Kohl und Genscher, auf der anderen aber (DDR-SPD-Chef) Ibrahim Böhme und die noch unbekannteren DDR-Bürgerrechtler zur Wahl standen. Kein Wunder, dass das bürgerliche Lager gewann.
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